Kirchliche Bestattung ohne geprägte gottesdienstliche Gestalt, ein Beispiel, Emanuel Behnert, Lippetal 2015

Vorbemerkung: „Wir glauben alle irgendwie an den lieben Gott, aber im Alltag brauchen wir die Kirche nicht. Wir suchen die Gemeinschaft der Menschen, aber bitte ohne Gottesdienst.“  Inzwischen bin ich der Meinung, dass gerade auch diese Menschen, die wir ja immer häufiger treffen, ein Recht auf Begleitung in Krisensituationen haben… und Kirche eine Chance, sich Ihnen noch einmal neu zu zeigen. Also ging es mir zunächst darum, die Menschen in ihrer Wahrnehmung in der Situation der Bestattung ankommen zu lassen, um dann aufzuzeigen, dass es ein Mehr gibt, als die Wahrnehmung, die uns so offensichtlich zu sein scheint.

Musikalische Eröffnung: “Zeit zu gehen” (Unheilig)

Begrüßung: „Keiner wird gefragt, wann es ihm recht ist, Abschied zu nehmen von Menschen, Gewohnheiten, sich selbst.
Irgendwann plötzlich heißt es damit umgehen, ihn aushalten, annehmen, diesen Abschied, diesen Schmerz des Sterbens, dieses Zusammenbrechen, um neu aufzubrechen.“ (Autor unbekannt, http://www.spruch.de/Spruch/219.htm)
Ein Menschenherz hat aufgehört zu schlagen. Eine Stimme, die uns vertraut war, schweigt unwiderruflich. Ein Platz in unserer Mitte bleibt leer. Und auch, wenn wir wussten, dass er kommt, dieser Augenblick des Abschiednehmens, und auch, wenn wir dankbar sind für das friedliche Dahinscheiden eines lieben und geliebten Menschen, sind wir doch in dieser Stunde des Abschieds auf sonderbare Weise berührt. Traurigkeit und Wehmut schlagen ihre dunklen Töne in uns an. Aber durch sie hindurch klingt auch die Dankbarkeit für dieses Menschenleben, das sein irdisches Ende gefunden hat. Bilder der Erinnerung erwachen in uns zu neuer Lebendigkeit und lassen so den Menschen, der von uns gegangen ist, dessen Platz leer bleibt, dennoch unter uns sein. So war das wohl auch für die Meisten von Ihnen in den zurückliegenden Tagen der Weihnacht und des Jahreswechsels. Denn 4 Tage vor dem zurückliegenden Weihnachtsfest, am 20. Dezember 2014 vollendete sich der irdische Lebenskreislauf von N.N. im Alter von 89 Jahren.

„Keiner wird gefragt, wann es ihm recht ist, Abschied zu nehmen von Menschen, Gewohnheiten, sich selbst.“ (s.o.) Gerne hätte sie noch einmal den Frühling gesehen und Ihren nächsten Geburtstag gefeiert, den 90. Das wollte sie erleben. Doch eine nicht zu beherrschende Krankheit war stärker als ihr Wille zum Leben. Das friedliche Einschlafen N.N.s an jenem 20. Dezember, kurz vor Weihnachten, zeigt uns aber auch, dass sie ein „Ja“ gefunden hatte zur Begrenzung ihres irdischen Lebens, vielleicht ja auch ein erwartendes „Ja“ zu dem Weg, der über diese irdische Grenze hinaus vor ihr liegt. Denn auch, wenn ich sie nicht persönlich gekannt habe, wage ich doch zu behaupten, dass auch sie immer wieder auf den unterschiedlichen Wegen ihres Lebens von der Überzeugung mitgetragen worden ist, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Dass es vielmehr auch den Augenblick geben wird, in dem sich die Enge eines Krankenbettes, ja, auch die Enge eines Grabes weiten wird, in eine Herrlichkeit hinein, die wir uns nicht wirklich vorstellen können, die ich aber die Herrlichkeit der Ewigkeit nennen möchte. Diese vorsichtige Hoffnung darauf, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, hat Hermann Hesse einmal in seinem wunderschönen Gedicht „Stufen“ so beschrieben:
„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
…“ (Hermann Hesse, Stufen. Alte und neue Gedichte in Auswahl. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1961, auch zitiert im Roman Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel, 1943)
Und gerade dieses „wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde“ hätte ja durchaus auch als Motto über dem Leben Ihrer lieben Verstorbenen stehen können. In unserem Gespräch in der letzten Woche haben Sie, Herr N., mir gesagt, sie wüssten nicht mehr, wie viele Umzüge Sie mit Ihrer Schwiegermutter unternommen haben. Ein „Nomadenleben“ habe sie geführt. Über verschiedene Stationen hat sie ihr Weg von Aschersleben, wo sie geboren worden und aufgewachsen ist, irgendwann nach Dortmund geführt. Diese Stadt hat sie nicht nur durch Spaziergänge und Einkaufstouren kennen gelernt, sondern vor allem dadurch, dass sie in den verschiedenen Stadtvierteln einfach mal wohnen wollte. Äußere Zwänge? Oder innere Unruhe? Oder vielleicht die Einsicht, dass es an dem Ort, an dem man ist, einfach nicht mehr weiter gehen kann? Bei allen Ortswechseln, die sie vollzogen hat, die ihr zugemutet wurden und die sie Ihnen zugemutet hat, blieb sie sich selbst aber immer treu. Sie hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Und manchmal trug sie ihr Herz auch auf der Zunge. Sie wusste zuzupacken, wo es Not tat. Und der, der an ihre Tür klopfte, wurde nicht im Regen stehen gelassen. Sie hatte das Talent, sich und diejenigen, die ihr wichtig waren, auch in schwierigen Zeiten am Leben zu erhalten. Ihr florierender Tauschhandel mit lebenswichtigen Produkten, um das Überleben des nächsten Tages zu sichern in den Zeiten des Krieges, aber auch danach sind nur ein Beispiel für den Pragmatismus, mit dem N.N. das Leben anging und sich den Herausforderungen des Alltags stellte. Doch bei allem Einsatz für sich und die, die ihr wichtig waren, vergaß sie nicht, dass das Leben auch gefeiert werden kann. Sie hat die Stunden in geselliger Runde bei Pils und Korn immer wieder genossen. Verantwortung für das Geschenk des Lebens, ihres eigenen und deren, die ihr anvertraut waren, gingen Hand in Hand mit der Feier des Lebens. 35 Jahre ging sie mit Ihrem Vater, Großvater, Ur und Ururgroßvater durchs Leben. Zusammen, auch wenn das Leben zu getrennten Wegen zwang. Und jeder von Ihnen war ihr willkommen. Kinder, Schwiegerkinder, Enkel, Ur – und Ururenkel. Jeder hatte seinen Platz in ihrem Herzen und Denken. Und dann, als alle, die ihr am Wichtigsten waren noch einmal bei ihr waren, um „Lebe – wohl“ zu sagen, war auch sie bereit, ihren irdischen Lebenslauf zu vollenden. Was uns, was Ihnen bleibt ist die Erinnerung an einen Menschen, den Sie geliebt haben, mit dem sie gestritten haben, den Sie umarmt haben, den sie vielleicht auch nicht immer verstanden haben. Was uns, was Ihnen bleibt ist die Erinnerung an gemeinsame Wegstrecken, auch wenn der ein oder andere Wegabschnitt getrennt zu bewältigen war. Was uns, was Ihnen bleibt, ist die Erinnerung an einen Menschen, der unverwechselbar und einmalig gewesen ist. Diese Erinnerung möge Ihr Herz und Ihre Gedanken noch lange füllen. Denn erst wenn wir anfangen, die Gegangenen zu vergessen, erst dann sind sie wirklich gestorben.
Song – CD: So wie du warst (Unheilig)
In Stunden wie dieser tut es gut, sich daran erinnern zu lassen, dass wir nicht auf uns selbst verwiesen sind, und damit quasi ohne Hoffnung. Unser „kleines“ Leben ist eingebunden, nicht nur in den großen Kreislauf der Natur, der wissenschaftlichen, philosophischen Gedankenkonstrukte, mit denen wir Menschen unser Sein zu erklären versuchen. Unser Leben ist vor allem eingebunden in das schöpferische, bewahrende und segnende Handeln dessen, den wir Gott den Ewigen nennen, auch, wenn uns das in unserem Alltag nicht unbedingt immer bewusst vor Augen steht. In seinem Namen sind wir auch in dieser Stunde versammelt: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
ER hat uns das Leben geschenkt, auch in seiner irdischen Begrenztheit, aber eben auch darüber hinaus. Denn auch die Ewigkeit ist SEIN Geschenk an uns. ER hat die Schrecken des Todes für uns zwar nicht vollkommen beseitigt, aber dennoch dem Tod die Macht genommen. Auch wenn WIR das in unserem Alltag kaum noch, oder gar nicht mehr wahrnehmen. ER hat uns ausgestattet mit einer Hoffnung über den Tod hinaus, die besagt: „es ist nicht alles vergeblich, es ist nichts umsonst, alles, auch das Schwere hat seinen Sinn. Und da, wo Du es nicht wahrnehmen und verstehen kannst, bin ICH doch an Deiner Seite, um Dir tragen zu helfen, um Dich zu tragen. Zwei Texte wollen uns an dieses Bewahrt – werden, an dieses Getragen werden erinnern. Der eine ist ein Gebet aus alter Zeit, wir finden ihn hinterlegt im Buch der Psalmen im AT. Der andere stammt von einer kanadischen Schriftstellerin aus unserer Zeit:
Wir beten mit den Worten des 23. Psalms: „Der HERR ist mein Hirte; …“
Dieses Begleitet sein durch Gott, auch wenn wir dessen unter Umständen nicht unbedingt immer gewahr werden, beschrieb Margret Fishback Powers in unseren Tagen in ihrem 198610Gedicht: „Spuren im Sand“: „Eines Nachts hatte ich einen Traum:…“
(Margaret Fishback Powers

