Predigt über Römer 12, 1-8, 1. Sonntag nach Epiphanias, Christoph Fleischer, Welver 2016

Römer 12, 1 – 8 (Gute Nachricht Bibel, Die Predigt wird in Günne und Miningsen gehalten.)

 

1Brüder und Schwestern, weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch:

Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung!

Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst.

2Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an.

Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird.

Dann könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes entspricht, und wisst in jedem einzelnen Fall, was gut und gottgefällig und vollkommen ist.

3In der Vollmacht, die Gott mir als Apostel gegeben hat, wende ich mich an jeden Einzelnen von euch.

Niemand soll sich über andere erheben und höher von sich denken, als es angemessen ist. Bleibt bescheiden und sucht das rechte Maß!

Durch den Glauben hat jeder von euch seinen besonderen Anteil an den Gnadengaben bekommen.

Daran hat jeder den Maßstab, nach dem er sich einschätzen soll.

4Denkt an den menschlichen Leib:

Er bildet ein lebendiges Ganzes und hat doch viele Teile, und jeder Teil hat seine besondere Funktion.

5So ist es auch mit uns:

Als Menschen, die zu Christus gehören, bilden wir alle ein unteilbares Ganzes; aber als Einzelne stehen wir zueinander wie Teile mit ihrer besonderen Funktion.

6Wir haben ganz verschiedene Gaben, so wie Gott sie uns in seiner Gnade zugeteilt hat. Einige sind befähigt, Weisungen für die Gemeinde von Gott zu empfangen; was sie sagen, muss dem gemeinsamen Bekenntnis entsprechen.

7Andere sind befähigt, praktische Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen; sie sollen sich treu diesen Aufgaben widmen. Wer die Gabe hat, als Lehrer die Gemeinde zu unterweisen, gebrauche sie.

8Wer die Gabe hat, andere zu ermahnen und zu ermutigen, nutze sie.

Wer Bedürftige unterstützt, soll sich dabei nicht in Szene setzen.

Wer in der Gemeinde eine Verantwortung übernimmt, soll mit Hingabe bei der Sache sein. Wer sich um Notleidende kümmert, soll es nicht mit saurer Miene tun.

 

Liebe Gemeinde,

 

Den Predigttext aus dem Römerbrief habe ich bewusst in der Fassung der Guten Nachricht Bibel vorgelesen, damit wir beim Lesen und Hören nicht so viele Verständnisprobleme bekommen, wie das z. B. bei der Lutherbibel der Fall wäre.

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Das Bild vom Leib und seinen Teilen sollte einleuchten. Doch der Schwerpunkt liegt zunächst auf den ersten Versen, in denen vom Opfer die Rede ist.  Indem wir die Verse 1 – 8 im Ganzen gehört haben, wird das Bild vom Leib und seinen Gliedern angebunden an die Vorstellung, seinen Leib als Opfer hinzugeben. Die beiden Bilder erklären sich gegenseitig und können sich nicht ausschließen.

Dieser Anfang bereitet Probleme, obwohl man beim genauen Hinsehen eigentlich merken müsste, dass es eben nicht darum geht, also sich zu opfern und zugunsten der Gemeinde aufzugeben und auf alles zu verzichten.

Es gibt ohnehin ein Grundmissverständnis mit dem Wort Opfer. Viele sagen heute, dass der Tod Jesu Christi am Kreuz kein Opfer war, weil wir Opfer als eine Handlung verstehen, bei man etwas zugunsten einer anderen Sache aufgibt – im Sinne von Opfern für. In der Bibel geht es um das jüdische Opferverständnis, das einfach nur Gabe bedeutet. Wir werden gebeten, Gott etwas zu geben. Es geht keinesfalls darum, Leib und Leben für Gott aufzugeben, wie man das früher aufgefasst hat, sondern einfach nur wie bei einer Kollekte etwas abzugeben.

Ich frage daher zuerst: Auf welche Frage antwortet der Text? Ich werde heute einfach den Text zwischendurch hin und wieder zu Wort kommen lassen, denn Paulus erklärt hier Grundsätzliches.

