Predigtvorbereitung für Matthäus 17, 1-9, Christoph Fleischer, Welver 2015

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Matthäus 17, 1-9 (Gute Nachricht Bibel)

Sechs Tage später nahm Jesus die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder von Jakobus, mit sich und führte sie auf einen hohen Berg. Sonst war niemand bei ihnen.  Vor den Augen der Jünger ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich: Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden strahlend weiß.
Und dann sahen sie auf einmal Mose und Elija bei Jesus stehen und mit ihm reden.  Da sagte Petrus zu Jesus: »Wie gut, dass wir hier sind, Herr! Wenn du willst, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elija.«
Während er noch redete, erschien eine leuchtende Wolke über ihnen, und eine Stimme aus der Wolke sagte: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt. Auf ihn sollt ihr hören!«
Als die Jünger diese Worte hörten, warfen sie sich voller Angst nieder, das Gesicht zur Erde.  Aber Jesus trat zu ihnen, berührte sie und sagte:»Steht auf, habt keine Angst!«
Als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus allein.  Während sie den Berg hinunterstiegen, befahl er ihnen: »Sprecht zu niemand über das, was ihr gesehen habt,  bis der Menschensohn vom Tod auferweckt ist.«

Zunächst ein Blick auf die Exegese(Kommentar zum Matthäusevangelium von Hubert Frankemölle, Band 2, Patmos Verlag Düsseldorf 1997):

„Folgt man dieser Lesart (V.5 als Höhepunkt zu sehen, c.f.), erscheint nicht die „Verklärung“ Jesu als Zentrum des Textes, sondern die „Proklamation Jesu als des eschatologischen Offenbarungsträgers“ (Pedersen), wobei Mose und Elija in ihrem gemeinsamen Auftreten die gesamte biblische Offenbarung, das Gesetz und die Propheten repräsentieren.“ (S.233)

Biblische Bezüge werden hier personalisiert: „Exodus 24,29f kann der Leser entnehmen, dass beim Abstieg vom Berg ‚die Haut des Gesichtes des Mose Licht ausstrahlte‘. … Strahlt Mose von Gottes Epiphanie her, so geht es in diesen Versen um eine Epiphanie Jesu Immanuel.“ (S.234)

Mose und Elija verkörpern die prophetische Tradition von Anfang bis Ende. „Der bibelkundige Leser des matthäischen Textes kann vernehmen, dass diese Erwartung für die Endzeit in Jesus Immanuel sich erfüllt hat, der … weder ein Mose redivivus, noch ein Elia redivivus ist, sondern – im Kontext der hohen matthäischen Christologie – die Epiphanie Gottes selbst.“ (S.235)

Während die Exegese Christus selbst in den Kontext der biblischen Propheten und des Anspruches göttlicher Gegenwart stellt, stellen sich die Assoziationen zunächst von der Erzählung eines Aufstieges her ein. Aufstieg, Gipfel, Abstieg eine gute Trias für eine Predigt. Das kann man sich merken. (vgl. Walter Jens (Hg.): Assoziationen, Gedanken zu biblischen Texten, Band 1, Radius Verlag Stuttgart 1978)

Es ist ja sicherlich keine ganz unübliche religiöse Metapher, das Leben als einen Weg zu bezeichnen. In dieser Hinsicht, wird der Bibeltext symbolisch verstanden. So Klaus Bannach (Peter Härtling (Hg.):Textspuren 1, Konkretes und Kritisches zur Kanzelrede, Radius Verlag Stuttgart 1990, Klaus Bannach)

„Irgendwie müssen wir ja unseren Weg finden. Und je mehr wir uns zurückziehen, desto mehr werden uns Worte und Bilder und Gesichter gleich wichtig oder unwichtig.Welterfahrung verliert ihre Konturen, ihr Auf und Ab, ihre Höhen und Tiefen. In dem grauen Einerlei suchen wir nach Haltepunkten, nach Aufsteigemöglichkeiten, nach Aussichten, nach Bergen, die aus dem Meer des einerlei herausragen.“ (S. 78)

„Wir müssen auf der Wanderschaft auch mal pausieren, Halt machen und schauen, wo wir angekommen sind und wo wir hinwollen. … Gott lüftet sein Geheimnis mitten in dieser Welt und eben nicht erst nach Ostern, wenn dem Tod sein Liedchen vorgespielt wird. … Und so ist es vermutlich ein Märchen, dass Gipfelerfahrungen Menschen untauglich machen für die mühselige Arbeit am Alltäglichen. Das Gegenteil ist wahr: ‚Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Stehet auf und fürchtet euch nicht.'“ (S. 80)

Mit Gipfelerlebnissen sind wohl herausragende Ereignisse gemeint, ein besonderer Gottesdienst, ein Kirchentag, ein Vortrag, ein Konzert, ein gute Buch.

„Das ist das Besondere an christlicher Spiritualität, dass sie nicht den einsamen beschwerlichen Weg sucht, sondern dass auch die Begegnung mit Gott nur gemeinsam geschehen kann oder, wenn schon allein und einsam, so doch nur im Kontext einer gemeinsamen Erfahrung.“ (S. 80)

Interessant ist der Kommentar für Jugendliche, der die Gipfelerfahrung und die Rolle Jesu im Starkult zusammenkommen lässt. (Hans Martin Lübking (Hg.): Gottesdienst für Jugendliche 1, Patmos Düsseldorf 1996, hier: Hans Werner Büscher, S. 54ff)

Davon ausgehend könnte ich mir als Einstieg die Fußball-WM denken: „Wir sind Weltmeister“. Der Weg zum Gipfel – der Sieg – das Abstieg und Neustart.

„Den Jüngern wird nicht die Vision eines Halbgotts gewährt, sondern die himmlische Stimme fordert sie auf, auf den zu hören, der ins Leiden und ans Kreuz gehen wird. Die Verklärung will aber zugleich darüber aufklären, dass Jesu Weg nicht im Tod enden wird, sondern die Klarheit des von Gott auferweckten Messias wird vorweggenommen. … „Verklärt“ werden nämlich Stars und Sternchen der Unterhaltungsindustrie. Ihre hellen Seiten werden gezeigt, die dunklen ausgeblendet.“ (S.54)

„Die Jugendlichen haben eine Straßenumfrage durchgeführt: Wer ist Jesus für Sie? Wundertäter, nur ein guter Mensch, der Sohn Gottes, der Reformer des Judentums usw. – Die Jünger kommen in den Kirchenraum und befragen die Gottesdienstbesucher: ‚Wer ist Jesus für Sie?'“(S.54f)

„Die drei Jünger, die Zeugen der Verklärung waren, überlegen, was diese Szene für sie bedeutet! Was bedeutet es, dass sie auf Jesus hören sollen? Werden sie klar kriegen, dass Jesu Weg ans Kreuz für sie ein Weg ins Heil ist? Oder werden sie nun gerade Jesus für einen Superstar halten?“ (ebd.,  S. 55)

Der hier zitierte Text von Wilhelm Willms (S.55)

(Wilhelm Willms, Der geerdete Himmel, Buttzon und Bercker, Kevelaer 1974,  2.6, die konsequente Kleinschreibung musste ich aufgeben, da die automatische Korrektur voreingestellt ist, ohne die von Willms gewählte Kleinschreibung konsequent durchzuhalten)

Jesus
du hast alles auf den Kopf gestellt
du hast die Frommen
der Unmenschlichkeit überführt
den Tempelbetrieb
und den Opferlärm
als Geschäftemacherei entlarvt
du hast bei samaritanischen Atheisten
eine neue Gläubigkeit entdeckt
du hast Dirnen und Zöllnern
mehr Sensibilität
nachgesagt für das Reich Gottes
als Schriftgelehrten und Hohenpriester
du hast Polizeivorschriften
bürgerliche Übereinkünfte
in Frage gestellt
und durchbrochen
du hast Tempelgesetze links überholt
und lächerlich gemacht
wenn sie sich zu wichtig nahmen
du hast dich zu allen
an den Tisch gesetzt
und alle zu dir an den Tisch geladen
in dir Jesus
sind gerade die Negativitäten
die Leerstellen
die blinden Stellen des Lebens
als Stellen Gottes sichtbar geworden

Jesus
du hast alles auf den Kopf gestellt
du hast deine Kirche geschüttelt
und so die Wahrheit neu und frisch
ans Licht gebracht
stelle auch uns auf den Kopf
schüttele uns
dass wir nicht so nach nichts schmecken
dass wir nicht ein Jesus-Gespenst sind
sondern lebendiger Jesus
der tote aus dem Schlaf weckt

