Die Quellen der Kraft, Andacht neun, Psalm 105, Dankbarkeit, Christoph Fleischer, Welver 2015

Psalm 105 (Gute Nachricht Bibel)

1Dankt dem HERRN!
Macht seinen Namen überall bekannt;
verkündet allen Völkern, was er getan hat!
2Singt und spielt zu seiner Ehre,
ruft euch seine Wunder ins Gedächtnis!
3Seid stolz auf ihn, den heiligen Gott!
Seid voller Freude über ihn, ihr, die ihr nach ihm fragt!
4Geht zum HERRN, denn er ist mächtig;
sucht seine Nähe zu aller Zeit!
5Erinnert euch an seine machtvollen Taten,
an seine Wunder und Gerichtsurteile,
6ihr Nachfahren seines Dieners Abraham,
ihr Nachkommen Jakobs, ihr seine Erwählten!
7Er ist unser Gott, er, der HERR,
seine Herrschaft umschließt die ganze Welt.
8Niemals vergisst er seinen Bund mit uns,
sein Versprechen gilt tausend Generationen.
9So hat er es Abraham zugesagt
und es Isaak mit einem Schwur bestätigt.
10So hat er es Jakob fest versprochen,
als ewigen Bund mit Israel.
11Er hat gesagt: »Ich gebe euch ganz Kanaan,
ich teile es euch zu als Erbbesitz.«
12Sie waren damals leicht zu zählen,
nur eine Hand voll Leute waren sie,
eingewanderte Fremde im Land.
13Sie zogen von einem Volk zum andern,
auf Wanderschaft in vieler Herren Länder.

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Hochzeitskapelle

Der Psalm geht noch weiter und wendet sich den Grundaussagen der Bücher Mose zu, untermauert dies mit den Schilderungen der Wüstenwanderung und der Landnahme. Doch das sind historische Ereignisse. Ich frage mich, wie man den Anfang dieses Psalms auf unser eigenes Leben übertragen kann.

Ich sehe hier vier Aspekte:

Aufforderung zur Dankbarkeit und zur Freude über Gott, Verse 1 – 3.

Zuerst geht es um das Gotteslob allgemein. Danken und Loben gehen zusammen. Wer dankt, bezieht sein Leben auf Gott. Dazu gehört die Aufforderung, Gottes Taten bekannt zu machen. Ich schlage vor, dass wir den geschichtlichen Bereich einmal ausblenden, und die Erinnerung ganz persönlich verstehen. Was sind die Spuren Gottes in meinem Leben? 
Dank und Erinnerung wird in den Worten des Psalms in Musik umgesetzt. „Singt und spielt zu seiner Ehre!“. Es sind also schon immer Lieder über Gott gesungen worden. So stellten die Gläubigen damals und heute Einstimmung her. Doch ich mir auch jede andere Form der Kunst vorstellen, die zum Lob Gottes erschaffen, dargebracht wird. Ich würde sogar so weit gehen, jede Betätigung, die der eigenen Entspannung, Sinnfindung, Zuwendung zu Gott als dem sinnstiftenden Wesen ausgeübt wird, dem musikalischen Lob, das ihm zu Ehren erklingt, gleichzusetzen. Gottes Spuren begegnen uns auch überall, wenn wir sie sehen wollen. Der Name Gottes wird hier gelobt. Gottes Name, der früher ein Eigenname war, wird später als Gottes Präsenz, als die Bezeichnung seines Wirkens angesehen. Was ist Gottes Bedeutung, so müsste man fragen? Und: “Alle, die den Herrn suchen“ – was waren, was sind das für Menschen, die Gott suchen, was sind Gottsucher heute? Auch das erlaube ich mir zu verallgemeinern. Gott will sich also finden lassen. Im Gegensatz zur Suche Gottes sind mir die Bekenntnisse entweder zu schwer oder zu leicht ausgesprochen. Gott suchen muss wohl heißen, nach den Wegen und der Gegenwart Gottes zu suchen und das Leben von Gott her zu deuten. In der Bibel gibt es dabei eine Tendenz: Stunden der Trauer wurden als Gottesferne gedeutet und Stunden der Freude als Gottes Nähe. Diese Deutung hat sich als zu schlicht herausgestellt und wurde im Neuen Testament ergänzt und verändert. So gilt seit Golgotha in besonders deutlicher Weise, davor aber auch schon dieses: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Demnach müsste die Präsenzerfahrung Gottes auch auf die dunklen Stunden des Lebens erweitert und umgedeutet werden. Man könnte ja auch fragen, inwiefern schwierige Zeiten zu wichtigen Erfahrungen des Lebens geworden sind, die man in seinem/ihrem Leben nicht missen möchte.

Aufforderung die Nähe Gottes zu suchen und sein Wirken zu erinnern, Verse 4 – 6.

Das Suchen wird hier als Fragen nach Gottes Macht bezeichnet. Hier wird deutlich, dass dies in Konkurrenz mit anderen Machtansprüchen steht. Für mich bedeutet Gott der Grund des Lebens und die Frage nach Gott, die Frage nach dem Wert und Sinn des Lebens. Wird also das Leben wertgeschätzt oder anderen Zielen untergeordnet? Gottes Wirken wird hier geschichtlich ausgedrückt: Wunder, Zeichen und Beschlüsse Gottes. Allgemein gesagt heißt das, dass Gotteserfahrung mit Lebenserfahrung verknüpft wird. Ein Wunder ist kein Aussetzen der Naturgewalt, sondern die Erfahrung von Rettung und Erneuerung, Bewahrung oder Heilung. Der Begriff Wunder drückt Erstaunen aus, über das, was gut gelungen ist oder überraschenderweise gut gegangen ist.

Gottes Wirken ist universell und zeitlos, Verse 7+8.

Vers 7 ist ein Bekenntnis: „Er ist unser Gott, er, der HERR, seine Herrschaft umschließt die ganze Welt.“ Hier wird übrigens der Begriff Allmacht erläutert, wie ihn  die Bibel versteht. Der Allmächtige ist kein Gewaltherrscher oder ein immer währender Krieger, sondern er ist durch eine All-Präsenz bestimmt, seine Allgegenwart. Gottes Gegenwart in seinem Wort kann man nirgendwo ausweichen. Sein Anspruch gilt überall, er lässt aber den Menschen die Freiheit, diesem Anspruch zu folgen. Die Gegenwart Gottes wird im Alten Testament mit einem Bund, einer Beziehung gleichgesetzt. Wo sich Menschen heute wie das Volk Israel damals zu dem Bund bekennen, ist er bei ihnen und lässt sich ansprechen. Erstaunlicherweise ist der Gott Israels von je her unsichtbar und daher ohne Wohnort. Es gibt zwar Tempel, aber im Prinzip ist Gott überall zu verehren, da er ja überall gegenwärtig ist. Die Wanderung in der Wüste der Hebräer ist ein bleibendes Beispiel für die Begleitung des Volkes durch Gott.

Wie aus der Fremdschaft aus der eine Heimat wurde, Verse 9 – 13.

Der ganze Rest des Psalms ist die Nacherzählung der Urgeschichte Israels, wie sie aus den Büchern Mose bekannt ist. Ich zitiere lediglich den Anfang, der am Beispiel Abrahams die Bundesvorstellung darstellt. Das heißt konkret für uns: Beispiele der Erinnerung zu erzählen über Erfahrungen, davon wie man aus der Fremde kommend heimisch wurde. Was heißt dabei, mit Gott im Bund zu sein? Der Bund scheint zunächst ganz von Gott auszugehen, da er Abraham das Land verheißen hat, in dem die Israeliten später heimisch geworden sind. Interessanterweise ist hier nicht davon die Rede, dass die Kanaaniter  vertrieben werden, sondern nur, dass in diesem Land Kanaan die neue Heimat Israels geworden ist. Die Hebräer, die vorher nomadisch und umherziehend gelebt haben, sind froh in diesem Land genügend Lebensmöglichkeiten gefunden zu haben. Es entspricht tatsächlich den geschichtlichen Gegebenheiten, dass die Israeliten die Städte nicht besetzt haben. Sie haben nur dann Krieg gegen sie geführt, wenn ihre Dörfer nicht geduldet wurden. In einem anderen Psalm heißt es: „Ich bin ein Fremdling, wie alle meine Väter.“ (Psalm 39) Die Landverheißung hat nichts Nationalistisches, sondern es geht darum, hier sein zu dürfen, mit der Herstellung von Lebensmöglichkeiten. Wie kann man das auf unser Leben beziehen? Ich singe in einem Lied: „Danke für meine Arbeitsstelle…“ und muss dabei immer ein wenig schmunzeln. Aber im Prinzip ist es doch wichtig, dass wir eine Arbeitsstelle haben, von der wir leben können. Dass man dafür auch selbst was tun muss, das würden wir doch ohne Umschweife eingestehen. Gottes Bund ist also kein Selbstbedienungsladen, in dem es alles umsonst gibt. Gottes Bund kann also durchaus in Verbindung mit dem persönlichen Leben gesehen werden. Gott zu loben heißt dankbar zu sein, und Dankbarkeit heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Dass ich hierbei nicht nur vom Erwerbsleben rede, sondern auch von allem, was mit Familie und Wohnung zusammenhängt, dürfte klar sein. Im Bund mit Gott zu sein, kann also ganz praktisch und lebensnah aufgefasst werden. Und Religion ist eine Ausgestaltung dieser Dankbarkeit. Ich finde auch, dass Schwierigkeiten und Verlusterfahrungen dazu gar kein Gegensatz sind. Sie machen uns nämlich deutlich, dass es auch darauf ankommt, sich das Geschenk des Lebens ins Bewusstsein zu rufen und bewusst zu leben.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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