Bedenken gegen Heidegger, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund und Christoph Fleischer, Welver 2015

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Zu: Peter Trawny und Andrew J. Mitchell (Hg.): Heidegger, die Juden, noch einmal, Heidegger Forum 11, Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt/M. 2015, ISBN 978-3-465-04245-7, 256 Seiten, Preis 24,80 Euro

Vorbemerkung

Diese gemeinsame Rezension folgt dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches. Die in Französisch abgedruckten Texte von Françoise und Danielle Cohen Lévinas bleiben unbearbeitet.

Heidegger, die Juden 9783465042457Der Band referiert bis auf eine Ausnahme die Vorträge der ersten internationalen Tagung des Martin-Heidegger-Instituts Wuppertal vom 30.10. bis 1.11. 2014. Das Thema der Tagung „Heidegger und die Juden“ erinnerte an den gleichnamigen Text von Jean-François Lyotard „Heidegger et, les juifs“ (1988). Diese gemeinsame Rezension folgt eher einem weltanschaulichen wie politischen Interesse, als dem Wunsch, einer Expertenmeinung eine weitere hinzuzufügen. Wir sind weniger an Heidegger als Person oder an seiner Philosophie interessiert, sondern an dem philosophischen, merkwürdig schamhaften und schweigsamen Umgang mit der Geschichte, die man mit den Stichworten Shoa, Auschwitz oder Holocaust verbindet. Zur weiteren Lektüre sei dazu das Sonderheft des Philosophiemagazins empfohlen (Philosophiemagazin, Sonderausgabe 03, Die Philosophen und der Nationalsozialismus, Hamburg 2015). Obwohl es in der Zeit zwischen 1945 und heute Gelegenheit gab, sich dazu zu äußern, z. B. nach dem ersten und weiteren Frankfurter Auschwitzprozessen ab 1963, gab erst ein Fernsehprojekt namens Holocaust Ende der siebziger Jahre den Anstoß dazu. Auch die sog. Wehrmachtsaustellung kam erst später. Der Philosoph Heidegger war in die Zeit des Nationalsozialismus persönlich involviert und steht somit beispielhaft für eine die Gesellschaft durchdringende Weltanschauung, die man sich heute kaum vorstellen kann. Allenfalls die Tatsache, dass nunmehr Heime von Asylsuchenden brennen anstelle Synagogen, kann man als ein Indiz einer solchen „metaphysischen“ Einstellung verstehen. Die Rezension referiert die Artikel überwiegend aus dem beschriebenen Lektüreinteresse heraus. Ein Fazit erübrigt sich daher. (C.F.)

„Das ‚Da-‚ des Daseins zeige nur an, dass ich den Platz eines anderen einnehme“, zitiert Klaus Englert in seinem Essay „Philosophie eines Überlebenden“ Emmanuel Lévinas‘ Antwort auf Martin Heidegger: über sechs Millionen ermordete Juden, 18 Millionen tote Zivilist_innen in der Sowjetunion, 500.000 ermordete Sinti und Roma, 15.000 in Konzentrationslagern inhaftierte Homosexuelle, deren Todesrate bei 60% lag. Völkermord und Vernichtung, ein „totaler Krieg“.

Philosophie, die Liebe zur Weisheit, sapere heißt schmecken, sapientia der Geschmack – es ist dies der bittere Geschmack des Totalitären: Das „1.000-jährige Reich“ als eine Metapher für das Ende der Geschichte, für eine perverse Eschatologie, für eine todbringende Apokalypse.

Heideggers „Schwarze Hefte“ also. Eine aktuelle Debatte, nicht zufällig 70 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft, die Grund genug ist für eine Selbstreflexion. Ein Anlass zu erhellen, worauf die Diskussion zielt und worauf sie gründet. Wie geht „postmetaphysisches Denken“, das sich so gerne auf Heidegger beruft? (M.C.)

 

Jean-Luc Nancy: Heideggers Banalität (S. 11 – 42)

Zunächst einmal ist zu bemängeln, dass die persönliche Information zu den Autorinnen und Autoren im Anhang in Fall von Jean-Luc Nancy äußerst dürftig ausfällt. Daher hier einige Streiflichter: Jean-Luc Nancy (geb. 1940), der in Straßburg lebt und dort bis zu seiner Pensionierung lehrte, hat zahlreiche Bücher über Themen der von Jacques Derrida angestoßenen Dekonstruktion verfasst. Jacques Derrida widmete ihm einen Buchtitel „Berühren: Jean-Luc Nancy“, in dem er die bis zum Erscheinen des Buches veröffentlichten Werke Nancys auswertete und prägte selbst den Begriff „Dekonstruktion des Christentums“. Interessant ist, dass Derrida die Tatsache, dass Nancy seit den siebziger Jahren mit einem neuen Herzen lebt, mit den Inhalten seiner Philosophie in Verbindung bringt. Im Blick auf die Philosophie Heideggers ist das Buch „singulär plural sein“ von Interesse, in dem Nancy die Ontologie von Heideggers „Sein und Zeit“ interpretiert und das „Mitsein“ und die Bedeutung des Sozialen hier weiter entwickelt.

Mit dem Begriff „Banalität“, den Nancy Hannah Arendts Berichterstattung über den Eichmannprozess in Israel 1961 entlehnt, werden die Mittäter in der NS-Politik bezeichnet, auch wenn die Identifikation mit dem totalitären System nur partiell und im modernen Sinn arbeitsteilig erfolgte. Heidegger beispielsweise unterstützte zwar den Antisemitismus, den biologistischen Rassismus der Nazis hingegen lehnte er ab.

In der philosophischen Entwicklung Heideggers findet mit dem Beginn der NS-Diktatur bzw. kurz davor eine Unterbrechung statt, die Derrida laut Nancy später als Dekonstruktion bzw. Destruktion bezeichnet hat. Statt der einfachen Unterscheidung zwischen Seiendem und Sein, wie es noch in „Sein und Zeit“ erfolgte, suchte Heidegger einen neuen Anfang für die Metaphysik, die zuvor als überwunden angesehen worden ist. (Anm.: Dass der Antisemitismus auch von anderen als metaphysisch bezeichnet wurde, wird im Artikel von Donatella die Cesare gezeigt.) In diesem Zusammenhang taucht die Idee des „Volks“ auf, die auf verschiedene, z. B. in den Krieg 1941 involvierte Völker pauschal angewandt wird: Deutschland, Russland usw. Hier tritt auch das „Jüdische“ in Gestalt des „Weltjudentums“ in Erscheinung. „Welt“ ist ebenfalls ein Begriff, der philosophisch aufgegriffen und der einer Vorstellung vom Sinn untergeordnet wird. Ob die Notizen der „Schwarzen Hefte“ dann auch in öffentlichen Äußerungen Heideggers wie z. B. den Vorlesung auftauchten, kann heute nur noch teilweise nachvollzogen werden (da die Vorlesungen von Heidegger selbst nach dem Krieg überarbeitet herausgegeben worden sind, die Suche nach Nachschriften gestaltet sich augenscheinlich schwierig).

