Predigt zur Osternacht 2015 über Matthäus 28, 1-10, Christoph Fleischer, Welver 2015

Predigt über Matthäus 28, 1-10 (Der Text wird gesungen vorgetragen)

1Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

5Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

9Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Liebe Gemeinde!

Der Liederdichter und Pfarrer Wilhelm Willms hat in einem seiner Texte zum Osterfest die Symbole und Bilder dieser Auferstehungs-Überlieferung in den Zusammenhang unserer Alltagsrealität gebracht.

Wilhelm Willms, der geerdete Himmel, Wiederbelebungsversuche, Meditationen,Bilder, Geschichten, Texte, neue Lieder, Button und Becker, Kevelaer 2. Auflage 1976, 10.5

anweisungen (für christen)/ zur auferstehung

  1. lass dich festnageln/ und bleib nicht unverbindlich
  2. schrei laut/ wenn man dich aufs kreuz gelegt hat/ lass dich nicht totschweigen/ nur laut und deutlich kannst du den geist aushauchen/ artikuliere den geist/ in einer sprache/ wie sie auf der straße/ gesprochen wird/ nur wer sich festnageln/ und kreuzigen lässt/ kann den geist aushauchen/ ausströmen/ sturm entfachen/ pfingststurm
  3. lass dich begraben/ aber lass dich nicht einbalsamieren/ nicht mumifizieren/ bleib lebendig/ bewege dich/ deine bewegungen werden andere/ bewegungen auslösen/ lass dich begraben/ nur das weizenkorn das begraben wird/ das in den dreck fällt/ wird sich vermehren/ wird auferstehn
  4. steh auf/ wenn dich etwas umgeworfen hat/ steh auf/ wenn ein anderer besser deinen platz/ ausfüllt/ auch das ist auferstehung/ steh auf/ gerade wenn du meinst/ du könntest nicht aufstehen/ der stein vor deinem grab/ wird sich von selbst fortbewegen/ es wird dir ein stein vom herzen/ fallen
  5. fürchte nicht/ es könnte nicht weitergehen/ es wird weitergehen
  6. geh mit dem kopf durch die wand/ aber nicht bloß mit dem kopf/ für uns wird es nie offene türen geben/ merk dir das besonders
  7. zeige nie dass du recht hast/ verzichte darauf rechte gehabt/ zu haben
  8. dränge dich nicht auf als wissender/ wissende gibt es sowieso nicht/ in diesen fragen auf tod und leben/ geh als fremder mit/                du hast als fremder mehr chancen/ gehört zu werden/ glaube nicht an jerusalem/ nicht an rom/ nicht an moskau/ nicht an peking/ nicht an washington/ nicht an oben/ geh nach emmaus an den rand/ unterwegs werden dir im gespräch/ die augen aufgehen
  9. komm als gärtner/ als straßenkehrer/ als schaffner/ als kellner/ du findest in der stehbierhalle/ offenere ohren/ als an heiliger stätte
  10. geh weit voraus/ und habe keine sorge/ sie könnten nicht mitkommen/ nicht nachkommen/ streu krumen hinter dich/ mach alle ostergeschichten wahr/ und frage nicht ob sie wahr sind/ probier sie aus/ ob sie auf dich passen/ sie passen auf dich/ sie sind keine totengeschichten/ probier sie/ dann wirst du sehen – es sind wahrsagegeschichten

Eigentlich ist die Auferstehung Jesu Christi ein ganz und gar kirchliches Ereignis. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es auch den Umgang mit Tod und Sterben nicht ganz unwesentlich beeinflusst hat. Daher noch eine Zusammenfassung eines Kommentars zu unserem Evangelium in dieser Hinsicht:

Die Auferweckung des Gekreuzigten bestätigt den Glauben an die Auferstehung und ist nicht deren Erfindung oder Begründung. Die Auferweckung Jesu ist also ganz wie Paulus auch meint, die Auferstehung eines Toten. Die Auferweckung wird damit vom „jüngsten Tag“ weggenommen und auf den Tod direkt vorverlegt. Das Warten auf das jüngste Gericht und auf das Reich Gottes muss also erst später wieder zur einer Veränderung geführt haben. Hier in der Ostergeschichte ist der Auferstehungsglaube neu begründet worden mit Jesu Auferweckung durch Gott.

