Predigt über Markus 10, 35 – 45, Christoph Fleischer, Welver 2015

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Markus 10,35-45 (Gute Nachricht Bibel) zum Sonntag Judika 2015 (gehalten in Soest-Meiningsen und Möhnesee-Günne)

35 Da gingen Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, zu Jesus hin und sagten zu ihm: »Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst!« 36 »Was möchtet ihr denn?«  fragte sie Jesus.  »Was soll ich für euch tun?« 37 Sie sagten: »Wir möchten, dass du uns rechts und links neben dir sitzen lässt, wenn du deine Herrschaft angetreten hast!«

38 Jesus sagte zu ihnen: »Ihr wisst nicht, was ihr da verlangt! Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? Könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?«

39 »Das können wir!« sagten sie. Jesus erwiderte: »Ihr werdet tatsächlich den gleichen Kelch trinken wie ich und mit der Taufe getauft werden, die mir bevorsteht.  40 Aber ich kann nicht darüber verfügen, wer rechts und links neben mir sitzen wird. Auf diesen Plätzen werden die sitzen, die Gott dafür bestimmt hat.«

41 Die anderen zehn hatten das Gespräch mit angehört und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus alle zwölf zu sich her und sagte: »Ihr wisst: Die Herrscher der Völker, ihre Großen, unterdrücken ihre Leute und lassen sie ihre Macht spüren.

43 Bei euch muss es anders sein! Wer von euch etwas Besonderes sein will, soll den anderen dienen, 44 und wer von euch an der Spitze stehen will, soll sich allen unterordnen.

45 Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle Menschen hinzugeben.«

Liebe Gemeinde,

der Weg Jesu mit den Jüngerinnen und Jüngern führt nach Jerusalem. Das kann verschiedene Gründe haben. Jerusalem ist der Ort des Tempels. Doch dass Jesus dort opfern wird, ist kaum anzunehmen. Wahrscheinlicher ist schon, dass er die Gelegenheit nutzen möchte, zu vielen Menschen zu sprechen, die sich im Tempel oder in der Nähe des Tempels versammeln. Doch die Jünger rechnen mit mehr. Wird Jesus seine Ankündigung wahrmachen und die Macht übernehmen, wie man sich das auch immer vorstellen mag? Der Messias ist erschienen, nicht zum ersten Mal. Aber Jesus, der Jehoschua heißt, Gott rettet, wird seinem Namen alle Ehre machen. Er wird das Land den Römern wegnehmen. Der Messias ist der Gesalbte, auch Griechisch Christos, und damit ist er eigentlich ein Nachfolger des letzten israelitischen Königs. Jesus von Nazareth hat allerdings völlig anders vom Reich Gottes gesprochen. Das Reich Gottes kann schon irgendwo verborgen da sein. Er hat in Gleichnissen vom Reich Gottes gesprochen. Hat es mit einem Samen verglichen, der im Verborgenen keimt. Das Gottesreich kann mitten in der Welt anbrechen. Es ist im Sinne Jesu eine religiöse Botschaft, die gleichwohl die Welt verändert. Braucht dieses Gottesreich Minister, braucht es eine Regierung? Gibt es einen unterschiedlichen Rang? Gibt es eine Form der Herrschaft oder der Gewalt? Was bedeutet es in der Kirche Verantwortung zu tragen?

Jesus scheint für diese ganzen hochinteressanten Dinge keinen rechten Sinn zu haben. Für die Verteilung von Machtposten erklärt er sich nicht zuständig, und zu den Problemen, die in jeder Gruppe, die über längere Zeit besteht und sich zwangsläufig ausdifferenziert, auftauchen, stellt er nur rätselhaft apodiktische fest: „Unter euch ist es nicht so.“ Schön wär´s. Ein Gegenmodell zur Herrschaft entwirft er nicht. Natürlich hat die Nachfolgegruppe Jesu aus den Worten vom Dienen ein solches Gegenmodell entwickeln und Herrschaft über „Dienst“ …legitimieren wollen. Das ist oft aber auch nur eine andere Sprache für die gleiche Form von Herrschaft.

Dietrich Bonhoeffer sagte 1933 in einem Radiovortrag, der abgeschaltet worden ist: „Der Mensch und insbesondere der Jugendliche wird so lange das Bedürfnis haben, einem Führer Autorität über sich zu geben, als er sich selbst nicht reif, stark, verantwortlich genug fühlt, den in diese Autorität verlegten Anspruch selbst zu verwirklichen.“  (Quelle: Dietrich Bonhoeffer Auswahl, Band 2, Gegenwart und Zukunft der Kirche, 1933-1935, Gütersloher Verlagshaus 2006, S. 49)

