Schweigen nach Kriegsende, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Carl Schmitt: Glossarium, Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 – 1958, Erweiterte, berichtigte und kommentierte Neuausgabe, Hrsg. von Gerd Giesler und Martin Tielke, Duncker & Humblodt, Berlin 2. Auflage 2015, ISBN: 978-3-428-14486-0, gebunden, 557 Seiten, Preis: 69,90 Euro

9783428544868

Der Nachlass des Rechtsgelehrten Carl Schmitt (1888-1985) liegt im Landesarchiv NRW und konnte dort für die Neubearbeitung des Glossariums eingesehen werden. Diese Sammlung von Notizen ist aus fünf Kladden Carl Schmitts mit handschriftlichen Eintragungen zusammengestellt worden. Die erste Auflage aus dem Jahr 1991 ist noch einmal gründlich überarbeitet und ausführlicher kommentiert worden. Vermutlich hätte der Kommentar noch ausführlicher sein können, da doch manches Zitat aus der damaligen Zeitgeschichte heute nicht mehr bekannt sein mag. Trotzdem ist der Apparat hilfreich, da er Anspielungen von Carl Schmitt mit dem nötigen Kontext der gemeinten Literatur unterlegt und fremdsprachliche Texte übersetzt.

Carl Schmitt, der als Jurist der Nazis galt, wurde in den Nürnberger Prozessen 1947 freigesprochen, da er mit der Vorbereitung und Durchführung von Krieg und Massenvernichtung nichts zu tun hatte. Das Lehrverbot aufgrund seiner Parteimitgliedschaft blieb jedoch bestehen. Da er kurz vor der Altersgrenze war, zog er von Berlin in seinen Heimatort Plettenberg, wo direkt nach dem Krieg sein Vater gestorben war. Seine Frau Duschka hat das Arbeitszimmer so eingerichtet, dass es ihn an Berlin erinnerte (vgl. S. 52). Die Aufzeichnungen im Glossarium beginnen Ende August 1947. Es scheint, als habe Carl Schmitt in Westfalen nun genügend Distanz, um die Geschichte würdigen zu können. Dabei sind es immer wieder die Themen seiner Bücher, an die er sich erinnert oder auf die er sich Gedanken und Briefen bezieht. 

„Ich meine, weil der Krieg aufgehört hat, berechenbar zu sein, braucht er nicht aufzuhören zu sein. Er war immer ein Gottesurteil, also unberechenbar. Die Frage ist ob die Feindschaft aufhört, und sie hat leider nicht aufgehört.“ (S. 6). Auch den Antisemitismus beschrieb Schmitt mit den Kategorien von Freund und Feind und stellt fest, der Antijudaismus der „Weisen vom Zion“ entspränge dem Wunsch, „einen totalen Feind zu finden“ (S. 14). Der Umgang mit dem von ihm selbst so beschriebenen Freund-Feind-Denken scheint nun auch ihn selbst zu treffen: „Immer wieder bin ich von neuem erschrocken über die Feindschaft, die das bloße Aussprechen des Wortes ‚Feind’ gegen mich entfesselt hat.“ (S. 9). In der Zeit des Schweigens, die sich Carl Schmitt auferlegt hat, lebt er von der Lektüre seiner Bücher. Immer wieder ist auch von Annette von Droste-Hülshoff die Rede.

So lässt sich auch die Arbeit des Kommentars illustrieren, der zum Stichwort „leise schleicht“ den zugehörigen Text aus dem Werk der Droste ergänzt: „Und eine Feder lass mich nur/ Betrachten mit geheimem Beben,/ Bedenken, dass der schwarzen Spur/ Folgt leise schleichend Tod und Leben.“ (S. 407).

Carl Schmitt wird mit dem Geschriebenen identifiziert. Er macht gelegentlich deutlich, dass er seine Texte nicht im Hinblick auf die Nationalsozialisten verfasst hat, sich also ideologisch benutzt fühlt. Doch um dem Geschriebenen nicht noch Weiteres hinzuzufügen, wollte er sich ein selbst erlegtes Schreibeverbot geben. Er möchte jetzt lieber schweigen, anstatt zu reden, was aber auch bedeutete, dass seine vorherigen Texte weiterlebten und auch zum Teil eine neue Renaissance erlebten. Auch die Erinnerung an den inzwischen verstorbenen Dichter Theodor Däubler taucht in den Notizen auf. Schmitt hat eines seiner ersten Bücher über den Gedichtband Däublers „Nordlicht“ geschrieben.

