Gemeinsamkeiten finden, Unterschiede respektieren, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2014,  

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Zu: Christen und Muslime im Gespräch, Eine Verständigung über Theologie, Herausgegeben von Susanne Heine, Ömer Özsoy, Christoph Schwöbel und Abdullah Takim, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, ISBN 9783579081793, Seiten: 384, Preis: 29,99 Euro

Christen und Muslime im Gespraech vonDas Nachwort dieses Handbuch für den christlich-islamischen Dialog geht auf den aktuellen Anlass der Gründung eines grenzübergreifenden islamischen Staates (IS) in der Mitte des Jahres 2014 ein. Es illustriert eine friedliche Gestalt von Religion und bekennt, dass es  sich „als Friedensprojekt.“ (S.376) versteht. So heißt es hier, die Beobachtung, dass die Gewaltexzesse etwas mit Religion zu tun haben oder haben könnten, fordere eine „innerreligiöse Religionskritik“ heraus (S. 377).

Religionen stellen einen Zwiespalt zwischen einer Vorstellung von „heil“- sein und der sozialen Realität fest. Die Antwort auf diesen Zwiespalt, die den Weg der Gewalt sucht, stellt das eigene Erleben und dessen Deutung über Gott, und widerspricht damit dem Kern der Religion. Vor diesem Hintergrund definiert das Nachwort Orte für interreligiösen Dialog, die hier skizziert und durch theologische Begriffsklärungen unterstützt werden. Als einer dieser Orte wird die Schule genannt und daher das Buch als „Werkzeug der Verständigung gerade unter christlichen und muslimischen Religionslehrern und Religionslehrerinnen“ gemeint (S.378). Die Situation der Entstehung des Buches gehört in diesem Zusammenhang, zumal in Österreich schon seit 1979 eine offiziell anerkannte „Islamische Glaubensgemeinschaft“ existiert, die einen Dialog auf „Augenhöhe“ (S. 9) ermöglicht. Es wundert von daher nicht, dass der Ort dieser theologischen Konferenzen von 2007 bis 2010 die Universität Wien war, wobei Dialogpartner auch aus Deutschland und der Türkei (Ankara) hinzukamen.

Das Buch selbst dokumentiert den Dialogprozess, der zu den einzelnen Themen die Endfassungen einer Bestandsaufnahme zu den einzelnen Themen bietet. Die Überschriften weisen schon auf Gemeinsamkeiten bzw. vergleichbare Fragestellungen hin: „Urkunden des Glaubens“, „Der eine und einzige Gott“, „Mensch in der Schöpfung“ usw. Jedes Kapitel schließ mit einem Resümee, in dem „Unterscheidungen auf gemeinsamer Grundlage“ (diverse Themen) zusammengefasst werden und wo es angebracht ist auch, dass „Gemeinsam das Unterschiedliche respektiert“ wird (wie beim Stichwort „Mohammed“, S. 221). Dabei werden auch Ergebnisse der universitären Islamwissenschaften einbezogen wie „Koran in der Spätantike“ (S. 214) oder andere wenigstens referiert, wenn sie keine Zustimmung finden, wie auch die Idee der christlichen Entstehung des Korans von Karl-Heinz Ohlig aus Saarbrücken (vgl. S. 215).

Gerade das Kapitel über Mohammed macht deutlich, dass neben der Suche nach Gemeinsamkeiten der Respekt für die Bedeutung bestimmter Glaubensinhalte und Glaubensformen ebenso wichtig und angebracht ist: „Muslime lieben ihren Propheten ebenso wie Christen ihren Jesus Christus lieben, auch wenn beide in den Urkunden des Glaubens der jeweiligen Religion einen unterschiedlichen Stellenwert haben. Diese gegenseitige Achtung im Zusammenleben zu bewähren, ist eine Vision für die Zukunft.“ (S. 222)

Die Bedeutung des Wortes „Gott“ spielt in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder eine Rolle. Interessant ist, dass es möglich war, sich darauf zu verständigen, dass die Trinitätslehre der Vorstellung von der Einheit Gottes nicht widerspricht, da sie nicht das Wesen Gottes beschreibt, sondern „das erfahrene Beziehungsgeschehen zwischen Gott und den Menschen“ (S. 81). Beiden Religionen gemeinsam ist hingegen, dass Gott als eine mitteilende Instanz verstanden wird, die dem Menschen auch kritisch gegenübersteht.

„Über Gott lässt sich nur wissen, was Gott selbst initiativ mitteilt, und somit will er dem Menschen (wider) ermöglichen, sich als Geschöpf Gottes zu erkennen und als solcher verantwortlich zu handeln.“ (S. 124 in der Zusammenfassung des Kapitels Offenbarung: Gott für den Menschen“).

Insofern spielen in beiden Religionen die schriftlichen Zeugnisse eine große Rolle, „Bibel und Koran: Urkunden des Glaubens“. Für beide wird festgestellt, dass für keine die Vorstellung einer Verbalinspiration der Schrift sinnvoll ist. Die Offenbarung Gottes ereignet sich in Worten von Menschen. Dabei ist der Koran als gesprochenes und rezitiertes Wort tradiert worden, das auf Mohammed zurückgeht. Das Kapitel stellt die Diskussionen der islamischen Gelehrten über den Koran sehr detailliert dar und parallel dazu die Untersuchungen über die „Kontinuität zwischen dem Alten und neuen Testament“. Begriffe wie Zeugnis, Kontinutiät, Werden, Entstehung, Zeichen lassen sich auf Koran und Bibel vergleichbar anwenden. Interessant ist, dass schon lange vor einer historische kritischen Erklärung der Bibel die Geschichte der Auslegung des Koran verbunden ist mit Informationen über die Gründe und Umstände der Veröffentlichung einzelner Suren.

Bei jedem Abschnitt wird deutlich darauf geachtet, ob es sich um ein Thema des Islams oder des Christentums handelt. So kann kein synkretistischer Eindruck entstehen, der auch von keiner Seite gewollt wäre. Dass der Islam jedoch in die gemeinsame Religionsgeschichte mit Judentum und Christentum gehört, zeigt die Zeittafel am Ende des Buches, das zudem zu jedem Kapitel ein ausführliches Literaturverzeichnis enthält.

Dieses Buch steht einerseits beispielhaft für gelingenden Dialog, indem es den Respekt für Glaubensunterschiede und die Bemühung um Gemeinsamkeiten dokumentiert. Ob das ständige Hin- und Herspringen zwischen einzelnen Themen im Christentum und Islam irritiert, mögen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden. So wie es in der Lehrerausbildung an der Universität entstanden ist, sollte s m. E,. auch eher der Lehrerfortbildung dienen. Einem allgemeinden Gebrauch in der interreligiösen Begegnung z. B. zur Vorbereitung von Referaten ist es ebenfalls gut geeignet. Bei allem nötigen Respekt vor Glaubensunterschieden und einer großen Differenz in der Glaubenspraxis fallen in dieser Form von Dialog die strukturellen Gemeinsamkeiten ins Auge. Gemeinsamkeiten sollten gepflegt werden, was sicherlich eine Arbeit für den Frieden bedeutet.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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