Predigt über Johannes 19, 16 – 30, Karfreitag, Christoph Fleischer, Welver 2015

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Zu Beginn der Predigt wird der Bibeltext abschnittsweise gelesen und dazu die Meditationen zum Predigttext von Wilhelm Willms, aus: Leidensgeschichte nach Johannes, evtl. mit Lektor/in im Wechsel. (Wilhelm Willms: Der geerdete Himmel, Verlag Button & Becker, Kevelaer 2. Auflage 1976, Text 9.1)

St. Petri, Soest, Copyright Andreas Blauth http://andreas-blauth.blogspot.de
St. Petri, Soest, Copyright Andreas Blauth http://andreas-blauth.blogspot.de

Lesung: Johannes 19,16 – 22: 16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber 17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Meditation: ja/ ob es stimmt oder nicht/ was ich geschrieben bleibt geschrieben/ das geschriebene wird abgöttisch verehrt/ o pilatus/ an solchen lapalien willst du/ deine existenz aufrichten/ daran zeigst du wer du bist/ Buchstaben verteidigen wir aufs blut/ jesus/ den lebendigen menschen lassen wir fallen/ im handumdrehen/ ja pilatus/ du bist auch ein mensch/ wie wir/ aber eigentlich hatten wir erwartet/ viel mehr/ du hast uns alle verraten/ uns alle fallen lassen/ denn der da/ der steckt in uns allen/ in uns allen/ ja

Lesung: Johannes 19, 23 – 24: 23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Meditation: sie ziehen dich aus/ du brauchst kein kleid/ kein feigenblatt/ kein tierfell/ du brauchst dich nicht zu verstecken/ du bist kein adam/ du bist keine eva/ du bist ein neuer adam/ dein kleid ist deine haut/ deine kleid ist was du bist/ du brauchst nichts mehr dazu/ du hast ja nichts verloren

sie wollten dich verspotten/ sie wollten dir die schamröte/ ins gesicht treiben/ aber ohne es zu wissen/ haben sie den ursprünglichen/ glanz des menschen/ sichtbar gemacht/ statt der schamröte/ strahlt durch alle erniedrigung/ gottes glanz aus deinem antlitz/ spielt gottes herrlichkeit/ um deinen leib/ du stehst in der gloriole des menschen/ neuer adam/ du stehst in der gloriole gottes/ du gottes sohn/ auf dir liegt gottes gnade wie gold

und wir/ wir suchen feigenblätter/ in immer neuen variationen/ schreien von mode zu mode/ nach neuem kleid/ nach neuem kostüm/ und verstecken uns/ weil EINER ruft/ mensch wo bist du
du jesus/ stehst da/ wie am anfang/ wie im ursprung

Lesung Johannes 19, 25 – 30: 25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. 30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.

Meditation: haben wir richtig gehört/ wer stand  beim kreuz/ ich dachte… ich dachte –  die und die/ und der und der/ die vorher so wichtig taten/ petrus/ der erste/ der erste papst/ offizielle Kirche/ beim kreuz/ unter dem kreuz/ aber das hätte ich wissen müssen/ die waren alle in bethlehem auch nicht da/ die spielen mit toten buchstaben/ mit paragraphen/ wer steht denn unterm kreuz/ eine frau/ eine verrufene/ eine verworfene/ und wie steht sie da/ weinend/ jetzt hat sie niemanden mehr/ der sie für voll nimmt/ niemanden/ der sie nimmt wie sie ist/ der sie erlöst/ noch eine frau steht da

und die mutter/ ja die mutter/ die hat ihn getragen/ immer getragen bis jetzt/ manchmal hat sie ihn nicht verstanden/ vor allem nicht/ dass er sterben sollte/ der so gut war/ das hat sie nicht verstanden/ aber getragen hat sie ihn/ auch wenn sie ihn nicht verstanden/ aber sie weiß – die mutter/ dass er lebt/ das weiß sie ganz genau/ und sie sagt es allen weiter – / er lebt/ er lebt/ er lebt/ und wie sie es sagt/ so glaubwürdig/ sie sagt es immer noch/ die mutter/ er lebt/ er lebt/ die kirche/ da wo sie wirklich mutter ist/ er lebt/ er lebt/ mit viel freude sagt sie es/ mit viel phantasie/ die kirche/ wenn sie wirklich mutter ist/ mit viel hoffnung/ sagt sie es – / er lebt er lebt er lebt

Liebe Gemeinde,

die Meditation zum Predigttext von Wilhelm Willms endet mit dem dreifachen „er lebt“. Das ist schon erstaunlich an einer Geschichte, die den Tod eines Menschen genauer beschreibt.

