Gott in mir. Erfahrung oder Theologie? Gerd Kracht Recklinghausen 2014

Print Friendly, PDF & Email

Gott in mir
– eine Geschichte –

Linda kam als junge Mutter zu der Einsicht, dass es einen Gott geben muss, als sie das Wunder der Geburt ihres ersten Kindes, erlebte. Sie wurde selbst Erfahrungs-Wunder, auf geistiger und physischer Ebene und wollte dieses wunderbare Erlebnis in ihrem Alltag Wirklichkeit werden lassen.
Bis dahin hatte sie sich nur Weihnachten oder bei plötzlichen Traueranfällen mit Fragen nach Gott oder Unendlichkeit auseinandergesetzt.
Begeistert meldete sie ihr Baby zur Taufe an, und verabredete mit der Pfarrerin, sich öfter in ihrer Gemeinde sehen zu lassen. Ihr persönlich wurde es zur Gewohnheit, innerlich mit Gott zu kommunizieren, ihn an vielen Alltagsproblemen teilhaben zu lassen. Damit konnte sie auch getrost das gesamtgesellschaftliche Geschehen, das sie von Medien und Nachrichten kannte, dem allmächtig geglaubten Gott überlassen.
Die zunehmende Klimaprobleme, die verfolgten Ungerechtigkeiten waren Sache des überall regierenden Gottes. Und dieser Gott hat ein besonderes Auge auf die, die in der christlichen Gemeinde an den guten Gott glauben, auch gerade gegen die sich mehrenden Unkenrufe.
Gott, als jemand anderen mir gegenüber, gibt es. Das sagten ihr gefühlsmäßig die Lieder und Gebete aus dem Gesangbuch, die intellektuellen Predigten der Pfarrerin und die Liturgie. Vieles verstand sie nicht auf Anhieb, von dem, was in der Kirche gebetet und gesungen wurde. Mit der Zeit würde sie auf jeden Fall, im Gespräch mit anderen Gemeindegliedern oder der Pfarrerin allmählich besser verstehen.
Die Sichtweise ihrer Gottesvorstellung wandelte sich allmählich.
Besonders erheblich, als sie nach sieben weiteren Jahren, ihr 2. Kind gebar. Die unerwartet schwere Geburt führte sie aber zu einem weiteren geistig, seelischen Erfahrungsschritt. Eine tiefe Dankbarkeit für geschenktes und weitergeschenktes Leben durchfuhr sie von innen, – körperlich, geistig und seelisch. Sie fühlte sich verbunden mit allem, was ihr in diesem Augenblick geschenkt wurde, zugehörig zu diesem Planeten, in Beziehung zu allen Wesen, zugehörig in Raum und Zeit am geborgenen Ort, dem neuen Erdenwesen selbst Geborgenheit und Liebe gebend.
„ES gibt mich, ES gibt mir mein Kind, ES gibt mir alles, was ES mir gibt.
ES ist die lebendige Quelle, der Atem, der Puls, die Luft. Es gibt alles, was es jetzt gibt.“
Geschenkte Zugehörigkeit breite sich von innen aus. Sie strahlte und die Welt kam ihr mit Staunen und Dankbarkeit entgegen entsprechend entgegen. Sie erinnerte sich, Momente ähnlicher Zugehörigkeitserlebnisse als Kind empfunden zu haben.

Ein paar Wochen später fiel ihr der Satz ein, den sie vor Zeiten mal auf einer Gemeinde-Fortbildung zu Dietrich Bonhoeffer gehört hat: „ Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“
Die Logik in diesem Satz ist ihr lange nachgegangen. Sie findet auch die Logik der deutschen Sprache besonders zutreffend:
Wenn ES schon alles gibt, was ES gibt, – muss ES noch einen Gott geben? ES gibt schon alles.
ES ist die jetzt sprudelnde Quelle, die uns in jedem Augenblick am Leben hält.
Sie fühlte sich lebendig und dankbar, von dem beschenkt womit sie sich von Augenblick zu Augenblick verbunden fühlte.
Alles ist Eins? Ja, wo ich das Einssein physisch erfahre. Und physisch meint: Seelisch, geistig und körperlich zu diesem Planeten gehörig. Mit all den durch mich mit- verursachten, problematischen Lebensumständen auf den Planeten.
Wenn Es schon alles gibt, was es gibt, dann sind wir selbst und unsere Lebendigkeit das gegebene tiefe Geheimnis, das Bewusstsein, dessen, was ES alles gibt. Die umfassende Einheits- Erfahrung wurde der Maßstab ihrer Weltanschauung. Die Trennung im Denken war durch die Erfahrung aufgehoben. Die Einheits – Erfahrung geht über das Denken hinaus und löst die Hierarchie einer göttlichen Anordnung „von oben“, auf. Die Erfahrung ist größer als die Theologie. Ist ja auch nach Bonhoeffer und der deutschen Sprache nach gar nicht anders möglich. Sie selbst ist auf dem Erfahrungsweg zum Licht des Weges geworden.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen