Predigt über Johannes 6, 1 – 15 mit Texten von Marlies Blauth, Jörg Zink und Beate Weingardt, Christoph Fleischer, Welver 2015

Print Friendly, PDF & Email

Johannes 6, 1 – 15 (Gute Nachricht Bibel)

Danach fuhr Jesus über den See von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt. Eine große Menge Menschen folgte ihm, weil sie seine Wunder an den Kranken gesehen. Jesus stieg auf einen Berg und setzte sich mit seinen Jüngern. Es war kurz vor dem jüdischen Passahfest. Jesus blickte auf und sah die Menschenmenge auf sich zukommen. Er wandte sich an Philippus: »Wo können wir Brot kaufen, damit alle diese Leute zu essen bekommen?« Das sagte er, um Philippus auf die Probe zu stellen; er selbst wusste schon, was er tun würde. Philippus antwortete: »Zweihundert Silberstücke wären nicht genug, um so viel zu kaufen, dass jeder auch nur einen Brocken abbekommt.« Andreas, ein anderer Jünger, der Bruder von Simon Petrus, sagte: »Hier ist ein Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Aber was ist das schon bei so einer Menschenmenge? « »Sorgt dafür, dass die Leute sich setzen«, sagte Jesus. Es gab viel Gras an dem Ort. Sie setzten sich; ungefähr fünftausend Männer waren da. Jesus nahm die Brote, sprach darüber das Dankgebet und verteilte sie an die Menge. Mit den Fischen tat er dasselbe, und alle hatten reichlich zu essen. Als sie satt waren, sagte er zu seinen Jüngern: »Sammelt die Brotreste auf, damit nichts verdirbt.« Sie taten es und füllten zwölf Körbe mit den Resten. So viel war von den fünf Gerstenbroten übrig geblieben. Als die Leute das Wunder sahen, das Jesus vollbracht hatte, sagten sie: »Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll!« Jesus merkte, dass sie drauf und dran waren, ihn mit Gewalt zu ihrem König zu machen. Deshalb zog er sich wieder auf den Berg zurück, ganz für sich allein.

Liebe Gemeinde,

bei einem Bibelgespräch in der REHA-Klinik Möhnesee sagte mir einmal jemand, ich möge den Bibeltext in die Gegenwart hinein sprechen lassen, nicht in die Vergangenheit. Natürlich tendiere ich immer zunächst ein wenig dazu, mir den Text selbst vorstellen zu wollen, wie er damals gemeint war. Aber das soll etwas für die heutige Zeit etwas bedeuten.

Mir begegnete in diesen Tagen ein Gedicht, von Marlies Blauth, einer Malerin und Autorin aus dem Rheinland. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass dieses Gedicht auch Gedanken zu Johannes 6 enthalten könnte:

„gottesdienst/ durch die hirnwindungen/ dieser stadt wandern/ zehntausend in ihre mitte – / erhoffen sich heilung/ von ihren wünschen./ ja, die mitgliedschaft kostet,/ „im namen gottes/ nimm drei davon“,/ dann kriegst du/ das ewige leben in bunt./ über glastreppen/ rollt die welle der gläubigen,/ vorbei an brunnen springen/ die kinder, entdecken/ begeistern im tiefen/ ihr neu gekleidetes spiegelbild -/ während die eltern sich/ von opferstock zu opferstock weiter -/ quälen, am schicksal der welt/ mittragen, tüten und taschen/ mit freundlichen predigten/ halten und tauschen:/ einer trage des anderen last./ jetzt singen kinderchöre davon,/ dass sie unlustig sind,/ aber trost kehrt ein mit/ dem heiligen abendmahl/ in der pappschale./ reibt er sich seine hände, der gott/ des verkaufsoffnen sonntags -“ (Marlies Blauth: zarte takte tröpfelt die zeit, Mit Nachworten von Jutta Höfel, NordPark Wuppertal 2015, S.50/51)

Sicherlich gehen die Anspielungen noch mehr auf den Gottesdienst als auf eine Mahlzeit. Der Besuch der Einkaufszone einer Innenstadt wird zum gottesdienstlichen Ritual. Dieses Ritual endet beim Abendessen an der Pommesbude. Es ist auch durchaus anstrengend, aber hinterher sind alle zufrieden. Verkaufsoffene Sonntage erfreuen sich allseits der Beliebtheit, sei es im Sommer zu den Stadtfesten oder auch im Winter in der Adventszeit.

