Wie Theismus denkbar ist, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

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Zu: Holm Tetens: Gott denken; Ein Versuch über rationale Theologie, Philipp Reclam Jun., Stuttgart 2015, ISBN 978-3-15-019295-5, Preis: 5,00 Euro

Tetens ReclamWenn ein langgedienter Philosophieprofessor wie Holm Tetens (geb. 1948, FU Berlin), der  „Philosophisches Argumentieren“ (2010) und „Wissenschaftstheorie“ (2013) beschreibt und sich mit Immanuel Kant und Ludwig Wittgenstein beschäftigt hat, mit der Metaphysik des Theismus nicht nur befasst, sondern auch im Gegenüber zum Naturalismus sich für jenen entscheidet, ist das schon erstaunlich.

Holm Tetens wird noch im aktuellen Wikipedia Artikel (04.04.2015) als Naturalist bezeichnet, hat nun aber eine „theistische Wende“ vollzogen (S. 94). Er schreibt: „Nur der Theist vermag in der Hoffnung zu leben, dass die Welt gut wird, ohne dass er die Übel und Leiden in der Welt mit Resignation, tragischer Auflehnung, zynischem egoistischen Hedonismus oder illusionären Selbsterlösungswahn quittieren muss.“ (S. 77).

Der Naturalismus hingegen hängt nicht nur dem Glauben an einen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt an, der eine klare Tendenz zur menschlichen „Selbsterlösung“ (S. 76) beinhaltet, nimmt die Opfer und das Leiden deswegen nicht nur billigend in Kauf, sondern sieht diese zum Teil als „Mittel zum Zweck einer Verbesserung der Welt“ (S. 77) an.

Der Theismus als Konzeption argumentiert zwar mit dem „Glauben an Gott als Erlöser der Welt“ (S. 59, Überschrift) muss aber vom religiösen Konzept der „göttlichen Selbstoffenbarung“ (S. 84) unterschieden werden, da er rein rational begründet werden kann und soll. So fehlt dieser Konzeption verständlicherweise jedes  sacrificium intellectus (Opfer des Verstandes), und sie verzichtet auf Wunder und unerklärliche Phänomene. Gott, so wie ihn Tetens versteht, bewirkt nicht alles und will auch nicht alles, was der Fall ist, lässt es hingegen zu. Die Frage, warum Gott „Menschen immer wieder so unfassbar leiden lässt“ (S. 72) muss offen bleiben.

Der rationale Theismus im Konzept von Tetens tritt nicht als Problemlöser für alle Fragen der Gegenwart auf, da er dies nicht leisten kann und will. Er ist insofern ehrlicher als der Naturalismus, der immer noch als Problemlöser auftritt, dies aber faktisch nicht leistet.

Mit der biblischen Theologie eines lebendigen Gottes, der es vermag mitzuleiden und sich mit dem Leben in seiner Schwachheit identifiziert, kann das Konzept von Tetens nicht in allen Punkten gleichgesetzt werden. In der Frage der Auseinandersetzung mit dem Tod versucht er sich stattdessen spekulativ, beteiligt sich an einer Lehre eines Lebens nach dem Tod, die auf Wiederverkörperung hinausläuft und mit biblischer Vorstellung von Auferstehung nicht viel gemein hat. Dies sieht Holm Tetens allerdings nicht, da er sich auf Theologen wie Hermanni (Tübingen) beruft. Allerdings kann er mit Matthäus 25, 35-45 (Gleichnis vom Weltgericht) aus der Existenz Gottes den Gedanken folgern, dass jeder Mensch unter dieser Voraussetzung weiß, „dass er selbst die allerwenigsten Bedingungen für ein gelingendes Leben herstellen und durch sein eigenes Handeln garantieren kann. Sein ganzes Leben… wird er dankbar als Geschenk empfinden.“ (S. 75).

Immerhin scheint es mit diesem Konzept möglich wie weiland durch Paul Tillich, die Religionsphilosophie und die Theologie rational in Verbindung zu bringen. Lieber eine noch unerfüllte Hoffnung auf eine Vollendung der Welt durch Gott, als eine irrationale Hoffnung auf die Vollendung der Welt im technischen Fortschritt, ohne dessen Opfer und Kosten für die Zukunft der Erde zur Kenntnis zu nehmen. Der Theismus,  auch in rationaler Gestalt und die Bibel sagen gemeinsam: Gott will das Leben der Welt.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Ein Gedanke zu „Wie Theismus denkbar ist, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015“

  1. DIe Welt in ihren Dimensionen wird vom menschlichen Geist, begrenzt wie er ist, nie zu .enträtseln sein. Ob er einen Gott denkt oder nicht, ist belanglos und bleibt für daran Interessierte ein Gedankenspiel mit stets offenem Ergebnis.

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