Heidegger lesen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

Zu: Thomas Rentsch (Hrsg.): Martin Heidegger: Sein und Zeit, Klassiker auslegen, Band 25, 3. Auflage, Verlag de Gruyter, Berlin, München, Boston 2015, 309 Seiten, ISBN 978-3-11-037717-0, Preis: 24,95 Euro

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Das Buch Martin Heideggers „Sein und Zeit“ gilt nicht zu unrecht als Standardwerk. Durch Anwendung der von Edmund Husserl eingeführten Phänomenologie auf die Ontologie entstand eine ganz neue philosophische Sprache. Typisch für das Buch Heideggers ist zudem, dass er versucht, fast vollständig auf die gängigen lateinischen und griechischen Begriffe zu verzichten. Die Konzentration auf die deutsche Sprache macht das Verständnis Heideggers auch nicht einfacher, da die Begriffe in der durch ihn selbst definierten Bedeutung verwendet werden.  Des weiteren gibt es Worte oder Wortschöpfungen, die nicht der Alltagssprache entlehnt sind, sondern meist aus der Etymologie stammen. Daher ist bei der Lektüre von „Sein und Zeit“ das erläuternde und interpretierende Arbeitsbuch ein gutes Hilfsmittel, das nunmehr in dritter Auflage im vorherigen Akademie-Verlag, jetzt bei deGruyter, erschienen ist.

Das Arbeitsbuch zu „Sein und Zeit“ ist in seinen Abschnitten eine inhaltliche Zusammenfassung des Werkes unter Berücksichtigung der Diskussion der unterschiedlichen Themen, in die die Wirkungsgeschichte einbezogen ist. Das Buch wird mit zwei Abschnitten beendet, die die die Wirkungsgeschichte im Werk Heideggers selbst behandeln, zum einen die Zeit nach 1927  und zum anderen Heideggers eigene Selbstkritik an seinem Werk.

In der aktuellen Diskussion um die Positionen Martin Heideggers im Nationalsozialismus und danach wird gelegentlich vermutet, diese seien in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ schon angelegt. Im Vorwort zu dem Arbeitsbuch zu „Sein und Zeit“ gibt der Herausgeber Martin Rentsch einen kurzen Abriss der Wirkungsgeschichte des Werkes und schreibt danach: „Die gegenwärtig beginnende, sehr kontroverse Diskussion um den Status, die Aussagekraft und die Tragweite der Aufzeichnungen und Notizen Heideggers in den so genannten Schwarzen Heften, die nach der Publikation von Sein und Zeit in den Jahren 1931 bis 1941 entstanden, berührt zunächst nicht die in diesem Band thematische systematische Analyse der Philosophie des Werkes und ihre weltweite Rezeption von 1927 bis heute.“ (S. IX).

Auch wenn dies sicherlich zunächst zu akzeptieren ist, so kann doch bei Martin Heidegger vermutet werden, dass zumindest für die Wirkungsgeschichte von „Sein und Zeit“ der Einfluss nationalsozialistischer Ideologie denkbar ist. Daher lese ich für diese Rezension zuerst das letzte Kapitel zur Wirkungsgeschichte, um danach ein Kapitel zum Inhalt von „Sein und Zeit“ zu referieren, das Kapitel zum Todesverständnis Heideggers. Das Thema des Todes ist eigentlich dasjenige, das mir schon im Studium einen kleinen Einblick in die Heideggersche Denkweise gegeben hat, wenn ich auch damals in der weiteren Lektüre nicht weitergekommen bin. Ich habe das Buch nachher sogar antiquarisch verkauft, um es mir allerdings vor etwa zehn Jahren wiederum zu besorgen. Es war mir im Zusammenhang mit der Lektüre Jacques Derridas, Jean Luc Nancys und Emanuel Lévinas´ wichtig, Heidegger im Original nachlesen zu können.

Wenn, wie Thomas Rentsch schreibt, das Werk selbst noch von nationalsozialistischer Ideologie unberührt ist, interessiert der Umgang Heideggers mit „Sein und Zeit“ und seinen Themen und Fragestellungen in der Folgezeit. Es heißt im letzten Artikel des Buches von Dieter Thomä „Sein und Zeit im Rückblick. Heideggers Selbstkritik“ (S. 263 – 278), Heidegger hätte immer gemeint, an der Thematik seines Hauptwerks weiterzuarbeiten, habe aber entscheidende und bezeichnende Korrekturen vorgenommen. In Thomäs Resümee heißt es, Heideggers Selbstkritik sei nicht weiterführend gewesen und würde faktisch auf eine Selbstdistanzierung hinauslaufen. Heidegger gesteht zu, dass „Sein und Zeit“ nicht bis ins letzte durchgearbeitet und dass noch eine Fortsetzung geplant war. Aber er distanziert sich auch in der eigenen Begrifflichkeit davon und führt neue Begriffe ein wie „Inständigkeit“ oder „Ent-schlossenheit“. Eine Weiterführung der Ausarbeitung einer Ontologie in Richtung Anthropologie oder Ethik lehnt er hingegen ab und gerät dadurch in Selbstwidersprüche, zumindest sofern er sich in Bereiche begibt, die ohne ethische oder anthropologische Aussagen kaum erklärbar sind. Besonders ein Begriff des Lebens wird von ihm vermieden. Wenn in „Sein und Zeit“ vom Subjekt die Rede ist, so sieht Heidegger darin im Nachhinein Subjektivismus am Werk.

Der Verdacht, dass manche (Selbst-)Distanzierungen und Weiterentwicklungen Heideggers in den Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie gehören, ist damit eher verstärkt worden. Die Anspielungen von Dieter Thomä klingen deutlich genug, wenn er als Chiffre dafür die (Jahres-)Zahl 1933 verwendet: „ ‚Nicht jedes geschichtliche Menschentum ist der Inständigkeit des Da-seins eigens zugewiesen; in der bisherigen Geschichte überhaupt noch keines zufolge der seinsgeschicklich zu denkenden Seinsvergessenheit’ (GA 49,61). Umgekehrt meint Heidegger nun hören zu können, wenn im Sinne jener Seinsnähe ‚die Stunde unserer Geschichte {…} geschlagen hat’ (Heidegger, GA 39, 294). (Freilich verhört er sich dabei gelegentlich, zum Beispiel 1933.)“ (S. 269). Mit der Klammer markiert Dieter Thomä, dass er die Lektüre Heideggers durchaus mit dem zeitgeschichtlichen und ideologischen Hintergrund in Verbindung bringt, was ja von der sog. „Rektoratsrede“ her ja auch kaum zu ignorieren ist. Dieses komplizierte Zitat zeigt, dass Heidegger die Ereignisse um die Machtergreifung Hitlers in Nebenbemerkungen seiner Schriften und Vorlesungen erwähnt und begrüßt hat.

Thomä geht exemplarisch einigen Weiterführungen und Präzisierungen Heideggers nach und trifft auf inkonsistente und widersprüchliche Aussagen: „Hieß es in Sein und Zeit vom ‚Augenblick’, er meine ‚die entschlossene, aber in der Entschlossenheit gehaltene Entrückung des Daseins’, dann ergibt sich aufgrund Heideggers späterer Deutung nun die These, der Augenblick sei ‚die inständige, aber in der Inständigkeit gehaltene Inständigkeit des Daseins’. Das ist leider ziemlich unsinnig.“ (S. 273). Diese Unsinnigkeit ist sicherlich durch die schlichte Wiederholung des Wortes „Inständigkeit“ gegeben, das dadurch fast ohne Aussage bleibt.

Dieter Thomä betont gegen den späteren Heidegger die Grundlinien von „Sein und Zeit“, die Heidegger selbst verlassen habe. Abschließend heißt es, man solle Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ der Lektüre späterer Werke vorziehen. (Von daher erhält der Ausdruck von Jürgen Habermas „Mit Heidegger gegen Heidegger“ neue Aktualität [Titel seines Artikels in der FAZ 1953, Anm. des Rez]).

Um einen Einstieg in „Sein und Zeit“ zu finden, ist es denkbar, zuerst einen Grundsatzartikel wie die Ausarbeitung zum Thema des Todes zu lesen. Die Einführung „Heideggers Todesanalyse, §§ 45 – 53“ haben Anton Hügli und Byung Chui Han verfasst (S. 161 – 187).

Wenn das Sein zum Tode den Sinn des Lebens begründet, so ist damit der Andere und dessen Sterben immer mitgedacht, da uns der Tod im Erleben des Anderen begegnet. Die Möglichkeit, dass es einmal anders sein mag als jetzt, macht die jetzige Begegnung unwiederholbar. Das Sein ist der Sinn jedes gelebten Augenblicks. Der Tod ist damit inhaltlich der Schlüssel für das Verständnis des Heideggerschen Buches, weil in ihm Sein und Zeit zusammengehören. Die Zeitlichkeit des Lebens ist kein Makel oder Defizit, sondern ein Geschenk. (Resümee des Rez.)
Hier, wie auch in den anderen Artikeln der Einführung, werden nacheinander sowohl Beispiele aus der Wirkungsgeschichte geboten, als auch die Passagen des Werkes inhaltlich wiedergegeben. So beobachtet Emanuel Lévinas, dass obwohl in „Sein und Zeit“ vom Tod des Anderen und vom Mitsein die Rede ist, Heidegger nicht zum Begriff der Verantwortung findet und wirft ihm daher „Solipsismus“ vor (vgl. S. 126). Trotzdem ist gerade Heideggers Bezeichnung der Bestattung als „ehrende Fürsorge“ eigentlich ein Beispiel für Verantwortung. Allerdings kann niemand dem Anderen das Sterben abnehmen, darin ist wohl Heidegger mit Luther einig (vgl. S. 130). Der Tod ist immer „mein Tod“. Es geht damit indirekt um „neues Sein“ (vgl. S. 130). Aus der hier erfahrenen „Unersetzbarkeit“ folgt das „Selbst-sein-können“ (vgl. s. 132). Die Endlichkeit ist kein Makel, sondern macht gerade die Seinsmöglichkeit bewusst. Statt von der „Entschlossenheit“ wäre dabei auch besser von „Gelassenheit“ die Rede gewesen. (Vgl. S. 135). Der Begriff Angst gilt bei Heidegger nicht dem Tod selbst, sondern dem „unüberholbar Sein-können“ (vgl. S. 136), der „ergriffenen“ Endlichkeit. Heideggers Begriff „Da-sein“ klingt heroisch: „Angesichts des Todes ergreift das Dasein emphatisch sich selbst.“ (S. 138). Am Beispiel einer Erzählung von Tolstoi, die Heidegger zitiert, zeigt die Autoren, dass dieser dabei den Begriff der Liebe nicht übernimmt. Heideggers Stärke, die Konzentration auf das Subjekt in der Frage nach der Existenz, wird so augenscheinlich zur Schwäche.

Trotzdem ignoriert die Kritik m. E., dass diejenigen, die sprachlich gesehen das Subjekt benennen, damit immer auch zugleich Prädikat und meist auch Objekt sagen, wodurch erst ein vollständiger Satz entsteht, der einem Du gilt. Ohne ein solches Gegenüber wird es wohl keine Sprache geben (Anm. des Rez.).

Heidegger selbst macht in späteren Schriften deutlich, dass der Schritt zu Ethik und Religion in seinen Texten angelegt und vorbereitet ist; es bleibt allerdings bei aller Offenheit den Leserinnen und Lesern selbst überlassen. So wird hier selbst eine Weiterführung wie die von E. Lévinas möglich.

Fazit: Heidegger bleibt gerade in seiner Verflechtung mit der Ideologie des 20. Jahrhunderts aktuell, und zwar auch dort, wo er selbst meint, ihr entkommen zu sein. Um ihn zu kennen, kommt man auch heute an „Sein und Zeit“ nicht vorbei und erhält mit diesem Buch eine gute Hilfestellung dazu.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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