Copyright © 1964 Margaret Fishback Powers
Übersetzt von Eva-Maria Busch
Copyright © der deutschen Übersetzung 1996 Brunnen Verlag Gießen, www.brunnen-verlag.de)
In Stunden wie diesen, in Stunden des Abschieds ist es unendlich wichtig, dass wir uns daran erinnern dürfen, nicht alles alleine meistern zu müssen, sondern abgeben zu dürfen. Auch uns. Ohne Angst haben zu müssen, etwas zu versäumen, etwas nicht geschafft zu haben. Sich IHM zu überlassen, der gesagt hat: „Ich bin bei Euch, alle Tage, bis an das Ende der Welt“ (Matthäus 28,18), sich IHM zu überlassen bedeutet nicht Schwäche, sondern die Stärke der Einsicht, dass unser Leben umfangen sein muss von mehr, als wir selbst uns geben können. Und diese Einsicht kann am Ende nur einmünden in einen großen Lobgesang, der zur Ehre dessen erklingt, der uns unser Leben als Geschenk gegeben hat, der uns auf den Wegen unseres Leben begleitet und bewahrt hat, und der uns am Ende unserer Zeit in Liebe heimholt in die Herrlichkeit SEINER Ewigkeit.
Lied – CD: Halleluja
Unsern Ausgang segne Gott, 
unsern Eingang gleichermaßen, 
segne unser täglich Brot, 
segne unser Tun und Lassen, 
segne uns mit selgem Sterben 
und mach uns zu Himmelserben! Segenslied, Autor: Hartmann Schenck (1634 – 1681))

 

Gebet: Ewiger himmlischer Vater! Dir befehlen wir uns in dieser Stunde des Abschieds an, in der Hoffnung, dass Du unser Leben in allem Tun und Lassen mit Deinem Segen umfängst und uns, wenn die Zeit gekommen ist, aufnimmst in die Herrlichkeit Deiner Ewigkeit. In besonderer Weise legen wir Dir jetzt N.N. ans Herz. Wir vertrauen darauf, dass Du sie aufgenommen hast in Deinen nicht endenden Frieden. Wir vertrauen darauf, dass sie nun schauen darf, woran sie auf Erden, manchmal vielleicht nur mit Zweifeln, geglaubt hat. Uns, die wir zurückbleiben, erfülle mit dem tröstlichen Gedanken, dass kein Leben umsonst gelebt, kein Leiden umsonst gelitten und kein Tod umsonst gestorben wird. Alles, unser ganzes Sein und Werden ist umfangen von Deiner segnenden und bewahrenden Nähe. Schenke uns täglich neu die Gewissheit, dass unser Leben kein Zufall ist und die Wege unseres Lebens ihr Ziel haben in der Gegenwart Deiner Ewigkeit. Diesem, Deinem Segen vertrauen wir uns und N.N. an.
Aussegnung: N.N., der ewige und barmherzige Gott lässt über Dir die Sonne des Ostermorgens aufgehen, das Licht der Auferstehung, das allen zeigt: Die Macht des Todes ist gebrochen. + Du bist umfangen von der Gnade und dem Frieden Gottes, dessen unmittelbare Gegenwart Dich in einem vollkommenen, neuen Licht erstrahlen lässt. + Der Friede Gottes des Höchsten ist und bleibt bei Dir!
Segensvotum: Auch uns begleite Gott der EWIGE mit der Zusage SEINES Segens, auf dem Weg zum Grab, auf dem Weg ins Leben. ER erfülle uns mit der Erkenntnis, dass das Grab nicht die letzte Station unseres Seins ist, dass unser Leben seine Erfüllung in dem „Danach“ findet, in SEINER Gegenwart. So begleite und bewahre uns der dreieinige Gott: Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Zum Auszug: Zeit zu gehen (Unheilig)
Am Grab:

Stilles Gebet

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel von Gott herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her sagen: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein: denn das Erste ist vergangen. Und der, welcher auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Ich bin das A und das O der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des Wassers des Lebens umsonst. Wer überwindet, wird alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“ (Offenbarung 21, 1 – 7)
Immer, wenn wir einen Menschen zurück legen, dorthin, woher er genommen ist, immer, wenn wir dieses: „Von der Erde bist Du genommen, zur Erde kehrst Du zurück“, dieses „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ hören, sind unsere Gedanken und die Gefühle unseres Herzens in zwei Richtung gelenkt. In jene, auf das, was war. Und in jene auf das, was kommen wird, auf das, was verheißen ist. Wir betten N.N. zu ihrer letzten irdischen Ruh. Wir vertrauen aber auch darauf, dass dieser Ort nur ein für uns vorläufiger und symbolischer Ruheort ist. Wir hören Jesu Wort am Kreuz zu dem Menschen neben IHM: „Wahrlich, noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein“. Wir vertrauen darauf, dass diese Zusage auch für N.N. gilt. So, wie Gottes Zusage: Ich habe Dich als mein Geschöpf geschaffen und werde Dich bewahren in die Ewigkeit hinein. Hinüber genommen aus der einen Hand Gottes in SEINE andere Hand hinein bleiben wir N.N. verbunden und befehlen Sie der Barmherzigkeit und Herrlichkeit SEINER Gegenwart an.

Jesus Christus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er jetzt stirbt. Und wer da lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht wirklich sterben.“ (Johannes 11,25)

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem. Die Chöre der Engel mögen Dich empfangen, und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen. (Amen)

N.N. Wir sind uns nie begegnet. Wären wir es aber, bin ich sicher, wir hätten kein Pils und keinen Korn verderben lassen. Darum werfe ich auch heute keine Erde auf Dich, sondern schenke Dir noch einmal Kurz – Lang. Denn, wenn wir es genau bedenken, beginnt die große Feier des Lebens erst jetzt!

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

Segen:
Ein Menschenleben hat sein irdisches Ende gefunden; es ist dem Frieden Gottes anbefohlen. Wir aber müssen weitergehen auf den Wegen unseres Lebens. Der Segen Gottes komme zu uns, stärke uns, und erfülle uns mit neuer Hoffnung:
Der Herr segne uns und behüte uns,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf uns
und schenke uns seinen Frieden. Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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