Das kommende Reich Gottes  als Advent, „Wann kommt das Reich Gottes“ (Lukas 17, Vers 20), Eine Recherche, Christoph Fleischer, Welver 2015[1]

Diese Frage allein exegetisch zu beantworten, greift zu kurz. Ich hoffe, mit diesen kurzen Überlegungen repräsentative Texte gefunden zu haben, die zur Beantwortung der Frage in der heutigen Theologie beitragen.[2]

Domfenster KopieDie Rede vom kommenden Gottesreich hat immer etwas Schillerndes. Schon die Verkündigung Jesu am Anfang des Markusevangeliums kann auf zweifache Weise gelesen werden: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ (Mk. 1,15) „Nah“ kann zeitlich gedeutet werden, es soll bald ausbrechen, aber auch örtlich: ist unter uns und bei uns. Wenn auch die Präsenz Jesu den örtlichen Aspekt unterstützt, wird doch gerade in der Verkündigung Jesu der zeitliche Aspekt sehr betont. Z. B. im Gleichnis des Feigenbaums geht es eindeutig um Vorzeichen der baldigen Ankunft (Markus 13,28f).

Der Anbruch der Gottesherrschaft kann darauf bezogen werden, ob sich die Zustände der Welt auch dazu eignen. Im Gleichnis vom ungerechten Richter (Lukas 18,2-8) geht es einerseits um die ständigen Bemühungen in diese Richtung, wie im Bild von der Witwe, die sich andauernd um Recht bemüht, andererseits geht es auch um Vorbereitung: „Aber wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde überhaupt noch Menschen finden, die in Treue auf ihn warten?“ (Lukas 18,?)[3]

In der Verkündigung Jesu in den Evangelien gibt es einige Texte mit konkreten Terminangaben, die auf eine konkrete Erwartung (Naherwartung) Jesu oder der Urgemeinde deuten:

  • „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen“ (Markus 13,30)
  • „Es gibt einige unter den hier stehenden, die den Tod nicht schmecken werden, bis…“ (Markus 9,1)

Oder ist es nur eine Frage des Erkennens, dass die Gottesherrschaft erschienen ist?[4]

Es heißt, „dass Jesus den aller Welt sichtbaren Beginn der Gottesherrschaft innerhalb des Zeitraums seiner Generation…“ erwartet (hat). Daraus folgt die Rede von der „Parusieverzögerung“[5]. So heißt es Matthäus 10, 23: „Wenn sie euch verfolgen, flieht…Ihr werdet … bis der Menschensohn kommt.“ Daraus folgt: „Der Menschensohn wird erscheinen, ehe die Missionstätigkeit der Jünger beendet sein kann.“ (Kümmel, S. 43). Darauf folgt weiter, dass Jesus mit dem Beginn der Gottesherrschaft in naher Zukunft gerechnet hat.

Es wird an dieser Stelle nicht überlegt, ob sich diese Erwartung indirekt auf die Kreuzigung und die Auferstehung Jesu beziehen lässt. Da es der Jesus der Evangelien ist, der diese Erwartung erzeugt, muss man doch wohl eher parallel zur jüdischen Messiaserwartung mit einer konkreten Erwartung der Gottesherrschaft im jungen Christentum rechnen.

Die Frage ist also, was im christlichen Kontext mit Theokratie gemeint ist. Da die Vorstellung von der Gottesherrschaft gleichzeitig die der Ankunft des Menschensohns ist und immer auch eine zeitliche Qualität hat, kann man die Kirche oder das Leben der Christen nicht einfach als eine direkte Verwirklichung der Gottesherrschaft ansehen. Sicherlich heißt es in einem Kirchenlied: „Jesus Christus herrscht als König.“ Andererseits wird im Glaubensbekenntnis die Ankunft Jesu immer noch in die Zukunft verlegt: „von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“.

Ich gehe jetzt einmal nicht darauf ein, dass hier wohl nicht im herkömmlichen Sinn von Herrschaft die Rede ist, wenn z. B. die Seligpreisungen die Gottesherrschaft gleichzeitig in Verbindung bringen mit Sanftmut, Leiden, Barmherzigkeit, Frieden und Gerechtigkeit (siehe Matthäus 5, 2-10). Aber da die christliche Religion immer auch eine symbolische Rede beinhaltet, geht es darum, diese Sätze nicht als Widerspruch aufzufassen, sondern komplementär. Die Frage muss also auch lauten: Was ist Gottes Reich, was ist Theokratie für uns? Dieser Frage geht die Untersuchung von Gerd Theißen und Annette Merz auf die Spur, und es heißt klar: „Im Zentrum der eschatologischen Verkündigung Jesu steht die Heilsbotschaft von der Königsherrschaft Gottes (…), die er einerseits als schon gekommen, andererseits als unmittelbar bevorstehend verkündigt.“ (Theißen, Merz, S. 221). Es geht aus den Evangelientexten meist klar hervor, dass dieser Begriff in der Verkündigung Jesu als bekannt vorausgesetzt wird.[6]

Dies wird in der Beschäftigung mit dem Neuen Testament schon seit dem Beginn der historisch kritischen Exegese so beschrieben. Da ist die Rede vom Reich Gottes als Liebesgemeinschaft (A. Ritschl) der neuen Welt mit Gott, mit dem Mittelpunkt Palästina (J.Weiß, A. Schweitzer). Albert Schweitzer meint, Jesus rechne auf dem Weg nach Jerusalem mit dem Beginn der Gottesherrschaft.

