„Postmoderner Glaube“, Kurzer Bericht und Gedanken zu einem Text von John D. Caputo, Christoph Fleischer 2015

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John D. Caputo, Truth, Philosophy in Transit, Penguin Books, London 2013, ISBN 978-1-846-14600-8

Caputo truthJohn D. Caputo, emeritierter Philosoph aus Syracusa (USA) mit dem Schwerpunkt Religionsphilosophie, legt hier die Ausarbeitung einer schwachen Theologie („weak theology“) vor. Hierbei zieht er vor allem Schriften des französischen Philosophen Jacques Derrida (Dekonstruktion) heran. Das Buch „Truth“ erschien in einer Reihe, genannt „Philosophy in Transit“, die anlässlich des Jubiläums der Londoner U-Bahn herausgegeben worden ist. Dass das Wort Transit nicht nur den Weg zur Arbeit meint, sondern auch das Lebensgefühl der Postmoderne aufgreift, wird in den Titeln der Reihe thematisiert.

John D. Caputo geht auf die philosophischen Wurzeln und die Vorläufer der Postmoderne ein (z. B. Kant, Hegel, Nietzsche, Kierkegaard). Die Postmoderne ist gegenüber der Moderne keine neue Ära, sondern eine Fragerichtung, die die Kritik selbst auf die Grundlagen der Moderne anwendet. Nun verdeutlicht der Autor den Wahrheitsbegriff der Postmoderne am Beispiel der Religion, wie im Abschnitt „What Do We with Religious Truth?“ (S. 49-65).

Er bezieht sich hierbei auch auf Gianni Vattimo und dessen Begriff des „schwachen Denkens“, das dieser dem „metaphysischen Denken“ entgegenstellt (vgl. S. 152). Dadurch bedingt lassen sich in der Postmoderne Vernunft und Glaube nicht streng voneinander trennen. Außerdem ist Glaube eher als eine Existenzweise zu denken und nicht so sehr als das Fürwahrhalten von Wahrheiten. Glaube kann so gesehen nicht im Gegensatz zur Vernunft gedacht werden, wie sich andererseits Vernunft nicht streng vom Glauben absetzen kann. Weitergedacht müsste man sagen, dass alles Denken letztlich auf Glauben basiert, der durch eine metaphysische Argumentation nur verschleiert wird. So wie ich das versehe, ist mit Metaphysik hier keine Ontologie gemeint, sondern ein System von Wahrheiten, das eher von einem universellen Gottes- oder Weltbegriff ausgeht.

Von Seiten der Theologie interessiert in diesem Zusammenhang die Beschreibung der Religion, die Caputo zum Teil dem deutschamerikanischen Theologen Paul Tillich entlehnt  wie im Begriff „ultimate concern“ zum Ausdruck kommt und das meint, was uns unbedingt angeht (vgl. S. 61).

Caputo kommt am Ende seines Buches „Truth“ zurück zur Religion: „A Postmodern Faith“ (s.o., S. 257-262): „… to my uncertain, irregular and heretical religion, religion being the test case of truth with which we started down this road.“ (S. 257).

Daher ist mit „Glauben“ (Faith) nicht das konfessionelle Bekenntnis zu einer Religion gemeint. Die traditionellen und bekenntnisorientierten Religionen müssen in dieser Sichtweise radikal überdacht werden, denn sie sehen, Caputo folgend, ausgesprochen erschöpft aus („weary“). Doch damit geht kein Verzicht auf Glaube und Religion einher. Der postmoderne Glaube findet sich nicht im Bekenntnis, sondern im Ereignis („event“). Diesen Glauben beginnt Caputo zu beschreiben: „… the faith I have been describing, that the futur is always better. I do not mean a confessional faith that is supposed to save us, but a more radical faith that puts us at risk. Now more than ever that faith will be put to the test.“ (ebd.)

Caputo beschreibt, wie dieser Glaube, der uns für die Zukunft bestimmt, in kosmo-poetischen Begriffen ausgedrückt wird: „Perhaps the faith that is demanded of us now, that will be demanded of us in the future, will assume a more cosmic form, and we will have to give it words in some kind of cosmo-poetics …“ (S. 257/258)

Wenn Caputo hier an einen Glauben denkt, in dem die Verhältnisse des Menschseins sich so verändern werden, dass man sie als menschlich ansehen kann, denkt man schon fast wieder an die sozialen Utopien des 20. Jahrhunderts. Wichtig ist daran der Situationsbezug der Wahrheit: Alles, was darin von der Philosophie gedacht und gesagt wurde, ist eine erdgebundene Wahrheit und bedarf der Kontextualisierung, ja einer Wiederholung in universellen, kosmischen Verhältnissen. Das Wort kosmisch ist hier vom Weltall her (Kosmos) gedacht ist, von dem uns umgebenden Universum.

Caputo sieht das Ereignis des menschlichen Lebens auf der Erde als einen seltenen und besonderen und herausragenden Moment an, der nur wenige Sekunden in der Zeit des Weltalls andauert und in dem sich durch den Beginn des Lebens und der Intelligenz die Frage nach Wahrheit stellt. Vor diesem kosmischen Hintergrund lassen sich viele Fragen der Philosophie neu beantworten. Diese Entwicklung nennt Caputo „post-human“, aber nicht im Sinn eines Untergangsgedankens, sondern eher im Sinne einer Vorstellung von Wiederholung, der Neubegründung und einer Re-Kontextualisierung.

Caputo schreibt: „Truth to tell, we do not know who we are – and that is who we are. That is the little kernel of wisdom, and the grain of truth, I serve up as I seek to make a graceful exit from the stage. We are that non-knowing and my final thought, my plea, my prayer – I am always praying§ (S. 258) Es geht darum, die Wahrheit zu sagen und nicht zu verschweigen. Und so meint Caputo, dass es kein letztes Wissen gibt, sondern nur einen Glauben an die Zukunft: „The more we learn, the more mysterious we learn we are.“ (S.259)

Caputo beschreibt uns als Reisende, als Unterwegs-Seiende. Im Universum nehmen wir nur einen kleinen Raum ein, worauf schon der junge Nietzsche hingewiesen hat. Doch über das anthropozentrische Weltbild eines Nietzsche sind auch wir schon hinaus, so meint Caputo. „… but also for wonder that this vast universe should for a moment have made room for a bit of thought and language, a bit of joy and wonder, a bit of invention. The wonders are everywhere, beginning with the sub-atomic particles in our bodies, which we are told are of ancient cosmic origin, millions of years old. We are such stuff as the stars are made of. We are stardust and unto stardust we shall return.“ (S. 259) Vielleicht kann man in anderen Worten sagen, dass Caputo meint, wir seien ein Geschenk des Lebens an sich selbst. „Grace is natural before it is supernatural and it is supernatural only because it is natural.“ (S.260)

Das Übernatürliche sollte man als eine Übertreibung oder ein Kompliment ansehen, einen Weg, um etwas als gesegnet zu bezeichnen. Gnade geschieht, sie ist ein „event“, ein Ereignis, so meint er: „We don´t need God for grace, but we do need grace for God, ‚God‘ being one of the ways we have devised to say, to sing, to express our gratitude for grace, for such felicity as things permit, with or without what is called God in religion.“ (S. 260) M. E. kann man diesen Satz nicht ganz nachvollziehen, es sei denn, man würde die Religion auf einen Projektion reduzieren, was ja auch psychologisch sinnvoll sein kann. Wenn Gott das Unverfügbare und Unbedingte ist, dann ist auch die Gnade unverfügbar. Man sollte daher nicht sagen, dass man Gott nicht für die Gnade braucht, wie es genauso richtig ist, dass wir die Gnade für Gott brauchen, um kein unbarmherziges oder gar gewaltsames Gottesbild zu kultivieren.

Caputo macht Ernst mit einer Religion, die sich auch in nichtreligiösen Worten ausdrücken lässt. In dieser Religion stehen daher nicht die religiösen Begriffe im Vordergrund, sondern das Gefühl der Dankbarkeit oder das respektvolle (Nicht-)Wissen um die Wunder der jeweiligen Existenz. So wird das Leben als unverfügbar erlebt. Eine solche Einstellung zur Religion ist keine Ablehnung, kein Atheismus. Sie ist eine Voraussetzung dafür, religiöse Inhalte auch nicht-religiös ausdrücken zu können. Religiöse Erfahrungen bräuchten damit aber auch eine andere, neue, postmoderne Sprache. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sonst religiöse Inhalte „nicht-religiös“ ausgedrückt werden könnten. Vielleicht ist das Verständnisproblem mit dem Begriff Gnade schon ein Symptom dafür, dass es ein Rückgriff in die vorgefundene religiöse Sprache ist.

Caputo bezieht sich auch auf Augustin, der in seinem Buch „Confessiones“ sein unruhiges Herz schildert. In einem Abschnitt des Buches „Truth“ zieht er einen Vergleich zwischen Augustin und Derrida, die zu anderen Zeiten im gleichen Landstrich geboren wurden, in Nordafrika: „… Augustine und Derrida both confess a secret, the one to the other, that they do not know the truth of their desire, that they do not know in truth what they love and desire when they love and desire their God. But that not-knowing does not spell the end of their desire… But they are still more joined by this same accident. The one calls this accident a ‚grace‘, … the other calls it an ‚event‘ … “ (S.261) Caputo zeigt zum Schluss, dass sich die Bedeutung der beiden Begriffe Gnade und Ereignis durch den jeweils anderen erschließen lässt. Oder um ein Wort von Dietrich Bonhoeffer abzuwandeln: „Eine Wahrheit die es gibt, gibt es nicht.“

Niemand kann die Wahrheit besitzen, weil sie geschieht. Vielleicht erinnert er, ohne es so auszudrücken, an die Geschichte vom Elefanten, den Forscher im Dunkeln berührt haben, und von denen jeder nur seinen eigenen Eindruck schildern kann. Unterschiedliche Glaubensformeln und philosophische Einstellungen in dieser Welt, darf man nicht als Gegensatz sehen; sie ergänzen sich. Keiner von ihnen hat die Wahrheit, weil die Wahrheit sich immer selbst in einem Ereignis zeigt, das geglaubt werden kann, weil es bevorsteht. Auch naturwissenschaftliche Welterklärung und die religiöse Ereignisvorstellungen sind weit weniger voneinander entfernt, als sie für sich selbst zu akzeptieren bereit sind.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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