Predigt über Römer 13, 8 – 12, 1. Advent, Christoph Fleischer, Welver 2015

Wird gehalten in Günne und Meiningsen.

Römer 13, 8-12:

8Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13 – 17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 10Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. 11Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Liebe Gemeinde,

der erste Advent, damit beginnt das neue Kirchenjahr. Auch wenn das außerhalb der Kirche kaum jemand weiß, so ist es doch ein Grund, eine Art Zeitansage vorzunehmen, so etwas wie eine Neujahrsansprache für das Kirchenjahr. Für diese Zeitansage ist auch der Predigttext aus dem Römerbrief eine gute Vorlage. Ich möchte diesen mit einem Gedanken zum Thema Advent verbinden.

Im Internet lese ich dieses Gedicht von Auro Brenjo:

Advent

Erst fangen Tannen zu rauschen an

Dann bedeckt Schnee das Haus

Und wenn Silbersterne in die Scheiben ziehen

Legen sich Zimt und Nelken überall hin

Aufgeregt machen sich dann vier Kerzen bereit

Und künden an die Weihnachtszeit

© Heidrun-Auro Brenjo
www.festtagsgedichte.de

 

Zu dieser Vorstellung von Advent gehören noch so viele Weihnachtsgedichte und Weihnachtslieder. Da gibt es Bücher, die nichts anderes beinhalten, als irgendwie an Weihnachten zu erinnern und die Adventszeit vorzubereiten. Advent und Weihnachten kleben so aneinander, dass der Glühweinduft für Advent steht. Dass der Weihnachtsmarkt in der Adventszeit stattfindet und nur selten noch nach Weihnachten geöffnet ist (In Dortmund bleibt er wohl bis Silvester geöffnet, soviel ich weiß). Für viele ist Heiligabend nicht der Anfang, sondern das Ende von Weihnachten.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich gehöre nicht zu denen, die dies alles beklagen und moralisch darauf verweisen, dass Advent ja eigentlich von früher her eine Fastenzeit ist. Das ist doch heute grotesk: Wie soll man zwischen der Martinsgans und dem Festessen noch fasten, zumal die Geschäfte verständlicherweise schon jetzt davon überfließen? Dabei ist das Fasten wahrscheinlich sogar mit der Vorbereitung auf das Fest super zu erklären. Wer bei einem Fest mehr Geld ausgeben muss als üblich, der muss es doch wohl vorher an die Seite legen. Fasten und Sparen ist so ziemlich das Gleiche. Dass die Fastenzeit dann noch eine Zeit der Besinnung ist, dürfte dem sogar entgegenkommen. Jetzt ist die Zeit der Spendenbriefe und der Benefizaktionen.

Doch wenn wir uns fragen, worum es denn eigentlich in dieser Zeit geht, müssen wir uns einen Werbespruch der Elektrokette des Metrokonzerns in Erinnerung rufen: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“

Diese Satz finde ich gut, so falsch er ist. Das Weihnachtsfest muss ernst genommen werden, denn da wird etwas entschieden. Gott kommt in Gestalt eines Kindes auf die Welt. Dort in der Krippe, meinetwegen unter dem Baum, wird Weihnachten entschieden. Dann legen wir wie die Heiligen drei Könige vor dem Kind noch unsere Päckchen ab, eine Playstation, ein Tablet, ein Fön oder ein Bügeleisen. Mal etwas für andere tun, darum geht es, und das dem Kind unter der Krippe zeigen.

„Was ihr getan habt diesem meinem geringsten Bruder, das habt ihr mir getan.“ Sagte Jesus im Gleichnis vom Weltgericht.

Und was nun in der Adventszeit geschieht, ist nichts anderes als die geistliche und materielle Aufrüstung für diese Entscheidungsschlacht unter dem Baum. Keine Angst: Heiligabend werde ich darüber nicht predigen, denn dann ist das sowieso schon alles vorbei und entschieden.

Advent: immerhin machen sich jetzt die vier Kerzen bereit, so sagte es das Gedicht. Ein wenig Licht in der dunklen Zeit. Und jeden Sonntag eine Kerze mehr. Kinder lernen zu zählen mit dem Adventskalender. Wir lernen unsere Tage zu zählen, in der Adventszeit. Doch ist das der Sinn? Geht es wirklich nur um Vorbereitung?

Wie gesagt, ich beklage nicht den Konsumterror, sondern möchte den richtigen Weihnachtssinn dahinter sehen und wieder freilegen. Und dafür brauchen wir Advent. Weihnachten ist die Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist und dass Gott immer wieder dort Mensch wird, wo Menschen mit der Menschlichkeit ernst machen, um Jesu willen, genauso aber um des Nächsten willen.

Lesen wir doch einfach mal, was hier vom Römerbrief herausgenommen und als Predigttext ausgewählt worden ist:

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“

Dass die Liebe der Sinn der Religion ist, hatten wir bestimmt schon vermutet. Aber dass sie auch die Erfüllung des Gesetzes ist, das ist neu. Das Gesetz zeigt uns doch das, was wir tun und lassen müssen. Die Liebe ist das, was darüber hinaus nötig ist. Doch indem es darüber hinaus geht, ist das Gesetz erfüllt. Diese Erfüllung ist eine Zusammenfassung, so sagen es die nächsten Sätze:

Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13 – 17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«“

Der Grundgedanke der Gebote ist die allgemeine Rücksichtnahme, wie §1 der Straßenverkehrsordnung. Das ist die Nächstenliebe, die letztlich sogar die Fremden und die Feinde einschließt. Und heißt: Nicht mit Krieg auf Gewalt zu antworten, sondern mit Frieden. Mit Nächstenliebe. Darum müsste es heute gehen.

Es würde doch deutlich zu machen sein, dass es ein schönes Vergnügen ist, besinnlich und beschaulich die Jagd um die Geschenke einzuläuten. “Weihnachten wird unterm Baum entschieden“. Wie die Entscheidung eines Wettkampfs erst auf der Ziellinie geschieht, so ist die Vorbereitung zwar wichtig, aber nicht entscheidend.

Der Text von Paulus ruft die Nächstenliebe ins Gedächtnis. Die schönsten Weihnachtsgeschichten sind doch die, wo es letztlich nur um ein wenig Mitgefühl geht, das die Weihnachtsstimmung in dieses Leben hineinzaubert. Und das schreibt Paulus an die Römer:

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“

Was heißt eigentlich, dass Gott in die Welt kommt? Was heißt eigentlich, dass wir das Reich Gottes erwarten und zugleich in Jesus begrüßen, wie die Schaulustigen in Jerusalem, die Hosianna rufen? Gott ist da, in dieser Welt, wenn die Liebe geschieht. Das schrieb ja auch Johannes: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“ (1. Johannes 4)

Würde ich diese Gedanken jetzt noch mit Realpolitik in Verbindung bringen, dann würde man mich bestenfalls einen religiösen Spinner nennen. In Verbindung mit Terrorismus könnte man diese grenzenlose Liebe auch noch verantwortungslos nennen. Doch ich frage zurück: Was ist denn die Alternative? Was ist die Zeitansage, die wir heute brauchen. Was ist das Kommende?

(Politisch gesagt: Wenn wir mit Gewalt reagieren, wird der Krieg ums Öl und um die Rohstoffe auf die nächste Stufe gehoben.)

Paulus lässt jede politische Anspielung außen vor, sondern konzentriert sich auf die Zeitfrage. Sein und Zeit, das ist das Entscheidende, darum geht es in der Adventszeit. Was ist jetzt zu tun? Das ist jetzt die Frage. Und daran erinnert Paulus:

Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“

Tatsächlich ist am Schluss von Waffen die Rede, aber von anderen Waffen als denen, mit denen das Blutvergießen verstärkt wird, sondern von den Waffen des Lichts, von der Nächstenliebe, so denke ich greift Paulus mit diesem Bild auf seine eigenen Worte zurück.

Es ist eine Zeitfrage. Der Tag wird hier zum Vergleich herangezogen. Noch ist es Nacht, aber die Sonne kündet sich schon an. Der Morgenstern ist schon deutlich zu sehen. „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ (Jochen Klepper, eg 16)

Und damit werden die Weihnachtsmärkte selbst zum Symbol, wenn sie denn in der Dunkelheit gerade erst richtig wirken. Ja, es ist noch dunkel bei uns. Aber die Lichter, die wir anzünden, die künden den kommenden Tag schon an. Der kommende Tag ist die Gegenwart des Lichtes, ist die Wahrheit der Nähe Gottes in aller Liebe, der Nächstenliebe, der Friedensliebe und der Feindesliebe und nicht zuletzt auch der Gottesliebe. Die Gottesliebe ist nichts Neues, sie ist die Zusammenfassung aller Liebe, der Erfüllung des Gesetzes.

Das ist ein völlig anderer Gesetzesbegriff als der, der die Grenzen festlegt. Das ist die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der Ordnung unserer Welt. Soll die Welt im Dunkel bleiben, oder wird sie eines Tages das Licht der neuen Welt sehen? Um diese Frage geht es im Advent.

Amen.

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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