Das Problem ist, dass Ordnung und Verantwortung ein Gegenüber brauchen, in gewissem Sinn ein Oben und ein Unten. Doch dies kann nicht im Sinn von Herrschaft funktionieren. Niemandem ist damit gedient, dass sich ein Mensch einfach nur führen lässt. Heute brauchen wir Menschen, die eigene Verantwortung übernehmen und eigenständig dienen und glauben. Glaube im Sinn Jesu setzt immer die Gleichberechtigung aller voraus. Aus dem Glauben folgt keine Herrschaft. Auch nicht im Denken und im Handeln. Jeder ist für seinen Glauben selbst verantwortlich. Was ist dann Jesus, ist er Führer, ideell etwa? Jesus gibt uns seine Worte und geht mit uns. Die Entscheidung darüber, was diese Worte konkret bedeuten, hat jeder selbst zu treffen. Das Leben im Glauben liegt in unserer Verantwortung. Das ist die Lösung: Die Herrschaftsstruktur der Staaten funktioniert wie eine Delegation von Verantwortung auf den „Führer“ und den „Herren“. So arbeitet die Kirche nicht. Kelch und Taufe, das hat jeder selbst zu vollziehen. Das Prinzip der Herrschaft wird durch das Prinzip der Freundschaft ersetzt. Hierzu passt ein Zitat Hans Jonas’:
Vor allem aber darf das Laster nicht ermutigt werden, und das wird es zum Beispiel in Despotien, und in totalitären Despotien am totalsten: bei den Herrschenden Willkür und Grausamkeit, bei den Beherrschten Feigheit, Heuchelei, Verleumdung, Freundesverrat, Hartherzigkeit, zumindest fatalistische Gleichgültigkeit – kurz alle Laster der Angst und des Überlebens um jeden Preis….“  (Quelle: Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt/M. 1979. Neuauflage als Suhrkamp Taschenbuch, 1984. S. 299)

Was heißt es, Jesus nachzufolgen, seine Taufe und seinen Kelch zu übernehmen? Zukunftsträume: Was möchte ich erreichen? An welche Position wünsche ich mich? Egoistische Zukunftsträume führen zu Unfrieden und Streit. Dann ist oft auch Macht im Spiel. Jesus sagt dazu: So soll es unter euch nicht sein! Er gebraucht in diesem Zusammenhang die Worte Taufe und Kelch, die  eigentlich als Sakramente der Kirche bekannt sind. Sakramente werden hier negativ gedeutet, als Schicksal des Leidens. Als Mitleiden mit Christus. Auch diese Bedeutung der Sakramente sollte nicht aus dem Blick verloren werden. Aber nicht als Mittel der Verehrung Jesu, sondern als Hilfe, um mit Jesus zu leben und ihm nachzufolgen. Wir werden daran erinnert, uns zu fragen: Was bedeuten Taufe und Abendmahl? Wir wissen, dass von Jesu Leiden und Sterben her ein Licht auf Taufe und Abendmahl fällt. Hier bedeuten beide dasselbe: Mit Jesus in dieser Welt zu leben und bis zum Leiden für Gott einzustehen. Taufe und Abendmahl sind kein Zeichen der Verehrung, kein Opfer, sondern ein Zeichen der Gemeinschaft mit Jesus. Die Bedeutung ist bei beiden gleich: Gott ist auf unserer Seite, Gott dient uns durch Jesus.

Zurück zum Anfang: Der Text fasst die Fragen auf dem Weg Jesu nach Jerusalem zusammen mit der Frage nach Macht und Nachfolge auf dem Weg des Glaubens. Hierzu ist es wichtig, sich den Sinn des Sterbens Jesu am Kreuz genau erklären zu können. Da das Sterben Jesu in diesem Text vorweg angesprochen wird, möchte ich uns zum Schluss einen Text von Gerd Theißen lesen, aus einem kritischen Katechismus: „Jesus wurde verurteilt und gekreuzigt:
Er war ein Opfer von Konflikten zwischen Herrschern und Beherrschten,
Land und Stadt, Armen und Reichen. Er litt unter Gottes Verborgenheit.
Er schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ (Markus 15,34) Wollte er verzweifelt schreien: Wozu hast du mich verlassen? Welchen Sinn hat diese Qual? Gerade deshalb hat diese Sinnlosigkeit einen Sinn für uns. Gott versichert auch Jesu Sterben: Ich verlasse Euch auch in Gottverlassenheit nicht.

Viele hofften, Jesus werde der neue König sein. Mit ihm sollten Friede und Freiheit beginnen. Doch Jesus wollte nicht herrschen.
Er sagte: Machthaber herrschen über ihre Völker. So soll es unter euch nicht sein. „Wer der Erste ist, soll bereit sein, der Letzte zu werden.“ (Markus 10, 43f)

Jesus wurde der Letzte durch seinen Tod am Kreuz. Gerade deshalb starb er für uns. Gott verkündigt durch seinen Tod: Ich erwähle, was in der Welt nichts ist, und mache zunichte, was groß in ihr ist. Was in der Welt gilt, gilt nicht für euch.

Als Jesus verurteilt wurde, wurde ein anderer freigelassen (Markus 15, 6-15), die Jünger flohen, verrieten, verleugneten ihn. Sie suchten ihr Heil, indem sie Jesus opferten. Sein Sterben wurde Lebensgewinn für viele.

Christen erkennen: Er starb nicht nur für die, die ihn verrieten. Er starb für uns. Er starb für alle. Dass Menschen andere Menschen für sich sterben lassen, ist nicht Grund der Erlösung. Es ist das Unheil, das nach Erlösung schreit. Von jenseits der Todeskreuze hören wir die Botschaft: Das ist Sünde, die Bereitschaft, andere Menschen für sich sterben zu lassen. Doch Gott verkündigt durch Christi Tod: Davon will ich euch befreien.

Ihr seid nicht dazu verdammt, auf Kosten anderer zu leben. Ihr dürft für andere leben. Denn auch Christus ist nicht nur gestorben, sondern lebt für euch. Darum dürft auf ihr leben und im Leben für andere da sein.“ (Quelle: Gerd Theißen, Glaubenssätze, ein kritischer Katechismus, Gütersloh 2012, S. 191-192).

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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