Bücher kurz vor Weihnachten kaufen, Christoph Fleischer, Welver 2014

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Bei meiner Rezensionsarbeit sind einige Bücher zusammengekommen, die ich nicht ganz gelesen habe und zu denen ich zunächst keine Rezension schreiben wollte. Wer jedoch kurz vor Weihnachten ein Buch sucht als Geschenk, könnte auf eines aus dieser Sammlung zurückgreifen wollen. Die angegebenen Preise beziehen sich allesamt auf die Printausgaben.

Ich schreibe diese Sammelrezension, während russisches Erdgas für die angenehme Wärme in unserer Wohnung sorgt und hoffe, dass das auch so bleibt. Vielleicht sind ja einige der genannten Titel noch für den Gabentisch zu besorgen.
Wer einen dieser Titel von mir bekommen möchte, sollte diesen Beitrag mit einem begründenden Satz kommentieren z. B.: „Mich interessiert das Buch …, weil…“. Ich zahle das Porto und Ihr spendet dafür auf das Konto der Johanniter Unfallhilfe DE02370205004102686294 Betreff Hospiz Soest. Danke.


Mario Frank: Gauck, Eine Biografie, Suhrkamp Verlag Berlin 2013, ISBN 9783518424117, Preis: 19,95 Euro (gebunden), 10,99 Euro (Taschenbuch, erschienen im Herbst 2014)

46559Ich habe mir das Buch besorgt, nicht weil es eine Präsidentenbiografie ist, sondern die Biografie eines evangelischen Pfarrers, der Bundespräsident wurde. Was mir an dieser Stelle nicht so gut gefällt, ist das, was andere vielleicht an diesem Buch schätzen. Es enthält sehr viele in schwarz-weiß abgedruckten Fotos. Es wirkt fast wie ein Familienalbum. Und ähnlich offen und persönlich sind auch die Schilderungen des Autors Mario Franck. Als ich hier erfuhr, dass „Jochen“ (Gauck) schon als Kind Häuptling werden wollte, habe ich mich gefragt, was diese Beobachtung für die Lebensbeschreibung des Bundespräsidenten austrägt. Interessant finde ich gleichwohl, dass ihm die wissenschaftlichen Abschlüsse gar nicht leicht gefallen sind, obwohl er doch, wie Frank zu Recht beobachtet, auf Anhieb druckreif formulieren kann. Joachim Gauck ist nicht nur politisch, sondern auch persönlich präsent und stellt seine persönlichen Meinungen auch als Äußerungen im Präsidentenamt heraus. Dadurch dass er damit auf Zustimmung und Ablehnung stößt, bildet er ein eigenes und markantes rhetorisches Profil. Diese Äußerungen Gaucks sind oftmals quer zu allen politischen Meinungen, weil sie nicht durch eine politische Richtung geprägt sind, sondern durch seine Erfahrungen vor, während und nach der ostdeutschen Revolution. Vielleicht sollte das Buch vor allem von Leserinnen und Lesern der jüngeren Generation zur Kenntnis genommen werden, die die Teilung Deutschlands nicht mehr bewusst erlebt haben.

Bernd Hufnagl: Besser fix als fertig, Hirngerecht arbeiten in der Welt des Multitasking, Molden Verlag in der Verlagsgruppe Styria Wien – Graz – Klagenfurt 2014, ISBN: 9783854853312, Preis: 22,99 Euro

