Mit allen verbunden, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

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Zu: Giannina Wedde: Dorn der Liebe, Gedichte, Echter Verlag, Würzburg 2015, ISBN: 978-3-429-03909-7, Preis: 12,80 Euro

978-3-429-03909-7

Auf der Homepage www.klanggebet.de hat Giannina Wedde aus Berlin eine Seite mit „Der mystische Weg“ überschrieben. Die mystische Erfahrung gehört zu ihrem Coaching und den Meditationsangeboten. Hier schreibt sie: „Im mystischen Bewusstsein wächst die Erfahrung von Verbundenheit, Verantwortung und von der Heiligkeit allen Lebens. Wir begreifen mehr und mehr, dass der Schöpfer gegenwärtig ist: an unserem Seelengrund, in unserem Nächsten, in den Erscheinungen der Natur und jenseits von all dem.“ Auch in einer Email ist es ihr wichtig mitzuteilen, dass es ihr hauptsächlich um die Erfahrungsseite der Mystik geht und nicht um theologische oder philosophische Bearbeitung des Themas. Wenn man allerdings mit diesem Erfahrungsschatz Gedichte und kurze Reflexionen verfasst, wird sich eine inhaltliche Botschaft wohl auch einstellen.

Dies zeigt schon die Einleitung der Gedichte in fünf Abschnitte: „Zwiegespräch – Der glaubende Mensch“, „Werden am Du – An die Brüder und Schwestern“, „Nachtgebete – Aus dem Dunkel zum Licht“, „Erdverbunden – Gebettet in die Schöpfung“ und „Abschied – Von Trauer und Zuversicht“. Hier werden die thematischen Aspekte der Mystik m. E. schon recht gut wiedergegeben.  Die Begegnung mit Gott, wie sie sich exemplarisch im Gebet darstellt, lässt sich nicht trennen von der Begegnung mit den Anderen. Die Nachtgebete sind hingegen dem inneren Gespräch gewidmet, das ja sicherlich ebenso zur spirituellen Lebensauffassung gehört. Gott wird zum Du, zum Gegenüber im stillen Gespräch. Der Schöpfungsbezug ordnet sich fast zwangsläufig nach der Erfahrung der Natur in den Jahreszeiten, wobei eben auch das Leben hinausläuft auf die Erfahrung des Vergänglichen im Tod. Die Gedichte von Giannina Wedde sind zweifelsohne religiös, verwenden das Wort „Gott“ aber sparsam, sondern spüren die religiöse Erfahrung im Lebendigen auf. Unter Gesundung und Heiligung steht die Autorin konsequenterweise das Vertrauen ins Leben. Es ist gleichermaßen erstaunlich wie lobenswert, dass sich der katholische Echter-Verlag in Würzburg hier Beispiele des meist eher impliziten Glaubens (Karl Rahner) vorzuzeigen vermag und so zeigt, dass diese Konzeption keinesfalls so unmöglich gewesen ist, sondern im Grunde immer mehr an Sprache gewinnt. Das diese säkulare religiöse Sprache von der expliziten Rede von Gott nicht streng getrennt wird, zeigen die Gedichte dieses Bändchens, von denen eines kurz vorgestellt werden soll:

 

Du selbst (S. 50)
Wenn Du Dir Freundschaft wünschst,
so sei ein Freund;
wenn Du die Hoffnung suchst,
so sei ein Licht, das zuversichtlich scheint:
Wenn Du die Tat vermisst,
dann geh beherzt ins Tun,
und wenn nirgends tiefe Stille ist,
sei Du selbst die Stille nun.

 

Wenn Dir die Liebe fehlt,
sei Du selbst der Liebe Klang,
und ist ein Ort noch unbeseelt,
dann fülle ihn mit Lobgesang.
Du selbst trägst Licht
und alles, was Du liebst,
doch erreicht den Andern nicht,
wenn Du es nicht umfängst und weitergibst.

 

Hier wird die Einheit alles Lebendigen dadurch verdeutlich, dass jedes Leben sich inmitten einer Kommunikation befindet. Auch wenn hierbei sicher nicht von einer Automatik die Rede sein kann, so ist es doch eine tiefe Weisheit und Klarheit, dass ich bei allem, was ich mir wünsche, bei mir selbst beginnen darf. Wünsche ich Liebe, sollte ich bereit sein zu geben. Wünsche ich Stille, so muss ich damit anfangen, mich in die Stille zu begeben. Alles, was ich als das Außen ansehe ist auch in mir selbst. So wenig ich das Äußere verändern kann, so gut ist es möglich, bei sich selbst anzufangen. „O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens“, so kommt es mir unwillkürlich in den Sinn. Aber es geht um mehr als einen Appell. Es geht darum, die eigenen Wünsche auch in Ansprüche an sich selbst umzuformulieren.

Wer sich bei diesen Gedichten hin und wieder an Worte von Hermann Hesse oder Rainer Maria Rilke erinnert fühlt, so nicht, weil hier wörtlich zitiert wird, sondern weil sich diese Gedichte bewusst einreihen in die Gemeinschaft der lyrischen Mystiker und Mystikerinnen.

 

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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