Der Weg zum Licht, Gott in mir, Jesus, Rainer Neu, Wesel 2014

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Die folgenden drei Texte sind eine Leseprobe aus dem Buch:

Rainer Neu: Den Glauben erfahren, Selbstverlag Rainer Neu Wesel am Rhein 2012, ISBN 978000398049, erhältlich z. B. über www.tauschticket.de und www.booklooker.de.

Aus dem Vorwort:

„Die Beiträge dieses Bandes sind ursprünglich als Radioandachten, Predigten, biblische Besinnungen und Meditationen entstanden.“

Gott in mir

Elke suchte zwei Dinge in ihrem Leben: das Wahre und das Einfache. Sie hoffte bei dieser Suche auch Gott zu finden. Da stieß sie in der Ecke einer Buchhandlung auf einen Band, der ihr versprach, die Prinzipien der Welt in klaren und einsich­tigen Worten zu erklären. „Alles ist EINS“, lautete ein Grundsatz dieses Buches. Die Trennungen und Unterscheidungen würden nur in unserem Kopf entstehen. Die­ser Gedanke schien Elke zu überzeugen. Sie hatte gehört, dass indische Philo­sophen und Mystiker Ähnliches lehren. Sie las weiter: „Wenn tatsächlich alles EINS ist, dann heißt das doch logischerweise: wir sind auch EINS mit Gott. Wir sind EINS mit dieser allmächtigen, allwissenden, allliebenden Macht. Also: wir sind Gott!“ 

Zunächst schien Elke diese Behauptung anmaßend zu sein. Aber sie konnte sich der Folgerichtigkeit dieser Gedanken nicht entziehen. Lag hier nicht die Lö­sung aller Probleme? Brauchte sie sich diesen Satz nicht nur deutlich vorzusagen: Ich bin Gott – hier und jetzt? Ich bin gut und vollkommen? Ich bin das, was ich sein soll? Dann würde ihr keiner mehr erzählen brauchen, man könne schuldig wer­den oder ein Schatten könne über dem eigenen Leben liegen. Elke fühlte sich gut bei diesem Gedanken. Sie schien den kürzesten Weg zur Erkenntnis der Wahrheit gefunden zu haben. Er war klar und einfach.

Elke konnte ein paar Jahre lang mit dieser Vorstellung leben. Dann kamen ihr Zweifel. Wenn tatsächlich alles eins ist, dann ist auch das Böse und Schlechte eins mit Gott. Dann ist – in ihrer eigenen Logik – das Böse und Schlechte auch ein Teil von ihr. Wer kann sie dann von der dunklen Seite ihres Lebens befreien? Wohl kaum ein höheres Wesen, in dem Gutes und Böses unterschiedslos eine Einheit bilden. Elke wurde klar: In diesem Gedankenmodell gibt es keine Erlösung. Weil es keinen Erlöser gibt.

Sie nahm noch einmal das Buch zur Hand, das ihr vor einigen Jahren so klar und einleuchtend erschienen war. Tatsächlich: von Befreiung, Erlösung oder Ver­söh­nung war in diesem Buch nicht die Rede. Stattdessen von „totaler Selbstverant­wortung“. Auch davon sich selbst und den Nächsten zu lieben. Aber nirgendwo fand sie ein Wort, dass sie selbst geliebt wird – bedingungslos und zeitlos. Dass da einer ist, der mehr und größer ist als sie, der das Böse und Schlechte überwunden hat. Der zwar das Dunkle und den Schatten in ihrem Leben nicht beseitigen wird, aber trotzdem zu ihr hält und sie weiterführt.

Elke erkannte, dass die Wahrheit tat­sächlich einfach ist, allerdings anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Nicht sie ist Gott, aber Gott ist in ihr. Gott bleibt der ganz Andere. Trotzdem ist er ihr nah und wird ihr vertraut. Sie ist mit ihm eins. Aber nicht, weil sie ihm gleich ist. Sondern weil er sie angenommen hat.

Meditationen

Der Weg zum Licht

Manchmal möchte ich davon schweben

und meinen Problemen entgleiten.

Alle Anforderungen fallen lassen.

Zu viele Erwartungen, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Keiner scheint mir helfen zu können

oder auch nur anhören zu wollen.

Gibt es keinen Ausweg?

Ich tappe im Dunkeln.

Da sagt mir eine innere Stimme:

Gehe diesen Weg. Er führt zum Aufgang des Lichts.

Zwar wird dir der Wind manchmal hart ins Gesicht blasen.

Ich behaupte nicht, dass dieser Weg mühelos ist.