Auf den ersten Wegen der Trauer machen die Jüngerinnen und Jünger Erfahrungen, die sie an Jesus selbst erinnern. Darin ist er selbst lebendig und gegenwärtig. In den Auferstehungsgeschichten ist es die Erfahrung der Frauen, der Jüngerinnnen Jesu, die auch bei der Kreuzigung und der Grablegung anwesend waren.

Darin spielt das Visuelle eine große Rolle. Oft ist vom Sehen des Auferstandenen die Rede, auch in Bezug auf Galiläa und den Weg dorthin. Die Jüngerinnen und Jünger werden Jesus auf dem Weg begegnen. Man kann den Verstorbenen, die Verstorbene „Sehen“, dass heißt wahrnehmen. Sogar visuelle Begegnungen sind möglich (Visionen). Viel häufiger ist wahrscheinlich das Hören einer inneren Stimme, die an die Verstorbene, oder den Verstobenen erinnert. Trauernde hören eine Stimme manchmal ganz unmittelbar oder haben das Gefühl der Nähe.

Doch ist eine solche Trauererfahrung schon Auferstehung? Die Auferstehung ist eine symbolische Deutung, die aber mit der Erfahrung des göttlichen Handelns verbunden ist: Gott schenkt jenseits des Todes neues Leben.

Das Grab ist leer, da es nicht der Ort ist, an dem man dem Menschen in seiner Auferstehungsgegenwart begegnet. Dem Auferstandenen begegnet man im Leben, auf dem Weg. Das Grab ist maximal ein Ort des Gedenkens.

Die Verkündigung des Boten am Grab wird durch die Erscheinung des Auferstandenen selbst bestätigt. Damit ist die lebendige Gegenwart des Auferstanden sogar ganz von seiner körperlichen Gestalt unabhängig. So sagte der ehemalige Bischof von Berlin und EKD – Vorsitzende Wolfgang Huber in der Erinnerung an die Trauerfeier für die Opfer eines Flugzeugabsturzes, bei dem alle Opfer im Meer versunken waren, dass man nur Namens-Tafeln auf den Altar-Stufen der Kirche aufstellte und die Menschen nach der Trauerfeier an diesen Namensschildern vorbei gegangen sind und Blumen abgelegt haben. Dabei sei es genauso ergreifend und persönlich gewesen, wie bei der Anwesenheit eines Sargs oder einer Urne.

Ich möchte dies einmal mit einer persönlichen Erfahrung verdeutlichen:

Eine entscheidende Wende im Verständnis von Tod und Grab erlebte ich beim Tod meiner Mutter. Obwohl wir uns noch in der kleinen Kammer der Trauerhalle vorher von ihr verabschiedet hatten und ich wusste, dass ihr Leichnam im Sarg war, hatte ich bei der Beisetzung das Gefühl: Das Grab ist insofern leer, als sie nicht hier ist. Obwohl ihre Leiche begraben wurde, konnte ich es nicht fühlen, dass sie hier ist. Das hat sich in den letzten Jahren kaum geändert. Das Grab ist kaum mehr als ein Ort des Gedenkens. Viel stärker präsent ist mir meine Mutter in der Wohnung, in der der Vater noch lebt. Einiges wurde aufgeräumt und entfernt, aber vieles, vor allem in der Küche erinnert noch an sie und ist, als ob sie nur mal eben kurz aus dem Haus wäre. Das ist sicher in vielen Fällen anders, wenn eine Wohnung ohnehin aufgegeben wurde. Aber viele Menschen schaffen sich einen Ort des Gedenkens in der eigenen Wohnung. Da brennt eine Kerze vor einem Bild.

Viele Kirchen bildeten früher den Mittelpunkt eines Friedhofs wie auch hier in Meiningsen. Dass das Grab ein Ort des Gedenkens geblieben ist, zeigt ja die Grabeskirche in Jerusalem, die dort im 4. Jahrhundert erbaut wurde. Aber Jesus ist nicht im Grab. Er ist eher in der Versammlung und im Gebet der Gläubigen.