Der Gottesdienst als Deutungsmuster, das könnte uns auch für die Geschichte von den fünftausend Menschen helfen. Sie versammeln sich kurz vor einem Feiertag, dem Passahfest unter freiem Himmel. Anstelle wie gewohnt das Passah-Mahl im Kreis der Familie zu genießen, bleiben sie bei Jesus und kommen abends zu dem Berg, an den er sich zurückgezogen hat.

Was bleibt Jesus anderes übrig, als das Abendmahl nun mit den Vielen zu feiern.

Interessant sind die Vergleichspunkte zum Gedichte über das Treffen der vielen in der Innenstadt: Hier bei Jesus sind es fünftausend, in den Fußgängerzonen verdoppelt sich diese Zahlengabe: Zehntausend strömen in die Konsumtempel zusammen. Beiden gemein ist, dass sie sich unter freiem Himmel treffen. Auch das Geld spielt eine Rolle. Die Jünger denken daran, die Menge zu versorgen. Doch zweihundert Silberstücke würden nicht reichen. Dass jeder von den Fünftausend selbst dazu beitragen könnte, ist hier noch nicht im Blick, bis sich Andreas, der Bruder des Simon Petrus zu Wort meldet. Ein Kind kommt nach vorn zu Jesus: fünf Brote und zwei Fische reichen, um das Abendmahl zu beginnen. Nach dem Essen folgt noch die Kollekte. Zwölf Körbe voll sind zusammengekommen. Dieser Gottesdienst ist ein Wunder, das könnte er jeden Sonntag sein.

Ich las in der Kirchenzeitung, dass beim Kirchentag in Stuttgart bei Kollekten für die Flüchtlingsarbeit 300000 Euro eingesammelt worden sind. Das ist doch auch viel Geld. Das man nicht mit den Millionen, die der Kirchentag kostet, verrechnen sollte.

Es ist nicht die Frage, worin das Wunder besteht, sondern für welchen Gott dieser Gottesdienst gedacht ist. Einmal denken wir an den Gott Jesu, zum anderen begegnen wir dem Gott des Konsums.

Der verkaufsoffene Sonntag ist kein gottesdienstliches Ritual. Das damit zu vergleichen, ist eine Provokation der Dichterin. Es stellt den Konsumrausch in Frage, und betont, dass hier wohl nach dem Sinn des Lebens gesucht wird.

Doch was geschieht, wenn wir den Gottesdienst Jesu unter freiem Himmel mit unseren Gottesdiensten vergleichen. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede?

Das können wir erst beurteilen, wenn wir uns die Geschichte genauer anschauen. Ich nehme mir dazu Jörg Zink zu Hilfe. Er schreibt in seinem Buch: Das offene Gastmahl:

„Da strömen die Menschen also am Fuß des Golan zusammen, an dem Steilhang des Ostufers des Sees Genezareth, wo heute der Kibbuz En Gev liegt, und steigen hinauf. Sie versammeln sich oben auf einer weiten Heide um Jesus, und es geschieht etwas. Was eigentlich erleben sie? Und was können wir davon wissen?

Manchmal redet man von dieser Geschichte als von der „wunderbaren Brotvermehrung“. Aber es steht nicht da, Jesus habe aus den fünf Broten fünftausend gemacht. Was hat sich damals abgespielt? Die Geschichte sagt es nicht, und wir haben die Freiheit, uns die verschiedenen Möglichkeiten auszudenken.

Von „Brotvermehrung“ zu reden, ist genau gegen den Geist und den Willen Jesu gesprochen. Als Jesus in der Wüste vom Teufel den Vorschlag hörte, er solle doch aus Steinen Brot machen, da schmettert er diese Art von Zauberei ausdrücklich ab. Das war es also nicht. Aber was war es?

Könnte es sich so abgespielt haben, dass Jesus, wie wir es heute noch beim Abendmahl halten, die Brote in sehr kleine Stücke brach, so dass jeder das Zeichen des Brots empfing und dass sie mehr an ihrem Herzen und ihrer Seele satt wurden als an ihrem Leib? Das wäre eine Möglichkeit.

Oder wir könnten uns Folgendes vorstellen: Es gab da Menschen, die nichts zu essen hatten, und weil alle fürchteten, diese Veranstaltung in der Wüste könnte noch Tage dauern, waren auch allen anderen in Sorge, ob ihr Proviant ausreichen werde. Und dann war da die übermächtige Gestalt dieses Jesus. Dann war seine Rede über das Gottesreich unter den Menschen. Und da entdeckte einer, dass neben ihm einer hungrig war, und er entdeckte zugleich, dass das Butterbrot, das er in seiner Tasche hatte eigentlich für beide bestimmt war. Und als die Frage laut wurde: Wer hat etwas zu essen? – da kamen die Brote aus den Taschen und gingen durch die Reihen der Sitzenden.

Und als dann Jesus eines dieser Brote nahm und es brach, als Zeichen des Danks gegen Gott, da fingen sie alle an, ihr Brot zu brechen, und es zu teilen mit den Hungrigen neben ihnen. Und wäre dann am Ende der Geschichte der, dass sich in der Gegenwart Jesu jene Gemeinschaft bildete, die wir das brüderliche Gottesvolk nennen – und dass dies das eigentliche „Zeichen des Himmels“ war? …

Da merkten die Jünger, also die Hauptamtlichen, dass sie zu wenig anzubieten haben, um die Menschen satt zu machen. Dann nehmen sie das Wenige aus der Hand Jesu und erleben, dass plötzlich auch von den versammelten Tausenden von Menschen her Brot da ist. Dass sie gar nicht alles allein machen müssen, dass der Geist Jesu die Menge ergreift und verwandelt und dass da am Ende eine Gemeinschaft von Menschen da ist, die das Brot vom Himmel, das Wort und das Brot untereinander teilt.“ (Jörg Zink: Das offene Gastmahl, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2013, S. 79f)

Wir haben dabei gemerkt, dass es gar nicht darum geht, historische Wahrheiten zu klären, sondern dass für uns zu entdecken, was die Geschichte offen lässt. Das Geschehen, das Jesus anstößt, am Abend vor dem Feiertag, in einer Menge von Menschen, die zu Jesus gekommen sind, ist ein Beispiel für ein Modell von Kirche. Das Gottesbild Jesu ist keine theoretische Lehre, sondern wird praktisch vorgestaltet. So sind die Geschichten von Jesus immer mehr praktische Beispiele für ein gelebtes Gottesbild.

Einige Sätze aus einem Artikel zur Frage: „Woran glaubst du?“ (Ich verkürze bewusst):

–   Mich fasziniert der Gott, den Jesus vermittelt hat, denn er erwartet von uns nicht, dass wir ohne Schuld durchs Leben kommen. …

  • Mich fasziniert der Gott Jesu, denn er verurteilt nicht die Sünder, sondern diejenigen, die ihre Schuld leugnen, sich über andere stellen und über sie urteilen. …
  • Mich fasziniert der Gott Jesu, denn er schreibt niemandem vor, was er zu glauben hat. …
  • Mich fasziniert der Gott, den Jesus uns vermittelt hat, denn er hatte keine Berührungsängste, es gab für ihn keinen Menschen erster und zweiter Klasse, keine Recht- und Falschgläubigen. …
  • Mich fasziniert der Gott Jesu, weil er uns klarmacht, worauf es im Leben wirklich ankommt. …
  • Mich fasziniert der Gott Jesu, weil wir mit ihm Erfahrungen machen können, in kleinen Fügungen und großen Entscheidungen, in schweren Verletzungen und wunderbaren (!) Bewahrungen. …
  • Mich fasziniert der Gott Jesu, weil er wie der Vater des „verlorenen Sohnes“ ein Vater, eine Mutter ist, die ihre erwachsenen Kinder weggehen lassen, auch im Unfrieden, und deren Tür doch immer offen steht. … (Beate Weingardt, in: Uwe Metz (Hg.): Woran glaubst Du? Stuttgart 2014, 14ff.)

 

Gott ist also gar kein Wesen, vor dem hier auf der Heide an den Golan Höhen ein Altar für einen Open Air Gottesdienst erreichtet wird, sondern Gott ist mittendrin im Geschehen. Alles ist Gott, dass vor dem Passahfest sich diese Menschen um Jesus versammeln, dass sie gekommen sind, um ihn zu hören, dass sie kein Geld brauchen, weil es sowieso nicht reichen würde, dass ein Kind da ist mit fünf Broten und zwei Fischen und wer weiß noch wie viele Kinder dort sind. Und dass alle satt werden und hernach noch 12 Körbe eingesammelt werden. Das alles ist Gott, die ansteckende Kraft der Liebe.

Uns wird in diesem Tagen manchmal ein Bekenntnis zu einem übermenschlichen Wesen abverlangt, einer höchsten Instanz, einem, der den Urknall verkörpert und die Gesetze der Physik. Das ist in der Bibel alles viel einfacher. Gott wird nicht bekannt, sondern erlebt.

Das ist doch, was Johannes in einem seiner Briefe schreibt: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott mit ihm.“ (1. Johannes 4, 16)

Amen.

 

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen