Reformation aus weiblicher Perspektive, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

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Zu: Ursula Koch: Verspottet, geachtet, geliebt –die Frauen der Reformatoren, Geschichten von Mut, Anfechtung und Beharrlichkeit, Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn 2015, 199 Seiten, ISBN 978-3-7615-6214-7 (print), Preis: 14,99 Euro

978-3-7615-6214-7Die Autorin Ursula Koch ist pensionierte Gymnasiallehrerin in Berlin. Sie hat bereits eine Biografie über Katharina von Bora veröffentlicht („Rosen im Schnee, Katharina Luther, geborene von Bora“) und andere Bücher über Frauen in der Reformation- und Kirchengeschichte. Hier in diesem zu besprechenden Buch gelingt ihr eine interessante, narrative Form der verflochtenen Biographien einiger Frauen der Reformationszeit; nicht alle sind Frauen von Reformatoren, wie es der Titel ausdrückt.

Die Autorin entwirft in der Erzählung einen posthumen Erfahrungsaustausch der Frauen und stellt bei jedem Kapitel ein interessantes Thema in den Vordergrund. Katharina von Bora, die Lutherin genannt, tritt als Gesprächsführerin auf. Einige Aspekte werden in einem Schlussgespräch zusammengefasst:

 

„ ‚Der frühe Tod der Kinder, Zellin.’

 ‚Und die Schlachten des Krieges, in denen unser Glück verblutet, Anna!’

 ‚Und die Gewalt der Pest, die unsere Liebsten von uns reißt, Wibrandis.’

 ‚Und die Verachtung der Gaben, mit denen eine Frau von Gott gesegnet wird, Elisabeth.’

‚Und die Einsamkeit zwischen den Nächsten im eigenen Haus, Frau Argula.’

‚Und die Härte der Starken gegen die Schwachen, Idelette.’

 ‚Und die Not und die Sorge um unsere Kinder, Katharina.’

 ‚Und die bitteren Schmerzen, wenn wir sterben müssen, Lutherin.’“ (S. 177/178).

 

Die Gestaltung des Buches ist daher weniger auf eine Biografie orientiert, wenn sie doch biografische Episoden bearbeitet. Die einzelnen Beispiele sind interessant und zeigen sowohl die zeitbedingten Probleme als auch Ereignisse, die mit der Reformation zu tun haben.

Im Anhang sind allerdings kurze Skizzen zu den einzelnen Frauen enthalten, so dass die Leserin und der Leser die einzelnen Episoden auch biografisch einordnen kann.

 

Daher sollen im Folgenden die beteiligten Personen kurz vorgestellt werden:

Katharina Kreutter aus Mühlhausen hat an der Reformation Thomas Müntzers teilgenommen und sogar das Abendmahl ausgeteilt. Ihre Spur verliert sich im Bauernkrieg.

Anna Zwingli war in zweiter Ehe mit dem Züricher Reformator verheiratet, der in ihren Armen starb, da er in der Schlacht von Kappel verwundet worden ist (1531).

Argula von Grumbach, eine bayerische Adlige aus der Nähe von Ingolstadt, trat als Reformatorin in Erscheinung, da Martin Luther ihre Briefe an die Kirche und Fürsten als Flugschriften veröffentlicht hat. Unter den heftigen Gegenreaktionen litt auch ihre Ehe.

Katharina Melanchthon hat viel mit den Krankheiten und dem teilweise frühen Tod ihrer Kinder zu tun. Schwierig wurde es als ihre Tochter Anna mit 14 einen Studenten heiratete, mit dem sie sich heimlich verlobt hatte. Dieser litt an krankhafter Eifersucht und die Frau litt an der Gewalt in der Ehe. Sie lebten erst in Frankfurt an der Oder und dann in Königsberg. Sie verließ ihren Mann nicht, starb jedoch früh nach der sechsten Geburt.

Katharina Zell hat Frau als des Straßburger Pfarrers Matthäus Zell ein „Lehr-, Gebet- und Dankbuch“ mit Kirchenliedern herausgegeben. Als ihr Mann früh stirbt, hält sie ihm die Grabrede. Sie ist an ihrem Wohnort Straßburg sehr populär und wird nach ihrem Tod 1562 unter großer Anteilnahme zu Grabe getragen.

Katharina Luther meldet sich an mehreren Stellen des Buches zu Wort. Sie teilt viele Erfahrungen anderer Frauen: Die Teilnahme an der Reformation, eine enttäuschte und eine glückliche Liebe, der frühe Tod einiger ihrer Kinder, die Aufnahme und Bewirtung von Gästen eines kleinen Studentenhotels und von Flüchtlingen, die Flucht vor der Pest und weiterer Komplikationen, eine enttäuschte Liebe und die, wenn auch zeitweilige, Trennung von ihrem Ehemann, seine andauernde Pflege und seinen Tod, wenn sie diesen auch selbst nicht miterlebte, da er auf Reisen in seiner Heimatstadt Eisleben starb.

Elisabeth Cruziger, die mit ihrem Mann Caspar Cruziger in Wittenberg und Magdeburg lebte, hat ein Lied geschrieben, das bis heute im Gesangbuch steht („Herr Christ, der einig Gotts Sohn“, eg 67).

Wibrandis Rosenblatt, die vierfache Witwe, heiratete den Baseler Humanisten Cellarius, nach dessen Tod den Reformator Oekolampad, nach dessen Tod den Straßburger Propst Capito und nach dessen Tod an der Pest den Reformator Martin Bucer, dessen Frau ebenfalls an der Pest gestorben war. Als Bucer eine Stelle in Cambridge annahm, reiste sie zweimal dorthin bis sie gemeinsam zurückkehrten.

Idelette Calvin hat unter ihrer Ehe mit Jean Calvin gelitten, da der Reformator arbeitswütig und cholerisch war und wohl eher mit der Kirche verheiratet als mit seiner Frau. Unter Calvin kam es anlässlich einer Pestepidemie in Genf sogar zu einer Hexenverfolgung. Immerhin gelang es Calvin den Abendmahlsstreit zu beenden und so die Konfessionen der Reformation ein wenig zueinander zu führen.

Das Buch gibt neben den Episoden aus dem Leben der für die Reformation repräsentativen Frauen auch Einblicke in die Geschichte der Reformation und schildert z. B. die langwierige Beilegung der Abendmahlsstreitigkeiten zwischen Reformierten und Lutheranern sowie die umstrittene Doppelehe des zu den Reformierten neigenden Landgrafen Philipp von Hessen.

Die emotionale Not der Frauen wird ebenso deutlich, wie ihr mutiges Engagement für die Reformation.

Zum Schluss ist die Frage offen, ob Ursula Koch die Frauen der Reformation nicht doch zu einseitig in einer klar definierten weiblichen Rolle darstellt, von Ausnahmen abgesehen. Die Frage sei erlaubt, ob sie nicht auch in den Predigten und Schriften der Reformatoren als stille Mit-Autorinnen vorkamen. Einige Beispiele im Buch wie Elisabeth Cruziger und Argula von Grumbach zeigen, dass eine Vermutung in diese Richtung durchaus angebracht ist. Ursula Koch beginnt damit, die Frauen der Reformatoren aus deren Schatten herauszuholen.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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