Festrede der Absolventenfeier vom Fachbereich Oecotrophologie in der FH Münster am 23. 10.2015 von Prof. Gardemann

(Mediziner und Professor für Ernährungsmedizin, Dr. Joachim Gardemann ist in der vergangenen Wochen mit dem Ehrenpreis des Roten Kreuzes ausgezeichnet worden und Mitglied bei Ärzte ohne Grenzen)

Sehr geehrte Absolventinnen und Absolventen, sehr geehrte Eltern und Angehörige, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Heute möchte ich zu Ihnen über Menschlichkeit und Verantwortung sprechen.

Das sind sicherlich große Worte, aber die darf man im Zusammenhang mit humanitären Katastrophen getrost verwenden, vielleicht auch im Zusammenhang mit einem erfolgreichen Studienabschluss und mit dem Eintritt in ein berufliches Leben voller Verantwortung für Mitmenschen.

Nicht nur für Sie, sondern auch für mich persönlich ist dieser heutige Abend eine ganz besondere und bewegende Situation, es ist ja sozusagen der zweite Anlauf zu diesem Vortrag. Vor genau einem Jahr war ich nämlich schon an dieser Stelle vorgesehen. Dann bin ich aber der Fachhochschule ganz plötzlich abhandengekommen, weil das Rote Kreuz wieder einmal dringend einen ärztlichen Leiter suchte, diesmal für die Ebola-Station in Kenema in Sierra Leone.

Wie immer habe ich sofort abends noch die Präsidentin unserer Fachhochschule zu Hause angerufen, um meine Beurlaubung zu beantragen. Sie kennt das schon von mir. Rektorat und später das Präsidium und auch Kollegen und Studierende haben seit 20 Jahren immer meine Auslandstätigkeit als Kinderarzt für das Rote Kreuz unterstützt und ermöglicht, wofür ich allen sehr dankbar bin. Als ich aber dann plötzlich Frau von Lojewski über die Anfrage für Westafrika informierte, da zögerte sie zum ersten Mal in all den Jahren. 

Ich hatte ja gefragt ob ich nach Sierra Leone in ein Ebola-Behandlungszentrum dürfte. „Herr Gardemann, sie wissen, das Präsidium erlaubt Ihnen immer, in humanitäre Einsätze fahren, aber wenn Sie wollen, dann verbiete ich Ihnen das diesmal.“

Wir wollen heute von Verantwortung und damit auch von Liebe sprechen. Die Antwort der Präsidentin ist ein gutes Beispiel für Verantwortung und Liebe der Leiterin einer Hochschule. Ich war sehr gerührt und habe ihr sehr dafür gedankt, aber ihr Angebot abgelehnt.

Oft, wenn ich dann abends schweißgebadet und von westafrikanischen Mücken und Fledermäusen umschwirrt unter meinem Moskitonetz lag, habe ich daran gedacht, wie es jetzt wohl an meiner Fachhochschule sei, ich habe einen nebligen und möglichst dunklen und kalten Münsteraner Herbstabend wie heute herbeigesehnt und ich habe mich immer gefreut auf das nächste Jahr, auf den Tag, der heute gekommen ist.

Von Oktober bis Dezember letzten Jahres hatten wir in Kenema insgesamt 295 Ebola Patienten, von denen 132 gestorben sind. Immerhin haben also 163 unserer Patienten überlebt. Das ist für Sierra Leone eine hervorragende Rate. Wir waren die erste Ebola Klinik, die die Säuglinge und Kleinkinder von ihren tödlich infizierten Müttern getrennt hat und in einem eigenen Ebola-Kindergarten unterbrachte, dadurch konnten wir immerhin 5 weitere Kinderleben retten. Einen norwegischen und einen kanadischen Kollegen mussten wir unter Ebola-Verdacht evakuieren und einer meiner lieben Mitarbeiter und Kameraden in Kenema hat aber seinen Einsatz als Pfleger dort selber mit dem Leben bezahlt.

Hierzu sagt der jüdische Talmud. „Wenn Du ein Leben rettest, dann hast Du die Welt gerettet. Wenn Du ein Leben verlierst, dann hast Du die Welt verloren.“

Verantwortung und Liebe, das müssen die Grundwerte einer jeden Arbeit mit und für Menschen sein. Daher können wir heute allen hier versammelten Absolventinnen und Absolventen diese Botschaft eines Thomas von Aquin auf den Weg geben: „Handelt immer aus Verantwortung und aus Liebe, dann wird es schon richtig sein.“

Ich hatte im Oktober letzten Jahres ein Interview mit Herrn Claus Kleber vom ZDF, der mir dann die berühmte Frage stellte: „Warum tun Sie sich das an?“.

Was soll man nur im heute-Journal auf eine solche Frage antworten? Warum arbeiten wir in der Pflege, in der sozialen Arbeit, im Krankenhaus? Warum machen wir das eigentlich? Warum werden wir Ernährungsberaterin, Betreuerin oder Küchenchef in einer Suchtklinik, warum –ganz aktuell-hauswirtschaftliche Leiterin einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge? Warum setzen wir uns solchen Strapazen aus?

Da fiel mir zum Glück der kleine Prinz ein und ich habe einfach Herrn Kleber zurückgefragt: „Weil ich es gelernt habe. Was sagte denn der Fuchs zum kleinen Prinzen?“ „Du bist zeitlebens verantwortlich für das, was Du Dir vertraut gemacht hast.“

Es hat mich ja niemand gezwungen, Kinderarzt zu werden, es hat Sie niemand gezwungen, in die Ernährungsberatung zu gehen, hauswirtschaftliche Leiterin eines Wohnheims zu werden, städtische Koordinatorin für die Unterbringung von Flüchtlingen oder Lehrerin für Gesundheit und Ernährung. Aber wenn wir es dann einmal sind, wenn wir dort unsere Arbeit einmal begonnen haben, dann müssen wir doch auch dem Ruf der Verantwortung Folge leisten! Es zwingt uns doch auch niemand, der freiwilligen Feuerwehr beizutreten, aber wenn wir dann einmal Feuerwehrleute sind, dann müssen wir auch hingehen, wenn es irgendwo brennt!

Albert Camus lässt den Dr. Rieux angesichts der Pest sagen: „Für den Augenblick existieren nur die Kranken und die muss man gesundmachen. Wenn das einmal geschehen ist, werden die Menschen darüber nachdenken und ich auch. Aber das Wichtigste ist im Augenblick, sie gesund zu machen. Ich kämpfe um sie so gut ich kann. Das Ist alles.“

Das ist die Verantwortung, die ich meine.

Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas spricht über die Wertschätzung von Andersheit und die Bedeutung des „Angerufen Werdens durch das menschliche Antlitz“.

In der Begegnung mit dem Antlitz des Anderen wird meine Verantwortung für ihn und die Einzigartigkeit meines Ich offenbar. Denn niemand kann statt meiner auf den Anruf des Antlitzes antworten, ich kann meine Antwort zwar wählen, aber meine Verpflichtung zur Antwort und meine Verantwortung kann ich nicht delegieren.

Martin Buber prägte in diesem Zusammenhang den berühmten Satz:

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“

Dieser andere Mensch ist jetzt beispielsweise der Flüchtling in einer unserer Erstaufnahmeeinrichtungen auch hier in Münster, wo eine unserer Absolventinnen gleich am ersten Tag nach erfolgreichem Abschluss ihrer Bachelorarbeit im Betreuungsdienst ihre erste feste Stelle angetreten hat.

Seit dem Sommer habe auch ich immer mittwochs in der Wartburgschule am Coesfelder Kreuz die kinderärztliche Untersuchung und Impfsprechstunde für die Stadt Münster übernommen. Nun ist sie dort immer mittwochs meine Assistentin.

Ich habe dabei schon sehr viele unsagbare Schicksale kennengelernt, die ich Ihnen hier gar nicht schildern möchte. Am letzten Mittwoch begegnete mir aber eine junge Mutter mit ihrem zweiwöchigen Neugeborenen. Ein Neugeborenes ist für einen Kinderarzt ja an und für sich keine Besonderheit, aber das Neugeborene einer jungen Flüchtlingsfrau, die erst einige Tage in Deutschland ist, schon. Denn es wurde ja unterwegs geboren, in einem Wartesaal in Serbien oder einer Tankstelle in Ungarn vielleicht.

Ein Junge aus Syrien kam am Mittwoch ebenfalls zu mir. Er war mutterseelenalleine gekommen wie so viele Jugendliche. Aber er war erst ganze 10 Jahre alt. Können Sie sich das vorstellen? Er war vor Monaten in Syrien losgestiefelt, ein letztes Mal von seinen Eltern umarmt. Er war durch die Türkei, durch Griechenland und Serbien gelaufen, durch Ungarn und Österreich. Irgendwie war er dann nach Münster gekommen. Hier ist aber sein weiter Weg noch nicht zu Ende. Denn er muss noch nach Norwegen, weil er dort einen Onkel hat. Das sind insgesamt 4175 km, ziemlich weit, besonders für einen Zehnjährigen. In Österreich hatte er sich zwei jungen Männern angeschlossen, wurde dann aber von der deutschen Bundespolizei von ihnen getrennt. So ist er wieder ganz alleine nach Münster gekommen.

Wie sollen wir diesem Jungen begegnen? Wie sollen wir auf sein Antlitz antworten? Wie denn anders als mit Verantwortung und Liebe? In allen Menschen, die uns in all unseren Berufen anvertraut sind, blickt uns dieser kleine Junge an. Er erinnert uns an unsere Verantwortung und Liebe für den anderen Menschen.

Heute haben wir hier einen Grund zu feiern, Sie alle haben ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Sie können heute mit berechtigtem Stolz auf das Erreichte Ihre Zeugnisse entgegennehmen. Sie haben Ihre Eltern und Angehörigen eingeladen, gemeinsam mit Ihnen und mit uns allen diesen schönen Anlass zu feiern. An diese schöne Feier werden Sie sich immer gerne erinnern, vielleicht auch an diese Worte. Die Verleihung der Urkunden bedeutet aber auch die Entlassung in eine größere Verantwortung, der Sie sich freudig und zuversichtlich stellen sollten.

Sie wissen jetzt, es hat Sie ja niemand gezwungen…

Ihre Familie, Ihre Freunde und auch Ihre Hochschule haben Sie im Studium mit Verantwortung und Liebe begleitet und freuen sich heute mit Ihnen.

Denken Sie nun in allem, was immer Sie in Ihrem Beruf tun, auch immer an Verantwortung und Liebe. Dann werden Sie in jedem Antlitz von Kundinnen und Kunden, Schülerinnen und Schülern, im Antlitz Ihrer Gäste oder Ihrer Patientinnen und Patienten, der Bewohnerinnen und Bewohner, in jedem Antlitz der Ihnen anvertrauten Menschen werden Sie den kleinen Prinzen erkennen.

Oder auch den kleinen Jungen in Münster, unterwegs auf seinem weiten Weg zu Fuß von Syrien nach Norwegen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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