Folgende konkrete Vorwürfe gegen das Judentum aus Heideggers Notizen sind laut Nancy u. a., dass das „jüdische Volk“ für sich ein „rassisches Prinzip“ reklamiere und dass es „von der Menschheit ausgeschlossen“ sei (22/23). Ein Ziel Heideggers ist die Rede von der „Vollendung des Abendlandes“. Bei der „Vorherrschaft des Seienden“ drohe die Verwüstung der Welt (24). Nancy stellt fest, Heideggers Notizen seien von den Begriffen des Antisemitismus geprägt, wie sie geistesgeschichtlich von der Schrift namens „Protokolle der Weisen vom Zion“ (ab 1903) und später durch die Nationalsozialisten verbreitet worden sind: „Er macht sich den banalen Müll zu seinen höheren Zwecken zu eigen.“ (28) Heidegger bedient sich antisemitischer Metaphorik und verbindet „Dekonstruktion“ mit „Destruktion“ (29). Gleichzeitig konstatiert Nancy, dass Heidegger damit lediglich an einer damals verbreiteten Denkströmung partizipiert. Er, dessen Philosophie das Merkmal der „Frage“ trägt, frage jedoch nicht, wie der Antisemitismus entstanden sei, bzw. inwiefern dieser aus dem Christentum entstehe. „Heidegger hätte nach den Gründen und der Herkunft des Antisemitismus fragen können. Er tut es nicht. Er empfängt die Banalität, die nunmehr der schlimmste hasserfüllte und beklemmend groteske Diskurs der ‚Protokolle‘ geworden ist, wie ein Geschenk des abendländischen Geschicks.“ (30) Die Konsequenzen für Heideggers Geschichtsbegriff wären noch zu vertiefen, meint Nancy. Hat Heidegger den Geschichtsbegriff eines Bildes der Abfolge von Ereignissen überwunden, so hätte er demnach auch versuchen müssen, Geschichte im Sinn von Herkunft zu ignorieren, wie dies zum Teil Inhalt des Antisemitismus ist. Weiterhin meint Nancy, das Christentum sei genauso zu untersuchen und „in ihm (zu) unterscheiden, was sich dem Judentum anhaftet und was sich von ihm abnabelt“ (37). Warum, so fragt Nancy, hat Heidegger den Platz des „Sündenbocks“ des Judentums gebraucht und womit sei dieser Platz nun erneut zu besetzen? „Die Aufgabe besteht darin, die ‚Seinsfrage‘ oder die Frage der ‚ontologischen Differenz‘ vom Dispositiv der Ursprünglichkeit oder Anfänglichkeit zu trennen.“ (41) Obwohl Heidegger selbst es besser hätte wissen müssen, hätte er das „Paradigma des Anfänglichen“ verwendet und den „Selbsthass, (den) den alten Groll des Abendlandes gegen sich selbst“ verdeckt (42).
Gut ist, dass Nancy über Heidegger hinausgeht und nach der Geschichte des Antisemitismus im Christentum fragt. Was die Wendung Heideggers zum Metaphysischen angeht, ist unklar, was Heidegger philosophisch dazu bewegte: „Heidegger könnte wissen, er müsste es wissen.“ (42). Heißt das, was Nancy an Heidegger beobachtet, dass sich destruktive Kräfte des Christentums zu Wort melden, wenn man die Rolle der christlichen Religion nicht bewusst thematisiert? Zuletzt gefragt: Warum sind kollektive Rollenzuschreibungen in der Gesellschaft überhaupt nötig? Gibt es den Juden, die Christin usw. überhaupt? (C.F.)

 

Christian Sommer: Heidegger, politische Theologie (S. 43 – 53)

Christian Sommer spricht von „Heidegger, politische Theologie“. Er spricht von Heideggers Antisemitismus als „einer sehr deutschen bzw., westlichen Tradition“ (44), wir werden später darauf zurückkommen. Metaphysik, das ist der Rückgriff auf die griechische Antike, jene europäische Vernunftbegabung, die die Welt, das Seiende und dessen Ursprung auf den Begriff bringt. Doch jenseits davon wird bei Heidegger das Sein zum „Seyn“: Die Hölderlin-Vorlesung 1934/35, das Volk und die „Rückbindung an die Götter“ (45), das wird bei Heidegger zu einer „politischen Theologie“. Es bleibt also zu klären, auf welche Weise genau dieses jenseits von Athen und Jerusalem, das nach Germania und in die Katastrophe führt, post-metaphysisch ist. Europa wird mit einem Krieg überzogen? – „Was kein Unglück ist, sondern die erste Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung durch die Vormacht des Seienden.“ (Heidegger, GA 96, 238, zit. n. 49) Sommer bezeichnet Heideggers Sicht auf und seine Verortung im Nationalsozialismus als dessen „(Über)Deutung des National-Sozialismus“ (50). Die Bedeutung ist eine funktionale als „Katalysator des Untergangs“ (ebd.) – die Folie quasi für Heideggers Antisemitismus (der in Sommers Text in Anführungszeichen zu „Heideggers Antisemitismus“ wird). Der Autor gibt an einer anderen Stelle den Forschungsauftrag vor und zugleich ein Rätsel auf: „Weiter müsste gezeigt werden, warum diese tragische Totalfabel sich nicht in einem seinsgeschichtlichen Ideenhimmel abspielt, sondern performativ-anthropologisch in Heideggers Fleisch (Hervorhebung M.C.) in seiner faktisch-praktischen eschatologischen Haltung und Lage.“ (48) Diese Metapher von „Heideggers Fleisch“ ist ein zentrales Motiv des Autors. Ein Rätsel – raten, sich etwas zurechtlegen, (aus)sinnen, Vorsorge treffen – was legt sich jemand zurecht, der von „Heideggers Fleisch“ spricht? Das Rohe, rotes, weiches Muskelgewebe von Menschen und Tieren, das Fleisch der Tiere, das Menschen essen, Aufschneiden und Sezieren, der menschliche Körper mit seinen Begierden im Gegensatz zum Geist. Es war ein Akt der fortschreitenden Distanzierung, als aus dem sozialen Gefüge von Verwandtschaften, Freundschaften und Nachbarschaften ein Volkskörper wurde, der rassenbiologische Maßnahmen, Töten und Morden positiv sanktionierte. Es ist ein Akt der Entmenschlichung, der zur massenhaften Vernichtung führt. „Heideggers Fleisch“ spricht eben nicht von sinnlicher Wahrnehmung, von Aisthesis, Empathie und Schmerz, sondern von der An-Ästhesie einer ganzen Generation. „Heideggers Fleisch“ zeigt Heidegger nur scheinbar und versieht ihn vorsorglich mit der Möglichkeit, ihn als einen Leidenden zu imaginieren: Täter-Opfer-Verhältnisse ließen sich umkehren, und so ließe sich die deutsche Gesellschaft entnazifizieren. (M.C.)

 

Donatella di Cesare: Das Sein und der Jude, Heideggers metaphysischer Antisemitismus. (S. 55 – 74)

Donatella di Cesare, die nicht nur Philosophie in Rom lehrt, sondern auch jüdische Studien betreibt, untersucht am Beispiel Heideggers den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Philosophie. Sie achtet dabei auf die Begrifflichkeit „die Juden“ oder „die Judenfrage“ (55), weil man so nicht innerhalb des Judentums spricht. Aus der Integration machte Hitler den Vorwurf, sie „gäben sich als Deutsche aus, während sie Feinde seien“ (58). Da Heidegger den Antisemitismus im Feld der „Seinsgeschichte“ ansiedelt, meint di Cesare, die antisemitische Einstellung Heideggers sei „metaphysisch“ (58). Wie auch bei Carl Schmitt, so zeigt sich Antisemitismus an der Begrifflichkeit (59). Entsprechend zitiert sie Heideggers Aussage von der „zeitweiligen Machtsteigerung des Judentums“ (Zitat Heidegger, 60). Die Auseinandersetzung mit dem Judentum wird so bei Heidegger zum „metaphysischen Konflikt“ (61). Der Mythos der Auserwählung führe das Judentum zur „Weltherrschaft“ (62), die dann später vom „Bolschewismus“ fast nicht unterschieden werden kann (ebd.). Deutschland dagegen gehe eine Verbindung mit Griechenland ein, so meinte es Heidegger wohl philosophisch. Aber was heißt dann „Metaphysik des Juden“ (60)? Verrückterweise wird das Rasseprinzip, auf dessen Welle der Antisemitismus schwimmt, dem Judentum selbst zum Vorwurf gemacht (62).

Das Bemühen um Definition und pauschale Verallgemeinerungen kennzeichnet die Argumentationslinie Heideggers als antisemitisch. Schon Waldemar Gurian hat 1932 vom „metaphysischen Antisemitismus“ gesprochen: „Der metaphysische Antisemitismus wird zu einem Massenglauben (…)“ (Zitat Gurian, vgl. 70). Dazu stellt Donatella di Cesare fest, wie der Verweis des Antisemitismus auf die Theologie funktioniert (hat): „Die hierarchischen Entgegensetzungen verraten ihre theologische Herkunft, sie nehme, wenn auch auf indirekte Weise, die Oppositionen zwischen Seele/Leib, Geist/Buchstabe, Innen/Außen wieder auf.“ (71). Übertragen heißt das in der Philosophie: „War der Jude in der Theologie für den Tod Gottes verantwortlich, so ist er in der Ontologie für die Seinsvergessenheit verantwortlich.“ (71) Dabei ist zu beachten, dass Heidegger jüdische Personen in seinem Umfeld von der pauschalen Betrachtung ausnimmt. Von der Definition der Anderen, mit der er sich den Stein des Anstoßes aus dem Weg räumt, führt der „Holzweg“ (73) bis zur Shoa. Tatsächlich hat Heidegger mit der Kritik der Technik auch die Möglichkeit gesehen, das Ereignis der Shoa selbst als Seinsvergessenheit zu enttarnen. So stellt Donatella di Cesare abschließend fest: „Hätte Heidegger das traumatische Ereignis von Auschwitz anerkannt, so hätte er zulassen müssen, dass jenes Trauma die Geschichte des Seins zertrümmert.“ (79) (C.F.)