Den Frauen am Grab wird gesagt, dass Jesus den Jüngern voraus geht. Jesus geht uns vorher. Angekündigt ist im Text vom Auferstandenen selbst, dass er „Seine Brüder“ in Galiläa treffen wird, dort wo er aufgewachsen ist und hauptsächlich gewirkt hat. Jesus ist auf den Spuren seines und unseres Lebens zu treffen. Doch was heißt es, dass Jesus auferstanden ist?

Es ist klar, dass er gestorben ist. Sein Tod wird nicht in Zweifel gezogen. Die Auferstehung ist auch keine Wiederbelebung, denn dann müsste es auch eine neue Biografie geben und einen zweiten Tod. Es geht um den Gekreuzigten.

Ich will mich nicht darüber streiten, ob das Grab leer war und wer den Leichnam weggenommen hat. Aber das ist eben auch nicht wichtig. Jesus ist in einem anderen Sinne gegenwärtig. Es geht um Christus, es geht um Jesus als den Messias. Er ist jenseits seines Todes lebendig wirksam und kann auch real begegnen. Er ist seinen Brüdern und Schwestern, und den Jüngerinnen und Jüngern persönlich begegnet. Obwohl die Himmelfahrt diese Zeit offiziell für beendet erklärt, muss man doch andererseits sagen, dass der Messias bis heute in diesem Sinn lebt. Seine Gegenwart als der Auferstandene dauert bis heute an. Es sind Worte und Zeichen, die an ihn erinnern, die seine Präsenz darstellen. Nicht zuletzt die Taufe, die schon auf Johannes den Täufer zurückgeht und vor allem das Abendmahl, das an seinen Tod erinnert, aber auch an die Gemeinschaft mit den Jüngern in der Zeit seines Erdenlebens. So ist es doch auch völlig klar, dass Jesus auch in seinen Jüngerinnen und Jüngern wiedererschienen ist, und damit auch nicht zuletzt in Menschen, die in seinem Sinn leben möchten. So müssten wir uns davon ausgehend fragen, welche Gestalt der Auferstandene heut eigentlich für uns hat. Zuletzt wird also der Glaube an Jesus Christus eine Form seiner Auferstehung sein, von der anderen Perspektive aus gehen. Und dieser Glaube hat eben auch etwas mit dem Gottesdienst und der Kirche zu tun.

Die Feier der Osternacht am frühen Morgen hat es in besonderer Weise mit dem Morgenlicht zu tun. Zugleich geht es auch um das Frühjahr, mit dem früher in Israel der Jahreswechsel verbunden war. In der Auferstehung Jesu erfahren wir, dass Gott als der Schöpfer in unserem Leben handelt, wenn wir neues Leben erfahren dürfen. Das ist das neue Leben der Natur, das im Wechsel der Jahreszeiten hervorbricht, aber auch das neue Leben in menschlichen Neuanfängen und in den Wegen der Trauer. Dabei gibt es Ereignisse, wie der Flugzeugabsturz, wo wir kaum wagen von neuem Leben in den Wegen der Trauer zu sprechen. Einen interessanten Satz las ich vom Bundespräsident Gauck, der sinngemäß etwa sagte: Dieses schreckliche Ereignis führt Menschen in gemeinsamer Trauer, gemeinsamer Stille und in gemeinsamen Gebet zusammen. Damit sagt der Bundespräsident als gelernter Pfarrer: Die Erfahrung des gemeinsamen Zusammenseins vor Gott ist eine Erfahrung von Auferstehung von den Toten, auch wenn noch keine Schritte ins Leben angedeutet werden können und das schreckliche Ereignis, der Tod noch zu deutlich ist.

Ich finde, dass die Auferstehung Jesu auch den Umgang mit dem Tod verändert und die Hoffnung auf ein neues Leben mehr in die Gegenwart hinein verlagert hat, so gut wir an die Ewigkeit glauben.

Und so schließe ich mit dem österlichen Ruf und wünsche uns heute die Erfahrung der Gegenwart des Auferstanden: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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