Gehalten und gelassen sterben – sinnvoll leben, Rezension von Emanuel Behnert, Lippetal 2014

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Zu: Margot Käßmann,  Das Zeitliche segnen, Voller Hoffnung leben, In Frieden sterben, Gebunden, mit Schutzumschlag, 222 Seiten, adeo Asslar 2014, ISBN 9783863340247, 17,99 EUR

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GER-0147-14 Kaessmann Titel EW 08.indd„Voller Hoffnung leben. In Frieden sterben. – Das Zeitliche segnen!“ Neben diesem mehrdeutigen Titel blickt uns Margot Käßmann aufmerksam, nachdenklich, einladend vom Schutzumschlag ihres neuen Buches an. Ja, dieses Buch ist eine Einladung, sich einem Thema zu stellen, das viele von uns als nicht einfach empfinden, es gerne im „normalen Alltagsleben“ von sich wegschieben, von dem sie doch aber im Verlauf ihres Lebens immer wieder eingeholt werden. Das Sterben.

Das Sterben von Menschen, dem wir im Lauf unseres Lebens begegnen, rückt immer wieder auch die Begrenzung unserer Lebenszeit in unser Blickfeld. Manch einen mag dies in Angst und Schrecken versetzen. Manch einer schiebt die Gedanken, die sich zu diesem Thema oft ungewollt aufdrängen, gerne schnell beiseite. Aber es gibt auch Menschen, die aus dieser Situation, der Unausweichlichkeit einmal sterben zu müssen, Kraft, Hoffnung und einen Lebensmut schöpfen, die sie zu einer Einladung zum Leben an Andere weitergeben. Margot Käßmann gehört dazu. Und so ist schon die Umschlaggestaltung ihres Buches, wenn man sie sensibel wahrnimmt eine Zusage an jeden Leser, dass er nicht allein gelassen wird, bei der Suche nach Antworten auf schwierige Fragen, die die letzten Dinge des Lebens betreffen.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ zitiert sie auf S. 16 den Psalmbeter (Psalm 90,12) und knüpft damit an den Gedanken an, der auf der Innenseite des Schutzumschlages wiedergegeben wird: „Das ist wohl Klugheit: den Gedanken, dass wir sterben müssen nicht zu verdrängen und dafür umso bewusster leben. Dankbar sein für jeden Tag. Unsere Beziehungen behutsam gestalten, weil wir um Endlichkeit wissen. Zu fragen, wie ich anderen begegne, weil ich im Blick habe, wie sie mich in Erinnerung behalten werden. Natürlich kann das niemand ständig und jeden Tag. Aber es ist eine Lebenshaltung, denke ich, die auch immens dabei helfen kann, Wichtiges und Unwichtiges voneinander zu unterscheiden.“

Mit dieser sich daraus ergebende Gelassenheit, ruhend auf den Erfahrungen, dass wir auch in Krisenzeiten und in Zeiten, in denen wir Verluste hinnehmen müssen, in der Lage sind Sinn und Trost zu finden, blickt mich nach meinem Empfinden Margot Käßmann vom Einband ihres Buches an. Und wer dieses Buch dann in die Hand nimmt und zu lesen beginnt, stellt schnell fest, mit welcher Offenheit Frau Käßmann über eigene Verlusterfahrungen schreibt, vor allem aber darüber, was sie in diesen Zeiten getragen hat, was ihr Trost gegeben hat. Ausgehend von ihren Erinnerungen an das Sterben und Abschiednehmen von ihrer Mutter, aber auch an den Abschied von ihrem großen Kollegen Heinz Zahrnt, entwickelt sie für den Leser aus der Notwendigkeit, sich der Begrenzung unserer Zeit stellen zu müssen ein Panorama der Hoffnung, das über alle Begrenzungen hinaus geht.

Keineswegs bleibt das Buch aber „nur“ in diesen persönlichen Betrachtungen stecken. Vielmehr ist es durchaus auch ein Ratgeber. Zeigt Fragen auf und benennt Probleme, die wir als (Noch -) Nichtbetroffene oftmals gar nicht bedenken. Immer wieder flicht Margot Käßmann neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Sterben in unserem Land ein, zu den Möglichkeiten Sterben und Trauer individuell zu gestalten, aber auch die Würde des Menschen in seiner letzten Lebensphase entsprechend seiner Wünsche und Vorstellungen zu gestalten. Beispielsweise in Zusammenarbeit mit der Palliativmedizin und Hospizbewegung. Der inzwischen leider verstorbene Bestatter Fritz Roth (Bergisch – Gladbach) kommt genauso zu Wort, wie Jürgen Domian. Es wird auf die wissenschaftlichen Untersuchungen der repräsentativen Umfrage zum Thema „Sterben in Deutschland“ des Deutschen Hospiz – und Palliativverbandes 2012 genauso verwiesen, wie auf ähnlich gelagerte Untersuchungen der Bertelsmannstiftung. Mehrere bekannte und weniger bekannte Schriftsteller werden zitiert, die angegebenen Literaturhinweise laden ein, sich auch weiterhin, vielleicht aus einem anderen Blickwinkel diesem Thema zu stellen, das uns doch alle angeht. Wie vielfältig das Thema „Sterben“ sein kann, zeigt die Bandbreite der Themen, die Margot Käßmann in ihrem Buch in 10 Kapiteln entfaltet: Ausgehend von der allgemeinen Situation das Thema Sterben in Deutschland betreffend, werden sehr individuell die Bereiche des Abschiednehmenmüssens, die damit verbunden Schmerzerfahrungen, die Trauer, die auch durch Erinnerungen immer wieder neu hervorgerufen wird, mit dem Leser zusammen in den Blick genommen. Die Wichtigkeit von Ritualen wird genauso angesprochen, wie die Zuversicht, die uns die Botschaft des Glaubens vermitteln kann. Ganz besonders wichtig ist es Frau Käßmann, dass wir neben den ethischen Herausforderungen, die das Sterben an uns als Gesellschaft stellt, Mut, Raum und Zeit finden, uns persönlich auf diesen Augenblick vorzubereiten, der das Ende unseres irdischen Lebens ausmacht. Besonders gelungen finde ich dabei, dass Margot Käßmann nicht bei diesen Gedanken stehen bleibt, sondern ihr Buch mit dem Kapitel bendet: „Von der Lebenslust / Das Leben in Fülle leben, gerade weil es Grenzen gibt.“ Wirklich eine Einladung, unser Leben in Fülle aus dem Bewusstsein unserer Begrenzung(en) zu gestalten. In solch einer Lebenseinstellung kann sich die wirklich doppelte Bedeutung des Titels voll und ganz entfalten: „Das Zeitliche segnen!

In diesem Sinn noch einmal die Autorin, Margot Käßmann selber:

„Ich bin überzeugt: Es tut gut, ans Sterben zu denken – für das Leben! Gerade wer die eigene Endlichkeit und die anderer nicht ignoriert, lebt intensiver. ‚Wie will ich leben, damit ich am Ende in Frieden sterben kann?‘, darum geht es. Ich verstehe das Leben als geschenkte Zeit, die ich nutzen, verantworten und auch auskosten will.“

Mein Fazit: Ein rundum gelungenes und empfehlenswertes Buch.

Zur Autorin: Prof. Dr. theol., Dr. h.c. Margot Käßmann geb. 1958 evangelisch – lutherische Theologin und Pfarrerin. 1999 – 2010 Bischöfin der Landeskirche in Hannover; 2009 / 2010 Ratsvorsitzende der EKD. Seit April 2012 „Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017; Mutter von vier erwachsenen Töchtern.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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