Predigt über Lukas 18, 9-14 mit Zitaten aus dem Buch: Diskretes Christentum von Kristian Fechtner, Christoph Fleischer, Welver 2015

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Verlesung des Textes Lukas 18, 9-14 (Gute Nachricht Bibel):

9Dann wandte sich Jesus einigen Leuten zu, die voller Selbstvertrauen meinten, in Gottes Augen untadelig dazustehen, und deshalb für alle anderen nur Verachtung übrig hatten. Er erzählte ihnen folgende Geschichte:

10»Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel*, um zu beten, ein Pharisäer* und ein Zolleinnehmer*.

11Der Pharisäer stellte sich vorne hin und betete leise bei sich: ‚Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen, alle diese Räuber, Betrüger und Ehebrecher, oder auch wie dieser Zolleinnehmer hier! 12Ich faste* zwei Tage in der Woche und gebe dir den vorgeschriebenen Zehnten* sogar noch von dem, was ich bei anderen einkaufe!‘ 13Der Zolleinnehmer aber stand ganz hinten und getraute sich nicht einmal, zum Himmel aufzublicken. Er schlug sich zerknirscht an die Brust und sagte: ‚Gott, hab Erbarmen mit mir, ich bin ein sündiger Mensch!’«

14Jesus schloss: »Ich sage euch, der Zolleinnehmer ging aus dem Tempel in sein Haus hinunter als einer, den Gott für gerecht* erklärt hatte – ganz im Unterschied zu dem Pharisäer. Denn alle, die sich selbst groß machen, werden von Gott gedemütigt, und alle, die sich selbst gering achten, werden von ihm zu Ehren gebracht.«

Liebe Gemeinde,

Dieses Gleichnis klingt plausibel, ist aber bei näherem Hinsehen nicht einfach. Vom „Pharisäer“ und vom „Zöllner“. Wir wissen, dass die Pharisäer als Gegner Jesu bezeichnet werden und dass er auch sonst mit Zöllner zu tun hatte. Einige der Jünger waren Zöllner. Von daher verwundert es nicht, dass sich Jesus hier für den Zöllner ausspricht.

Ohne dieses Vorwissen, kommt das aber auch ein wenig schräg rüber. Ich las, dass bei Konfirmandinnen und Konfirmanden beide als unsympathisch gelten. Einer wegen seiner angeberischen Art und der andere wegen seiner unterwürfigen Art. Dann müsste man schon Jesu Absicht theologisch deuten, denn es geht ja indirekt auch um das Gebet. Das stille Gebet in der letzten Reihe ist Jesus wohl lieber als das laute Gebet, das jeder hören kann. Doch nun kommt für mich ein neuer Aspekt dazu, der dieses Gleichnis noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet. Bei dieser Betrachtung geht es gar nicht so sehr darum, wer von beiden besser oder sympathischer ist, sondern was Jesus damit eigentlich verdeutlichen möchte.

Hierbei hilft mir ein Buch, dass ich gerade lese: „Diskretes Christentum, Religion und Scham. Von Kristian Fechtner“ (Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2015).

Die Rede ist von der Scham, die hierbei als eine Hemmung gesehen wird, sich öffentlich zum christlichen Glauben als der eigenen Religion zu bekennen. Die Beobachtung des Autors ist so gemeint, dass viele Menschen heute sich ihres Glaubens nicht mehr so sicher sind, dass sie ihn öffentlich äußern würden. Sie schämen sich sozusagen und meinen, dass sie nicht genug davon wüssten. Als ich gerade einige Abschnitte in dem Buch las fiel mir der Zusammenhang zum heutigen Predigttext geradezu ins Auge. Das Buch selbst, das an anderer Stelle auch einige Bibeltexte interpretiert, geht auf dieses Gleichnis nicht ein, sondern hat zum Stichwort „Zöllner“ die Geschichte von Zachäus ausgewählt, der auf einen Baum klettert, um Jesus sehen zu können, weil er klein von Gestalt war. Doch darum geht es hier ja nicht. Aber es geht auch hier unter dem Stichwort Scham um das Verhalten des Zöllners. Doch es wird deutlich, dass der gesamte Texte zum gleichen Thema gehört, auch das, was über den Pharisäer gesagt wird. Das wird deutlich, wenn wir einige Sätze aus dem Buch dazu hören:

Erstes Zitat: „Scham ist eine willkürliche Empfindung, die sich situativ einstellt. In der Regel muss man das Gefühl nicht erklären, weil es Menschen schon am eigenen Leib verspürt haben. … Schamgefühle sind selbstbezüglich. … Scham kommt plötzlich und überfällt einen. … An der Empfindung der Scham wird gewahr, dass wir unsere Wirklichkeit nicht nur tätig erzeugen, sondern ihr immer auch ausgesetzt sind, sie gleichsam ‚erleiden’. Mehr noch: die Scham lässt mich spüren, dass ich verletzlich bin und dass mein Ich unzulänglich ist. Sich schämen untergräbt jede Form der Selbstsicherheit und Selbstgewissheit. Sie ist damit das Gegengefühl zum Stolz.“ (S. 43)

