Osterpredigt über Markus 16, 1-8, Christoph Fleischer, Welver 2015

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Markus 16, 1-8

1Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Liebe Gemeinde,

wir haben in diesen acht Versen nicht nur die Auferstehungsgeschichte des Markusevangeliums gehört, sondern haben damit zugleich den echten Markusschluss zur Kenntnis genommen. Auch wenn das vielleicht für Predigthörer zunächst wenig interessant klingen mag, ist es doch erstaunlich. Das Evangelium, die frohe Botschaft nach Markus, die es vom Wort her doch darauf angelegt hatte, verbreitet und weitererzählt zu werden, endet mit einem Satz, der lautet: „Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“

Zwischen dem Ereignis selbst und der niedergeschriebenen Geschichte liegen immerhin fast vierzig Jahre. Damit ist schon klar, dass die Geschichte von der Begebenheit des leeren Grabes sehr wohl weitererzählt worden ist. Sie ist aber für den Evangelisten durch andere Mitteilungen zu ergänzen wie zum Beispiel den Auferstehungsbericht des Paulus im 1. Korintherbrief, den wir als Epistel gehört haben. Für Paulus, der den Korinthern den Glauben an die Auferstehung Jesu sehr ausführlich erläutert, ist die Erscheinung des Auferstandenen ausschlaggebend und die berichtet die Erzählung des Markus nun gerade nicht. Aber Paulus, der von der Auferstehung am dritten Tage weiß, hätte wenigstens erwähnen können, dass die Auffindung des leeren Grabes und die Botschaft des Jünglings in weißen Kleidern die Osterbotschaft durch die drei Frauen zu den Jüngern kam, die daraufhin mit der Begegnung mit dem Auferstandenen rechnen konnten.

Doch nicht nur die anderen Evangelien erzählen sehr deutlich auf ihre Art von der Auferstehung des Gekreuzigten und seiner Erscheinung, bei Matthäus erscheint er sogar den Frauen persönlich und kündigt sein Kommen nach Galiläa an, sondern die Geschichte vom leeren Grab ist sehr wohl weiter erzählt worden, von wem auch immer. Denn dieser Ort, das Grab des Josef von Arimatäa, ist von der Urkirche an bis ins Jahr um 130 und danach von 330 als Grab Jesu verehrt worden. Mich hat in den letzten Jahren die Geschichte der Grabeskirche fasziniert, obwohl ich noch nie dort gewesen bin. Die Örtlichkeiten der Grabeskirche sollte man als Kommentar zur Auferstehungsgeschichte hören, deshalb dazu ein paar Worte. Anlass dazu war für mich übrigens die Drüggelter Kapelle, eine der wenigen Rundkapellen in Deutschland, die mit ihrem Säulenkreis an das Grab Jesu erinnert, da sie in der Kreuzfahrerzeit errichtet worden ist.

Dass die Petrigemeinde am Karfreitag eine Art Prozession zur Drüggelter Kapelle macht, finde ich von daher gar nicht so erstaunlich, da die Kapelle an Jesu Grab oder an die Grabeskirche in Jerusalem erinnern soll. Von daher müsste man sich sogar fragen, ob man in Meiningsen nicht auch früher einmal der Grablegung Jesu gedacht haben könnte. Als Jerusalem im Jahr 134 völlig okkupiert worden ist, wurden die frühen Gedenkstätten der christlichen Religion wie der Hügel Golgatha und das Grab Jesu von den Römern zugeschüttet und überbaut. Hier, wie auch auf dem Tempelberg wurde Tempel römischer Götter gebaut. Da nicht lange nach der Zeit Jesu der Grabbezirk sowie der Ort Golgatha von der neuen Stadtmauer eingefasst wurde gehörten sie somit zum Stadtinnneren. Vor dieser Mauer war an der Stelle des Grabes ein großer Platz, auf dem ein römisches Kapitol errichtet wurde. „Golgatha und das Heilige Grab lagen verborgen unter der Erde, überdeckt von heidnischen Bauten.“ (André Parrot, Der Tempel von Jerusalem, Golgatha und das Heilige Grab, aus dem Französischen übersetzt unter der Mitarbeit von Ernst Jenni, Evangelischer Verlag Zollikon Zürich 1956, s. 126).

Breyden.Peregrin
Reisebuch des Bernhard von Breydenbach:Sanctae peregrinationes, illustriert und gedruckt in Mainz von Erhard Reuwich, 11. Februar 1486 aus wikipedia.com, gemeinfrei

