Predigt über Matthäus 2, 1-12 zu Epiphanias, Christoph Fleischer, Welver 2016

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Die Huldigung der Sterndeuter: Matthäus 2,1-12 (Einheitsübersetzung)

Gehalten wird diese Predigt im ökumenischen Gottesdienst in Günne am 6.1.2016

1Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem 2und fragten:

Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.

3Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.

4Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle.

5Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten:

6Du, Betlehem im Gebiet von Juda, / bist keineswegs die unbedeutendste / unter den führenden Städten von Juda; / denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, / der Hirt meines Volkes Israel.

7Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war.

8Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige.

9Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.

10Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.

11Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

12Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

 

Liebe Gemeinde,

CvSoest Bad Wildungen 1
Conrad von Soest, Bad Wildungen

Die Weihnachtsgeschichte des Lukas vom Stall und von der Krippe wird bei Matthäus fortgesetzt. Hier finden wir die Anbetung der Weisen aus dem Morgenland. Doch diese Anbetungsgeschichte ist in ein riesiges Machtdrama eingefügt. Der König Herodes ist hier zum heimlichen Gegenspieler Jesu Christi geworden. Das Ganze zielt auf die Flucht nach Ägypten, die Zeit, als der Jesus in der Fremde geschützt wurde vor den Zugriffen des herrschsüchtigen Herodes. Die machtvolle Gegenwart des Augustus, wie aus der anderen Weihnachtsgeschichte bekannt, tritt ein wenig zurück.

Die Geschichte von der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland spielt zuerst in Jerusalem. Danach in Bethlehem, wo die Geschichte nach der Abreise der Gäste aus dem Osten weitergeht. Ich glaube, dass es um die Frage von Botschaften geht. Die Botschaften des Himmels werden den Beteiligten hier durch ganz unterschiedliche Wege zuteil, durch Weissagung, durch die Sterne, und die Boten und durch Träume. Diese verschiedenen Ebenen der religiösen Botschaften machen es den Theologen heute schwer. Was für ein Gott und was für ein Christus ist das, der in so verschiedenen Botschaften zu uns sprechen kann? Wäre es nicht besser, sich allein auf die Bibel als das Wort Gottes zu konzentrieren, also nur auf eine Art der Botschaft. Aber ich denke, man sagt nicht zu Unrecht, die Kirche sei textbezogen und ihr fehle zum Teil die religiöse Erfahrung. Oder gilt das nur für die evangelische Seite?

Doch ich denke, dass wir inzwischen wieder weiter sind und erfahren haben, dass es unterschiedliche weltanschauliche Ebenen gibt, in denen wir die Wahrheit erfahren, die für unser Leben wichtig ist. Neben den Botschaften selbst ist ja auch noch die eigene Bewegung nötig. Letztlich handelt der Text von Menschen, die angestoßen und bewegt sind, die unterwegs sind und auf der Suche, die nach dem Weg fragen und sich nach der Antwort richten und die Zeichen und Worte nutzen, um ihren Weg zu finden.

Es gibt im Moment einen Botschafter der Kirche, der die Kirche daran immer wieder erinnern will, dass sie die Kirche auf dem Weg ist. Papst Franziskus von Rom hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: Mit Jesus auf dem Weg. Darin sind verschieden Predigten und Andachten aus den letzten drei Jahren enthalten.

Ich möchte den einzelnen Botschaften des Bibeltextes nachspüren und mich fragen, auf welchen Weg sie uns hinweisen.

In Jerusalem traten Sterndeuter aus dem Osten auf. Über den Hinweg ist nichts bekannt. Über die Anzahl ist nichts bekannt. Aber über ihre Frage ist etwas bekannt: Herodes der große, der zur Zeit des Wirkens Jesu schon gestorben war, residierte damals noch in Jerusalem bevor die Römer daraus eine eigene Provinz machten, wegen der andauernden Unruhen, aus denen später der jüdische Krieg wurde.

Die Botschaft der Sterndeuter ist in eine Frage gekleidet und lautet schlicht: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ Danach im Palast zu fragen, scheint logisch. Doch der König hatte zu der Zeit keinen neugeborenen Thronfolger. Die Söhne seiner ersten Frau hatte er inzwischen umbringen lassen, da sie versucht hatten, ihn zu Lebzeiten zu entmachten, so schreibt es Josephus in seinem Buch vom jüdischen Krieg.

Die Frage nach dem neugeborenen König ist kein Märchenmotiv, sondern auch eine Provokation.

Für uns mag es auch eine Provokation sein, dass es hier Sterndeuter sind, also die Astrologie. Vermutlich war die Astrologie bedeutender, als wir uns das heute eingestehen wollen. Seit Galileo und Kepler jedoch dürfte klar sein, dass die Sternbilder höchsten symbolische Bedeutungen haben. Besonders fromme und besonders aufgeklärte Menschen stehen hier auf der gleichen Seite. Wir brauchen keine Sterndeuter. Vielleicht sind deshalb daraus später die heiligen drei Könige geworden, deren Gebeine im Mittelalter von Mailand nach Köln gebracht worden sind.

Ich vermute also, dass es nicht um die Frage geht, wo Herodes den neugeborenen König suchen soll, sondern darum, dass es ihn überhaupt gibt. Herodes hat von einem neugeborenen König nichts gehört. Die Leser des Evangeliums wissen aber schon, dass Jesus, der Sohn Davids in Bethlehem geboren worden ist. Aber Herodes nimmt die Frage der Sterndeuter ernst und lässt die Schriftgelehrten sich dazu äußern. So kommt ein Zitat aus dem Buch des Propheten Micha ins Spiel. Das macht übrigens der Evangelist Matthäus immer so, dass er hin und wieder Sprüche aus dem alten Testament zitiert.

6Du, Betlehem im Gebiet von Juda, / bist keineswegs die unbedeutendste / unter den führenden Städten von Juda; / denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, / der Hirt meines Volkes Israel.

Damit wäre die Frage nach dem „wo“ der Geburt des neugeborenen Königs geklärt. Dann kommt das Wann. Herodes wollte wissen, wann denn genau der neue König geboren sei und hatte dann gleich vor, die Sterndeuter für sich selbst spionieren zu lassen. Dass aus dieser Absicht nichts Gutes folgen würde, ahnen wir also bereits.

Und jetzt kommt die erstaunlichste Bemerkung der ganzen Geschichte. Der nun folgende Text ist pure Phantasie und hat auch mit seriöser Astrologie nichts mehr zu tun: Der Stern ging vor den Weisen her und blieb genau über dem Haus stehen, in dem das Kind war, das sie suchten. Kein Wunder, dass sich das Leuchten dieses Sterns in unserer Vorstellung mit dem Engel der anderen Weihnachtsgeschichte verbindet. Dieser Stern von Bethlehem kommt der Erde derart nah, dass sein Licht auf ein einziges Haus deuten kann. Irgendwo so, als würden die Sterndeuter den Stern selbst tragen, wie es später die Sternsinger machen werden. Indem der Stern ja förmlich auf die Erde kommt, wird gezeigt, wie in diesem neugeborenen König das göttliche der Welt nahe kommt und der göttliche Geist direkt auf der Erde erscheint, hier im gegenüber zu Herodes, der rein weltlich denkt.

Der Stern ging mit den Weisen und blieb über dem Haus stehen. Sie huldigten dem Kind und übergaben ihre Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Wer hier nur an den Wert denkt, muss sich über Weihrauch und Myrrhe wundern. Eigentlich müsste man sich über das Gold wundern. Ist das wirklich das richtige Geschenk für jemanden, der später so deutlich gegen den Reichtum predigen würde. Braucht Jesus Gold als Startkapital? Es gibt in der Tat hier die Vermutung, als könne mit Gold auch Balsam gemeint sein, ein Räucherharz, das damals vom Wert dem Gold nahekam. Und schön ist die Reihe perfekt: Gold, Weihrauch und Myrrhe ist eine Räuchermischung. Das sind auch Heilmittel in der damaligen Zeit, womit die Heilungen Jesu schon angedeutet werden. Auch die Geschenke sind im Text eine Botschaft.

Die letzte Botschaft kommt im Traum. Der Engel Gottes, der im Traum mit den Sterndeutern spricht, leitet sie auf dem Rückweg an Jerusalem vorbei. Die Sterndeuter kehren auf einem anderen Weg zurück in den Osten, sei es nach Syrien, dem Zweistromland bis Persien und Indien oder sei es Afrika. Später werden aus den Sterndeutern die heiligen drei Könige, indem man die Anzahl der Geschenke auf die Anzahl der Personen angewandt hat.

Das Thema der Geschichte ist die Ankunft eines neugeborenen Königs, von dem der irdische König nichts ahnt. Dieser König ist der Sohn Davids und kommt in Bethlehems zur Welt und er ist der Sohn Gottes, weil er die Welt im Sinn des Geistes Gottes verändern soll. Gott kennt viele Wege, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen, der Hinweis der Sterndeuter, die Suche in der Heiligen Schrift mit ihrer Verheißung auf Bethlehem, der Stern, der mit seinem Licht einen Weg führt, die Geschenke, die mit ihrem Räucherwerk an den Tempel erinnern und zuletzt der Traum als Sprache Gottes.

Die Vielfalt der religiösen Botschaften in dieser Geschichte ist einfach phantastisch im wahrsten Sinn des Wortes. Um dieser einen Botschaft wegen: Gott bleibt unserer Welt nicht fern, sondern geht in sie ein und lässt durch den Menschen Jesus uns seinen Geist zuteil werden. Diese Botschaft gilt durch Tod und Auferstehung Jesu für alle Menschen, sei es vom Westen oder vom Osten. Welche Gabe jemand hat, um auf Gottes Gegenwart zu hören, wird hier nicht eingegrenzt, sondern gerade offen gehalten.

Amen.

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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