Nimm schwierige Erinnerungen mit Humor! Rezension von Emanuel Behnert, Lippetal 2015

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Rezension zu: Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft – Meine Kindheit und ich, gebunden Piper München 2014, ISBN 978-3-492-05700-4, Preis: € 19,99

cover kerkeling-10507Wer kennt sie nicht: Hannilein, Siggi Schwäbli, Beatrix, Miroslav Lemm (den Hurz-Sänger) Rico Mielke, Gisela, Uschi Blum, Eva van Dampen und last but not least Horst Schlämmer? Dem ein oder anderen sind wir sicher im Verlauf der Zeit das ein oder andere Mal begegnet. (S.29)

Rollen und Ausdrucksformen des deutschen Komikers, Autors, Schriftstellers, Schauspielers, Sänger und Synchronsprechers (Wikipedia, 30.01.2015) (Hans-Peter  Wilhelm) Hape Kerkeling. Vielfältige Ausdrucksweisen und Facetten eines bewegten und bewegenden Lebens und Schaffens, die das Publikum immer nur in Ausschnitten wahrnehmen kann, sicher oftmals ohne zu (hinter-)fragen, auch wenn manchen vielleicht manchmal genauer interessieren mag: Wer ist der, der da vor mir steht in den verschiedenen Rollen, der mich zu Lachen bringt und der – zumindest  für eine kurze Zeit – mich meinen Alltag vergessen lässt, wirklich? 

Sein neues Buch „Der Junge muss an die frische Luft“ zeigt uns den scheinbar so bekannten Entertainer von einer ganz anderen, für den Leser überraschend neuen, sehr bewegenden Seite. Denn wie auch schon in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“, das 100 Wochen ganz oben auf den Bestsellerlisten unseres Landes gestanden hat, gewährt Hape Kerkeling dem Leser auch in diesem Buch einen sehr tiefen, an vielen Stellen nahezu intimen Einblick in einen wichtigen Abschnitt seines Lebens, der ihn deutlich geprägt und zu dem hat werden lassen, der er heute ist.

„Ursprünglich sollte es die unterhaltsame Autobiographie eines schillernden deutschen Showstars werden. Ich wollte darüber schreiben, wie umwerfend und seligmachend das Gefühl ist, wenn man dem Publikum ein befreiendes Lachen entlockt. …. Nun habe ich – und das ohne jede Absicht – die Geschichte einer verlorenen Kindheit erzählt. Es musste vielleicht einmal alles gesagt werden.“ (S. 310 / 311)

In der Tat beschreibt Hape Kerkeling in den 311 Seiten seines neuen Buches vor allem seine Kindheit aus der Erfahrung des Todes seiner Mutter.  Zu einer Zeit, als er sie noch am Nötigsten gebraucht hätte. Auf sehr einfühlsame Weise beschreibt er in der Rückschau die Gedanken und Gefühle, die ihn und seine ganze Familie in jener Zeit zwischen Bangen, Hoffen, Zweifeln und Verzweifeln hin- und hergeworfen haben, bis nichts anderes blieb, als eine große Trauer. Eine große Trauer, aus der aber auch eine Kraft zum Neuanfang erwuchs, im Zusammenhalt der Familie. Das, was sich hier sehr rational anhört, wird von Hape Kerkeling durchaus sehr emotional (und er wäre nicht er, wenn es nicht so wäre), mit zum Teil viel Humor dargestellt. Ich als Leser kann mich sehr schnell hineingenommen fühlen in die Erlebnissituation des kleinen Hans – Peter Kerkeling. Der Autor lässt mich teilhaben an seinem Erleben und Empfinden. Allein das macht das Buch, trotz oder gerade wegen seiner nicht einfachen Thematik, zu einem gelungenen Buch, das trotz der Schwere des Themas ein Lesevergnügen darstellt.

Das mag vielleicht aber auch daran liegen, dass der Leser im Verlauf der Lektüre mehr über die tiefe Spiritualität Hape Kerkelings erfährt, in der sich manch einer geborgen und aufgehoben fühlt und fühlen kann. Auch wenn er es nicht ausdrücklich betont, kommt doch seine Verbundenheit zur Religion, seine kritische Position zum kirchlichen Christentum, aber vor allem auch seine bejahende Position zum Buddhismus an verschiedenen Stellen deutlich zum Ausdruck.

So beschreibt er  – für den Leser gefühlt in der Mitte des Buches – sehr intensiv, nahezu intim seine persönliche Begegnung mit dem Dalai Lama.

„Anlässlich einer Preisverleihung in Leipzig ergibt sich für mich 2007 die einmalige Gelegenheit, seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama begegnen zu dürfen. … Nachdem er Platz genommen hat, beginnt der Dalai Lama gut gelaunt in bestem Oxford – Englisch zu erzählen. … Bald allerdings gewinne ich den Eindruck, dass er jedem der Anwesenden im Laufe seines Vortrags etwas sehr Persönliches mitzuteilen hat, ohne dass die übrigen Zuhörer diese besonderen Botschaften auch nur ansatzweise dechiffrieren könnten…. Plötzlich wendet er sich mitten im Vortrag abrupt mir zu, hebt vorsichtig den Zeigefinger und sagt dann sehr ernst: < You know, the worst thing, that can happen to a child is to loose mothers love! There’s nothing worse than that!> Er schaut nun so, als könne er das von mir durchlebte Leid voll und ganz nachempfinden. Seine Heiligkeit hat mir direkt in die Seele gesprochen.” (S. 195 – 197)

Nicht nur an dieser Stelle des Buches kann der Leser die tiefe Spiritualität des scheinbar so bekannten Autors erahnen, der sich hier noch einmal in einer neuen spirituellen Vielfalt offenbart. Eine Spiritualität, die als Lebensgrundlage eine Kraftquelle darstellt, die es möglich macht, sich immer wieder neu den Schwierigkeiten des Lebens zu stellen, und auch zu den Überzeugungen zu stehen, die bei vielen nicht immer und unbedingt konform gehen mit den eigenen Überzeugungen.

Mit seinem Bekenntnis zu seiner Homosexualität und mit der liebenden Selbstverständlichkeit, mit der er sie in seinem Buch erwähnt, kann er durchaus vielen Mut machen, die sich heute noch scheuen, zu ihren wirklichen Gefühlen zu stehen.

Insgesamt ein Buch, das viele Menschen ermutigt. Sich dem eigenen Schicksal zu stellen und es in Segen zu verwandeln. Sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern immer darauf zu vertrauen, dass es einen Neuanfang und ein Morgen geben wird. Und das nicht als billige Vertröstung, sondern wirklich als tröstende Option mitten in erfahrenem Leid.                                                                                                 Aus der unmittelbaren Betroffenheit einer nicht einfachen Wegstrecke seines Lebens, an der er den Leser teilhaben lässt, lädt Hape Kerkeling jeden dazu ein, neu über sein je eigenes Leben und die damit verbundenen Probleme, Sorgen und Nöte – auch im Hinblick auf mögliche Lösungsansätze nachzudenken. Neben den spirituellen Grundlagen dieses Denkens werden dabei auch Werte angesprochen, die in unserer Zeit oft gar nicht mehr so eindeutig wahrnehmbar sind: Zusammenhalt im großen Familienverbund, Verantwortung für sich und für allem für diejenigen, die mir anvertraut sind, ein Lebensoptimismus, der nicht einfach nur billig ist, sondern wirklich auch in der Dunkelheit zu neuem Aufbruch einlädt.

Ein Buch, heiter und doch nachdenklich, für das ich Hape Kerkeling sehr dankbar bin.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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