„Gott ist nicht jemand anderer“ Rezension zum Credo, Gerd Kracht Recklinghausen 2015

CREDO

Rezension zu: David Steindl-Rast: Credo, Ein Glaube, der alle verbindet, Mit einem Vorwort des Dalai Lama, Herder – Spektrum Freiburg 2012, ISBN: 3451071169, 9,99 €.

Mitten in der Autoritätskrise, die wir gegenwärtig erleben, die danach fragt, worauf wir uns wirklich verlassen können, verlegt Herder Spektrum die Credo-Interpretation von David Steidl- Rast. Die einzelnen Glaubenssätze sind in diesem Buch auf persönlich nachvollziehbare Erfahrung und Überzeugung zurückgeführt, „auf innere Autorität also, bei allem Respekt für äußere.“ (10) Da Offenbarung ursprünglich von innen kommt, ist davon auszugehen, dass die einzelnen Artikel des Credo nicht fertig vom Himmel gefallen sind, sondern ein Erleben, das nachvollziehbar gewesen sein musste. Die persönlichen Einsichten sind aus einem verstehbaren und nachvollziehbaren allgemeinmenschlichen religiösen Bewusstsein entwickelt und erzählt.

Gelänge es den Kirchen, in dem sich schnell ändernden Weltbild unserer Zeit, dem tiefgehenden Bewusstseinswandel gerecht zu werden, dann wären wieder überfüllte Messen oder Gottesdiensten vorstellbar, in denen das Glaubensbekenntnis mit tiefer eigener Überzeugung gesprochen wird. Da unser kultureller Horizont heute „global“ genannt werden kann und das Credo in seinem Weltbild auf den Mittelmeerraum beschränkt ist, ist dem Bewusstseinswandel Rechnung zu tragen. Das globale Gottesbewusstsein, das auch das allgemeinmenschliche Bewusstsein genannt werden darf, verlässt die damaligen mediterranen Beschränkungen und eröffnet so dem Glaubensbekenntnis seine neue Betrachtungsmöglichkeit.

Aus unserer heutigen globalen Sicht, „müssen wir zugeben, dass jede Religion ,- auch die christliche – Ausdruck allen Menschen gemeinsames Ur-Vertrauens auf den Sinn des Lebens ist.“(9) Wegen des allen gemeinsamen Urvertrauens auf das Leben, geht das Buch folgerichtig davon aus, dass der Mystiker kein besonderer Mensch, sondern jeder Mensch ein besonderer Mystiker ist. Für den Autor heißt Ur-Vertrauen, Vertrauen auf das Leben und damit auf Gott.
Allerdings gilt das hier mystische Gottesbild: God is not somebody else. Gott ist nicht jemand anderer. „Unsere Gotteserfahrung erlaubt es heute nicht mehr, uns Gott als von der Welt getrennt vorzustellen.“ (10) Diese Überzeugung betonen David Steindl-Rast und der französisch – amerikanische Mystiker Thomas Merton, wie fast die gesamte christliche Mystik: Gott ist nicht jemand anderer. (203) Dieses Gottesbewusstsein macht uns zu vollen Menschen. Hier wird uns deutlich, dass wir selbst lebendig mit der vielfältigen Lebendigkeit dieses Planeten verbunden sind. Zugleich ist damit auch unsere uneingeschränkte Verantwortlichkeit für den Planeten und unseren Nachkommen konstituiert. Ein „jemand anderer“ übernimmt die Verantwortung für diesen Planeten nicht. Wo wir immer in unserer Gegenwart sind, ist zugleich die göttliche Gegenwart eingeschlossen. Jeder Augenblick ist ein von der lebendigen Quelle geschenkter, gegebener Augenblick ist. Schon durch die Luft, die ich atme, verbindet mich mit dem Urgrund aller Lebensbedingungen, die Funktionsweisen meines Bewusstseins eingeschlossen. Deshalb sind alle Menschen besondere Mystiker, wie der Autor im Buch durchgängig betont.Wir sind jetzt gerade der lebende, weil lebendige Wille des Universums, wie auch immer die Quelle genannt wird.
Der Autor zeigt behutsam, bringt aber auch klar auf den Punkt, warum bei der globalen Entwicklung des Weltbildes in den Kirchen die Gottesdienste nicht mehr besucht werden:
“…solange das mythische Weltbild vorherrschte, zerbrachen sich die größten Geister ihrer Zeit die Köpfe darüber, ob Gott oder der Teufel Anspruch hatte auf dieses Lösegeld, das Jesus durch seinen Tod für Sünder bezahlen musste. Anselm von Canterbury (1033-1109) begann die Theologen davon zu überzeugen, dass der Teufel keine Rechts-ansprüche geltend machen könne. Das war ein Fortschritt, aber ein fragwürdiger. Für Anselm war Sünde eine Beleidigung Gottes, und zwar eine so große, dass nur ein Gott ebenbürtiger Mensch – nämlich Jesus Christus – sie mit seinem Tod sühnen konnte. Das ließ nun zwar den Teufel aus dem Spiel, aber mit was für einem Gottesbild standen die Theologen jetzt da? Ein Gott, der als Sühne für eine Ehrenbeleidigung das Blut seines eigenen Sohnes verlangt. Der Gegensatz zum Gottesbild, das Jesus lehrte, könnte nicht krasser sein (Hervorhebung Rezensent). Und doch wird Anselms Gott noch bis heute von den Kanzeln gepredigt. Kein Wunder dann, dass unter diesen Kanzeln viel Platz ist auf den Kirchenbänken!“ (123/4)
Wundern sich Pfarrerinnen und Pfarrer, Vikare und Priester, Prediger, Theologiestudentinnen und Studenten, Theologie- Professoren und Kirchenbeamte noch, dass mit einem solchen Welt- und Gottesbild beim ungeübten Kirchenbesucher der Eindruck eines Museumsbesuches entsteht?

Werden wir überhaupt noch verstanden? Ist das, was wir verkündigen, beten und singen nur noch von einer kleinen Restgemeinde verfolgt? Dürfen wir uns noch Volkskirche nennen oder verbarrikadieren wir uns hinter Glaubenssätzen, die uns selbst oft unaufgeklärt erscheinen?

In kirchlicher Liturgie, den Hoch- Gebeten, in den saisonal angestimmten Liedern, wird zwangsläufig die Vorstellung entwickelt, wiederholt, und beschworen, dass Gott jemand anderer ist. In unserer Gegenwart manifestiert sich die das Christusbewusstsein, das von einem tiefen Herzensfrieden, von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit, des Daheimseins im ewigen Jetzt des gegebenen Augenblicks.

Die diakonischen und karitativen Einrichtungen innerhalb und neben den Kirchen zeigen die aktuelle bewusstseinsmäßige Richtungsänderung an:

Das Ziel heute ist der Mensch. Weniger die mittelalterlich konstruierte Vorstellung von „jemand anderen.“ Der Mensch ist gefragt in seinen Erleben –und Erfahrungsraum, in seinen Begegnungs- – und Entwicklungsmöglichkeiten, so wie es die Credo–Interpretation von Steindl-Rast vorschlägt.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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