Eigenartig ist aus der Sicht der Nachkriegszeit, wie harmlos schon nach sechs Jahren die Entscheidungen Hitlers kritisiert wurden: „Wenn er nun aber 1941 über die Sowjetunion herfällt und sie mit Krieg überzieht, sollte das vielleicht keine Sprengwirkung auf die ganze Welt haben.(?)“ (S. 12). Schmitt bringt die nationalsozialistische Vernichtungspolitik mit der Theodizee-Frage in Verbindung. Damit sucht er eine Begründung, die die Mitwirkung Hunderttausender unterschlägt. Auch die Anzahl der Opfer wurde von ihm 1947 noch nicht realistisch eingeschätzt: „Als Gott zuließ, dass hunderttausende von Juden getötet wurden, sah er gleichzeitig schon die Rache, die sie an Deutschland nahmen…“ (S. 34). Der Antisemitismus, der hier wieder darin besteht, von „den Juden“ allgemein zu reden und ihnen den Krieg als symbolische Rache anzulasten ist hier noch sehr deutlich. Die weitere Lektüre des Buches, dessen Aufzeichnungen bis 1958 reichen, müsste zeigen, ob sich darin ein Lernprozess aufzeigen ließe.

Eine Philosophie eines „Willens zur Macht“ wie sie im Nationalsozialismus im Gefolge des gleichnamigen Buches aus dem Nachlass von Friedrich Nietzsche gelehrt wurde, wird von ihm hingegen abgelehnt. Auch die Unterscheidung von Legalität und Legitimität, wie eines seiner Hauptwerke hieß, taucht in den Gedanken immer wieder auf. Die Kategorien des Schmitt´schen Denkens mögen ursprünglich zugunsten der Nationalsozialisten gemeint gewesen sein. Sie lesen sich im Nachhinein aber auch allgemeiner auf jede Form von Staatswesen bezogen, da sich Carl Schmitt als Staatsrechtler empfand.

Es gibt zahlreiche Zitate zur Bibel und zur Theologie. Schmitt greift kulturelle Impulse auf, und sieht auch oft im Tagesgeschehen konkrete Beispiele für die Impulse seiner eigenen inhaltlichen Anstöße. Man kann sagen, dass er eine Parallelexistenz führte, zu Hause in Plettenberg als zurückgezogener Pensionär und in der Welt der Wissenschaft als Autor bekannter Werke zum Staatsrecht, zum politischen Denken. Den Nationalsozialismus meinte er wie einen alten Mantel abstreifen zu können. Als Nachgeborener vermisst man hier ein deutliches Schuldbekenntnis.

Mit dem biblischen Propheten Jona verglich er sich, meinte, der Leviathan hätte ihn ausgespien und er bereute nur, seine Bußpredigt wie Jona ausgesprochen zu haben. Er meinte, der Krieg sei nicht aus der Welt zu schaffen. Man könnten heute aber erneut sein Instrumentarium aufgreifen und angesichts der andauernden Kriege, die heute in Terrorismus übergehen, sagen: Um die Kriege auf der Welt zu beendet, muss zuerst das Freund-Feind-Denken beendet werden.

 

Interessant ist der Aufsatz auf der Seite des Deutschlandfunks: Christian Linder: Carl Schmitt im Nachkriegsdeutschland, Link: http://www.deutschlandfunk.de/carl-schmitt-im-nachkriegsdeutschland-1-2.1184.de.html?dram:article_id=217440 (dort ist auch der Link zum zweiten Teil)

Kommentar aus einer Email: Ich (ehemaliger Plettenberger) habe den Rummel um Carl Schmitt z. B. 1977 mitgekriegt. Alt-und Neonazis huldigten ihm ebenso wie philosophisch Interessierte. Sein Freund-Feind-Denken als quasi naturreligiöse Rechtsbegründung sehe ich bei Ihnen klar erfasst. Die Rechte der Stärkeren aus Rechtfertigung der Instinkte, eine dazu passende Ethik des Psychologischen ins Juristische gewendet – welch eine faszinierende Kategorienvermischung! Millionen von Opfern oder doch von Tätern? Im Hintergrund der verharmlosenden Bezifferung als Hunderttausende lauert der pathetische, nicht ernst genommene Begriff aus der klassischen Tragik: Hekatomben (wörtlich Opfer von 100 Stück Rindvieh, später massenhafte Tieropfer, neuzeitlich Vernichtung von Menschenmassen ohne Interesse an echten Zahlen; da blieb man verharmlosend im erträglich vorstellbaren Zahlenraum und fälschte die Millionenzahlen sowohl der Täter als auch der Opfer).

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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