9783854853312_Cover_300dpiDer Neurobiologe Dr. Bernd Hufnagl hat sich in seiner Beratertätigkeit auf den Zusammenhang zwischen Hirnforschung und den Anforderungen der Arbeitswelt spezialisiert. Der Titel des Buches scheint eine Arbeit zu suggerieren, die sich vor allem diesem Zusammenhang widmet. Es mag für Neulinge in diesem Thema wichtig sein, die Grundaussagen der Hirnforschung, wie sie z. B. von Gerald Hüther bereits sehr umfangreich dargestellt sind, zu lesen. Besonders interessant ist es, wenn Bezüge zur Welt der Wirtschaft hergestellt werden. Ich persönlich kann mit den Kategorien Froschgehirn und Spitzmaus wenig anfangen und habe die Grundaussagen über emotionale Intelligenz bereits in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kennengelernt. Bernd Hufnagl stellt die Grundaussagen der Hirnforschung mit anschaulichen Beispielen aus der Arbeitswelt heraus, so dass sich jeder hier wiederfindet. Dass die Arbeitswelt fortwährend Burnout Systeme produziert, obwohl vom Kopf her längst klar ist, dass Menschen nicht nach ökonomischen Regeln funktionieren, müsste sich inzwischen herumgesprochen haben. Das Fazit des Buches hinterlässt dadurch ein wenig Ratlosigkeit: „Die Internationalisierung unserer Arbeitswelt, die ausgeprägten Prozessoptimierungen und die begleitenden Qualitätssicherungsmaßnahmen sind nachvollziehbare Strategien, um den Kampf um Marktanteile zu gewinnen. Wir denken dabei sehr technisch und sollten zur Kenntnis nehmen, dass Arbeitsprozesse zwar optimierbar sind, Menschen aber nicht!“ (S. 185) Fazit: Wo das Buch aufhört, fängt der Auftrag zu Veränderungen erst an. Als Problemanzeige oder Selbstbesinnung in einer persönlichen Krise dürfte es aber gerade richtig sein.

Rechtfertigung und Freiheit, 500 Jahre Reformation 2017, Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirchenamt der EKD (Hg.), Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2014, ISBN 9783579059730, Preis: 6,99 Euro (pdf-Datei als Download unter www.ekd.de)

EKD RechtfertigungIn der Beurteilung der Reformation sind sich die lutherischen und reformierten Richtungen der Kirche weitgehend einig, so wird es hier dokumentiert. Die Reformation wird allerdings vor allem als kirchliches Ereignis gesehen und theologisch und religiös interpretiert. Interessant ist die Bedeutung des Datums des Reformationsjubiläums am Gedenktag des Wittenberger Thesenanschlags (31.10.1517). Zuerst wurde dieses Datum von den reformierten und lutherischen Kirchen gemeinsam am Vorabend des dreißigjährigen Krieges gefeiert und seitdem fortgesetzt, zum Teil bis heute als Feiertag (z. B. in Sachsen). Inhalt des reformatorischen Impulses ist die „Rechtfertigung“ als Erkenntnis und Ereignis. Die EKD ist nicht an einer musealen Feier interessiert, sondern an der Vergegenwärtigung der evangelischen Impulse durch die Reformatoren. Wo das evangelische Profil im Vordergrund steht, muss die ökumenische Rücksichtnahme allerdings zurückbleiben. Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre bleibt bekannterweise unerwähnt. Auch ist kein katholischer Gast im Redaktionsteam vertreten. Die Freiheit des christlichen Glaubens führt am Beispiel des mutigen Einsatzes der Reformatoren zum Einsatz in der Welt und für die Welt. Rechtfertigung und Freiheit gehören zusammen. Beim Bericht über den Reichstag zu Worms wird zwar die Bindung des Gewissens Luthers an die Bibel erwähnt, aber die Bindung Luthers an die Vernunft unterschlagen. Luther schrieb in der später veröffentlichten Rede: „Wenn ich nicht überwunden werde durch die Zeugnisse der Heiligen Schrift oder durch evidente Vernunftgründe, bin ich durch die von mir angezogenen besiegt, und das Gewissen ist im Wort Gottes gefangen…“ (Martin Luther, Taschenausgabe Band 2, Glaube und Kirchenreform, Bearbeitet von Helmar Junghans, EVA Berlin (Ost) 1984, S. 151). Man wird abwarten, wie sich der individualisierende Zug der Reformation in ihrem Ursprung auf die Erzählgeschichte der Reformation und ihr Jubiläum auswirken wird. Warum, so muss man resümierend fragen, wird die Reformation nicht auch als Krise der Kirche und der Gesellschaft angesehen? Eine Krise muss ja nicht der Untergang sein, sondern wird heute auch als Anstoß zur Erneuerung und Entwicklung gesehen. Die Erinnerung an das Engagement der Reformatoren ist besonders auch da für die heutige Situation interessant, wo es die Autorität einer Institution hinterfragt. In der Broschüre wird die Reformation als Herausforderung gesehen, aber ob sie eine Entwicklung oder eher eine Art Abgrenzung herausfordert, ist nicht immer klar. Es ist wohl nicht üblich, sich in solchen Fragen auf eine gemeinsame Position zu einigen. Trotzdem: der Titel und Anspruch ist in die Gegenwart gesprochen. Zu „Rechtfertigung und Freiheit“ gibt es keine Alternative. Denn diese gelten für Kirche und Gesellschaft gleichermaßen.

Dietz Bering: War Luther Antisemit? Das deutsch-jüdische Verhältnis als Tragödie der Nähe, Berlin University Press Berlin 2014, ISBN: 9783862800711, Preis: 29,90 Euro

Das Thema Antisemitismus wird in der Vorbereitung des Reformationsjubiläums der EKD nicht verschwiegen. Dennoch wird die Vorbereitung der Jubiläumsfeier sukzessive auch dunkle und schwierige Traditionen der Reformation zurückdrängen. Der Sprachwissenschaftler Dietz Bering dagegen hat den Antisemitismus in der Sprache zu seinem Lebenswerk gemacht. Er beschreibt Luthers Lebenswerk als ein Dokument des damaligen Antisemitismus, und zwar in der Mitte der reformatorischen Theologie. Wenn beispielsweise Luther in seinen frühen Psalmenvorlesungen immer dann, wenn in den Psalmen von Feinden die Rede ist, pauschal die Juden als Feinde Christi bezeichnet. Andererseits wehrt sich Luther mit dem Humanisten Reuchlin gegen die Forderung der Verbrennung jüdischer Bücher und zeigt sich so eher tolerant oder judenfreundlich. Berings These ist, kurz zusammengefasst, dass Luthers reformatorischem Impuls seitens der Gegner Nähe zum Judentum unterstellt wurde. Luthers antisemitische Äußerungen sind Abgrenzungen gegen die Vorwürfe der Gegner, was sie zwar nicht entschuldigt, aber als zeitbedingt enttarnt. Die Stärke des Buches besteht neben der detaillierten Darstellung von Luthers Schriften zum Judentum auch in der Beschreibung seines zeitgenössischen antijüdischen Hintergrunds. Das Buch lohnt sich und ist für historisch oder theologisch interessierte Menschen ein wertvolles Geschenk.

Andreas Kilian: Der Pfauenschwanz der Gläubigen, Religosität als kulturell verselbständigtes Balzverhalten, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2014, ISBN: 9783865691194, Preis: 18,00 Euro

AL119FAndreas Kilian wird von einer hier im Buch zitierten Rezension als Religionskritiker bezeichnet. Die religionskritische Argumentation muss nicht seitens der Theologie apologetisch bearbeitet werden, weil sie auf das verbreitete naturwissenschaftliche Weltbild aufbaut. Was bedeutet es aber andererseits, wenn religiöses Verhalten weitgehend biologisch erklärbar ist, wenn es demnach gar nicht darauf ankommt, dass es logisch begründbar ist, sondern eher angelernt oder, wie es hier heißt konditioniert wird? Kilian schreibt z. B.: „Der Mensch wäre kein Produkt aus Zufall und Selektion, sondern von Gott gewollt, wird da geäußert. Dies hört sich für einen wissenschaftlich unbedarften Durchschnittsbürger gut an, bedeutet aber das exakte Gegenteil von dem, was die Wissenschaft dazu sagt.“ (S. 18). Zur Zeit des politischen Blockdenkens in Ost und West war es selbstverständlich, sich auch theologisch mit religionskritischer Literatur zu befassen. Wenn manchmal die Aussagen der Kirche und Theologie als nicht hinterfragbar erscheinen und nicht deutlich wird, dass sie Wertaussagen über die Lebenswelt sind, kommen solche Positionen wie die von Andreas Kilian zustande. Das Literaturverzeichnis zeigt das „Who is Who“ der Religionskritik auf, von Ludwig Feuerbach bis in die Gegenwart. Wer Gott oder Religion nur von ihren Funktionen her definiert, spielt letztlich solcher Position in die Hände, die Religion vor dem Hintergrund von Evolutionismus in biologischer Symbolik als Balzverhalten oder Selektionsmechanismus beschreibt. Mir begegnen bei Religionskritik immer wieder Äußerungen die z. B. eine negative Theologie als wertlos bezeichnen oder ontologische Argumentationen als Wortspielerei. Das Sein Gottes ereignet sich auf der Ebene religiöser Sprache und verbindet sich mit kollektiver Praxis, z. B. in Nächstenliebe und Solidarisierung. Hier muss sich ein Religionskritiker fragen lassen, ob er nicht letztlich selbst Selektion als Prinzip einer Weltanschauung propagiert und ob die Wissenschaftlichkeit nicht auch umgekehrt zu einem Dogma geworden ist. Diese kurze Rezension kann eine fundamentale Auseinandersetzung mit evolutionistischer Religionskritik allerdings nicht ersetzen. Eine theologische Antwort auf Andreas Kilian steht m. E. noch aus.

Christian Wehrschütz: Brennpunkt Ukraine, Gespräche über ein gespaltenes Land, Styria Premium Verlag Wien – Graz – Klagenfurt 2014, ISBN: 9783222134746, Preis 24,99 Euro

9783222134746_Cover_300dpi_neuChristian Wehrschütz (Brennpunkt Balkan, 2013) berichtet für das ORF aus der Ukraine und hat beabsichtigt ein Buch über den Konflikt in der Ukraine zu schreiben. Da die Tagesereignisse dies nicht zuließen, dokumentiert er in diesem Band 13 Interviews u. a. mit Wiktor Juschtschenko, dem ehemaligen Präsident der Ukraine. Da er sich selbst als Berichterstatter überwiegend in Donezk aufhält, ist dieser Kriegsschauplatz der Schwerpunkt seiner Interviews. Das letzte Kapitel des Buches ist eine Dokumentation der „Chronologie der Ereignisse“, die am 7. September 2014 endet und deren trauriger Höhepunkt der Abschuss der malaysischen Passagiermaschine am 17. Juli 2014 mit 298 Todesopfern ist. Christian Wehrschütz ist selbst seit seinem ersten Russischkurs im Jahr 1992 mit der Ukraine verbunden. Er lässt die ukrainische Position genauso zu Wort kommen, wie die der prorussischen Separatisten. Die Überschrift des Gesprächs mit Ina Kirsch der in Brüssel lebenden Anwältin für die Verbesserung der Beziehungen zwischen der Ukraine und der EU lautet: „Ohne Russland wird es keine Stabilität in Europa geben“.
Um einen Eindruck vom Inhalt der Interviews und ihrer Aktualität zu geben, zitiere ich ein paar Sätze aus dem Interview mit einer anonymen Jungunternehmerin aus Donezk: „Hier in Donezk war es immer wie in einem Fürstentum, die lokale Regierung machte, was sie wollte. … Und als in Kiew die neue Regierung an die Macht kam, schien es mir, dass unsere lokale Regierung fürchtete, man würde sie wie Unrat aus dem Weg schaffen. Und um sich irgendwelche Vorzüge auszuhandeln, organisierten sie selbst diesen ganzen Aufruhr in der Hoffnung, dass sie mit Kiew verhandeln und ihre Plätze so bewahren konnten. Aber es kam so, dass der Aufruhr größer wurde, als sie erwartet hatten.“ (S. 234/235). Nicht nur die Fakten, sondern auch ihre Bewertung machen die Politik aus. Dass diese Region in der Ostukraine nun das Pulverfass sein soll, mit dem der Friede in ganz Europa bedroht ist, ist einfach unglaublich. Vielleicht kommt hier einiges von dem zusammen, was auch sonst in Europa Ursache einer Krise sein könnte.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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