Predigt Lukas 1, 39 – 55 zum 4. Advent, Emanuel Behnert, Lippetal 2014

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Die Gnade Gottes, unseres Vaters und die Liebe unsres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wie haben Sie diese Tage in der letzten Woche, die letzten vorweihnachtlichen Tage verbracht? Wie werden Sie die verbleibenden verbringen? Unruhe, Hast und Hektik? Alles, oder die Reste einkaufen für das bevorstehende Weihnachtsfest, weil es danach ohnehin nichts mehr zu kaufen gibt? Letzte Vorbereitungen, damit alles heimelig wird und man die friedliche Harmonie, nach der man sich so sehr sehnt, zumindest ansatzweise genießen kann? Einmal noch ein Besuch über einen Weihnachtsmarkt, um so richtig in die sentimentale Stimmung, die zu Weihnachten dazu zu gehören scheint, zu kommen? Und auch, wenn es gut tut, sich den Gefühlen von Weihnachten zu öffnen, was häufig verbunden ist mit (wehmütigen) Erinnerungen, aber auch vielleicht mit dem Gefühl wieder einmal, vielleicht nach langer Zeit,  Harmonie und familiäre Gemeinschaft zu spüren und zu erfahren. All das soll sicher nicht klein geredet werden. Aber da gibt es noch eine andere Seite, die wir in unserer Sehnsucht nach Weihnachtsharmonie allzu oft ausblenden. —–

Während ich über diese Predigt nachdenke, werden auf meiner Facebook – Seite unterschiedliche Cartoons eingestellt, in denen es um eine ganz andere Wahrnehmung von Weihnachten geht. In dem einen fragt ein älteres Ehepaar eine Pastorin: „Hätten Sie uns nicht wenigstens zu Weihnachten Ihre sozialromantischen Kommentare zur Flüchtlingsfrage ersparen können!“ Antwort: „Ich habe doch nur die Weihnachtsgeschichte vorgelesen!“ In einem anderen wird viel härter noch von einem Kunden die Frage an den Verkäufer gerichtet: „Hammse die Krippe auch ohne Flüchtlinge? Juden, Neger und Araber?“ Die für mich wirklich originelle Antwort darauf: „Also nur mit Schafen, Eseln und Ochsen“ wird möglicherweise von Vielen gar nicht mehr wahrgenommen, oder verstanden. Auslöser dieser Postings war die ins Netz gestellte Nachricht, dass das Mainzer Verwaltungsgericht ein Krippenspiel auf dem Wormser Weihnachtsmarkt verboten hat, das auf die Problematik von Flüchtlingen hinweisen möchte. Diese Tendenz des Krippenspieles verletze das Recht Dritter auf einen ungestörten Besuch des Weihnachtsmarktes und führe zu möglichen, nicht kalkulierbaren Irritationen.“       (EPD 16.12.2014 Ausgabe Aktuell eingestellt am gleichen Tag bei Facebook.)

Der Stall und die Krippe. „Nur“ ein Ort der Harmonie und des (Weihnachts)friedens? Oder ein Ort, an dem sich die Geister auch heute noch scheiden? Ende des 19. Jahrhunderts fragte schon der deutsche Theologe und Politiker Friedrich Naumann: „1800 Jahre Christentum liegen hinter uns, und die Unterschiede derer, die in Seide und derer, die auf Stroh liegen, haben nicht aufgehört. (Und ich frage ganz bewusst: Hat sich bis heute dahin gehend etwas geändert? Haben wir endlich gelernt, die Weihnachtsbotschaft neu zu verstehen?) Naumann wagt es, weiterzufragen:  Herr Jesus, wozu bist du eigentlich gekommen?“ Eine Frage, die an Aktualität nichts verloren hat und  auch heute noch beim Läuten der Weihnachtsglocken mit klingt, auch, wenn sie damit unsere Weihnachtsharmonie vielleicht empfindlich stört!

Doch stößt nicht das Lied der jungen Maria, das wir in diesem GD schon gemeinsam gebetet haben, (EG 769) in das gleiche Horn?!

„Meine Seele preist die Größe des Herrn,

und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht

über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:

Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an

und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ —- Ein Revolutionslied. Psalmen klingen in ihm mit an. Gesungen als Bitt – oder Lobgesang Gottes, dem Höchsten. Die Bandbreite des ganzen Lebens ist in ihnen enthalten. Aber es klingt auch der Lobgesang der alten Hanna an. Jener Frau Elkanas, der es trotz vielem Bitten und Beten lange verwehrt war, Nachkommen zu empfangen. Und erst, als sie ein Gelübde ablegt und ihr Kind schon vor der Geburt in den Dienst Gottes stellt, wird ihr Wunsch auf Nachkommen erfüllt. Samuel wird zum Priester und Propheten in der Zeit der Anfänge des Volkes Israel werden. Am eigenen Leib darf Hanna erfahren, was es heißt, wenn Verhältnisse umgekehrt werden. Sie, die lange Zeit verspottet wurde, auf die geringschätzig herab geblickt wurde, gerät durch Gottes Gnade zu Ansehen und Würde. Zu einer Zeit, da niemand mehr wirklich daran gedacht hat. „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ … singt Jahrhunderte später neu eine junge Frau, die vom Leben nicht verwöhnt worden ist, auf die die Menschen herab blicken, die ausgegrenzt wirrd und allein von ihrer Herkunft nicht dazu gehört ein Loblied auf Gottes Barmherzigkeit, das weit über die Loblieder hinausgeht, die wir gewöhnlich in unseren Kirchen anstimmen. „Meine Seele preist die Größe des Herrn….!“ Spontan aus einem Gefühl der Überwältigung, des Dankes und des Jas zu Gottes Plänen und Wegen mit ihr und ihrem Leben ist dieses Lied entstanden und voll Freude gesungen worden. Dort, in der Begegnung mit ihrer entfernten Cousine. Dort, wo sich die Geschichte der Hanna wiederholte. Die eine – alt und betagt – darf erfahren, dass auch sie die Würde einer Mutter erreichen wird. Und die andere – jung und unerfahren – darf gewiss sein, dass ihre vorzeitige Schwangerschaft gewollt und gesegnet ist – auch gegen die Meinung der Welt und Zeit. Kurz hintereinander werden sie je einen Sohn gebären, der jeweils das Werk Gottes in seine Hände nimmt. Doch nur einer wird Sohn des HÖCHSTEN genannt werden. Seine Botschaft soll nachhaltig das Gesicht der Welt verändern und die Verheißung erfüllen, dass dauerhaft Friede werde. Doch bis dahin wird sicher noch einige Zeit vergehen. Und das liegt vor allem auch daran, ob wir endlich lernen, Weihnachten so zu erkennen, wie es ursprünglich gemeint war: bescheiden. Als ein Fest derer, die vom Leben nichts zu erwarten hatten.  Dietrich Bonhoeffer hat diese für uns auch heute noch – oder wieder – aktuelle Frage 1933 einmal so formuliert: „Ob dieses Weihnachten uns dazu helfen wird, noch einmal an diesem Punkt radikal umzulernen, umzudenken und zu wissen, dass unser Weg, sofern er ein Weg zu Gott sein soll, uns nicht auf die Höhen, sondern ganz wirklich in die Tiefen, zu den Geringen führt? Und dass jeder Lebensweg, der nur ein Höhenweg sein soll, ein Ende mit Schrecken nehmen muß.“?! Diese Frage sollten wir uns durchaus im Angesicht des nahenden Weihnachtsfestes neu stellen, auch mit dem Mut sie zu beantworten.

Und bedenken wir dabei auch: „wenn wir Weihnacht feiern, dann sollten wir uns schon fragen, ob wir wirklich zu dieser Krippe treten wollen. Denn der, der darin noch so klein und harmlos liegt, wird uns einmal vor seinen himmlischen Stuhl treten lassen. Und dann wird er uns nicht fragen, ob wir auch traute und besinnliche Weihnacht gefeiert haben. Ob wir’s geschafft haben, wenigstens an Weihnachten etwas menschlichere Menschen zu sein. Nein er wird uns fragen, wie wir es gehalten haben mit den Niedrigen, den Armen, Hungrigen, Kranken, Traurigen, Ausgeschlossenen, den sozial Schwachen. Er wird uns fragen, ob wir uns seine Schuhe von ihm anziehen ließen, oder ob wir lieber unsere Stimme den Reichen und Gewaltigen gegeben haben, die gestern und heute ihre Standorte, ob sie nun Wirtschaftsstandort oder anders heißen, auf dem Rücken all dieser Menschen gesichert haben.“ (Pfarrer Johannes Taig; Hospitalkirche Hof 1999)

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Predigtnachtrag: Gerade, als ich meine Predigt beendet hatte und erneut bei Facebook reinschaute fand ich dies: NRW – Die evangelischen und katholischen Kirchen in Nordrhein-Westfalen und ihre Verbände Caritas und Diakonie machen sich dafür stark, Nordrhein-Westfalen als „Zufluchtsland“ zu sehen und entsprechend zu handeln.

In einem gemeinsamen Positionspapier erklären sie: „Wir nehmen die Herausforderung an, uns für die Aufnahme einer größeren Zahl von Schutzsuchenden bereit zu machen.“ Flüchtlinge seien auch Hoffnungsträger, die mit ihren Fähigkeiten einen Beitrag für die Gesellschaft von morgen leisten. Von Anfang an brauche es ein Willkommen und die nötigen Rahmenbedingungen. Eine „Das-Boot-ist-voll“-Rhetorik“  entspreche nicht den wahren Möglichkeiten. Notwendig sei vielmehr das entschlossene Zusammenwirken aller Akteure in Staat, Kirchen und Verbänden, Wirtschaft, Initiativen und Vereinen. Und ich füge hinzu: Eines jeden Einzelnen von uns!— Es gibt also auch an diesem Weihnachten Zeichen der Hoffnung!!! So lasst uns miteinander das Mahl des HERRN feiern.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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