Singen, Lachen, Beten, Tanzen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

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Zu: Lea Fleischmann, Rabbi Nachman und die Thora, Das Judentum für Nichtjuden verständlich gemacht, Scherz Verlag, Bern, München, Wien 2000, Preis: antiquarisch ab 2,50 Euro

Fleischmann - Rabbi NachmanAuf der Suche nach einem informativen Buch über Rabbi Nachman aus Bratzlaw, geboren 1772 in Medzhibozh (Ukraine) und gestorben 1810 in Uman, fand ich diesen äußerst lesenswerten Band. Die Geschichte der Autorin Lea Fleischmann, einer 1947 in Deutschland geborenen Jüdin, die 1992 nach Israel auswanderte, ist eine interessante Geschichte, die immer ein wenig miterzählt wird. Als sie auswanderte, schrieb sie darüber ein Buch, dessen Titel lautet: „Dies ist nicht mehr mein Land“ (Deutschland). Im Buch über Rabbi Nachman berichtet sie, dass und wie sie als Neubürgerin in Jerusalem ihre/unsere jüdisch-europäischen Wurzeln neu entdeckte. Ausgangspunkt ist ein ihr im Gedächtnis gebliebenes Sprichwort oder Lied: „Die ganze Welt ist ein schmaler Steg. Geh darüber und fürchte dich nicht, fürchte dich nicht.“ (S. 7)

Das Buch schildert auf der einen Ebene die Biografie von Rabbi Nachman aus Bratzlaw (Ukraine) und andererseits eine Suche nach der Gruppe in Israel, die sich nach ihm die Bratzlawer nennen. Schon recht bald findet Lea Fleischmann eine Lernstube, in der ein Rabbi namens Samuel Cohen Geschichten aus dem Leben Rabbi Nachmans erzählt. Auf dem Cover des Buches findet sich unten in hebräischen Buchstaben der Ausdruck: „Na Nach Nachma Nachman Meuman (aus Uman)“. Wer diesen Satz im Internet sucht, findet bestätigt, was Lea Fleischmann auf ihrer Entdeckungsreise in Israel selbst herausfindet: „Es steht doch überall geschrieben.“ (S. 9), sagte zu ihr ein junges Mädchen. Die Graffitis mit diesem Spruch in hebräischen Lettern sind tatsächlich unübersehbar. Es handelt sich dabei um die Buchstabenfolge des Namens Nachman, die man so aufsagt, um sie sich zu merken. Es ist eine Art, auf Hebräisch zu buchstabieren. Wie es kommt, dass Rabbi Nachman in Israel so präsent ist, wird in diesem Buch von Lea Fleischmann näher erläutert.

Rabbi Nachman ist eine Ikone des Chassidismus, der von Baal Schem Tow (Israel Ben Elieser) aus Medzhibozh begründet wurde. Er ist ein Urenkel des berühmten Rabbiners, den man Maggid (Wanderprediger, laut Wikipedia am 22.06.2015 nannte. Die meisten Erzählungen der Chassidim, die z. B. von Martin Buber gesammelt wurden, handeln von den Rabbinern selbst, entweder als kurze Zitate aus Predigten oder als Anekdoten. Das ist bei Rabbi Nachman etwas anders. Er war ein begnadeter Erzähler, der selbst in seine Predigten Erzählungen einbaute, die manchmal an Märchen erinnern. Diese Geschichten wurden von seinem Schüler und Mitarbeiter Rabbi Nathan Sternharz aus Nemirow aufgeschrieben und später als Buch herausgegeben. In diesem Zusammenhang berichtet Lea Fleischmann vom Gegensatz zwischen den Mitnagdim und den Chassidim in den Reihen der orthodoxen Juden, der wohl bis heute besteht. Als sich Nathan den Chassidim zuwandte, wollte sich seine Frau, aus dem Haus eines Mitnagdim-Rabbis scheiden lassen, wovon ihr Vater allerdings abriet.

Die Erzählungen von Rabbi Nachman, die sein Schüler notierte und die nun in der Lernstube des Samuel Cohen in Jerusalem vorgelesen wurden, sind eigentlich Lehrgeschichten, die aber oft in die Gestalt eines Märchens erscheinen. Gut ist, dass Lea Fleischmann keine dieser Geschichten erzählt, ohne sie zu deuten. Einmal lässt sie Rabbi „Die Geschichte vom Sterndeuter“ erzählen und ein anderes Mal lässt sie Nathan selbst zu Wort kommen in „die Geschichte von der verlorenen Königstochter“.

Obwohl der Chassidismus eine breite Richtung ist, die auf Baal Schem Tow zurückgeht, spielte doch Rabbi Nachman, einer der sogenannten Zaddik (Lehrer des Chassidismus), eine besondere Rolle. Er hat sich zeitlebens mit der Kabbalah, der jüdischen Mystik aus dem Mittelalter, beschäftigt und darüber zusammen mit seinem Schüler Nathan ein Buch geschrieben. Als Antwort auf den Tod seiner Frau Sussja, der Tochter von Reb Ephraim aus Ussiatyn, verbrannte Rabbi Nachman das gesamte Buch über die Kabbala. Er selbst starb einige Jahre später an der gleichen Krankheit, einem blutigen Husten, vermutlich einer TBC.

Begraben wurde er auf Wunsch in Uman. Dorthin war er nach dem Brand seines Hauses in Bratzlaw umgesiedelt. In Uman hatte er schon einige Jahre vorher das Massengrab besucht, dass dort an ein Massaker gegen die jüdische Bevölkerung aus dem Jahr 1768 erinnerte. Ukrainische Horden hatten, wie es heißt, über 1000 Juden ermordet, die alle gemeinsam in diesem Grab beerdigt wurden. Rabbi Nachman wollte dort beerdigt werden, um bei den „Seelen der gepeinigten und gemarterten Juden“ zu sein.

Rabbi Nachman hat dem Chassidismus eine neue Richtung gegeben, weil er lehrte, man solle gleichzeitig beten und tanzen, mit dem ganzen Körper. Schon früh entdeckte er das nächtliche Beten in der Natur. Er sprach dabei laut zu Gott, dem er meinte in der Einsamkeit der Wälder besonders nahe zu sein.

Das letzte Kapitel des Buches lautet: „Der Bratzlawer lebt.“ Lea Fleischmann schreibt: „Rabbi Nachman lebt in seinen Chassidim. Sie singen und tanzen mit Gottes Wort, denn er hat ganz besonders das Element der Freude in seiner Lehre betont.“ (S. 218)

Alle Erzählungen des Rabbi Nachman:

Die Erzählungen des Rabbi Nachman von Brazlaw, Zum erstenmal aus dem Jiddischen und Hebräischen übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Michael Brocke. Rowohlt Verlag, Reinbek 1985

Ein weiterer ergänzender Literaturhinweis mit Texten von Rabbi Nachman einem kurzen Nachwort und Quellenangaben. Besonders die Texte zum Stichwort „Weisheiten“ zeigen die spirituelle Tendenz, die ja auch von Lea Fleischmann angedeutet wird:

Martin Cunz und Raphael Pifko (Hg.): Die Weisheit des Rabbi Nachman, Erzählungen und Aphorismen, aus dem Hebräischen von Raphael Pifko, Benziger Verlag Patmos, Düsseldorf und Zürich 2000

Rezension: Die Geschichten des Rabbi Nachman, nacherzählt von Martin Buber

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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