 

Marcia Sá Cavalcante Schuback: Heidegger, die Juden, Heute (S. 117 – 144)

„Die ‚Schwarzen Hefte’ sind eine Schrift“ – und im besten Sinn dekonstruiert die Autorin das, was Heidegger aus der „Notwendigkeit einer Änderung im (philosophischen) Schreiben“ (118) in ihnen hinterlassen hat. So liest sie die „Schwarzen Hefte“ auch als „testamentarische Literatur“ (119). Heidegger unterscheidet sein „seynsgeschichtliches Denken“ vom metaphysischen Denken (ebd.). Schreiben ist für Heidegger ein Handwerk, Arbeit der Hand (und lässt sich hier nicht eine weitere Linie ziehen zu „Heideggers Fleisch“, von dem vorher die Rede war?) und philosophisches Denken wird Literatur, eine Art „phantastischer Literatur“ (121) die versucht, das Flüchtige zu fassen. Dekonstruktion: das Ritual der Schrift, die Befestigung des Flüchtigen mittels warmen Wachses als encaustum, das griechische en-kaien das brennen bedeutet und davon die Abstammung der Worte holocaust und ink (Tinte) gleichermaßen! „Das seynsgeschichtliche Denken“ Heideggers „als apokalyptische Vision“ (124) also, das sich absetzt von der Metaphysik und der griechischen Philosophie und diese zugleich absetzt. Dieses „seynsgeschichtliche Denken“, der „andere Anfang“ (127) entzieht sich, „ein Inzwischen, ein Unterdessen, ein Übergang, ein übergehender Übergang, ein Transit die Trance des Übergangs“ (126), das eher eine schriftliche Differenz und weniger eine ontologische oder phänomenologische bezeichnet (129). Bei Heidegger verbindet sich nun dieser Übergang und das Versprechen des anderen Anfangs mit einer Spannung zwischen Verendung und Endlosigkeit, zwischen Zerstörung und Verwüstung. Was jedoch bei Horkheimer und Adorno als Dialektik der Aufklärung herausgearbeitet wird als Kritik der Moderne, bekommt bei Heidegger eine ganz andere Richtung im Rückbezug auf die Metaphysik: „Die Moderne ist die Entfesselung der vernichtenden Machenschaft des ersten Anfangs selbst.“ (133) Das ist das Sein, aus dem für Heidegger notwendig „Seyn“ werden soll. Die Totalisierung des Abendlandes ist Athen immanent. Und die Verknüpfung von Athen und Jerusalem ist, dass „in dieser Dramaturgie der Seynsgeschichte (…) die Juden auftreten als die ‚Figur‘ der Moderne“ (135), als die „Figur der Vernichtung“ (136) des Allgemeinen und Universalen. Systemisch gesehen antwortet Heidegger mit einem Mehr-vom-selben, für ihn antwortet Vernichtung auf Vernichtung und maskiert zudem noch die Vernichtung als Selbst-Vernichtung der Juden. (Vgl. 138) Weiter: „Zum Anfangen des Anfänglichen gehört die Vernichtung der Vernichtung. Heidegger denkt die Vernichtung der Vernichtung als Ende der Endung des ersten Anfangs.“ (Ebd.) Und damit wird die Frage des Antisemitismus eine Frage des Abendlandes, eine Frage Europas: „Es ist unsere Frage.“ (141) Diese Frage verknüpft Metaphysik, die Philosophie des Abendlandes mit Nationalismus, Imperialismus, Kolonialismus, Krieg, Terror, Ausgrenzung, Deportation, Konzentration und der Vernichtung des Anderen: „Das ‚Europa der Vernunft‘ ist das der Vernunft der Differenzierung, der Vernunft der Apartheid.“ (142) Der Hass ist alltäglich und die Frage nach dem anderen Europa stellt sich aktuell umso mehr, denn „hat Europa und das Abendland nicht seit langem von der ungeheuren Apartheid des schwarzen Kontinents gelebt?“ (144) (M.C.)

 

Angel Xolocotzi: Die geschichtslose Berechenbarkeit. Heidegger und die subjektive Interpretation des Judentums (S. 145 – 161).

Es geht in diesem Artikel um die Bearbeitung der „Schwarzen Hefte“ in Lateinamerika. Da sie noch nicht übersetzt sind, gibt es bislang keine nennenswerte Aufarbeitung. Angel Xolocotzi erinnert an ein Werk von Werner Sombart, das in einer Form der Entgegnung zu Max Webers Protestantismusthese Spuren des Judentums im Wirtschaftsleben aufgezeigt hat (Werner Sombart, 1911: „Die Juden und das Wirtschaftsleben“, 147), eine bislang wenig erwähnte Quelle des Antisemitismus. Er meint dazu noch, dass nicht in „Sein und Zeit“ die Frage nach der „Volksgemeinschaft“ bei Heidegger aufgekommen sein, sondern in der Arbeit über die „Metaphysik des Daseins“, veröffentlicht in „Überlegungen III“. Hier wird aus Metaphysik faktisch „Metapolitik“ (150). In diesem Zusammenhang entdecke Heidegger den Begriff der Transzendenz, die bedeute, „das Seiende in seiner Entdeckung auf seine Möglichkeiten zu beziehen.“ (153) Vor diesem Hintergrund führe daher bei Heidegger der Begriff der Existenz weder zu einer Anthropologie noch zu einer Erkenntnistheorie, sondern zu regionalen Konkretionen und geschichtlichen Interpretationen. (155). Heidegger scheine bemüht, das Philosophische auf das Politische anwenden zu wollen. Er entscheidet sich dabei für den Nationalsozialismus, dem er teilweise folgt. Indem die politische Entwicklung hingegen mehr vom Technischen, als von Inhalten her bestimmt wurde, war Heidegger später nicht mehr so interessiert wie am Anfang. Der lateinamerikanische Autor sieht die bislang veröffentlichten „Schwarzen Hefte“ mehr als „die Verwandlung des existentiellen Begriffs der Existenz in einen metaphysischen“, der konkrete Regionen wie die Politik einbezieht. (165) Dass die Wahl der NS-Politik dazu ein Fehlgriff Heideggers war, wird am Ende des Artikels nicht erneut betont. Faktisch zeigt dieser Artikel, dass Heideggers Philosophie als Beispiel dafür steht, dass auch eine begrifflich abstrakte Philosophie die Wirklichkeit der Politik direkt oder indirekt beinhaltet, ja sogar zu einer politischen Philosophie werden kann oder eben politisch ist, ob man will oder nicht. (C.F.)

 

Andrew. J.Mitchell: die Politik des Geistes und die Selbst-Zerstörung des zukünftigen Staates, Heideggers Rektorat in den „Schwarzen Heften“ (S. 167 – 190)

Andrew J. Mitchell analysiert „Heideggers Rektorat in den ‚Schwarzen Heften'“ und nennt seine Untersuchung „Die Politik des Geistes und die Selbst-Zerstörung des zukünftigen Staates“. Heidegger also und die „Konzeption eines ‚geistigen Nationalsozialismus'“. (167) Und das zentrale Motiv ist das der Feindschaft, das, was dem Geist feindlich gegenübersteht. Im Zentrum jedoch geht es um die Konstruktion, das Verständnis und die Philosophie des Geistes: „Der Aufbau einer neuen geistigen Welt für das deutsche Volk wird zur wesentlichsten Aufgabe der deutschen Universität.“ (Heidegger GA 16,82, zit. n. 171) Geist markiert eine Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft, ein Raum des „Zwischen“ und des „Werden“ wird abgesteckt (vgl. 169) Ein Raum der metaphysischen Gegensätze des alten Europas, wie sie Mitchell benennt: „Anwesenheit / Abwesenheit, Sinnliches / Übersinnliches, Subjekt / Objekt, Vorstellung / Wirklichkeit“. Und auch hinter diesen Gegensätzen erkennen wir die Schatten Athens und Jerusalems. Des Geistes – und damit Heideggers – Feinde sind Mittelmäßigkeit und „Falschmünzerei“ (175), wo keine neue Wirklichkeit entsteht und keine „geistigen Feuer“ (ebd.) entfacht werden. Und so ist da bei Heidegger eine Meta-Metaphysik der Feindschaft und des Kampfes im Werden des Geistes, um „(…) den Angriff auf weite Sicht mit dem Ziel der völligen Vernichtung anzusetzen“ (Heidegger, GA 36/37, 91, zit. n. 179). Ver-nicht-ung, mehr als Zerstörung, wie Mitchell herausarbeitet: „In der Vernichtung bleibt nichts.“ (Ebd.) Es ist eine Frage, die sich anschließt, ob denn „der Jude“ der Feind sein könnte, der vernichtet werden müsse? (181) Die Antwort geben zwölf Jahre Diktatur, Terrorherrschaft und Krieg, die auf dem Fundament des geistigen Nationalsozialismus gegründet wurden. Auch wenn Heidegger scheitert als Rektor der Freiburger Universität, weil seine Konzeption von Geist als Vorstellung und die Wirklichkeit 1934/35 sich nicht überein bringen lassen. Darin bliebe er ganz den Konzepten von Philosophie verhaftet, die er hinter sich lassen wollte. Und auch wenn Heidegger dieses Scheitern reflektiert, bleibt beredt das, was er vermeidet, nämlich sich dem auszusetzen, an dem er geistig beteiligt war. (M.C.)

 

Florian Grosser: Selbstheit, Andersheit und die ‚Möglichkeit des elementaren Bösen‘, Levinas‘ Heidegger Kritik im Licht der „Schwarzen Hefte“. (S. 191 – 214)

Emanuel Levinas (Florian Grosser schreibt den Namen Lévinas ohne Akzent, anm. des Rez.) hat 1934 einen Text mit „Betrachtungen zur Philosophie des Hitlerismus“ herausgegeben. 1990 ergänzt er in einer Neuauflage die Vorbemerkung um die Erwähnung Martin Heideggers dahingehend, dass die Philosophie nicht genügend geschützt ist gegen „die Möglichkeit des elementaren Bösen“ (Zitat Levinas, 191). Für Florian Grosser scheint es vor allem die „Selbstzentriertheit“ (191f.) zu sein, welche die Philosophie Heideggers hierfür anfällig macht. In einem Vortrag 1934 hat Heidegger sogar den Begriff „Feind“ oder „Feindschaft“ mit dem Wort „Jude“ verknüpft. Levinas beobachtet folgendes: Da für Heidegger in „Sein und Zeit“ der Andere kaum vorkommt (außer in §25 – 27), ist der Tod das nichtpersönlich Andere (194f.). Selbst der Begriff der Fürsorge wird in „Sein und Zeit“ so interpretiert, dass er nur dazu da ist, dem Anderen einen Selbstbezug zu ermöglichen. Auf diese Bedeutung des Anderen als Erkenntnisobjekt nicht als Gegenüber deutet auch das unpersönlich Wort „man“, das bei Heidegger einen großen Raum einnimmt. (198). Das „Mitsein“ wird nach Levinas, so referiert Grosser, hauptsächlich auf die „Wertegemeinschaft“ oder das „Volk“ angewandt. (199). „Wenn dagegen Levinas darauf besteht, dass ausnahmslos jeder Andere ein Antlitz hat, welches mich angeht, mich anspricht und zur Verantwortung verpflichtet, (…) so lässt sich schwerlich ein passenderer Adressat dieser Warnung denken, als Heidegger in seinem exklusiv-instrumentellen Zugang zu menschlicher Andersheit.“ (202). Da bei Heidegger der „Eigenwille“ sogar zugunsten der „Gefolgschaft“ zurücksteht (203/4, zur „Rektoratsrede“), kann Heidegger den Anderen nur in ein Freund-Feind-Schema einordnen (205). Levinas bemerkt laut Florian Grosser, dass sich diese auch auf „die ontische Andersheit des Juden“ beziehen kann (207). Bereits 1934 hat sich Levinas mit der Idee des „Existenzkampfes auf Leben und Tod“, wie er vom „Hitlerismus“ angegeben wurde, kritisch auseinandergesetzt. Zuletzt ist es der Vorwurf der „Weltlosigkeit“, der nach Florian Grosser den der Feindschaft noch zu überbieten scheint. Levinas zu Folge, so schließt Grosser, ergibt sich aus der „Selbstzufriedenheit Heideggerschen Denkens“ die „Allergie desselben gegen mitmenschliche Andersheit“ (214), ein Denken, das demnach im angegebenen Zeitraum durchgängig antisemitisch durchsetzt ist. (C.F.)

 

Alain David: „Die Abwesenheit von Antisemitismus genügt keineswegs“ (S. 215 – 232)

