Spurensuche im Gegenwärtigen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

Zu: Achim Nöllenheidt (Hg.): Geheimnisvolles NRW, Elf Orte und ihre ganz besondere Geschichte, Klartext Verlag, Essen 2015, ISBN 978-3-8375-1344-8, Preis: 14,95 Euro

 

Dieser reich bebilderte Band begleitet die Fernsehserie des WDR-Fernsehens: „Geheimnisvolle Orte“. Die Beiträge finden sich jetzt nach der Ausstrahlung auch auf youtube.de: http://www1.wdr.de/fernsehen/dokumentation_reportage/geheimnisvolleorte/sendungen/geheimnismoehnetalsperre104.html

 

Geheimnisvolles NRW_16.4.2015.inddDie repräsentativen Beispiele für die Geschichte der Region im Westen Deutschlands, die heute NRW heißt, werden in den Beiträgen des Buches vorgestellt. Wohngebäude wie die Villa-Hügel in Essen oder der Kanzlerbungalow in Bonn sind genauso vertreten wie die Großanlagen der Infrastruktur des Duisburger Hafens, des Kölner Hauptbahnhofs, des Nürburgrings und der Möhnetalsperre. Der Aufsatz über den Teutoburger Wald versammelt einige Sehenswürdigkeiten der Region, wie das Hermannsdenkmal und die Externsteine, aber auch die Wewelsburg bei Paderborn. In dieser Rezension werde ich exemplarisch den Beitrag über die Möhnetalsperre vorstellen.

 

Die Wasserknappheit gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte bei starkem Bevölkerungswachstum und dem Wasserverbrauch der Industrie zu katastrophalen Zuständen. Die Maschinen nahmen den Menschen das Wasser weg. Die bereits errichteten kleinen Talsperren im Sauerland konnten den Bedarf nicht auffangen. Besonders das Wasser der Ruhr als möglicher Trinkwasserquelle brauchte einen gesicherten Zufluss. So entstand nördlich des Ruhrtals die „größte Baustelle Europas“, die Möhnetalsperre. Die Anlage im unteren Möhnetal, dort, wo die Heve hinzukommt, kostete 700 Menschen ihren Lebens- und Arbeitsraum. Ein ganzes Dorf verschwand und viele Höfe. Vor etwas mehr als 100 Jahren (1914) war der Möhnesee fertig und wurde schnell zum beliebten Ausflugsziel.

Im zweiten Weltkrieg sollte ein Angriff auf die Staumauer die Waffenindustrie im Ruhrgebiet empfindlich treffen. Man entwickelte in England die hüpfende Bombe und erprobte sie an einem „Zwilling“, dem „Derwent Dam“, der zum Teil von denselben Ingenieuren gebaut wurde, wie die 37 Meter hohe Möhnestaumauer. In einer „wolkenlosen Vollmondnacht“ in der Nacht vom 16. Zum 17. Mai 1943 löste die fünfte und letzte Bombe die Möhnekatastrophe aus. Die Auswirkungen der Flutwelle besonders in Wickede werden im Buch von Augenzeugen beschrieben.

Drei Viertel der 1557 Toten waren osteuropäische Zwangsarbeiterinnen in einem Lager unterhalb der Staumauer. Schon eine Woche später wurde in Dortmund der erste große Bombenangriff auf die Innenstadt geflogen, und zwar mit Brandbomben. Der Schaden war unermesslich, weil durch die Zerstörung der Möhnestaumauer das nötige Löschwasser fehlte.

Die Verbindung der Möhnekatastrophe mit einem Bombenangriff auf Dortmund hat für mich bzw. meine Familie eine persönliche Komponente. Der Bruder meines Vaters, Erich Fleischer, der sich als Achtzehnjähriger freiwillig zur Reichswehr melden wollte, wurde nach ein paar Tagen am 28.5.1943 im Luftschutzbunker des Kreiswehrersatzamtes an der Kampstraße tot aufgefunden, da nach Aussage meines Vaters dieser Bunker voll Wasser gelaufen war.

So ist dieses Buch über „Geheimnisvolle Orte“ zu einem Puzzleteil meiner Biografie geworden. Es ist gerade die Stärke dieses Buches, Linien zwischen verschiedenen Zeitebenen und Ortslagen der Region zu ziehen, die heute Nordrhein-Westfalen heißt.

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen