Gedanken zum pastoralen Handeln in der Gegenwart, Emanuel Behnert, Lippetal 2015

Rezension zu: Benno Elbs: „Im Stallgeruch der Schafe – Wege pastoraler Arbeit im 3. Jahrtausend. Verlagsgruppe Styria (Wien / Graz / klagenfurt) 2014; ISBN 978-3-222-13462-3; 19,99€

„Auftrag und Mission der Hirten von heute: Wunden heilen, Seelen wärmen und vor allem den Stallgeruch der Schafe annehmen. Doch wie soll die Pastoralarbeit des neuen Jahrtausends konkret aussehen? Auf welches Gottes – und Menschenbild stützt sie sich. Und wie können die Chancen des Wandels genutzt werden?…“ (Umschlagaußenseite)

9783222134647_Cover_300dpi„Zwischen Individualisierung und Egotaktik ist die Kirche heute eine von vielen Stimmen auf dem Markt der Heilsangebote. Umso wichtiger wird eine Pastoralarbeit, die die Lebenssituation der Menschen entschieden vom Blickwinkel Gottes her betrachtet. Die Aussagen von Papst Franziskus verleihen – gestützt auf die Botschaft der Bibel – zudem einem Verständnis von Kirche Auftrieb, die eine neue Einfachheit und Bescheidenheit lebt und an die Ränder der Gesellschaft geht.

Eine Pastoral, die physischen und vor allem spirituell – geistige Räume schafft, in denen sich Heilung und Versöhnung ereignen können, muss die samaritanische, die prophetische, die familiäre, die kontemplative und die missionarische Dimension mit einschließen.“ (Umschlaginnenseite)

„Eine Erneuerung der Kirche und der Pastoral kann, so ist Bischof Benno Elbs überzeugt, nur im radikalen und vertrauenden Blick auf Gottes Wort und auf das Handeln Jesu geschehen.“ (Umschlagaußenseite)

Mit diesen Worten wird dem interessierten Leser die Grundlage des vorliegenden Buches nahegebracht. Auf dieser Grundlage, gleichsam dem Anliegen des Autors heraus, entwickelt Bischof Benno Elbs seine Gedanken zum pastoralen Handeln in einer Zeit der Zeitenwende. Dabei ist sicherlich mehr als der Übergang in ein neues Jahrtausend gemeint. Vielmehr wird durchaus auch der Übergang in die neue Gesellschaftsform der Postmoderne, aber auch der noch nicht näher bezeichneten Gesellschaft danach in den Blick genommen. 

Ausgehend von den mit mancherlei Veränderungen einhergehenden Lebens – und Gesellschaftsbedingungen der Gegenwart, was auch die metaphysischen und spirituellen Empfindungen vieler Menschen betrifft (Kapitel 1 und 2 des Buches), entwickelt der Autor Gedanken zum pastoralen Handeln in der Gegenwart, aber auch in der Zukunft.

Und auch, wenn es darum geht, dem Menschen in der Vielschichtigkeit seines Alltags annehmend, auf Augenhöhe und in der ihm von Gott gegebenen Wertschätzung zu begegnen, ist es dem Autor äußerst wichtig, das menschliche, das pastorale Handeln am und mit dem anvertrauten Menschen in Beziehung zu Gott selbst zu setzen.

So wird der Leser beispielsweise in Kapitel 3 an die unverwechselbare und unverlierbare Würde erinnert, die dem Mensch als göttliches Geschöpf verliehen worden ist, die heute aber im gesellschaftlichen Lebensalltag allzu oft verloren geht und erst wieder durch pastorales Handeln deutlich gemacht werden muss. Dabei geht es auch darum, dem Wort Gottes in unserer Zeit neues Gehör zu verschaffen, und ein neues Gespür für die Gegenwart Gottes in unserer Zeit, z.B. im Empfang der Sakramente. Pastorale Arbeit bei den Menschen heißt für den Autor darum auch: über die Veränderung aktueller Fragen, Anfechtungen und Not und den Beistand in diesen Lebenssituationen, mehr Raum deutlich werden zu lassen für die unmittelbare Präsenz Gottes im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft. Dieser durch und durch spirituelle, man mag schon fast sagen mystische Ansatz findet sich immer wieder an verschiedenen Stellen des Buches, das seinen Höhepunkt sicher im 6. Kapitel hat, das noch einmal den Titel des Buches aufgreift: „Seid Hirten mit dem Geruch der Schafe.“

Dabei wird auf ein bekanntes Zitat Papst Franziskus’ zurückgegriffen, dass er während einer Messe am 28. März 2013 an alle Priester zur Veränderung der eigenen Sicht, der Sicht der Kirche und ihrer Wahrnehmung von der Welt, in der Welt, gerichtet hat. (S.158) Das er im Verlauf mehrfach wiederholt hat und alle eingeschlossen hat, die in Verkündigung, Seelsorge, in der Verantwortung in der Kirche und für die Kirche tätig sind, damit letztlich auch an alle, die ihren Glauben lebendig und voller Interesse auch auf das Neue hin gestalten.

Sie alle, wir alle sind dazu aufgefordert uns authentisch von unseren geistigen / geistlichen Wurzeln her auf die Menschen einzulassen, uns zu ihnen in ihrem Lebensumfeld aufzumachen, auch auf die Gefahr hin, dass wir den Geruch dieses Umfelds nach und nach annehmen. Unser Augenmerk gelte dem Augenblick und dem Ziel, die Situation der uns anvertrauten Menschen ernst zu nehmen und sie dort, wo es nötig ist dahingehend zu verändern, dass die immanente Würde des Menschen jederzeit deutlich wird. Dabei darf es durchaus aber auch so sein, dass wir nicht vollkommen sein müssen, sondern Fehler machen dürfen, die uns nicht dauerhaft niederringen, sondern uns mitunter eine neue Perspektive auf einen anderen Weg hin eröffnen. (s.S.157 – 181)

Diese seelsorgerlichen Gedanken werden immer wieder auf sehr feinfühlige und intensive Weise auf die Grundlage biblischer Überlieferungen gestellt. Stichwort „Fehler machen“: Mt. 26,69 – 75: Fehler werden mir zugestanden, ich werde an ihnen nicht zerbrechen, am Ende wird es nur darauf ankommen, wie ich auf die Frage antworte: „Liebst du mich?“

Verantwortung teilen können: Ex.18, 13 – 24: ein erstes Programm gegen Überforderung und Burn – Out. Dazu gehört auch, sich Zeiten der Ruhe und des Rückzugs zu gönnen: Mt. 21,12 – 17. Nur einige, im Buchverlauf noch deutlich ausführlicher angeführte Beispiele, die auch heute noch unser Leben in einen konkreten biblischen Bezug einzubinden vermögen.

Über diese Einbindung des konkreten pastoralen Handelns in den biblischen Kontext hinaus, lehnt sich der Autor in vielen Bereichen des Buches sehr stark an das Apostolische Schreiben Papst Franziskus’ Evangelii Gaudium vom 24. November 2013 an. Dieses Schreiben leuchtet im gesamten Buchverlauf immer wieder auf. Das Buch selbst kann man durchaus auch als Hommage an die bisherigen Leistungen und die bisherige Amtsführung des aktuellen Pontifex Maximus interpretieren und verstehen.

Dabei ist es allerdings, vor allem in den Bereichen, in denen bevorzugt Statistiken und allgemein soziologische, psychologische gesellschaftspolitische Ergebnisse und Erkenntnisse präsentiert werden, teilweise etwas langatmig, vor allem für den Leser, der sich auf das theologisch – spirituelle Thema konzentrieren möchte. Aber gerade dieser gut durchdachte und sehr schön formulierte Themenkomplex in einer wertschätzenden, offenen, die dahinter stehende Spiritualität ahnen lassenden Sprache, ohne sie dem Leser überzustülpen, machen dieses Buch wirklich lesenswert. Diese Gedanken laden zum bewussten Neuaufbruch ein. Nicht nur die katholische Kirche, sondern Kirche an jedem Ort und jeden Einzelnen, der sich der Kirche und ihren Gedanken, ihrem Empfinden verpflichtet fühlt und diese in seinem Lebensumfeld umzusetzen wagt.

Dazu wird Joop Roeland (OSA 1931 – 2010) mit dem für ihn bekannt gewordenen Zitat im Buch wiedergegeben (S. 165): „Die Kirche möge das Lächeln wieder lernen. Wir brauchen nicht so viele Mahnungen. Die Kirche sollte weniger Ängste haben, sondern mehr Vertrauen auf Menschen und wohl auch auf die Gnade Gottes. Bei Günter Grass heißt es, dass die Leute einmal gegen alle Ängste des Lebens das Pfeifen erfunden haben. Christen sollen das Pfeifen wieder anfangen. Die Kirche sollte Kurse anbieten, in denen man das Pfeifen wieder lernt, Schulungen in jener Sorglosigkeit, die uns Jesus empfiehlt… Tagungen, wo das Sehen wieder gelernt wird und  die Augen und das Herz sich wieder frei öffnen für Gutes und Schönes.“

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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