Diese Frage lautet: Wo findet der richtige Gottesdienst statt? Was ist der Ort, an dem wir Gott dienen? Die Antwort ist so einfach wie krass: Dieser Ort ist keine Kirche und kein Tempel, denn der Ort des Gottesdienstes ist unser ganzes Leben, und zwar so wie es ist. Niemand soll sich hier für Gott opfern oder für eine gute Sache, sondern wir sollen die Blickrichtung auf das Sakrale ein Stück verlieren

Natürlich gibt es das Sakrale, die Kirche als Gotteshaus, aber strenggenommen ist auch sie nur ein Versammlungsraum, der alles hat, was man für eine Gottesdienstfeier benötigt. Der Gottesdienst, um den es nach Jesus und eben auch hier für Paulus geht, findet nur zu einem Bruchteil in der Kirche statt, sondern überall dort, wo wir leben, in der Familie, in der Schule im Beruf usw. „Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung“, nicht zum Zweck einer besonderen Heiligkeit, sonst müssten wir ja alle ins Kloster gehen, sondern damit Gott in diesem Leben ankommt. Der strenge Unterschied zwischen weltlich und göttlich wird nicht mehr bestehen.

Aber es gibt einen Unterschied, einen geistigen. Es gibt den Geist der Welt und den Geist Gottes. Viele definieren zuerst den Geist der Welt und geben dazu als Gegensatz den Geist Gottes an. Das klingt dann meist ziemlich moralisch, man denken nur an die Tradition der sieben Todsünden. Ich meine, man sollte zuerst nach dem Geist Gottes fragen, und von dem Geist her nach dem Geist der Welt fragen. Und ich schlage vor, dabei immer von demselben Geist auszugehen – und das ist der Geist des Lebens.

Gott ist ein Gott des Lebens und gibt den Geist des Lebens. Einige biblische Beispiele dazu:

In der Taufe hat Jesus den Geist Gottes empfangen, und später verkündigt er mit den Worten des Jesaja, dass auf ihm der Geist Gottes ruht, um die Armen zu befreien und die zu Unrecht Gefangenen zu befreien. Am Anfang der Schöpfungsgeschichte heißt es: der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und als der Mensch geschaffen wurde, sagt der Erzähler, dass Gott dem Menschen seinen Atem einhauchte, wodurch er ein lebendiges Wesen wurde.

Der Geist des Lebens ist für jeden und jede einzelne ganz verschieden, weil jeder sein eigenes Leben lebt.

Was der Geist des Lebens im Einzelnen bewirkt, kann nur jeder für sich selbst genau sagen. Klar ist aber, dass darin auch eine Orientierung liegt, die auf einen Anderen gerichtet ist. Paulus sagt: „Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird.“

Viele sagen, dass es die Abkehr vom Egoismus ist, die Gott dadurch bewirkt. Doch einen gesunden Egoismus sollten wir auch als Christen haben. Es ist nur eben der Verlust des Anderen, der Verlust des Mitseins, des Miteinanders, der gemeint ist. Wir finden den Sinn unseres Lebens immer nur, wenn wir anderen Menschen begegnen und uns dabei als die erfahren, die wir selbst sind.

Für Paulus folgt daraus ein Bild der Gemeinschaft. Zugegeben, dass er das Bild schon aus der Rhetorik übernommen hat, vom Leib und seinen Gliedern. Hier geht es keinesfalls nur um bestimmte Leiber, so dass jede Gemeinde einen jeweils eigenen Leib bilden würde. Es geht meines Erachtens darum, dass wir uns in unserem Leben immer aus diesem Miteinander heraus verstehen sollten.

In diesem Leib, dem lebendigen Organismus geschieht dann auch das Wunder, das wir unser je eigenes entdecken. Die Lehre vom Ganzen, das aus seinen Teilen besteht, wird am menschlichen Leib gesehen, so Paulus: „Durch den Glauben hat jeder von euch seinen besonderen Anteil an den Gnadengaben bekommen. Daran hat jeder den Maßstab, nach dem er sich einschätzen soll. Denkt an den menschlichen Leib:  Er bildet ein lebendiges Ganzes und hat doch viele Teile, und jeder Teil hat seine besondere Funktion.“

So schlecht kann also unser Leib ja gar nicht sein, wenn er nun zum Bild für die gesamte menschliche Gemeinschaft geworden ist. Nein, der Leib an sich ist nichts schlechtes. Im Gegenteil, wir haben viele Organe, die sich ergänzen und gemeinsam einen Organismus bilden.

Daran erkennen wir, dass der göttliche Geist der Geist des Lebens ist, denn das Leben organisiert sich. Wer mal einen Film von der vorgeburtlichen Existenz oder der Zellteilung gesehen hat, kann das bestätigen. Wir sind Menschen, wir sind Lebewesen und wir brauchen einander.

Geben wir unser Leben für Gott, dann geben wir es damit für die Anderen.

Wir leben für Gott, für den Herrn, für Christus, und wir leben füreinander, für die Welt, für die Zukunft der Menschheit, usw. Die Liebe zu Gott ist die Liebe zu dem Planeten, den er uns gegeben hat, um darauf in Einheit zu leben. Warum landen wir immer wieder beim Freund-Feind-Denken? Warum brechen immer wieder Kriege aus, sogar unter Völkern, welche die gleiche Religion haben? Die Menschen verlieren die Einheit aus dem Blick, und die Einheit ist die Gabe eines Schöpfers auf dieser Erde.

Wir Menschen lassen uns gegeneinander aufhetzen, anstelle im Anderen immer auch den zu sehen, der wir selbst sind, ein Geschenk Gottes, eine Gabe des Lebens an sich selbst, wie es Albert Schweitzer sagte.

So wird bei Paulus aus dem Organismus des Lebens eine Organisation –  die er als Gemeinde bezeichnet. Von Gaben ist die Rede, von Ämtern und von Christus. Paulus schreibt: „Als Menschen, die zu Christus gehören, bilden wir alle ein unteilbares Ganzes; aber als Einzelne stehen wir zueinander wie Teile mit ihrer besonderen Funktion. Wir haben ganz verschiedene Gaben, so wie Gott sie uns in seiner Gnade zugeteilt hat.“

Besser gesagt, er redet gar nicht von Kirche, von Gemeinde oder einem Verein, einem Staat, sondern nur von Christus. Das, was eigentlich für alle Menschen gilt, sehen leider nur diejenigen, die vom Geist dazu ermächtigt sind.

Wir sind ein Leib in Christus, und haben doch unterschiedliche Gaben und Begabungen, die jeweils zum Tragen kommen sollen.

Verstehen wir das richtig: Das ist keine Organisationslehre für eine einzelne Kirchengemeinde, obwohl man es auch darauf anwenden kann. Diese Bild vom Leib und den Gliedern gilt für die Welt im Ganzen. Daher gehört das, was wir beruflich tun, auch zu unserem Glauben und das, was wir zu Hause machen auch.

Aber für die Gemeinde im engeren Sinn werden nur vier Aufgaben definiert. Sicherlich gibt es auch für die Kirche noch mehr Aufgaben, aber diese vier sind auschlaggebend und notwendig, die Paulus so beschreibt:

„Andere sind befähigt, praktische Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen; sie sollen sich treu diesen Aufgaben widmen. Wer die Gabe hat, als Lehrer die Gemeinde zu unterweisen, gebrauche sie. Wer die Gabe hat, andere zu ermahnen und zu ermutigen, nutze sie. Wer Bedürftige unterstützt, soll sich dabei nicht in Szene setzen. Wer in der Gemeinde eine Verantwortung übernimmt, soll mit Hingabe bei der Sache sein. Wer sich um Notleidende kümmert, soll es nicht mit saurer Miene tun.“

Wenn wir also das Evangelium von der Taufe Jesu richtig verstehen, dann ist es eine Berufung für ihn selbst, seiner Bestimmung zu folgen. Kinder Gottes, Söhne und Töchter Gottes, das sind auch wir, denn „… welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

Die Gemeinde ist damit keine Elite, aber sie praktiziert etwas, das eigentlich in der ganzen Gesellschaft funktionieren müsste, eine Einheit der Menschheit in der Vielfalt der Individuen zu bilden. Wir brauchen keine Ausgrenzung von Menschen, von denen wir meinen, dass sie nicht dazugehörten. Auch brauchen wir den Geist des Respekts und gegenseitigen Achtung.

 

Pfarrer Christoph Kühne schreibt zu diesem Predigttext: „So enthält der Predigttext Anstöße, die den postmodernen Menschen vor Entwurzelung und ‚Entkernung’ bewahren können: Die Verschiedenheit der Gaben, Gaben des Geistes dient dem Wohl dieser Welt. ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind’ in der Begegnung, entsteht ein neuer Geist, der in ‚sein Land’ führt. ‚In Christus’ werden Ressourcen frei, die für uns gut, ‚anständig’ und ‚vollkommen’, passend sind (V. 2b). Gottes Barmherzigkeit (V. 1a: Plural!) lädt ein zu einem großen Herz dem Nächsten gegenüber. Und last but not least: Vergesst den Humor nicht (V. 8b)!“ (Quelle: Deutsches Pfarrerblatt 12/2015 S. 698)

Und wenn jemand herkäme und sagte, das sei eine politische Theologie, dann würde ich ihm entgegnen, ja, das ist es und diese politische Theologie hat der Apostel Paulus bereits beschrieben. Und das gilt mit dem Satz: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

Amen.

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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