Predigt über 1. Korinther 4, 1-5, Christoph Fleischer, Welver 2015

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Predigt über 1, Korinther 4, 1-5 (Epistel, Lutherbibel), 3. Advent, Günne und Meiningsen

1 Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse.  2 Nun sucht man nicht mehr an den Haushaltern, denn dass sie treu erfunden werden.

3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht.  4 Denn ich bin mir nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der HERR ist’s aber, der mich richtet.

5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der HERR komme, welcher auch wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rat der Herzen offenbaren; alsdann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren.

Liebe Gemeinde,

bevor ich direkt auf diesen Text zurückkomme, möchte ich ihnen und euch etwas über meine Kindheitserfahrungen mit Advent und Weihnachten erzählen. Es geht um das Geheimnis der Vorweihnachtszeit und um das Geheimnis der Weihnachtsbotschaft selbst.

Vorweggesagt: Ich bin der Älteste von drei Geschwistern, die jeweils altersmäßig etwa ein Jahr auseinanderliegen. Ein wichtiges Ereignis im Advent war naturgemäß der Geburtstag unserer Mutter. Es war der 5. Dezember. Oft kamen einige Bekannte zu Besuch, manchmal auch die Freunde meiner Eltern, die auch drei Kinder hatten. Es waren natürlich auch einige Erwachsene da. Es gab Kaffee und Kuchen, danach konnten wir ein wenig spielen. Onkel Hans, der Vater der drei Kinder, musste nur kurz zum Tanken fahren und wollte dann auch gleich wiederkommen. So etwa gegen 18 Uhr gab es Abendbrot. Die Frauen hatten sich zwischendurch in die Küche zurückgezogen und gemeinsam ein paar Schnittchen geschmiert, die dann auf den Tisch gebracht wurden. Jeder durfte zugreifen. Plötzlich klingelte es an der Tür. Da stand dann einer mit einem alten, dunklen Mantel. Richtig geraten: Es war Nikolaus, oder auch Knecht Ruprecht genannt. Obwohl wir ja nicht katholisch waren, ergab sich das einfach durch den Geburtstag meiner Mutter, dass der Nikolaus nicht einfach heimlich in der Nacht kam, sondern am Vorabend zu den Geburtstagsgästen. Der Nikolaus sagte sein Sprüchlein auf. Er hatte eine Rute dabei. Aber die brauchte ja nicht eingesetzt zu werden. Zuletzt gab dann für jedes Kind eine Tüte aus dem großen Sack. Als der Nikolaus wieder gegangen war, kam auch Onkel Hans wieder und die Gäste fuhren bald nach Hause. Das Entscheidende passierte eigentlich erst im Jahr drauf. Die Geburtstagsfeier war wie üblich. Kuchen, Spielen, Abendessen. Es klingelte, der Nikolaus stand vor der Tür und hatte die Schuhe von Onkel Hans an. Da ich zwei jüngere Geschwister hatte, ließ ich mir allerdings nichts anmerken. Die Sache lief ab wie üblich. Nur das Jahr darauf rutschte es mir schon heraus, als der Besuch zu uns kam. Ich sagte zu Onkel Hans: „Hast du auch die Rute dabei?“ Das war dann das letzte Mal, dass der Nikolaus persönlich zu uns kam. Wir haben später wieder einen Schuh vor die Tür gestellt. Und am 6. 12. waren Süßigkeiten drin.

Auch der Heiligabend hatte etwas Geheimnisvolles. Heiligabend war bei uns so, dass das Wohnzimmer den ganzen Tag zugeschlossen war. Bescherung war erst, wenn der Vater nach Hause kam, der als Krankenpfleger oft noch den ganzen Tag Dienst hatte. Wir gingen sowieso erst am 1. Weihnachtstag in den Gottesdienst, weil da dann die „richtigen“ Christen hinkamen. Doch darauf will ich jetzt gar nicht eingehen. Es geht mir um das Geheimnis, das um die Bescherung gemacht wurde. Als das Wohnzimmer geöffnet wurde, waren die Kerzen auf der Krippe angezündet, und in einer Ecke lag ein großer Haufen Sachen, der aber mit einem Betttuch abgedeckt war. Uns wurde gesagt, das Christkind sei da gewesen und wäre jetzt aber schon wieder weiter, weil noch andere Kinder darauf warteten. In der Krippe, die Vater morgens oder am Tag vorher aufgebaut hatte, lag dann auch das Baby. Irgendwann war jedem von uns klar, dass die Geschenke, die wir bei der Bescherung erhielten, von unseren Eltern waren. Aber irgendwie kamen sie doch auch vom Christkind. Ich denke, dass das bis heute gilt. Dass es auch noch eine andere Deutung gibt, ist mir erst später aufgefallen. Da wir evangelisch waren, hatten wir mit den heiligen drei Königen sowieso nicht viel zu tun. Zur Krippe mussten die einen weiten Weg zurücklegen, um am 6. Januar dann doch noch dort einzutreffen.

Auch wenn ich das jetzt für einige vielleicht etwas zu langatmig erzählt habe, so ist doch hoffentlich klargeworden, dass um Weihnachten ein Geheimnis gemacht wird. Und sogar dann, wenn wir eigentlich erwachsen sind, sprechen wir noch vom Christkind und vom Nikolaus. Damals, als ich noch ein Junge war, ist mir irgendwann aufgegangen, dass die Eltern hinter diesem Geheimnis stehen. Aber trotzdem blieb es doch ein Geheimnis. Dieses Geheimnis die frohe Botschaft selbst. Es ist das Geheimnis von Christus, in dem Gott Mensch wird. Offen ist dabei aber zunächst, was hierbei mit froher Botschaft genau gemeint ist. Es ereignet sich dabei ein Geschenk, so wie die Kinder Geschenke vom Christkind bekommen. Und so meine ich das zu verstehen:

Da kommt der Nikolaus und einige Wochen später das Christkind, und sie bringen den Kindern Geschenke. Das eigentliche Geschenk, daran erinnert Paulus seine Adressaten im Korintherbrief, ist die Botschaft von Jesus Christus, das Evangelium.

Er sagt: Das Geheimnis besteht darin, dass Gott die Menschen erlöst, dass er ihnen die Freiheit schenkt und ihnen die Möglichkeit gibt zu lieben, auch wenn sie vorher andere verletzt haben.

Der erste Satz des Textes hat es meines Erachtens mit Advent zu tun: „Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“ Jeder, der uns begegnet, soll uns, so muss man ja wohl Paulus verstehen, als Diener des Messias und als Verwalter der Geheimnisse Gottes ansehen. So wie ich damals das Geheimnis, dass der Nikolaus ein Mann aus unserer Verwandtschaft war, für mich behalten musste, so müssen wir die Geheimnisse Gottes verwalten. Die Geheimnisse Gottes waren für die, die sie hörten und erfuhren, eine gute Botschaft, aber man musste mit ihnen auch vorsichtig umgehen.

Es gibt noch eine Schwierigkeit mit dem Wort „Geheimnis“. Das ist nämlich die ursprüngliche Bedeutung. Es heißt hier, dass es um Gottes Mysterien geht. Das sind nicht eigentlich Geheimnisse, sondern Erzählungen, in denen das Wirken Gottes deutlich wird. Dieses Geschehen verstehen aber nur die Eingeweihten, daher ist es ein Geheimnis. Die Feier des Abendmahls ist auch ein solches Geheimnis. Es wird ja einfach nur nacherzählt, dass Jesus in der Nacht vor der Kreuzigung mit seinen Jüngern das Passahmahl eingenommen hat. Dieses Mahl wurde in seiner Wiederholbarkeit zum Abendmahl. Viele Bestandteile lassen sich auch heute noch auf das Passahmahl zurückführen, wie etwa der Spruch über dem Kelch nach dem Mahl, obwohl man den Kelch normalerweise zu Beginn einer Mahlzeit hochhält und ein Segenswort dazu sagt. Aber, so wie wir das Abendmahl feiern, verkörpert es für uns die Botschaft, die Bedeutung und die Gegenwart Jesu gleichermaßen. Ich möchte sogar behaupten, dass allein in diesem Mahl erfahren wird, was die Auferstehung Jesu bedeutet, dass er nämlich unter uns ist, wo wir in seinem Namen zusammen sind.

„Dafür halte uns jedermann, für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“ Haushalter zu sein, das ist eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe. Daher sagt Paulus noch ein paar Worte über seine Verantwortung. Man kann es einfach kurz zusammenfassen: Glaube ist ein Leben in Verantwortung vor Gott, aber ohne jemandem über seinen Glauben Rechenschaft ablegen zu müssen. Für Paulus ist der eigene Glaube eine persönliche Angelegenheit, für die er sich nicht zu rechtfertigen hat. Allein Gott ist dafür zuständig. Daraus entwickeln sich unter den Menschen verschiedene Glaubensrichtungen, die sich oft untereinander bekämpft haben. Das Problem bei der Verwaltung von Geheimnissen ist, dass es niemanden gibt, der jetzt sagen kann, was richtig oder falsch ist. Das wird sich in der Zukunft zeigen.

Die abschließende Botschaft ist noch erstaunlicher. Man kann sie mit dem Sprichwort wiedergeben: „Viele Wege führen nach Rom“. Der Glaubensstreit ist absolut sinnlos, da jedem am Ende sogar Lob von Gott widerfahren wird. Die Wege können verschieden sein, manchmal sogar gegensätzlich wirken, aber sie können der gleichen Aufgabe dienen. Gottes Geheimnisse zu bewahren und den Weg des Messias vorzubereiten, darum geht es. Jesus ist der Messias. Aber es ist immer auch ein wenig zukünftig. Die Vollendung seines Kommens steht noch aus.

Die Hauptsache ist die Menschwerdung Gottes. Die Liebe Gottes in Jesus Christus ist kein exklusiver Besitz, sondern soll sich ausbreiten. Der Gedanke, dass Christus letztlich sogar in jedem einzelnen Menschen geboren wird, ist ein Gedanke der Mystiker, von denen heute wieder mehr gesprochen wird. Angelus Silesius war ein evangelischer Pfarrer aus Breslau, der zum katholischen Glaubens übergetreten ist. Er hieß Johannes Scheffler und hat auch Kirchenlieder gedichtet. Er hat  Kurzgedichte über die Mystik geschrieben und darin in gereimten Sätzen die Predigten von Meister Eckhardt zusammengefasst.

Ich schließe mit drei Sätzen von Angelus Silesius:

Ich auch bin Gottes Sohn, ich sitz an seiner Hand:
Sein Geist, sein Fleisch und Blut ist ihm an mir bekannt. (Spruch 17)

Ich muss Maria sein und Gott aus mir gebären,
Soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren. (Spruch 23)

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren. (Spruch 61)

(Quelle: Angelus Silesius, Der cherubinische Wandersmann)

Amen.

 

Der Friede Gottes…

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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