Aber folge der Stimme deines Herzens.

Schließe für einen Moment deine Augen

und finde einen Zugang zu deinem inneren Schweigen.

Du wirst einen Weg aus dem Dunkeln herausfinden.

Ich antworte:

Hier bin ich.

Zeige mir den Weg zum Licht.

Sende mir ein Zeichen, das mir weiterhilft.

Hier bin ich –

noch umfangen von Dunkelheit,

noch ratlos und unsicher,

noch einsam und etwas hilflos.

Aber ich ahne das Nahen der Morgenröte.

Wenn die Nacht am tiefsten ist,

ist der Tag am nächsten.

Die innere Stimme spricht weiter:

Finde einen Platz im Auge des Sturms.

Dort ist es windstill und ruhig,

auch wenn es um dich herum laut und hektisch zugeht.

Mache nicht mit,

wenn sich alle von diesem aufgeregten Treiben anstecken lassen.

Übersieh nicht die Rosen am Wegesrand.

Hüte dich nur vor ihren Dornen.

Halte du dich bereit.

Achte auf die Zeichen des nahenden Tages.

Schließe einen Moment deine Augen.

Finde den Zugang zu deiner inneren Stille.

Lausche auf die Stimme deines Herzens.

Dann wirst du merken, dass leise – wie von fern –

eine Botschaft zu dir dringt.

Du wirst das Wort hören, das dir weiterhilft.

Achte auf die kleinen Zeichen im Alltag,

die für dich bestimmt sind.

Die Tür zum verheißenen Land wird sich für dich auftun.

Du wirst eine Antwort auf deine Fragen vernehmen.

Du wirst eine Lösung für deine Probleme finden.

Engel begegnen dir in vielfältiger Form.

Sie kommen auf dich zu, um dir weiterzuhelfen.

Gott lässt keinen, der ihn bittet, auf Dauer ohne Antwort.

Du musst nur lernen, in die Stille zu horchen.

Schließe deine Augen.

Höre auf die Stimme deines Herzens.

Gib dem Wort eine Chance zu dir zu dringen.

Jesus,

ich sah dich nie

im Palast des Herodes

in der Gefolgschaft des Pontius Pilatus

bei den Gastmählern der Reichen

du gingst nicht umher

in langen Kleidern

standest nicht auf den Märkten

um dich grüßen zu lassen

du hattest keinen Sitz

im Rat von Jerusalem

hattest keinen Zutritt

zum Allerheiligen des Tempels

du brachtest keine Brandopfer dar

verkehrtest nicht in den Schulen der Gelehrten

du beanspruchtest keinen Platz

in den vorderen Reihen der Bethäuser

ich sah dich

sprechend und heilend

unter den Demütigen und Schwachen

lindernd ihr Leid

wandelnd von Hütte zu Hütte

tröstend und lehrend

Worte des Lebens

im Schatten des Todes

deine Hand auflegend

auf die Kranken und Gebrechlichen

die im Herzen Verwundeten

die Trauernden und Wehklagenden

dein Brot teilend

mit den Hungernden und Verstoßenen

den Sündern und Verachteten

mit den Menschen am Rande

ein Freund aller Kinder

der Kleinen wie der begeisterungsfähig Gebliebenen

denen du in der Liebe des Vaters

das Gottesreich verhießest

ich sah dich am Brunnen von Samaria

du erbatest Wasser von einer samaritischen Frau

nicht achtend das Tabu

ihrer kultischen Unreinheit

so warst du

ein Licht auf dem Berge im Dunkeln

Würze gegen die Fadheit des Lebens

ein Freund von Sündern und Ausgestoßenen

sie brachten zu dir einen Taubstummen

du legtest ihm deine Finger in die Ohren

und berührtest seine Zunge mit Speichel

und er konnte wieder hören und sprechen.

dann sah ich dich weinen über Jerusalem

wenn doch auch sie erkennen würde

was dem Frieden dient

zu dieser Zeit

du gingst in das Haus deines Vaters

stießest um die Stände der Geldwechsler

sie hatten das Bethaus

zur Räuberhöhle gemacht

du sprachst von dem Tempel der zerstört

und nach drei Tagen wiederaufgebaut wird

als einem Gleichnis

deines eigenen Sterbens und Auferstehens

so führten sie dich hinaus

auf die Schädelstätte

wo der Abschaum der Gesellschaft

verscharrt und begraben wird

doch du hast offenbart

die neue Bedeutung der Liebe

die uns mit Gott verbindet

und uns zu seinen Kindern macht.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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