Als Konstantin im Jahr 326 den Befehl gab, das Heilige Grab freizulegen und dort eine Gebetsstätte zu errichten, wurde die Fläche unter dem Tempel der Aphrodite freigelegt. Und es wurde ersichtlich, dass der Hügel Golgatha und das in den Felsen gehauene Heilige Grab nur einen Steinwurf voneinander entfernt lagen. Die Mutter des Kaisers namens Helena hatte selbst persönlich, so sagt es die Legende, drei Kreuze darin gefunden und als die Kreuze Jesu identifiziert. Im 19. Jahrhundert haben Engländer als Besatzung dagegen Golgatha in einem Steinbruch außerhalb der antiken Stadtmauer entdeckt und das sogenannte Gartengrab als das Grab Jesu bezeichnet, doch diese Zuordnung hat sich als wenig wahrscheinlich erwiesen, so dass heute der Standort der Grabeskirche selbst wieder als Ort des Heilgen Grabes gilt. Über dem Grab selbst erstreckt sich die riesige Kuppel, die im Kreuzfahrerbau bis 1149 etwas anders als vorher rekonstruiert worden ist, woran auch die zwölf Säulen der Drüggelter Kapelle erinnern. Der Kreuzeshügel Golgatha liegt nur einige Meter von der Grabkapelle entfernt in dem mittleren Bereich der Grabeskirche, sodass die Grabeskirche eigentlich Kreuz und Auferstehung umfasst. Die Zerstörung dieses Bereiches durch die Römer hat sich als seine wirksamste Konservierung erwiesen. Das klingt so ein wenig nach dem Wort des Psalms: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ (Psalm 118, 22)

Und auch wenn die Auferstehungsgeschichte bei Markus damit endet, dass die Frauen voller Furcht niemandem davon etwas sagten, so ist doch klar, dass gerade sie die Kreuzigung und die Auferstehung aufs engste miteinander verbinden.

Durch einige Züge der Erzählung ist diese eng mit dem vorgegangenen Text von der Kreuzigung und Grablegung verknüpft. So ist hier und dort vom Sabbat die Rede, dem Ruhetag der zwischen der Kreuzigung und der Auffindung des Grabes lag, heute Karsamstag genannt. Das Grab wird als bekannt vorausgesetzt, und zwar auch deshalb, weil die gleichen Frauen schon am Karfreitag bei Jesu Kreuzigung anwesend waren und die Grablegung mit angesehen haben. Sie waren also die einzigen, die wussten um welches Grab es sich handelt, von Josef von Arimatäa mal abgesehen, der aber in der Folge keine Rolle mehr spielt. Der Gang zum Grab ist also der dritte Teil der Kreuzigungsgeschichte, die aus Kreuzigung, Grablegung und Grabbesuch besteht. Die Rolle der Frauen besteht also in der Erzählung von Markus darin, Kreuz und Auferstehung miteinander zu verknüpfen. der Auferstandene ist der Gekreuzigte. „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“ Auch der Stein vor dem Grab war den Frauen schon bekannt, denn sie wussten von vornherein, dass sie eventuell gar nicht zum Leichnam gelangen würden, wenn ihnen niemand diesen Stein an die Seite rollen würde. Der Stein muss wohl eine symbolische Bedeutung haben, denn in der Geschichte wird er fast zum Stein des Anstoßes. Aber ist nicht der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden? Welche Steine wird der Auferstandene oder Gott für ihn noch bewegen? Den Stein gibt es heute in der Grabeskirche nicht mehr, da er zerstört worden ist. Das Grab Jesu, das in den Fels gehauen ist, ist noch zu sehen.

Ich habe mich in der Vorbereitung kurz gefragt, ob nicht der junge Mann in den weißen Kleidern in Wahrheit der Auferstandene selbst ist, der von den Frauen nicht erkannt wird. Aber dagegen spricht, dass er ausdrücklich von Jesus in der dritten Person spricht. „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“

Zu deutlich sind die Signale dieser Geschichte, dass es eindeutig um Jesus geht und seine Rolle für die Kirche und die Welt. Es geht um die Frage, ob der Tod des Gekreuzigten das Ende des Messias bedeutet. Das Christentum hat das Bekenntnis der Auferstehung zum Zeichen des Christus erklärt. Gott hat den Gekreuzigten auferweckt, hat ihm das Leben des Auferstandenen gegeben und seinen Geist zu einer lebendigen Grundalge der Kirche werden lassen. So sagen es die Bekenntnisse und einige Stellen aus den Paulusbriefen lassen diese Deutung zu. Doch an der Wunderhaftigkeit der Auferstehung ist diese Erzählung gar nicht interessiert, sondern nur an der Person des Gekreuzigten selbst. Er ist getötet worden und begraben, das steht fest. Das Grab selbst ist leer. Die Ankündigung des Jünglings soll die Jünger auf den Weg nach Galiläa schicken, wo sie die Erscheinung des Messias, der der Gekreuzigte ist, wiederum erleben werden. Die Auferstehung Jesu Christi setzt die skurrile Krönung des Messias am Kreuz erst in die Wirklichkeit um. Jetzt wird das Reich Gottes als Reich des auferstandenen Christus Wirklichkeit. Aber es ist keine neue Regierung für Israel. Das Schild am Kreuz, das zuerst das Delikt des Getöteten beschreiben sollte, wird zu seiner Bezeichnung: Der König der Juden. Gott sendet seinen Messias und er wird dieses gerade durch seinen Tod. Der Tod setzt ein neues Leben frei, denn Auferstehung ist keine Wiederbelebung. Daraus folgen zwei Ankündigungen: 1. Der Messias wird wiederkommen, so wie er selbst es verheißen hat. Hierfür steht im Text das Wort „sehen“ das an die Ankündigung des Menschensohns anknüpft. Und 2. der Gekreuzigte lebt in der Gemeinschaft seiner Jüngerinnen und Jünger, er erscheint regelrecht, ist geistig und körperlich erlebbar, was nach der Himmelfahrt durch den Heiligen Geist abgelöst wird. Das „Sehen“ wird sich dann auf die Zeichen beziehen, in denen Christus gegenwärtig ist, durch aus auch im christlichen Gottesdienst., doch nicht nur.

Der Gekreuzigte lässt sich andererseits nicht in Kirchenmauern einsperren. Seine Lebendigkeit ist seine Freiheit. Er entscheidet, wem er erscheint und für wen er sichtbar wird. Die Auferstehung kann nicht nur als Ritus erlebbar sein, sondern ist schon ein Zeichen der Freiheit des Geistes, die nicht zuletzt jesus selbst gepredigt und praktiziert hat und wofür er auch gekreuzigt wurde.

Hierzu lese ich einen kurzen Abschnitt einer Ostermeditation von Wilhelm Willms: „das grab ist leer/ ist das grab leer/ wo ist der auferstandene/ der lebendige jesus/ wenn das grab leer ist/ das grab ist leer/ sind wir nun voll von jesus/ das grab ist leer/ wo ist er denn/ ist er in mir ist er in dir/ ist er in uns/ ist er in dieser gemeinde/ ist er im kraftfeld der kirche/ auferstanden/ oder/ ist der auferstandene im luftleeren raum/ im abstrakten/ ist er ohne fleisch und blut/ ist er ohne hand und fuß/ ist er ohne herz/ der kirchliche jesus/ dann ist er tot/ dann ist er eine mumie/ ein mit allen kirchlichen/ kostbaren salben/ einbalsamierter jesus/ aber der ist tot/ ein solcher ist tot/ er aber lebt/ er ist auferstanden“

Wilhelm Willms, der geerdete Himmel, Wiederbelebungsversuche, Meditationen,Bilder, Geschichten, Texte, neue Lieder, Button und Becker, Kevelaer 2. Auflage 1976, 10.12

Als Zusammenfassung lese ich noch zwei kurze Zitate aus den Predigtvorbereitungen:

Rudolf Kautsky schreibt: Es kommt nicht auf den Toten an. Der Inhalt des Grabes ist völlig bedeutungslos, es ist ‚leer‘. Es kommt auf den lebenden Jesus an, der den Jüngern ‚nach Galiläa’, d. h. in ihr weiteres Leben vorangegangen ist. Er wird der Kompaß für ihr Leben bleiben, wie er es schon vor seinem Tod es war. Er wird es aber nur dann sein, wenn sie sich seine Lebenshaltung, deren Bedingungslosigkeit er ihnen durch seinen Tod vor Augen geführt hat, ebenso bedingungslos zu eigen machen, wenn von nun an nicht sie leben, sondern er in ihnen – d. h. in uns! Dann macht nicht mehr unsere zeitlich begrenzte biologische Existenz unser Glück aus, sondern der Einsatz für seinen Weg, der unser Weg geworden ist, ein Leben, dessen eigentlicher Inhalt darin besteht, dieses irdische Leben in der Zuwendung zu den anderen für alle lebbar und lebenswert zu machen. (Assoziationen, Gedanken zu biblischen Texten Band 1, Radius Verlag Stuttgart 1978, S. 94)

Ich denke, dass genau dieses Osterevangelium deutlich machen sollte, wieso in nichts anderem als dieser Osterbotschaft die Geburtsstunde der Kirche liegt. Ohne die Anwesenheit des Auferstandenen können wir schlicht einpacken. Das soll aber kein magischer Mirakelglaube sein, der darüber phantasiert, wie man die Leiche wohl wiederbelebt haben könnte. Auch wenn die Geschichte das genauso erzählt, zielt sie doch ganz auf den Inhalt. Jesu ist nicht tot, sondern lebt in seiner Kirche weiter. Sie ist die Gemeinschaft des Messias; sie ist sein Stellvertreter in der Welt. Das Bekenntnis der Auferstehung ist aber andererseits zugleich eine Gestalt seiner Botschaft, die in der prophetischen Verheißung deutlich wird, die Jesus in den Heilungen und Zeichen praktiziert hat.

Und Kurt Rainer Klein schreibt im Deutschen Pfarrerblatt:

„Ostern – ist das nicht die Erfahrung der Strauchelnden und Fallenden, die auf den Herrn hoffen, neue Kraft finden, „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jesaja 40, 30f)? Ja, Ostern ist der Weg vom Tod ins Leben. Vom Dunkel ins Licht. von der Resignation zur Hoffnung. Von der Traurigkeit zur Freude. Von der Lähmung zur Lebendigkeit.“ (Deutsches Pfarrerblatt 2/2015, S. 95)

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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