Lebendige Zeitgeschichte, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2014

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Zu: Jonas Jonasson: Die Analphabetin, die rechnen konnte, carl´s books München 2013, ISBN 9783570585122, Preis: 19,99 Euro (gebunden, 445 Seiten)

IMG_0551Der Autor ist inzwischen kein unbekannter, seit er mit seinem Erstling die Bestsellerlisten angeführt hat (Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand). Trotzdem wehren sich Geschwister zu Recht, wenn sie ständig miteinander verglichen werden. Ich lese das Buch, ohne den vorangegangenen Bestseller zu kennen. Und ich frage auch vielleicht nicht so sehr nach literaturwissenschaftlichen Kriterien, sondern nach der Botschaft. Der Schluss des Buches, der schon bald vorauszusehen ist, macht das vielleicht auch ein wenig einfach. Niemand fragt ernstlich danach, ob die Atombombe, die hier um den halben Globus wandert, zuletzt explodiert oder nicht.

So dass ich jetzt auch kein Geheimnis verrate, wenn ich sage: Die Atombombe richtet sonst keinen Schaden an, außer vielleicht, dass sie allerhand durcheinander wirbelt. Es ist dies vielleicht schon einer der ernsteren Hintergründe des ansonsten durch und durch witzigen Romans, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem wir immer noch mit dem Vorhandensein der Atombombe leben, mit der potentiellen Fähigkeit der Menschen also, das Leben auf der Erde wenn nicht auszulöschen, so doch wenigstens katastrophal zu schädigen. Das Klima, dem inzwischen eine ähnliche Wirkung zugestanden wird, spielt allerdings im Buch keine Rolle, wenn es auch auf zwei Kontinenten spielt. Diese Tatsache, die man schlicht mit Globalisierung bezeichnen kann, wird vom Autor leidlich ausgespielt, da das Buch im ersten Drittel auf zwei unterschiedlichen Erzählebenen verläuft, die zwar zeitlich parallel stattfinden oder sich wenigstens an einem Punkt treffen, die aber so zunächst recht wenig miteinander zu tun haben. Dies ändert sich erst auf Seite 169, wo es heißt: „Das Problem ist, dass es mich ja gar nicht gibt.“ Die Eltern des Zwillings Holger 2 haben es nämlich fertig gebracht, dieses Kind den Behörden völlig zu verheimlichen, aber nicht indem sie es etwa versteckt hätten, sondern indem sie beide ständig das doppelte Lottchen spielen lassen. Peinlicherweise ist der Mister Nobody der intelligentere von beiden, der alle Prüfungen für Holger 1 zu absolvieren hat. Weitere Details dieser Verwechslungskomödie zu verraten, wäre das, was in anderen Texten eine Vorwegnahme der Pointe beträfe. Eine andere Sache ist die der zweiten Linie, die in Südafrika beginnt und später mit der ersten verknüpft in Schweden fortgesetzt wird. Nombeko ist ein Kind des Homelands Soweto und kann nun interessanterweise dem Satz von Holger 2 auf einer anderen Ebene zustimmen: Sie gehört zu einer Bevölkerungsgruppe, die es in Südafrika per Definition so eben auch nicht gab. Es gelingt dem Autor Jonas Jonasson vortrefflich, die wichtigsten Daten der Geschichte Südafrikas und Schweden in diesem Roman anzusprechen und als Handlungsrahmen einzubinden. Hier liegt schon der erste Sinn des Buches: Die Globalisierung ist eine in jeder Hinsicht auch bis ins Private hinein erlebbare Tatsache. Welche Rolle spielen Politiker, Geheimdienstagenten, Diplomaten und Übersetzer und nicht zuletzt Techniker und Wissenschaftler in dieser Welt, die, wie es hier spielerisch entfaltet wird, auf einer Atombombe sitzt? „Wie übel würde es denn aussehen, wenn es übel ausgehen würde?“ fragt Holger 2 seine neuen Freundin Nombeko, die daraufhin sachlich schilderte, welche Auswirkungen die Atomexplosion wohl haben würde.

Wenn die Atombombe zusammen mit drei chinesischen Flüchtlingen in Schweden in einer Holzkiste auftaucht, hat die Geschichte begonnen, ein Thriller mit Komik. Ihre Dramatik liegt gar nicht in einer Auflösung, sondern allein darin zu hoffen und zu erwarten, dass es erstens allen gut geht und zweitens die Bombe nicht versehentlich oder absichtlich gezündet wird. In dieser Hinsicht geht es auch um Extremismus, da politisch extremistische Menschen, zu denen man wohl zumindest zeitweise Holger 1 und seine Lebensgefährtin Celestine zu rechnen hat, zeitweise versuchen, der Bombe habhaft zu werden, um damit ihr politisches Spiel zu treiben, was die Südafrikanerin, die sehr gut rechnen und später auch lesen kann, sehr wohl zu verhindern weiß. Sie ist zudem ein Sprachgenie und spricht fließend Chinesisch, was ihr beim Staatsbesuch des chinesischen Ministerpräsidenten zugute kommt, den sie zudem aus südafrikanischen Zeiten noch persönlich kennt, als sie noch in einem Atomlabor gearbeitet hat.

Der Autor schreibt auf Seite 437 einen Satz, den er keinem der beteiligten Personen in den Mund legt, der also als Meinungsäußerung des Erzählers im Raum steht: „Wenn es Gott doch geben sollte, hat er wahrscheinlich Humor.“ Die Rolle des Erzählers ist hier klassisch auktorial. Er kann zwar nicht eingreifen, weiß aber im Grunde immer was geschieht und geschehen könnte. Er ist nicht allmächtig, sieht aber manchmal, wie sich die Lage entwickelt oder lässt es den Leser oder die Leserin selbst vorausahnen. Manches ist eben schon klar vorprogrammiert, z. B. wenn man einen Helikopter auf Autopilot stellt, den Passagier mit Handschellen fesselt und dann kurz vor der Ostsee abspringt, um sicher in einem Berg Kissen zu landen. Da er, der Hubschrauberpilot in dieser Firma aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder anfängt, kann er auch nicht sagen, wer den Helikopter entwendet hat.

Das Buch verbindet die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts mit Sprachwitz, hält vieles für möglich und manches für unglaublich. Ob das Ende eine neue Ausgangssituation ist? Ob das Buch wie schon das erste von Jonas Jonasson verfilmt wird? Das weiß man heute noch nicht, aber dass in dieser Welt der Stoff für solche Geschichten nicht auszugehen scheint, das sagt schon die Tagespresse. Vielleicht sollte der Autor jetzt mal ein Buch schreiben, das kein Happy End hat.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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