Predigt über Johannes 15, 26 bis Johannes 16, 15 , Ergänzung mit Zitaten von Rudolf Bultmann, Christoph Fleischer, Welver 2015

Print Friendly

Lesung: Johannes 15, 26 – 16, 15 (Auswahl)

15, 26 Der Helfer wird kommen, der an meine Stelle tritt.

Es ist der Geist der Wahrheit, der vom Vater kommt. Ich werde ihn zu euch senden, wenn ich beim Vater bin, und er wird als Zeuge über mich aussagen.

27 Und auch ihr werdet meine Zeugen sein, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.

16,4 »Ich habe euch dies alles zu Anfang nicht gesagt, weil ich ja bei euch war. 5 Jetzt gehe ich zu dem, der mich gesandt hat.

Doch niemand von euch fragt mich, wohin ich gehe.

6 Ihr seid nur traurig, weil ich euch dies alles gesagt habe.

7 Aber glaubt mir, es ist gut für euch, dass ich fortgehe; denn sonst wird der Helfer nicht zu euch kommen. Wenn ich aber fortgehe, dann werde ich ihn zu euch senden und er wird meine Stelle einnehmen.

8 Wenn er kommt, wird er gegen die Welt auftreten.

Er wird den Menschen zeigen, was Sünde ist und was Gerechtigkeit und was Gericht. 9 Die Sünde besteht darin, dass sie mich ablehnen.

10 Die Gerechtigkeit besteht darin, dass Gott mir Recht gibt; denn ich gehe zum Vater und ihr werdet mich nicht mehr sehen.

11 Das Gericht aber besteht darin, dass der Herrscher dieser Welt schon verurteilt ist.

12 Ich hätte euch noch vieles zu sagen, doch das würde euch jetzt überfordern.

13 Aber wenn der Helfer kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch anleiten, in der vollen Wahrheit zu leben.

Was er euch sagen wird, hat er nicht von sich selbst, sondern er wird euch nur sagen, was er hört.

Er wird euch jeweils vorbereiten auf das, was auf euch zukommt.

14 Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen; denn was er an euch weitergibt, hat er von mir.

15 Alles, was der Vater hat, gehört auch mir. Darum habe ich gesagt: Was der Geist an euch weitergibt, hat er von mir.«

 Liebe Gemeinde,

das Thema dieses Textes ist Freundschaft.

In dem Buch Sternenreiter, aus dem der Autor Jando hier in der Kirche in einem Monat vorlesen wird, finden sich auch Gedanken zur Freundschaft. Mats besucht seinen Freund im Krankenzimmer. Der Freund ist ein kleiner Junge, der in einem runden Bett liegt, dass an diesem Tag von Blumen umgeben ist. Dazu gibt es noch andere Gegenstände, die an Souvenirs erinnern, wie ein Stuhl aus Muscheln, auf den sich Matz setzt. Der Junge sagt:

„Alle diese traumhaften Sachen, die du in meinem Zimmer siehst, haben mir Freunde geschenkt. Was gibt es Schöneres als Freunde zu haben? Ich habe sogar noch viele weitere Geschenke bekommen, doch die habe ich verschenkt. Nicht, weil ich sie nicht mochte, sondern weil ich andere Freunde kennenlernen durfte, die diese dringender brauchten. Das verstehen gute Freunde. Unter Freunden muss keine Entscheidung begründet werden. Freunde verstehen.“ (Jando: Sternenreiter, Kleine Sterne leuchten ewig, Koros Nord, Bad Zwischenahn 2012, S. 71)

Es geht in unserem Predigttext um ein besonderes Geschenk, ein Abschiedsgeschenk von Jesus an seine Freunde. Dieses Abschiedsgeschenk bekommen sie aber erst dann, wenn sie ihn nicht mehr sehen. Dieses Geschenk hat sehr viel mit ihm selbst zu tun, es ist etwas ganz Wesentliches, etwas, dass zu ihm selbst gehört.

Im Johannesevangelium wird die ganze Geschichte mit der Kreuzigung und der Auferstehung nicht ausgelassen, aber hier direkt umgangen. Es geht um die Frage: Wie können die Freunde Jesus mit ihm leben, wenn er doch nicht sichtbar gegenwärtig ist? Jesu Lebendigkeit nach seinem Tod geht über in seine Lebendigkeit bei Gott, im Himmel. Das hört sich wie eine Trennung an, so wie der Tod eines Menschen Trennung bedeutet, ist aber zugleich ein Zeichen von Nähe und Gemeinschaft. Man könnte vielleicht sagen: Himmel ist überall da, wo Menschen einander verbunden sind, ohne sich direkt zu sehen. Deshalb sagt man ja auch von Menschen, die gestorben sind, dass sie im Himmel sind.

Der Himmel, von dem Jesus spricht, hat aber auch sehr viel damit zu tun, was er selbst den Jüngern versprochen und gepredigt hat. Es geht letztlich um Jesus selbst.

Hier müsste man einen Zwischengedanken einschieben. Bekannterweise glauben das Judentum, dass der Messias eines Tages kommt, um die Welt zu erlösen. Wir Christen glauben das auch. Nur ist nach unserer Meinung der Messias bereits gekommen. Und ist die Welt erlöst? Sieht sie anders aus als vorher? Nun, das ist sie gewiss noch nicht. Hier verändert sich dadurch der jüdische Glaube und wird zum christlichen. Der Messias erlöst die Welt gar nicht vollständig und auf einmal, sondern er verzichtet auf Macht und Gewalt, ja er wird sogar gekreuzigt. Damit wird die Erlösung zu einem Prozess, der mit Jesus begonnen hat. Das, was Jesus gewirkt hat, muss nun also nach seinem Tod weitergehen. Deshalb hinterlässt er so etwas wie ein Vermächtnis. Wir haben also in der Kirche beides: Die Gegenwart des Messias, so wie er im Himmel ist, so ist er auch unter uns. Und die Fortsetzung seines Werkes der Erlösung, das wir in seinem Namen vollziehen sollten. Damit geht der Auftrag und gehen die Bedeutung des Messias auf die Kirche über. Die Kirche ist selbst zum Messias geworden. Um das so sein zu können, übermittelt Jesus der Kirche seine Gegenwart.

Hierzu möchte ich zunächst einmal auf die Beziehungsebene achten, die im Text angesprochen ist, um danach noch einmal auf die Inhalte in religiöser Sicht zu kommen. Aber da Jesus mit seinen Jüngern spricht wie mit seinen Freunden, organisiert er seinen Abschied wie bei einem Testament, einem Vermächtnis. Die Beziehungsbegriffe, die hier vorkommen, können uns auch helfen, weil wir sie auf unser Leben beziehen könnnen.

„…der an meine Stelle tritt….“ (15,26) Wer geht, sollte den anderen wenigstens sagen können, wer an seine Stelle tritt. Wer eine Aufgabe abgibt, sollte die Nachfolge regeln. Der Auftrag bleibt, geht aber auch einen anderen über.

„… als Zeuge über mich aussagen….“ (15,26) Wir Menschen brauchen sehr oft Zeugen für eine Erfahrung. Auch Abwesenheit braucht Bezeugung. Das ist auch für Nachfolge wichtig oder für eine Vertretung, um zu wissen, wie etwas vorher gemacht worden ist. Diese Bezeugung geschieht durch den Geist: Der Geist wird für gute Worte sorgen, wird Jesus und sein Wirken in der Gegenwart erlebbar machen

„…ihr werdet meine Zeugen sein…“ (15,27) Diese Vermittlung und Vertretung ist die Vermittlung des Auftrags durch den Geist. Der Abschied von Jesus wird als Auftrag gesehen, führ Jesus zu handeln, Jesus in der Welt zu vertreten.

„…ihr seid traurig….“ (16,6) Diese Übermittlung des Vermächtnisses erinnert an die bevorstehende Trennung, an den Abschied und löst Trauer aus. Diese Gefühle sollen wir auch heute zulassen. Wir sollen davon sprechen, dass wir darüber traurig sind, dass Jesus die Welt verlassen hat. Diese Trauer ist das Gefühl des Verlustes und dieses Gefühl ist dafür wichtig, dass wir unseren Auftrag auch wirklich wahrnehmen. Das kommt in der kirchlichen Lehre oft zu kurz, wird aber immer mitgedacht. Der Glaube ist nicht nur ein Geschenk, sondern immer auch ein Auftrag.

„… es ist gut für euch….“ (16,7) Es fällt uns besonders schwer, in einem Abschied, vor allem bei einem Todesfall, das Positive zu sehen. Aber das ist wichtig. Abschied ist nicht nur eine Katastrophe, sondern oft ein notwendiger Übergang. So auch hier bei Jesus. Jesus macht uns Platz. Er schafft die Kirche durch seinen Rückzug. In jedem Ende ist immer auch ein Stück Anfang enthalten.

„… der Helfer kommt …“ (16,7) Der Geist wird Jesu Stelle einnehmen, denn die Nachfolge ist geregelt! Der Auftrag an die Freunde Jesu ist mit der Zusage einer Unterstützung verbunden. Der Helfer kommt, der Unterstützer. Das ist aber kein anderer Mensch, kein Nachfolger. Der Messias ist und bleibt einmalig. Aber der Geist, der in der Gemeinde spürbar ist, der Zusammenhalt, der Wunsch Jesus nachzufolgen und die Übereinstimmung im Ziel, ist das Geschenk des Geistes, ist der Helfer und Unterstützer.

„…Ich gehe zum Vater…“ (16,10) Wenn jemand geht, ist es wichtig zu wissen, wo er ist. Jesus sagt, dass er nach seinem Abschied beim Vater ist . Mit dem Wort Vater ist hier Gott gemeint, unser Vater im Himmel. Mit dem Wort Vater wird uns gezeigt, dass wir von Gott immer positiv denken sollen und können. Vater, das ist Ursprung und Gegenwart gleichzeitig.

„… Was er euch weitergibt, hat er von mir…“ (16,15) Von Jesus geht der Geist auch in Zukunft aus. Der Geist ist so gesehen, der direkte Nachfolger von Jesus und er bleibt in der Beziehung mit Jesus, der beim Vater ist. Nach dem Ende ist also Jesus und Gott nicht beziehungslos, da wir ja den Geist haben, der die Beziehung herstellt. Viele fragen sich: Wer ist Gott und wollen sich seine Person eher gegenständlich denken. Man sollte eher fragen: wie ist Gott, weil sein Wesen in Bildern ausgedrückt wird, die auf Erfahrungen hinweisen. Vorrangig ist hier gesagt: Gott ist Beziehung. Gott stellt die Beziehung zu Jesus immer wieder her. Darum erhalten wir seinen Geist. Kirche ist immer ein Beziehungsgeschehen. Gott ist immer der Andere und ist die Beziehung zum Anderen ebenso. Gott ist ein Geschehen, das uns mit Jesus und miteinander verbindet. Gott ist Leben, Gott ist Liebe, Gott ist Hoffnung und Glaube, all dies ist Gottes Geist, so wie er ihn durch Jesus versprochen hat.

Dies alles gilt immer auch in der Gegenwart, so wie man es auf die Jünger damals beziehen kann. Zugleich ist es die Antwort auf die Frage, die ich am Anfang gestellt habe. Was ist das Geschenk von Jesus? Er schenkt uns seinen Geist.

Die Verkündigung Jesu setzt sich in der Erfahrung des Geistes fort, weil der von Gott gesandte Geist, den Jesus selbst vermittelt hat, nun in der Gemeinde und im Leben als Christ durch den Geist selbst vollzogen wird. Jesu Abschied eröffnet die Möglichkeit, dass aus der Gruppe der Jünger die Gruppe der Apostel wird, und dass Menschen den Glauben erfahren, die Jesus persönlich niemals erreicht hätte. Jesu Abschied ist die Voraussetzung für die Entstehung der christlichen Religion, den dennoch schon mit Jesus selbst begonnen hat. Der Sinn der christlichen Religion liegt darin, Nachahmer Jesu zu sein, in dem die Christen einfach das tun, was er tat, in jeder Situation mit der Gegenwart Gottes zu rechnen.

(Schluss 1: Amen.)

Als Ergänzung und Vertiefung möchte ich einmal vier Zitate aus dem buch von Rudolf Bultmann über das Johannesevangelium zitieren und kurz zusammenfassen. Die Stichworte sind:

Die Aufgabe der Jünger; die Situation der Jünger; Jesus und die zukünftige Gemeinde; das Gericht über die Welt; die Fortdauer der Offenbarung in der Zukunft.

  1. Die Aufgabe der Jünger.

Rudolf Bultmann schreibt in seinem Buch über das Johannesevangelium:

„Aber wenn das Zeugnis des Geistes und das der Gemeinde … nebeneinander genannt werden, so zeigt sich, dass einerseits das Wirken des Geistes … des selbständigen Einsatzes der Jünger bedarf, und dass andrerseits die Jünger das, was sie vermögen, nicht aus eigener Kraft vollbringen. Sie dürfen sich nicht auf den Geist verlassen, als läge ihnen nicht Verantwortung und Entscheidung ob; aber dürfen und sollen auf den Geist vertrauen.“ (Rudolf Bultmann. Das Evangelium nach Johannes. 1941, S. 425ff).
Das heißt: Der Geist Gottes macht uns nicht zur Marionette, sondern unterstützt unsere Verantwortung und motiviert uns.