Natürlich soll dieses Zitat nur einen kurzen Blick werfen auf die ganze Thematik. Wenn man die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner aus dieser Perspektive betrachtet, dann wird allerdings klar, dass es tatsächlich von vornherein ausschließlich um den Zöllner geht. Es geht nicht darum, den Pharisäer anzuprangern, sondern nur darum, das schamhafte Verhalten des Zöllners zu erklären. Scham hat etwas mit anderen Menschen zu tun. Ich schäme mich z. B., wenn ich im Ausland bin und die dortige Sprache nicht beherrsche. Es ist mir peinlich, dass ich mich nicht verständigen kann. Wenn man nicht gewohnt ist in die Kirche zu gehen oder sogar aus einer anderen Gemeinde stammt, dann weiß man nicht genau, wann man hier aufstehen muss und welche Sprüche genau aufgesagt oder gesungen werden. Die Folge ist unwillkürlich, dass man sich zurücknimmt und unauffällig sein möchte, sich allenfalls anpasst. Wenn der Zöllner allein im Tempel gewesen wäre, dann wäre es egal gewesen, da aber zugleich ein bekennender Pharisäer anwesend war, schämte er sich und bliebt ganz hintern stehen. Der Zöllner ist ein Fernstehender. Unsere Kirche besteht heute fast nur noch aus Fernstehenden. Und mit Jesus gesprochen ist das gar nicht so ein Problem, wenn wir dazu stehen.

Ausdrücklich sagt die Bibel, dass der Zöllner sich nicht traute, die Augen zum Himmel zu erheben. Dazu das zweite Zitat: „Scham ist ein Augengefühl, dies gilt in einem doppelten Sinn. Zum einen zeigt sie sich im Gesicht. Wer Scham verspürt, schlägt die Augen nieder. Er kann die Blicke der anderen schier nicht ertragen, schon gar nicht erwidern. Und die Angst vor der Scham, die selbst schon zum Vorhof des Schamgefühls gehört, ist die Angst ‚sein Gesicht zu verlieren’, mithin sein Ansehen einzubüßen.“

Somit ist zunächst schon einmal erklärt, warum der Zöllner nicht aufsehen kann oder will. Diese Erzählung will also das Schamgeschehen illustrieren. Doch wie gesagt, dazu gehört der andere, der ebenfalls anwesend ist: „Was sich dem blickenden Auge darstellt, ist der Anblick. Wo der Blick eines Menschen auf einen anderen fällt, entsteht Kontakt; …“ (S. 45) So verdeutlicht der Autor, das Scham ein Beziehungsgeschehen ist. Dieses Beziehungsgeschehen wird in diesem Bibeltext gar nicht in der Beschreibung des Zöllners erklärt, sondern in den Worten des Pharisäers. Ausdrücklich dankt er Gott, und sagt: „Ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen, alle diese Räuber, Betrüger und Ehebrecher, oder auch wie dieser Zolleinnehmer hier!“ (Vers 11). Ausdrücklich verdeutlicht Jesus, und er übertreibt dabei, dass der Pharisäer den Zöllner wahrnimmt und sich auf ihn bezieht. Da er selbstsicher ist, kann er das auch ausdrücklich aussprechen. Er wertet den anderen aber dabei ab. Vielleicht wäre dieser Hochmut, den wir an diesem Pharisäer wahrnehmen, gar eine Folge dieses Geschehens. Hier ist er einfach selbstsicher und dankt Gott dafür, sich nicht schämen zu müssen. Das ist zunächst gar nicht schlimm und verdeutlicht für uns als Leserinnen und Leser das Beziehungsgeschehen. Er nimmt ausdrücklich in seinem Gebet Bezug auf diesen konkreten Menschen, der ihm leidtut, weil er sich offensichtlich schämt. Holen wir diesen Bibeltext dadurch also einmal heraus aus der Schwarzweißmalerei und erkennen, dass es einfach nur darum geht, zu erklären, wie dieses Geschehen funktioniert, dass die eine Seite die Scham ist und die andere Seite die Selbstsicherheit, die aber zum Hochmut oder zur Überheblichkeit führen kann, was vielleicht zunächst gar nicht beabsichtigt ist. Wenn es ein Beziehungsgeschehen ist, dann kann man vielleicht sogar sagen, dass die Scham des einen die eine Seite und die Selbstsicherheit die andere Seite ist.

Nun kommt dazu noch eine dritte Beobachtung, die zeigt, was an der Scham wichtig ist und wofür sie da ist. Der Mensch, der sich schämt, kann sich zugleich abgrenzen: „Nun aber ist die Scham aber nicht nur die Selbstempfindung eines Defizits, das vor anderen zutage tritt. Scham empfinden zu können ist auch eine individuelle Fähigkeit. Durch sie zieht das Subjekt eine Grenze um sich, durch die es sich vor der Zudringlichkeit und den Übergriffen der anderen schützt. … durch die Scham und in ihr wird eine private Sphäre abgesteckt, gleichsam ein Sichtschutz des Persönlichen.“ (S. 47)

In diesem Zusammenhang zeigt die Scham das Bewusstsein eines „unveräußerlichen Wertgefühls“ (s. 47). Hier wird die ausdrückliche Formulierung des knappen Schuldbekenntnisses wichtig. Diese Beichte ist also keine persönliche Bankrotterklärung, sondern das ausdrückliche Bewusstsein der Scham, das Gott gegenüber bekannt werden kann, weil er ein stilles und verschwiegenes Gegenüber ist, das die Intimität der Scham nicht verletzt. Im Schlusssatz deutet Jesus dieses Schambekenntnis als Voraussetzung dafür, dass Gott diesen Menschen zu Ehren bringt, weil er sich selbst gering achtet.

Ich persönlich war wirklich dankbar für diese Entdeckung, dass es hierbei um Scham geht, weil ich mir jetzt die Worte besser erklären kann, die sich auf den Pharisäer beziehen. Er ist die zweite Person im Raum, die eben eine andere Rolle verkörpert. Während der Zolleinnehmer der Fernstehende ist, ist er derjenige, der im Umgang mit Religion und Gott intim ist. Er spricht seine intimsten Gedanken, und seien es die primitivsten Vorurteile, Gott gegenüber ungeniert aus, vielleicht sogar so laut im Gebet, dass andere mithören können, wie heutzutage bei einem Handyanruf im Bus. Der Pharisäer wird so für mich in der Geschichte zum Statisten. Er ist die Figur, die diese Szene der Scham benötigt. Ohne die Gruppe der Gemeindetreuen gäbe es keinen Unterschied zu den Fernstehenden.

So ist zum Schluss die eigentliche Frage des Textes danach, warum wir Menschen überhaupt Unterschiede machen. Es fällt auf: Das Gebet des Pharisäers enthält überhaupt keinen Selbstbezug: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen, alle diese Räuber, Betrüger und Ehebrecher, oder auch wie dieser Zolleinnehmer hier! Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe dir den vorgeschriebenen Zehnten sogar noch von dem, was ich bei anderen einkaufe!’“ (Verse 11 und 12).

Man möchte fragen, was er denn nun eigentlich von Gott will, wo er sich des Unterschieds zu den anderen so sicher ist. Dieses Gebet enthält überhaupt keine Bitte. Wozu soll er auch Gott um etwas bitten, wo er doch alles hat, was ihn zufrieden stellt. Er leistet alles, was nötig ist, unterstützt die Armen und kann dankbar sein für all, was ihn von den Menschen unterscheidet, die sich augenscheinlich schämen müssen.

Dieses Gleichnis ist ein rhetorisch, weil Jesus im Vergleich von Pharisäer und Zöllner hier eine subtile Umkehr vollzieht. Das peinliche Gefühl, sich vor Gott und den Frommen schämen zu müssen, wird vom Nachteil zum Vorteil erklärt. Dieses Bekenntnis, vergib mir, ist alles, was wir zu Gott sagen können. Es soll keine Schuldgefühle produzieren, sondern zeigen, dass wir uns unserer Scham Gott gegenüber gar nicht zu schämen brauchen. Gott ist der Grund unseres Seins, der für uns selbst unverfügbar ist. Seine Haupteigenschaft ist das Erbarmen, das was uns als Christinnen und Christen in der Botschaft Jesu begegnet, was andere Religionen aber auch kennen. Das Gefühl, dass unser Leben vom Erbarmen lebt und auf Erbarmen angewiesen ist, ist also keinesfalls eine Idee, die uns klein und unselbständig macht, sondern gerade zu eine Quelle der Kraft. Hochmut und Selbstüberheblichkeit ist keine Quelle der Kraft, weil sie so tut, als hätte sie nichts nötig. Jesus zeigt uns Gott, der den Niedrigen aus dem Staub erhebt, so wie es der Psalm schon sagte:

Psalm 113:

5Wer ist wie der HERR, unser Gott,

im Himmel und auf Erden?

6Der oben thront in der Höhe,

der herniederschaut in die Tiefe,

7der den Geringen aufrichtet aus dem Staube

und erhöht den Armen aus dem Schmutz,

8dass er ihn setze neben die Fürsten,

neben die Fürsten seines Volkes;

9der die Unfruchtbare im Hause zu Ehren bringt,

dass sie eine fröhliche Kindermutter wird. Halleluja!

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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