Ernstfall Integration, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

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Zu: Albecht Philipps: Diaspora im Münsterland, Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung evangelischer Kirchengemeinden in Westfalen im 19. Und 20. Jahrhundert am Beispiel Ochtrups, Luther-Verlag, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-7858-0669-2, Preis: 29,90 Euro

Cover Philipps

Dr. Albrecht Philipps, promoviert seit 2014, arbeitete schon länger als Pfarrer in Ochtrup, als er begann, mit seiner Frau sich seine Pfarrstelle zu teilen. Zu dieser Zeit hatte er dann mehr Zeit dafür, seine Forschungen zur Geschichte der Gemeinde Ochtrup zur Dissertation auszubauen (Quelle: Westfälische Nachrichten, Internet). Herausgekommen ist die vorliegende Arbeit im Bereich der Erforschung von Gemeindeentwicklungen in der Diaspora. Dabei ist zunächst der Diasporabegriff nicht von der Situation geprägt, dass sich Kirche jeder Konfession heute im säkularen Umfeld abspielt. Es geht vielmehr um die Minderheit im religiösen Sinn. Dabei zeigt sich dem Mitglied des westfälischen Pfarrvereins Philipps auch, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer in der Diaspora unter zum Teil erschwerten Bedingungen wirken: Dass sich mit der Diasporabezeichnung immer auch typische Muster wie die besondere Belastung der Pfarrer in der Gemeindearbeit, eine fehlende Kontinuität im gottesdienstlichen Leben der Gemeinde, ein durch Fluktuation der Gemeindeglieder bedingter stetiger Neubeginn im Gemeindeaufbau und oft eine große finanzielle Armut der Gemeinde verband, kann auch für Ochtrup nachgewiesen werden.“ (S. 16)

In der Beschreibung des Verhältnisses zur katholischen Mehrheitsreligion ist oft von Konflikt und Streit die Rede. Eine ökumenische Zusammenarbeit gab es früher noch nicht. Darauf folgt wohl auch eine konfliktorientierte Sprache: „Die Verwendung militärischer Begriffe half bei der Abgrenzung der eigenen Position gegenüber der Mehrheitskonfession. Neue ökumenische Bestrebungen drängten diese Wortwahl in den Hintergrund.“ (S. 80)

Doch die Sozialgeschichte, der sich der Autor widmet, rückt diese Fragen schon zu dem Zeitpunkt in den Hintergrund, als sich an den Mehrheitsverhältnissen noch nichts geändert hat. Das Zeitalter der Integration begann: „Durch die Gemeindegründungen in der münsterländischen Diaspora, die auch als Industriediaspora zu bewerten sind, kam evangelisches Gemeindeleben in Orte, die zuvor nahezu monokonfessionell geprägt waren und deren Bewohner – anders als im Ruhrgebiet – kaum Kontakt zu anderen Konfessionen hatten.“ (S. 168)

Damit war schon klar, dass die Diasporagemeinde zwar mit der Zeit nicht reicher wurden, aber doch zahlenmäßig stärker. Nach dem 2. Weltkrieg ereignete sich allerdings durch die Integration der Flüchtlinge ein Erdrutsch, der die Unterscheidung zwischen Mehrheit und Minderheit sogar in die Mitte der Gemeinde brachte. Vorher bestand die Gemeinde als Teil der Gemeinde Gronau aus 500 mehrheitlich reformierten Gemeindegliedern, jetzt kamen 2500 Lutheraner hinzu. „Schnell wurde deutlich, dass der schlichtere Gottesdienst in den reformiert geprägten Gemeinden nicht in allen Fällen den Erwartungen der Vertriebenen entsprach.“ (S. 307)

Insofern ist die gemeindliche Situation der Diaspora eine Widerspiegelung gesellschaftlicher Verhältnisse. Was sorgt in einer solchen Situation für Halt und Kontinuität? Welches Profil dient der Verkündigung des Evangeliums und wie wird es praktisch bezeugt? Welche Rolle spielt der Rückhalt bei der Staatsregierung, die in der Gründungszeit evangelisch geprägt war? Womit können Pfarrerinnen und Pfarrer in einer Situation der ständigen Fluktuation für Kontinuität sorgen?

Einerseits kann der Diasporabegriff heute verallgemeinert werden, wie eine Bemerkung zu Anfang zeigt, andererseits tritt er hingegen auch zurück und wird ergänzt durch die Frage nach der „Tragfähigkeit des christlichen Glaubens in unserer Zeit“ (S. 314).

Wichtig sind Menschen, die für ihren Glauben einstehen. Vor diesem Hintergrund ist es interessant für Albrecht Philipps, dass einer seiner väterlichen Vorfahren für ein Jahr als Pfarrer in Ochtrup wirkte, Rudolf Philipps (1903-1904), dann aber von dort nach Dortmund wechselte. Er war der „Vetter des Urgroßvaters des Verfassers“ (Anmerkung 180, Seite 258).

Auch in dieser Hinsicht ist das Buch mehr als eine Gemeindechronik, wenn es auch in dieser Hinsicht sehr viele Informationen und im Anhang auch textliches und graphisches Material bietet.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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