„Die Verklärung ist die klarste Offenbarung der Göttlichkeit Jesu Christi, die Antizipation der Parusie. Die Apostel auf dem Berg sehen Gottes Sohn, dessen Göttlichkeit tief im Menschlichen verhüllt ist, Gott ist den Menschen nahe im Sohn. Jesus ist der endzeitliche Messias.“ (Jutta Konowalcyk-Schlüter in Gottesdienstpraxis A,I.1, GTVH Gütersloh 2014, S. 133ff)

Zu Bedenken: Liturgische Vorschläge und Liedauswahl…

Einige Sätze aus ihrem Predigtentwurf:

„Er hatte sie mitgenommen, seine engsten Vertrauten, an diesem hervorgehobenen Ort oben auf dem Berg, bei dem man glaubt, Gott näher zu sein als im Tal. Und sie sahen ihn und waren begeistert, voll des Heiligen Geistes. … Sie waren so lange ergriffen, bis die Stimme aus der Wolke ertönte: ‚Dieser ist…‘ …“ (133)

„Jesus gewährt den Seinen für den Moment auf dem Berg einen besonderen Einblick in die Tiefendimensionen des Göttlichen, die ihnen im Alltag verborgen bleibt und bleiben muss, damit sie den Anforderungen des Alltäglichen gerecht werden können.“ (134)

„Ich frage mich, wie Ihre Gesichter aussehen werden, wenn sie nach dem Gottesdienst nach Hause gehen? Auch sie müssen bald in ihr alltägliches Umfeld zurückkehren.“ (134)

(zitiert Friedrich (von) Schiller (1759-1805): „Wie wurde mir, als ich ins Innere nun der Kirchen trat und die Musik der Himmel herunterstieg und der Gestalten Fülle verschwenderisch aus Wand und Decke quoll, das Herrlichste und Höchste gegenwärtig von den entzückten Sinnen sich bewegte, als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen, den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn, …“ (135)

Nun noch einmal die Predigtstudien(Predigtstudien I,1, Kreuz Verlag Stuttgart 1990)

„Ich spüre, der Weg in das Geheimnis, der Zugang zur Vision erfordert Geduld, ist eine Zu-Mutung. Das Geheimnis birgt eine heilende, verwandelnde Kraft. Aber es hat auch eine gefährliche Sogwirkung. Das Bleibenwollen auf dem Berg gehört dazu. Die Sehnsucht nach Religion als einem festen Zuhause gehört dazu.“ (Helmut Herberg, S. 120)

„Wie begegnen wir unseren Lebenkrisen, dem Übermaß an Leid in der heutigen Welt? Von welcher Vision gehen wir aus? Wo sind unsere Berge der Verklärung, der Weitsicht, der Perspektive, der Vision?“ (ds., S. 123)

„Wenn die Dinge keinen Glanz mehr haben, steht ihre Destruktion unmittelbar bevor. … Das Problem, das damit angezeigt ist, ist der Verzicht Jesu, das Gewicht seiner Sendung zwingend zu erweisen. … ‚Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz. Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade nur so ist er bei uns und hilft uns‘ (Dietrich Bonhoeffer, Brief, 16.7.1944). Warum ist dieses Zurücktreten Gottes vor dem Menschen Hilfe? (Hans Kümmel, S. 125)

„Jesu Schwachheit und Leiden ist Gottes Mit-uns-sein in weltlicher Verborgenheit. So tut sich die Welt als Raum auf, in dem wir vor Gott leben dürfen. Et si deus non daretur. Das Hören tritt alsbald an die Stelle der visio beatifica (V.6).“ (ds. S. 126)

Predigt:

Einstieg: Wir sind Weltmeister, geworden! Aber was ist heute? Nach dem Spiel ist davor!

Alternative: Zur gelesenen Geschichte wird der Text von Konfirmanden vorgespielt. Der Berg ist sinnigerweise die Stufe vor dem Altar.

Narratio: Der Text als Bedeutungsgeschichte: Der Aufstieg, die Höhe, der Abstieg.

Entfaltung des Themas:
Mit Jesus gehen (siehe Willms)
Mit Jesus bei Gott sein (die Zeugnisse der Bibel, Erfahrunge der Nähe)
Mit Jesus in der Welt leben (Siehe Bonhoffer: „Der Gott der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt.“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, S. 533)

Schluss: Gott ist nicht fest da, Gott ereignet sich.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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