Was sind Wendepunkte des Lebens und wonach fragen Menschen wirklich? Rezension von Emanuel Behnert, Lippetal 2015

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Rezension zu: Matthias Beck: Leben ~ Wie geht das – Die Bedeutung der spirituellen Dimension an den Wendepunkten des Lebens, Styria Verlagsgruppe Wien, Graz, Klagenfurt, ISBN: 978-3-222-13351-0, Preis:    19,99€

Leben, wie geht das_Cover_300dpiWer auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen, die sein Leben bereichern, ihm vielleicht gar einen tragfähigen Grund verleihen können, die weiterführende Antworten geben können bei den intensiven Fragen, die das Leben immer wieder an uns richtet, mag vielleicht zunächst froh sein, in diesem Buch, das von seiner Umschlaggestaltung her sehr ansprechend, weil zurückhaltend und damit durchaus äußerst seriös wirkend erscheinend, einen richtungweisenden Ratgeber gefunden zu haben. Doch bereits beim ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis fällt auf, dass zunächst gar nicht deutlich wird, ob und wenn ja welche Wendepunkte des Lebens denn über die unterschiedlichen Lebensalter hinaus berücksichtigt werden. Auffallend, dass ein großer Teil des Buches sich der Kindheit und Pubertät des Menschen widmet (laut Inhaltsangabe S. 26 – 50 und S. 106 – 144). Lediglich die Seiten 145 – 154 sind explizit der zweiten Lebenshälfte des Menschen zugewendet, zählt man das 25. Kapitel „Krankheit und Leid“ wohlwollend noch einmal zu diesem Lebensabschnitt hinzu, kann man diesen Buchteil wohlwollend (?) um 13 Seiten erweitern. Jedoch bleibt zu überlegen, dass gerade Krankheit und Leid, auch wenn sie vermehrt in zunehmendem Lebensalter auftreten mögen, keine Exklusivitätsbeschreibung des fortgeschrittenen Lebensalters des Menschen sind. Menschen machen in allen Zeiten ihres Lebens die, mitunter sehr prägenden Erfahrungen von Krankheit und Leid. 

Bereits bei diesem kurzen Blick in das Inhaltsverzeichnis stellt sich schon die Frage: Was sind eigentlich die Wendepunkte eines Lebens. Sicherlich doch nicht, oder zumindest nicht nur der biologische Übergang vom Kind zum Jugendlichen, weiter zum Erwachsenen in zunehmend gesetztem Alter, bis hin zu den so genannten Alten. Übergänge, die doch vielfach so fließend und gar nicht genau zu beschreiben sind, und auch von jedem Einzelnen mitunter kaum wahrgenommen werden. Das, was die Wendepunkte eines Lebens ausmacht, ganz persönlich, aber dennoch auch allgemein beschreibbar, als Schlüsselerlebnisse, die das Leben prägen und verändern, das sucht man in diesem Buch vergebens.

Darüber hinaus fällt bei einem weiteren Blick in das Inhaltsverzeichnis des Buches auf, dass die in drei Teile unterteilte biographische Lebenslinie, die eher den biologischen Verlauf eines Lebens von der Geburt zum Lebensende beschreibt, in der ersten Hälfte des Buches (S. 53 – 104) unterbrochen wird, um ein Kapitel mit der großen Überschrift „Grundreflexionen über die Welt, den Menschen und die Frage nach dem Absoluten“ relativ unvorbereitet einzuschieben. Wer allerdings nun hofft, umfassende spirituelle Impulse und Hinweise für sein eigenes Leben zu finden, sucht schon im Inhaltsverzeichnis vergeblich danach. Ausgehend von der Brüchigkeit und Zerrissenheit der Welt kommt der Autor sehr schnell zu der Erkenntnis, dass der Mensch als Wesen des Geistes und der Transzendenz verstanden werden muss und wirft die Frage nach dem Gegensätzlichen, Widersprüchlichen von Glaube und Wissen auf. Denn die Lektüre dieser Kapitel wird zeigen, dass es dem Autor gar nicht darum geht diesen Widerspruch zu überwinden, ihn aufzuheben. Immer wieder wird der Mensch in fundamentaler Weise als das schuldhafte Geschöpf Gottes vor seinen Schöpfer gestellt, dessen gnädige Zuwendung es bedarf, um Leben überhaupt sinnvoll gestalten zu können. So widmen sich die Kapitel 11 – 13 ausgehend von der „Frage nach Gott“ seinem befreienden Handeln für den Menschen und die Welt und seiner Offenbarung im Neuen Testament incl. der damit verbunden Wirkungsgeschichte.