So beschreibt es auch Frauke Stein: „Kein anderes Evangelium wagt es, tiefstes Leid und höchsten Sieg, wirklichen Tod und wahres Leben, Erniedrigung und Inthronisation so eng zu verknüpfen wie das Johannesevangelium in seiner Passionsgeschichte: Im Tod am Kreuz wird Jesus als König offenbar. Ohne die furchtbare Realität der Kreuzigung preiszugeben, erzählt Johannes in mehreren aufeinanderfolgenden Szenen, wie Jesus gerade den Sieg über die Macht des Todes erringt.“ (Gottesdienstpraxis Serie A, 1. Perikopenreihe, Band 2, Frauke Stein, S. 86f)

Dazu lassen sich aus der Kreuzigungsgeschichte des Johannes folgende Beispiele anführen:

Jesus trägt sein Kreuz selbst (V. 16 – 18) und das Kreuz Jesu hat seinen Ehrenplatz in der Mitte. Man denke an die mittelalterlichen Altäre wie dem in der Soester Wiesenkirche, in denen dies dadurch noch verstärkt wird, dass das mittlere Kreuz dann noch etwas höher erscheint.

Pilatus streitet mit den Hohenpriestern über den „Titel“ Jesu am Kreuz, der nicht nur die Bezeichnung Jesu als König der Juden enthält, sondern auch in drei Sprachen geschrieben ist  (V. 19 – 22). Wird Pilatus unabsichtlich so schon zum Missionar, über die Sprachgrenzen Israels hinaus oder zeigt einfach Johannes als der Erzähler hier dies an?

Das Spiel der Soldaten offenbart das Leid des Gekreuzigten, der seinerseits das Vermächtnis der Liebe vererbt (Mutter – Johannes) (V. 23 – 27). Das zeigt einen Menschen, der in tiefstem Leid in der Lage ist, souveräne Entscheidungen zu treffen und Anweisungen auszusprechen.

Der letzte Satz Jesu betont hier keinesfalls das Leiden, sondern lautet schlicht: „Es ist vollbracht“ und sagt damit: Gott ist da. Er hat das letzte Wort, nicht der Tod, nicht die Machthaber.

Damit zeigt Johannes in seiner Kreuzigungsgeschichte, dass es darauf ankommt, „im tiefsten Leid die höchste Würde zu wahren.“ (ebd.)

Wie bereits angedeutet, kommen mir zu dieser bewussten inhaltlichen Gestaltung des Todes Jesu durch Johannes die vielen Altarbilder in den Sinn, die einzelne Aspekte auch dieser Geschichte darstellen.

P1000721 Ausschnitt Kreuz KopieDa ist das Kruzifix des 20. Jahrhundert voller Mitleid. Jesus ist nicht nur einer der Leidenden, er leidet für und mit den Menschen. So zeigt Karel Niestrath am Denkmal für die Opfer des Faschismus in der Dortmunder Bittermark den Gekreuzigten zusammen mit den Vergasten und im Krieg gequälten Menschen. Der Gekreuzigte hebt sich fast ab vom Kreuz  und senkt sich mit einem seiner Arme ganz zu den Leidenden herab. Dieser mitleidende Christus ist heute sehr bekannt. Er ist aber nicht der Gekreuzigte des Johannesevangeliums.

Hier sehe ich eher ein romanisches Kruzifix wie z. B. den Gekreuzigten in der Georgskirche in Dortmund-Aplerbeck aus dem 12. Jahrhundert (oder eigenes Beispiel). Schon in der darauf folgenden Gotik und danach in der Renaissance wird der Gekreuzigte wieder ganz zum Sterbenden und Leidenden, wie er beispielhaft gestaltet wurde von Tilman Riemenschneider oder Matthias Grünewald. Aber in der Romanik zuvor, da war der Gekreuzigte noch im Sterben aufrecht stehend und keinesfalls mit geneigtem Haupt. Die Dornenkrone hat er nicht abgesetzt und trägt sie, wie eine richtige Krone.

Er starb mit den Worten „Es ist vollbracht“ auf den Lippen. Voller Würde und menschlicher Macht hat er das Leiden erlitten und uns Gott so näher gebracht. Es ist vollbracht. Der König der Juden wurde umgebracht. Der Weg zu Gott ist bereitet: „…fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ (wie in der Lesung aus Jesaja 53 schon gesagt wurde). So ist das romanische Kruzifix. Dieser Mensch am Kreuz trägt sein Leiden in aller Würde, ist noch im Tod ganz König und Messias. Der Messias sollte für sein Volk kämpfen, was soll’s, dass er es nicht vermochte? Dieser Sieg ist noch größer als alles, was mit Gewalt zu erreichen wäre: Er stirbt nicht nur für sein Volk, sondern gleich für alle Menschen, für alle die auf ihn vertrauen und durch ihn auf Gott, das sind seine Schwestern und Brüder. (Und die Offenbarung des Johannes wird dann zeigen, dass der letzte Sieg noch kommen wird.)

Schon am Kreuz ist Jesus der Held, der das Leiden zur Überwindung gestaltet. Das kann auch in jeder Situation, die uns im Leiden sprachlos macht, schon angedeutet werden: „Wenn der Tod ins Nichts stürzt, macht er stumm. Ist aber das Ende der Durchgang zu einem neuen Leben, kann man nachher davon erzählen. Der Evangelist Johannes erzählt, dass Jesus den Weg in den Tod geht. Und er erzählt so, dass deutlich wird: Dieser Weg zum Ende des Todes führt durch den Tod hindurch zu einem neuen Leben.“ (Textspuren 1, Konkretes und Kritisches zur Kanzelrede, Hrsg. von Peter Härtling, Radius Verlag Stuttgart 1990, Marie-Luise Kling-de Lazzer, S. 115)

Dies wird hier bei Johannes dadurch erreicht, dass er keinen schlichten Todesbericht abgibt, sondern dass er die Erzählung bewusst so gestaltet bis hier zu einer fast skurrilen Vitalität und Bewusstheit des Sterbenden. Dieser Jesus verstummt nicht oder stirbt schmerzvoll schreiend, sondern vollendet im Tod seine Sendung.

Dieser Tod ist schon zum Sieg geworden, bevor er vollzogen ist.

Diese Kreuzigung ist schon ganz Evangelium, wie in den Briefen des Paulus angedeutet. Umso überraschender ist, dass es in der frühen Christenheit kein überliefertes Kruzifix gibt (wie in den römischen Katakomben).

Immerhin, diese Kreuzigung gibt schon so etwas wie ein Vermächtnis des Erlösers an die verschiedenen Strömungen der Urgemeinde.  Interessant ist, dass Rudolf Bultmann das Wort des Gekreuzigten an den Lieblingsjünger und an seine Mutter als Versöhnungswort an die verschiedenen Strömungen der frühen Kirche gedeutet hat. Bultmann sieht in der Vereinigung zwischen Johannes und der Mutter Jesu als Sohn und Mutter eine symbolische Ermahnung an das Heidenchristentum, das ursprüngliche Judenchristentum zu achten: „Ohne Zweifel hat diese Szene einen symbolischen Sinn. Die Mutter Jesu, die am Kreuze ausharrt, stellt das Juden-Christentum dar, das den Anstoß des Kreuzes überwindet. Das durch den Lieblingsjünger repräsentierte Heidenchristentum wird angewiesen, jenes als seine Mutter, aus der es hervorgegangen ist, zu ehren, und jenem wird geboten, sich innerhalb des Heidenchristentums ‚zu Hause’ zu wissen.“ (Das Evangelium des Johannes erklärt von Rudolf Bultmann, 11. Auflage Göttingen 1950, S. 520).

Wenn wir uns von der Vorstellung lösen, dass die Berichte der Evangelien die Fakten darbieten, sondern dass diese Fakten schon ausgewählt und mit Deutungen versehen sind, dann haben wir hier in der Kreuzigungsgeschichte des Johannes ein Text, der die Botschaft des neuen Lebens mit der Kreuzigung verknüpft, der die weltweite Verbreitung der Botschaft Jesu schon andeutet.

Der zeigt, dass Jesus in seinem Tod vollendet hat, was er bewirken wollte und keinesfalls gescheitert ist. Dann hören wir schon jetzt die Ankündigung des neuen Lebens, dass der Auferstandene in seiner Kirche (und in der Welt) führt.

Der Gekreuzigte zeigt, dass in dieser Kirche Menschen einander nah stehen werden, die zuvor weder miteinander verwandt waren noch etwas miteinander zu tun hatten. Jesus führt Menschen zusammen, weil er ihnen in seinem Tod die Gemeinschaft in Gottes Reich vermittelt. Jesu Tod ist das Zeichen der Versöhnung, die dann natürlich auch im menschlichen Miteinander vollzogen werden sollte. In jedem Abendmahl, in jeder Predigt und in jeder Taufe wird diese Versöhnung Gottes immer wieder neu zugesprochen und darf dann auch im Alltag vollzogen werden.

„Das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen, wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.“

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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