Philosophische Gedanken zu aktuellen Themen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

Zu: Scheidewege, Jahresschrift für skeptisches Denken, Herausgegeben von der Max Himmelheber-Stiftung, Jahrgang 45, 2015/2016, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7776-2541-6, Preis: 32,50 Euro

Scheidewege Jahrgang 2015

 

Das Inhaltsverzeichnis der Jahresschrift „Scheidewege“ findet sich in Kurzfassung auf dem Buchumschlag in der abgedruckten Reihenfolge und am Ende des Buches noch einmal nach Autoren alphabetisch sortiert. Das Projekt dieser Jahresschrift vertritt kein festgelegtes Thema. Gleichwohl sind die meisten Artikel auf aktuelle kulturelle oder politische Themen bezogen.

Erneut spielt der Naturbegriff eine große Rolle. Mobilität, Technik, Kommunikation gehören ebenso dazu. Der Mitherausgeber Michael Hauskeller steuert Gedanken zur aktuellen Diskussion über Tod und Sterben bei („Mitten im Leben. Über Altern, Tod und Unsterblichkeit“, S. 384 – 395). Die Zeitdiagnose Hauskellers zeigt die neuartige Form der Verdrängung des Todes. Menschen verstehen sich auf das Jung-Bleiben. Eine Alterung findet nicht statt oder wird verdrängt, wozu auch einige biologische oder medizinische Methoden beitragen. „Die Frage, wozu wir ewig leben, ewig jung bleiben wollen, kommt dabei gar nicht in den Blick.“ (S. 386).

Heute wird der Tod eigentlich nicht real verdrängt, er wird vermieden. Dazu gehört auch die Methode der Kryokonservierung, dem Einfrieren von Leichen zur späteren Wiederbelebung. Wir fürchten nicht den Tod, sondern das Altern, so scheint es. Schon die Popgruppe The Who wünschte: „’ch hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde:’“ (S. 390).

Eine Möglichkeit des Umgangs mit dem Tod besteht darin zu wissen, dass wir in kommenden Generationen weiterleben. Würde nach unserem Tod allerdings die ganze Menschheit vernichtet, dann wäre die Hoffnung auf ein individuelles Weiterleben sinnlos (nach Samuel Scheffler: Death and the Afterlife, Oxford 2013). Michael Hauskeller findet es plausibel, dass der mögliche Fortgang der Menschheit auch ein Hoffnungsfaktor auf ein ewiges Leben ist, so sterblich es auch sein mag: „Wir neigen dazu, die Menschheit als ein Projekt zu begreifen, an dem wir gemeinsam mit anderen teilhaben.“ (S. 393).

Daraus folgt: Nicht unser persönlicher Tod, sondern das Ende der Menschheit stellt den Sinn des eigenen Lebens in Frage. So sind die Schlusssätze des Aufsatzes fast so etwas wie eine säkulare Predigt: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Ja. Aber mitten im Tod, in unserer individuellen Sterblichkeit, sind wir auch vom Leben umfangen. Wir stehen buchstäblich, auch über den individuellen Tod hinaus, mitten im Leben.“ (S. 394)

Der erste Artikel des Bandes von Josef H. Reichholf, „Waldesruh“ (S. 5 – 18), ist eine Reaktion auf den Text von Hans Wohlgemuth, „Der Waldspaziergang“, aus Heft 44. Josef H. Reichholf ist emeritierter Naturwissenschaftler aus München und beklagt den Umgang mit dem Wald besonders von Seiten der Waldwirtschaft selbst. Selbst diese bedrohe den Wald. Hierzu wird die Arbeit von Rück- und Holzerntemaschinen genauer geschildert. Brauchte man früher feste Wege vor der Holzernte, muss man sie heute danach wieder herrichten. Auch die sofortige Aufforstung wird bemängelt. Es hätte sich früher biologisch immer sehr positiv ausgewirkt, wenn man die Kahlschlagflächen eine zeitlang in Ruhe gelassen hat. Aus Sicht der Biologie sind auch die Radfahrer kaum besser als die Autofahrer im Überfahren von Fröschen und Blindschleichen. Fazit: Die Ruhe im Wald ist eine Utopie.

Wie schon in vergangenen Jahresschriften wird der Naturbegriff wieder diskutiert, hier von Klaus Michael Meyer-Abich, emeritierter Professor für Naturphilosophie an der Universität Essen. Der Artikel ist überschrieben mit: „Warum muss die Natur vor uns geschützt werden?“ (S. 19 – 28). In diesem Eigenleben wird das Eigenleben der Natur gerade nicht glorifiziert. Klaus Michael Meyer-Abich meint, dass die biologische Vielfalt in Mitteleuropa nicht auf einem Eigenleben der Natur beruht, sondern das Ergebnis der Geschichte menschlichen Einwirkens ist. Die Natur würde von sich aus hier eine einzige Baumsorte bevorzugen, die Buche. Ökologie ist kein Zurück-zur-Natur, sondern die Bemühung darum, kultivierter zu leben und darin den Naturschutz einzubeziehen.

Als letztes Beispiel aus diesen siebenundzwanzig Artikeln der Jahresschrift „Scheidewege“ soll über einen Aufsatz des Masterstudenten Michael Holzwarth aus Leipzig berichtet werden: „Das Smartphone“ (S. 48 – 67). Michael Holzwarth gehört mit seinen 29 Jahren selbst noch zur Smartphone-Generation. Er betont, dass die sinnliche Wahrnehmung durch das Smartphone eingeschränkt wird. Zwar stellte Aristoteles bereits fest, dass das Sehen eine wichtige Fähigkeit des Menschen für das Erlangen von Bildung ist. Allerdings wird in der technischen Kommunikation das Bild oft zu einer visuellen Täuschung. Ähnlich ist es mit dem Hören beim Telefonieren, weil durch das Miteinander-Reden am Telefon oder Handy Nähe nur vorgetäuscht wird. Dazu versetzt uns das Empfangssignal in einen ständigen Bereitschaftsmodus. Die Aufmerksamkeit wird dadurch vom Nahen auf das Ferne geändert. „Das Performative, die Aufführung, das Ritual – sie benötigen den Menschen in seiner Ganzheit.“ (S. 58). Dazu wird auch Martin Heidegger angesprochen, der die „Seinsvergessenheit der Philosophie“ anklagte und dabei als Da-Sein das „Sein im Hier und Jetzt“ betonen wollte (Vgl. S. 61). Der Schutzraum der Wohnung hingegen verliert sich bei Erreichbarkeit rund um die Uhr. Fazit: Das Internet schafft nicht Nähe, sondern Distanz. Wir haben die „Welt zur Hand“, aber „das Netz fängt uns ein“ (vgl. S. 66). Der Autor erinnert abschließend an die Gegenwart von Freunden, die Geborgenheit und Vertrauen vermittelt, wozu auch Zeiten der Abwesenheit gehören, die schweigend auszuhalten sind.

Die Sammlung der Aufsätze im Band Scheidewege ist eine gute Mischung thematischer Reflexionen, kulturkritisch und aktuell, bis hin zu den politischen Debatten, an die einige Themen erinnern. Es sind aber keine direkt politischen Traktate, sondern Texte, die zwar eine Meinung reflektieren, aber den Leserinnen und Lesern das letzte Urteil überlassen. Bei den wissenschaftlichen Autoren überwiegen die pensionierten Professoren. Ansonsten könnte die Mischung von Herkunft und Geschlecht noch besser sein. Mit nur zwei (!) Autorinnen sind weibliche Wissenschaftler deutlich unterrepräsentiert.

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

2 Gedanken zu „Philosophische Gedanken zu aktuellen Themen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015“

  1. Als einer der Herausgeber bedanke ich mich für die schöne, großherzige Rezension der neuen Scheidewege. Die Bemerkung über die demographische Zusammensetzung der Autoren in den Schlußsätzen ist berechtigt. Uns ist das auch schon aufgefallen. Was aber die Gründe dafür sind ist schwer zu sagen. Es ist nicht so, daß wir eher dazu geneigt wären, Beiträge von männlichen Autoren anzunehmen als von weiblichen. Tatsächlich erhalten wir viel weniger Angebote von weiblichen Autoren, so daß wir wenig an diesem Trend machen können. Aus irgendeinem Grund scheinen die Scheidewege die beiden Geschlechter unterschiedlich anzusprechen. Ich vermute, daß sich das auch in der Zusammensetzung der Leserschaft widerspiegelt. Die Altersstruktur der Autorenschaft ist leichter zu verstehen. Jüngere Autoren, insbesondere aus dem akademischen Bereich, müssen sich meist noch vor ihren Fachkollegen beweisen, und das tut man am besten mit einschlägigen Fachaufsätzen. Die Scheidewege sind aber keine Fachzeitschrift, sondern eine der Kunst des Essays und dem kritischen Nachdenken über gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen verpflichtete Einrichtung, für die disziplinäre Abgrenzungen keine Rolle spielen. Die freie Reflexion fällt denen leichter, die es sich leisten können, und das sind zumeist die, die sich um ihre Karriere nicht mehr sorgen müssen.

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