Doch auch hier dürfen die Erwartungen nicht zu hoch angesetzt werden. Eine fundierte theologische Darstellung erfolgt ebenso weinig, wie eine Auseinandersetzung mit den Weltanschauungen in die hinein die erste Wirkungsgeschichte des Christentums zurück reicht. Auch die Berücksichtigung anderer Weltanschauungen findet gar nicht statt. Im Hinblick auf die drei abrahamitischen Religionen und ein mögliches interreligiöses Gespräch wird der Islam nur am Rande erwähnt (S. 70 / 71 und S. 78 / 79), um dann insgesamt ungerechtfertigt und auch fälschlicherweise sehr negativ beurteilt zu werden.

Dies korreliert sicherlich aber mit dem Anspruch des Autors, der bereits in seiner Präambel auf S. 6 formuliert: „Das vorliegende Buch ist in Wien und damit im europäischen Kontext geschrieben. Es verwendet bestimmte Begriffe, die einer christlich geprägten Kultur entstammen. Es will aber den Versuch unternehmen, etwas Allgemeingültiges zu sagen, was alle Menschen betrifft. Vielleicht geht das gar nicht, weil eben doch jeder Mensch in seinem Innenleben, seinen Gefühlen, seinem Gewissen, seinen Denkstrukturen so unterschiedlich geprägt ist, dass allgemeine Aussagen über das Leben gar nicht möglich sind.“

Man beachte hierbei, dass der Autor abgeschlossene Studien in Pharmazie, Medizin, Philosophie und Theologie hat mit mehreren Doktortiteln und einer Habilitation in Moraltheologie.

Gerade diese kommt in diesem Buch in einer fundamentalen Engführung, gepaart mit einem doktrinären Schreibstil (die Voraussetzung hier: „das Buch ist ganz einfach und für „normale“ Menschen geschrieben… das Buch will das Einfache und Selbstverständliche ans Licht holen, über das Innerste des Menschen nachdenken“ S. 11) durchgehend zum Ausdruck.

Dieser Ansatz gipfelt in einer das Buch nahezu abschließenden Betrachtung der Sakramente nach katholischem Verständnis. Im Verlauf der Betrachtung der Taufe kommt Matthias Beck zu dem Schluss, dass nur Taufe Leben ermöglicht. (S. 178: „Zum Schluss soll noch ein Wort gesagt werden zu den anderen heiligen Heilmitteln der Kirche zu den Sakramenten“… S.179: „Die Taufe dient dem Leben, sie bewahrt vor dem endgültigen Untergang. Daher ist die Taufe auch das Symbol der Reinigung von der Erbsünde, die eine Grundvorstellung des Menschen besagt. Sie zeigt die grundsätzliche des Menschen zum Nein gegen Gott auf. Der Mensch ist Sünder und begeht nicht nur einzelne Sünden. Würde diese Tendenz zum Nein nicht aufgehoben, bliebe der Mensch immer in der Trennung von Gott und damit vom Leben abgeschnitten. Er bliebe im Tod.“) Hier wird einer äußerst fundamentalistischen Sichtweise des Lebens und einer Macht der Kirche, den Möglichkeiten der ihr Angehörenden das Wort geredet, die sich nach meinem Dafürhalten theologisch, zumindest protestantisch nicht aufrechterhalten lässt. Dieser Fundamentalismus birgt für mich vielmehr eine sehr große Gefahr, Andersdenkende und Menschen mit anderen Lebenseinstellungen zu Gunsten der eigenen, exklusiven Anschauung auszugrenzen, zu verurteilen und im schlimmsten Fall „verdienten Repressalien“ auszusetzen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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