  1. Die Situation der Jüngern

„Die Offenbarung ist immer nur eine indirekte; sie erweckt dadurch, dass sie sich in der menschlich-geschichtlichen Sphäre ereignet, das Missverständnis, als sei die eine direkte. Um dieses Missverständnis zu zerstören, muss der Offenbarer Abschied nehmen und die Seinen … in der Anfechtung, lassen, in der sich die Lösung vom direkt Gegebenen und ständig der Vergangenheit Verfallenden und die Hinwendung zum nur indirekt Greifbaren, ständig Zukünftigen vollzieht.“ (Rudolf Bultmann. Das Evangelium nach Johannes. 1941, S. 431f).

Das heißt, dass Jesus für uns nicht nur der Auferstandene ist, sondern zugleich auch der Abwesende, der uns ermutigt in seinem Geist und Auftrag zu handeln.

  1. Jesus und die zukünftige Gemeinde

„Nichts anderes aber bedeutet es, dass die Offenbarung das Wort ist, und zwar das Wort in seinem Gesprochenwerden. Das Wort, das nicht einen ein für allemal anzueignenden Sinngehalt vermittelt, sondern das, als stets in die Situation der Welt hineingesprochenes, den Hörer aus der Welt herausruft. …. Er ist das lebendige Wort, d. h. paradoxerweise: das von der Gemeinde selbst gesprochene Wort; denn der Paraklet ist der in der Gemeinde wirkende Geist.“ (Rudolf Bultmann. Das Evangelium nach Johannes. 1941, S. 432).

Das heißt: Das in der Gemeinde gedachte und gesprochene Wort, das uns die Nähe Gottes zusagt, wird von der Gemeinde selbst lebendig verkörpert. In der Erfahrung der Nähe wird der Geist Gottes dies bewirken.

  1. Das Gericht über die Welt

„Die Welt hat nicht einst einmal einen edlen Menschen verkannt, sondern sie hat die Offenbarung verworfen und verwirft sie weiter. Sie versteht unter Sünde die Empörung gegen ihre Maßstäbe und Ideale, die ihr Sicherheit geben. Aber die Verschlossenheit gegen die Offenbarung, die alle weltliche Sicherheit in Frage stellt und eine andere Sicherheit eröffnet, …“ (Rudolf Bultmann. Das Evangelium nach Johannes. 1941, S. 434).

Das heißt: die Offenbarung stellt uns selbst vor alternativen, ob wir uns auf Gottes Unverfügbarkeit einlassen und vertrauen oder ob wir auf selbst konstruierte Sicherheiten setzen wollen.

  1. Die Offenbarung in der Zukunft

„Der Glaubende ist nicht aus der Welt hinweg genommen, sondern hat in ihr eine Zukunft und hat zu bestehen, was sie bringt und verlangt. Was er aber zu bestehen hat, kann nicht in Worten vorweggenommen werden, die er gar nicht würde fassen können; denn das zu Bestehende kann erst, wenn es begegnet, in seinem Sinn und Anspruch bemessen werden.“ (Rudolf Bultmann. Das Evangelium nach Johannes. 1941, S. 441).

Das heißt: Glaube heißt so in der Welt zu leben, dass ihre Herausforderungen immer neu und aktuell anders zu spüren sind.

Ich fasse zusammen: Im Abschied von Jesus werden die Konturen der christlichen Kirche gezeichnet. Jesus gibt den Glauben, aber er weist von sich weg auf Gott. Der Glaube an Jesus gibt das Heil, aber in der Zukunft aus der Hand Gottes. Jesus ist der Mittler, die Offenbarung, aber um Vertrauen auf Gott hin zu ermöglichen.
Der Abschied macht klar: In Jesus gibt es nicht ein Verfügen über die Lehre des Glaubens, sondern das Wagnis des Vertrauens in der Nachfolge des Gekreuzigten. Nach der Deutung des Johannesevangeliums ist das kein Vermächtnis nach Jesu Tod, sondern die Haltung, die Jesus selbst seinen Jüngern gibt.
Die Abschiedsrede bei Johannes ist die Grundlage der Kirche des Glaubens im strengen Sinn. Nicht der Glaube als Gewissheit, auch nicht im Bekenntnis, sondern als ein Wagnis, den unbekannten Weg des Lebens in die Zukunft hinein zu gehen, im Vertrauen darauf, dass der Geist uns hilft und begleitet. So ist die Kirche des Wortes, die evangelische, protestantische Kirche die Kirche des Geistes, der frei ist und Freiheit schenkt. Das fordert von uns auch Flexibilität, denn jede Situation wird neue Herausforderungen beinhalten.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen