Diskretion im Umgang mit Gott, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

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Zu: Kristian Fechtner: Diskretes Christentum, Religion und Scham, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015, ISBN 978-3-579-08146-5, Preis: 17,99 Euro

Diskretes Christentum von Kristian Fechtner
Diskretes Christentum von Kristian Fechtner
Laut Vorwort hat der Mainzer Theologieprofessor im Fach Praktische Theologie sein Projekt, ein Buch über „Religion und Scham“ zu schreiben, zunächst nicht vollendet und aufgeschoben. Doch das Buch ist nun erschienen, und die Frage ist, welches Thema es eigentlich behandelt. Ist das hier als Untertitel angegebene Thema „Religion und Scham“ mit dem Haupttitel „Diskretes Christentum“ eigentlich identisch, und inwiefern unterscheiden sich diese beiden Fragerichtungen auch?

Es könnte um die Seelsorge gehen, denn „Seelsorge hat mir Scham zu tun“ (S. 147). Doch das Buch konzentriert sich nicht auf die Seelsorge, sondern spürt dem Thema auch in den Bereichen Gottesdienst, Kasualpraxis und Religionspädagogik nach. Die Frage ist also berechtigt, ob diese Grundfrage nach „Religion und Scham“ zur Wahrnehmung eines gewiss relevanten Querschnittsthemas führt, oder ob, wie das Buch denn nun benannt wird, diese Fragerichtung zur Wahrnehmung eines Phänomens führt, das mit einem recht kurzen Schlusskapitel (S. 173 – 179) zum Thema Diskretion in der Religionsausübung führt. Wo das Buch zum eigentlichen Thema kommt, scheint es abzubrechen. Wohin wird der Leser, die Leserin gelenkt, dazu, Diskretion kompetent aufzudecken und zu kritisieren oder als eine berechtigte Gestalt gelebten Glaubens zu akzeptieren?

Menschen halten zur Kirche, in dem sie zu ihr Abstand halten (vgl. S. 173). Das Anliegen des praktizierten kirchlich-gemeindlichen Lebens steht dieser Diskretion entgegen, so dass die distanzierte Kirchlichkeit unter Entscheidungsdruck gestellt wird, wie es die neuere Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zu beweisen scheint. Dabei sollte das Thema Scham doch gerade die individualistische, diskrete Glaubensausübung ermöglichen und Verständnis dafür wecken: „Die Religionskultur des spätvolkskirchlichen Christentums braucht Nischen und die hinteren Reihen ihrer Kirchgebäude, die es ermöglichen, die Intimität des Religiösen im Halbschatten zu belassen.“ (S. 174)

Dem entgegen wird konstatiert, dass aktive Gemeindemitglieder von Kirchenaustritten beschämt werden, wie manche Pfarrerinnen und Pfarrer, die am Ende des Jahres die Liste der Ausgetretenen noch einmal zur Hand nehmen, um bekannte Namen darin zu finden, wie ehemalige Konfirmanden, Getraute, Taufeltern usw.. So lese ich jedenfalls die vorgenannte Andeutung von der Scham der Aktiven. Es ist anscheinend in der Gemeindepraxis nicht leicht zu vermitteln, dass es gut und wichtig ist, Glaubensentscheidungen zu ermöglichen, aber nicht zugleich deren Veröffentlichung zu fordern, was am Ende des Buches am Beispiel eines Engels am Schlüsselbund verdeutlicht wird, der auch auf dem Cover abgebildet ist.

Wo also der Leser oder die Leserin dachte, sie/er habe etwas von der Beziehung von Religion und Scham verstanden, wird durch eigenen Formulierungen des Autors erneut Unschärfe hergestellt. Scham beispielsweise kann sich darin zeigen, dass jemand die Öffentlichkeit meidet, aber genauso gut auch darin, dass ein anderer die Masse sucht, um darin unterzutauchen.

Der Umgang mit Scham ist eine Gefühlsfrage. Das Thema weist also darauf hin, dass Glaube mit Gefühl zu tun hat. Gefühle enthalten Deutungen und Glaube ist somit ein Lebensgefühl. Andererseits deutet Scham, so der Autor kurz skizziert, auf ein negatives Selbstverhältnis, durch Erröten oder das Niederschlagen der Augen. Das wird auch in den entsprechenden Bibeltexten so geschildert. Die Sündenfallgeschichte Genesis 2/3 zeigt sehr gut, dass das, wo früher Sünde oder Schuld gesagt wurde, heute besser von Scham gesprochen werden sollte.

Solche zentralen Bibelstellen lassen also auch danach fragen, welche Konsequenzen dieser Sprachgebrauch denn für die Dogmatik hätte. Aber aus dem Schamverhalten einiger biblischer Gestalten direkt zum diskreten Christentum zu kommen, ist nicht immer leicht nachvollziehbar. Vielleicht sollte man stattdessen einfach akzeptieren, dass Menschen bereit und in der Lage sind, die Sinnfragen ihres Lebens selbstständig konstruierend zu beantworten, um dabei selbstredend Sprache und Inhalte des christlichen Glaubens zu übernehmen, aber nicht zugleich im christlich-kirchlichen Sinn an der Institution Kirche teilhaben und aktiv teilnehmen wollen. Es soll schon Ausgetretene gegeben haben, die sich in einer Buchhandlung ganz ohne Scham eine Bibel gekauft haben.

Mein Problem ist also: Ich meine, dass der christliche Glaube in der Postmoderne mit dem Begriff „Diskretes Christentum“ recht treffend bezeichnet wird, dass sich dieser Diskretion aber niemand zu schämen braucht. Wenn einem z. B. nicht danach ist, beim Abendmahl einen Segenskreis zu bilden oder einen Segenstunnel, um die Kinder zum Kindergottesdienst zu begleiten, dann müsste man sich solcher gemeinschaftsfordernder Gesten schon verweigern. Diese Diskrepanz wird vom Autor im Abschnitt zum Gottesdienst zu Recht herausgestellt.

Vielleicht liegt manche Scham in der Beziehung zur Amtskirche auch daran, dass manche Formen von Frömmigkeit sogar distanzlos wirken können. Muss Glaube wirklich so schamlos sein? Diese Gedanken, die ich am Ende dieser Rezension fortschreibe, lese ich in diesem Buch und habe zuletzt das so wohl nicht beabsichtigte Gefühl, als müsse man sich für den Wunsch nach Respekt und Distanz noch entschuldigen. Das Buch ist der Anfang einer Debatte, die weiterzuführen ist, gerade weil sie dem kirchlichen Mainstream entgegen zu stehen scheint.

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

2 Gedanken zu „Diskretion im Umgang mit Gott, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015“

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