Halbwelten, Rezension von Niklas Fleischer, Dortmund 2015

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Zu: Christopher De La Garza (Produzent 6 Autor), Simon Pape (Concept Artist), sascha Grusche (Illustrator): Hemispheres – Corpus Separatum, Aurum in J. Kamphausen Mediengruppe, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-95883-057-8, Preis: 19,95 Euro

image002Viele Menschen verbinden Comics und Cartoons immer noch ausschließlich mit Donald Duck – Action und Unterhaltung – vielfach wurde versucht, dem Comic den Status als Literatur oder Kunst abzuerkennen.

Tatsächlich lohnt aber vielfach auch eine genauere Betrachtung und Differenzierung. Geschichten wie die „Maus“-Serie von Art Spiegelmann zeigen, dass Comics sich gewandelt haben und auch ernste Themen durchaus ansprechen können, ohne die jeweiligen Themen ins lächerliche, ins komische zu ziehen und somit wichtige Botschaften überbringen können. Art Spiegelmann nutzte diese Erzählweise beispielsweise, um dem Leser auch graphisch und visuell ungeschönt, aber abstrahiert die Schrecken des Holocaust vor Augen zu führen.

Um sich vom oftmals auf missverständlicher Weise konnotativ negativ gewerteten Begriff Comic abzuheben, wird für derartige Werke auch der Begriff Visual oder Graphic Novel genutzt.

Die Graphic Novel „Hemispheres – Corpus Seperatum“ wurde vom Autoren- und Illustratoren-Team um Christopher De La Garza, Simon Pape und Sascha Grusche verfasst und ist in diesem Jahr im Aurum-Verlag erschienen.

In der Graphic Novel entwerfen die Autoren zwei Gegenwelten (quasi Hemisphären) – ein abgelegenes, von Mönchen bewohntes buddhistisches Kloster und eine futuristisch-dystopische Stadtlandschaft namens Hierosolyma, in der die negativen Folgen der Zivilisation allgegenwärtig geworden sind. Die Geschichte beginnt damit, dass sich die Verschmutzung bis über die Klostermauern ausgebreitet hat und einer der Mönche in die Stadt zurückkehren muss, um dort für einen an der Luftverschmutzung erkrankten Bruder ein Heilmittel zu besorgen.

Hierbei muss sich der Mönch nicht nur den allgegenwärtigen Problemen der Stadt stellen, sondern auch seinen eigenen Dämonen, da er einst selber der Zivilisation entkam, um in der geschützten Glaubenswelt des Klosters Zuflucht zu suchen. In der Stadt wird der Mönch nun erneut mit allen Problemen der Zivilisation konfrontiert und muss sich hierbei der fast unmöglichen Herausforderung stellen, Hilfe und Heilung an diesem ansonsten vollends negativen Ort zu finden.

Mit der Graphic Novel versuchen die Autoren, visuell Themen wie die Probleme der modernen Zivilisation und den Buddhismus und Glauben in der heutigen Zeit – (vielleicht gerade) angesichts einer ungewissen Zukunftsperspektive anzusprechen. Dies gelingt den Autoren meiner Meinung nach durchaus, da „Hemispheres – Corpus Seperatum“ es mit der künstlerisch anspruchsvollen Illustration und der komplexen Geschichte schafft, diese Themen angemessen anzusprechen.

Die Autoren nutzen für mich hierbei auch die grafisch erweiterte Erzählweise, um hiermit einen inhaltlichen Beitrag zu leisten und die Geschichte nicht lediglich zu illustrieren. Da sich die Geschichte nicht direkt verorten lässt – die Erzählwelt weist eine Vielzahl von Einflüssen unterschiedlicher Kulturen auf, wirkt aber auch westlich – könnte die Handlung überall stattfinden und lässt sich nicht direkt in Asien verorten, obwohl man dies angesichts eines buddhistischen Klosters und Mantras rezitierenden Mönchen vermuten könnte. Dies wird für mich auch im Namen der Stadt, Hierosolyma deutlich: es könnte sich um ein Wortgebilde aus der einst durch Atomwaffen zerstörten Stadt Hiroshima und der „heiligen Stadt“ Jerusalem handeln.

Beachtet werden muss allerdings auch, dass „Hemispheres“ ähnlich wie komplexe Schriftliteratur auch eine eingehende Betrachtung der großflächigen und künstlerisch komplexen Illustrationen in Zusammenhang mit der Geschichte notwendig macht um die Geschichte vollständig zu erfassen und nicht einfach mit einem Superhelden Comic verglichen werden kann. Ich würde die Graphic Novel aus diesem Grund auch erst frühestens für Jugendliche und Erwachsene Leser empfehlen.

Die Autoren schaffen für mich mit „Hemispheres“, den richtigen Ton zu treffen und einen Beitrag zu den angesprochenen Themen zu leisten. Für meinen eigenen Geschmack könnte die Erzählgeschwindigkeit an einigen Stellen auch etwas langsamer sein, um der Geschichte noch mehr Tiefe zu verleihen und an diesen Stellen weniger hastig zu wirken, hierbei kann es sich eventuell aber auch um einen Versuch halten, die Botschaft stärker von der Handlung zu abstrahieren und somit die angesprochenen Themen stärker herauszuarbeiten, weshalb ich offen halte möchte, ob es sich hierbei zwangsläufig um einen Kritikpunkt handeln muss.

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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