Da ist aber auch der präsentische Aspekt. Nach C.H. Dodd geschieht das Reich Gottes in der Gegenwart. W.G.Kümmel verbindet präsentische und futurische Aussagen. Die Parusieverzögerung schafft eine Zwischenzeit. R.Bultmann bezieht dies auf den Mythos der Verkündigung Jesu: Jesus lebt im futurischen Mythos, der eine gegenwärtige Bedeutung hat, nämlich vor der/einer Entscheidung zu stehen (vgl. dazu: S. 223ff). Diese Formulierung Bultmanns führt zwar in die Gegenwart, aber da in der existenzialen Interpretation diese Entscheidung nie näher definiert wird, bleibt diese Interpretation immer ein wenig vage.

Die Metapher vom Königtum Gottes verbindet sich für Jesus mit dem Tempelkult (vgl. Jesaja 6,5), wobei die Schilderung des Altars auf Gottes Thron verweist (2. Könige 19,24f). Auch die Psalmen zeigen auf die Nähe der Verkündigung von Gottesherrschaft mit Königtum, Tempel und Zion und weisen somit auf Jerusalem. Theokratie bedeutet in diesem Zusammenhang die Anerkennung der gegenwärtigen Herrschaft Gottes, in der Eschatologie geht es um die Erwartung. Für beides gibt es genügend Beispiele in der Verkündigung des Alten Testaments.

Vielleicht spielt die Apokalyptik eine Rolle, die Vorstellung der gegenwärtigen Theokratie in die Zukunft zu verlagern, da sie das königliche Handeln im Stil einer Zukunftsprognose beschreibt, dem „Gegensatz zwischen Gottesreich auf der einen, den Heiden und dem Satan auf der anderen Seite.“ (S. 230). Auch in den Gebeten Qumrans kommen die futurischen und präsentischen Aussagen nebeneinander vor. (S. 230f).

Auf die zukünftige Gottesherrschaft weist auch das Thomasevangelium und belegt damit die Bedeutung der Frage auch außerhalb des NTs: „Wann wird die neue Welt kommen?“ (S.232)

Stichworte zur Zukunftserwartung sind:

  • „Dein Reich komme“
  • Seligpreisungen
  • Erwartungen der Völkerwallfahrt
  • Abendmahlswort
  • Einlassworte, Terminworte
  • Die Terminworte weisen auch bereits auf die Parusieverzögerung hin. Das Leben in der Gottesherrschaft ist hingegen inhaltlich blass, nur ein paar Stichworte, keine Idee eines Imperiums. Es handelt sich dabei wohl eher um einen Bereich, in dem eine Erfahrung gilt, eine Art Wirklichkeit.

Die gegenwärtige Gottesherrschaft ist demgegenüber eine ebenso wichtige Ebene der Verkündigung Jesu in den Evangelien. Meist füllt  Jesus vertraute Bilder mit neuem Inhalt (S. 235f):

  • Das Böse ist grundsätzlich besiegt.Vision vom Satanssturz (Lukas 10,18)
  • Exorzismuswort – Das Austreiben des Geistes ist ein Zeichen der Gottesherrschaft (S.236f)
  • Beelzebubgespräch (Gottesreich und Satansreich) (Matthäus 12,22f)
  • Das Gottesreich ist in eurer Mitte (Lukas 17,21). Das griechische evtos kann sowohl das Selbst der Erlösten meinen, räumlich gesehen, das Innere. Die Mitte im sozialen Kontext müsste bei Lukas ev meso heißen. Außerdem verbietet es der Kontext: „weder hier, noch da“. Es kann auch bedeuten: „Die Gottesherrschaft ist in eurer Verfügung“ (S. 239)
  • Wachstumsgleichnisse z. B. selbstwachsende Saat (Markus 4,26ff)
  • Vater Unser. Obwohl hier Gegenwart und Zukunft verbunden sind (Dein Reich komme) überwiegt die Gegenwart: „Dein Wille geschehe“ wird mit dem zukünftigen Aspekt verbunden: „und erlöse und von dem Bösen“.[7]

Zur Frage des Eschatologie gehören bei Theißen/Merz auch die Traditionen der Themen Gericht und Heil, die ich hier weglasse, da sie mir zur gestellten Frage nach dem Gottesreich nicht so viel auszutragen scheinen und eher zur Ewigkeitsthematik gehören.

Die abschließende Zusammenfassung in zehn Thesen zeigt, dass sich die Heilserwartung nicht einfach nur auf die Zukunft beziehen lässt, sondern genauso auf die Gegenwart. Es handelt sich bei der Verkündigung Jesu um eine „religiöse Erwartung mit politischer Relevanz“. Herrschaft kann sich Jesus auch sehr gut als Mitbeteiligung vorstellen. Gottesherrschaft ist eher „lebendige Metapher“ als starres Symbol.[8] Es wird in der Zusammenfassung weiter auf die Aspekte der Auslegungsgeschichte eingegange:, heilsgeschichtlich, existenzial, evolutionär. Die Parusie soll sich nicht als Problem erwiesen haben. „Die irrtümliche Naherwartung Jesu ..  hat im Urchristentum keine große Krise ausgelöst.“ (S. 253)

Die Bearbeitung der Frage nach der Bedeutung des Gottesreichs durch Theißen/Merz wird am Schluss auf die heutige Lebenseinstellung bezogen: „Die Zukunft wandert als ein Horizont (von Ängsten und Hoffnungen besetzt) mit und bleibt immer gleich weit entfernt. Zu ihr haben wir daher selbst heute noch ein quasi-mythisches Verhältnis. Auch die Erwartung der Gottesherrschaft konnte so durch die ganze Christentumsgeschichte als ein konkreter Horizont mitwandern.“ (S. 253)

In einem God-Seminar im Jahr 2014 hat John D. Caputo seine Bücher über die schwache Theologie („Weak Theologie“) vorgetragen[9]. Dazu lese ich einen Bericht dieser Tagung von Jarmo Tarkki, den ich hier frei zusammenfasse:

Es kommt nicht darauf an, Gott als „höheres Wesen“ anzusehen, weil damit die Fragen der Theodizee nicht zu beantworten sind. Bei der Beschäftigung mit der Bibel bemerkt man, dass es darauf ankommt, Gott im Ruf oder Wort zu entdecken und nicht in einem höheren Sein. Gott ist ein Ereignis, so versteht es auch der Messianismus im Judentum. Jede wichtige Idee kommt, ist unerwartet und unsicher. Sie geschieht unvermittelt und unvorhersehbar. So ist Gott der Name eines Versprechens von etwas Kommendem, so wie man von einer kommenden Demokratie spricht und mit dem Versprechen, dass sie geschieht. Im Namen Gottes ist Sprache und Handlung. Gott ist ein Verb, ein Ereignis, kein Nomen. In der Verkündigung Jesu ist das Königreich Gottes, dass Gottesreich, nie vollständig da, sondern ist im Kommen, in einem permanenten Zustand der Ankunft. (Zusammenfassend übertragen aus dem Text von Jarmo Tarkki.)

Interessant, dass hier das Wort Demokratie fällt. Jürgen Moltmann verbindet die Theokratie ebenfalls mit Demokratie. Theokratie besagt nichts anderes, als dass Menschen ihr Handeln, auch das politische, vor Gott rechtfertigen und verantworten sollen. So bereitet Theokratie geradezu die Demokratie vor. „Echte Toleranz aus Interesse am anderen wurzelt in jener Theokratie, die Menschen dem Absolutheitsanspruch anderer oder eines Staatswesens entzieht. Die Gründung der modernen Demokratie auf die universalen Menschenrechte gibt ihr einen menschheitlichen Auftrag und einen eigenen missionarischen Charakter (…) Darin sind die Gleichnisse zum universalen Friedensreich Gottes und seiner Gerechtigkeit gut zu erkennen.“ (S. 42f)

Literatur:

  • Werner Georg Kümmel: Die Naherwartung in der Verkündigung Jesu, Festschrift für Rudolf Bultmann, 1964
  • Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, §9 Jesus als Prophet: Die Eschatologie Jesu, S. 221-255
  • Jarmo Tarkki, The Seminar on God and the Human Future, Report on the 2015 Spring Meeting, Internet (07.11.2015): http://westarinstitute.org/wp-content/uploads/2015/05/God-Seminar-Fall-2014-Report.pdf
  • Jürgen Moltmann: Ethik der Hoffnung, Gütersloh 2010, Theokratische Demokratie, S. 42f

[1] Es ist wohl keine Predigt, eher eine Vorarbeit. Aber ich brauche diesen Schritt zur Predigt, der darin besteht, diese Frage nach der Ankunft des Reiches Gottes zu bearbeiten, um überhaupt in den Inhalt des Textes hineinzukommen.

[2] Literatur am Ende des Textes, die Seitenzahlen beziehen sich immer auf den einmal mit Autor genannten Text

[3] In der Verkündigung Jesu geht die Ankündigung der Gottesherrschaft und die Ankunft des Menschensohns parallel. Von „Wiederkehr“ ist hier noch nicht die Rede.

[4] Der Inhalt der Erwartung „Gottesherrschaft“ ist hingegen ungewöhnlich unklar.

[5] Parusieverzögerung war eine Zeitlang ein Modewort in der Exegese.

[6] Zur Theokratie in der hebräischen Bibel auch: Martin Buber…

[7] In einer Tabelle werden präsentische und zukünftige Aspekte gegeneinander gestellt.

[8] Diese Unterscheidung hilft m. E. doch nicht so sehr weiter, da die beiden Begriffe für rhetorische Figuren oft nicht streng voneinander getrennt werden.

[9] „The Weakness of God“ und „The Insistence of God“

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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