Alain David überschreibt seinen Artikel mit einem Zitat von Maurice Blanchot. „Wenn der Antisemitismus Heideggers nicht mit dem der Nazis übereinstimmt, woraus bestand er dann?“, ist eine seiner einleitenden Fragen, die an dieselbe Spannung anschließt, die bei Mitchell durchscheint: Hier der „geistige Nationalsozialismus“, dort die Vernichtungspolitik. Antisemitismus, ist der nicht „wie eine gewöhnliche Gegebenheit gegenwärtig“? (219) Auch bei denen, bei denen wir ihn nicht vermuten? David präsentiert ein kleines Stück, das zwischen Levinas und Husserl spielt, ein Zitat, ein Ausspruch der Frau Edmund Hussels, „(…) die Leute obgleich Juden (…)“ (217). Die Soziologie kennt diesen Mechanismus, gesellschaftliche Abwertungen, die heute gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit heißen zu verinnerlichen. Die „‚europäische‘ Philosophie der Vernunft (…) ignoriert den Antisemitismus“, so die These Davids. (223): „In der Apokalypse von Auschwitz war es das Abendland, das da in seinem Wesen sein wahres Gesicht gezeigt hat und was auch fortdauert. Und Heidegger hat dieses Ereignis in seinem Denken vollkommen ignoriert.“ (Philippe Lacoune-Labarthe, zit. n. 226) David sieht Europa heute als ein Europa, in dem Judaismus zur Folklore und Antisemitismus als Anekdote würden (vgl. 227) und schlägt damit einen Bogen von damals zu dem Antisemitismus, der auch Alltag der Wuppertaler Stadtgesellschaft ist. Heideggers Schuld angesichts von Judenvernichtung, „Verzeihung“ aussprechen angesichts des Völkermords und zwar ohne Erlösungspathos und „Selbstgefälligkeit der Buße“ (230)? Der Völkermord markiert das Unbegrenzte; der Tod, gleichgültig geworden, bezeichnet nicht länger die Grenze des politischen Raums. Die Verfügbarkeit über den Körper und „endloses Leiden“ zeigen an, dass Folter, mit Rückgriff auf Amery, „Kennzeichen einer Ontologie oder einer Méontologie“ wird (vgl. 232). (M.C.)

 

Peter Trawny: Celan und Heidegger, Noch einmal (S. 233 – 251)

Der Lyriker Paul Celan, dessen Eltern dem Holocaust zum Opfer fielen, hat mehr als einmal das Schicksal der antisemitischen Vernichtung beschrieben. Das bekannteste Gedicht ist die „Todesfuge“. Martin Heidegger hat im Jahr 1967 die Lesung Celans in Freiburg besucht und ihn daraufhin in seine Schwarzwaldhütte in Todtnauberg eingeladen. Nachdem Paul Celan im Jahr 1970 an seinem Wohnort Paris Selbstmord verübte, wurde posthum ein Gedichtband veröffentlicht, der ein Gedicht enthielt, das den Titel „Todtnauberg“ trägt. In diesem Gedicht hat Celan ausdrücklich Heidegger dessen Schweigen über die Shoa während seines Besuchs und vorher vorgeworfen. Peter Trawny fragt nach der Ursache dieses Schweigens, die in der nationalsozialistischen Zeit liegen muss. Was etwa ist bei Heidegger im Jahr 1941 die Rolle des „Weltjudentums“ (239), und was ist mir der „Selbstvernichtung“ des Jüdischen gemeint (240)? Auch wenn mit den Begriffen nicht direkt die Vernichtungspolitik der Nazis gemeint sein muss, so zeigt doch ein Zitat aus der Bremer Rede aus dem Jahr 1949, dass Heidegger von etwas gewusst haben muss, was er dann als „Fabrikation von Leichen in Gaskammern“ bezeichnet hat (Zitat Heidegger, 242). Es sei allerdings durchaus nicht ungewöhnlich, dass die Philosophie über den konkreten Menschen hinweggehe, meint Trawny (244). Er bezieht sich auf Jacques Derrida, der in seinem Aufsatz „Schibboleth“ über Celan schreibt, dass in der Geschichte nicht nur vom Feuer, sondern auch von Asche die Rede ist, wie oft in den Gedichten Celans. Dazu Trawny: „Heidegger hätte genug Anlässe gehabt, die ‚Asche‘ zu bemerken. Wo gibt es schon ‚Feuer‘ ohne ‚Asche‘? Er verschweigt, Celan dichtet sie.“ (245)

Dass dieses Schweigen nicht unbewusst oder unabsichtlich geschieht, zeigen die Notizen aus den „Schwarzen Heften“. Dabei müsse doch klar gewesen sein: „Die Shoa entzieht uns die Möglichkeit, von ihr zu schweigen.“ (246).

Immerhin ist von Scham die Rede, etwa in einem Briefwechsel mit Karl Jaspers. Zuletzt ist es Celan, der unter dem schweigen Heideggers leidet, zumal er gedacht hatte, es würde gesprochen. Die Begegnung des Philosophen und des Dichters ist an der Shoa gescheitert. Trawny stellt fest: „Wenn das Schweigen Tote noch einmal töten kann, dann hat Heideggers Schweigen diesen dunkelsten Schatten auf dieses Denken gelegt.“ (251) (C.F.)

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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