Predigt über 2. Korinther 4, 6-10, Christoph Fleischer, Welver 2016

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Predigt über 2. Korinther 4, 6-10 (Gute Nachricht Bibel), die Predigt wird gehalten in Günne und Meiningsen am letzten Sonntag nach Epiphanias 2016

6Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

7Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. 8Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. 9Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. 10Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

Liebe Gemeinde,

auch wenn ich dem Autor der Volxbibel Martin Dreyer, nicht immer folgen kann, so ist doch seine Übersetzung zu diesem Abschnitt ganz erhellend. Das möchte ich jetzt kurz vorlesen. Und ich lese auch einige Verse weiter. Auch wenn ich dann trotzdem abbreche, wird es eher ein vorläufiger Schlusspunkt sein, als in unserem Predigttext, den wir gehört haben.

2.Korinther 4, 6-12:
6 Gott hat das mal befohlen: „Im Dunkel soll es hell werden.“ So hat er es auch in unseren Gedanken hell gemacht. Deshalb können wir jetzt kapieren, wie toll und groß Gott ist und dass Jesus wirklich sein Sohn ist. 7 Diesen derben Schatz haben wir in uns armselige Würstchen hineingelegt bekommen, in einen Körper, der so leicht zu zerstören ist. So merkt jeder, dass alles Gute, was von uns kommt, eigentlich von Gott ausgeht.

8 Alle wollen was von uns, überall gibt es Probleme, aber wir halten das aus. Wir wissen oft nicht mehr, wo es längsgeht, und geben trotzdem nicht auf. 9 Menschen jagen uns, aber Gott ist immer für uns da und beschützt uns. Wir werden fertiggemacht, aber wir rappeln uns wieder auf. 10 Weil wir uns jeden Tag für Gott gerademachen, durchleben wir dasselbe, was Jesus auch durchlebt hat. Wir kapieren, was der Tod für ihn bedeutet hat. Und so erfahren wir auch körperlich, welche Konsequenzen es hat, mit Jesus zu leben. 11 Ja, Leute, so sieht’s aus. Weil wir für Jesus alles geben, sind wir auch ständig Todesgefahren ausgesetzt. Aber genauso wird an uns auch deutlich, dass Jesus den Tod besiegt hat. 12 Wir leben also immer im Bewusstsein, jederzeit sterben zu können. Bei euch haben wir aber für einen Durchbruch zu einem echten neuen Leben gesorgt!“

(http://wiki.volxbibel.com/2.Korinther_4)

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Mahnmal, Dortmund Bittermark, Karel Niestrat, Foto: Christoph Fleischer (Diascan)

Gut, worum geht es dabei, diesen Text zu verlesen und zu bedenken? Zuerst wird es eigentlich nur um den ersten Vers gegangen sein, in dem vom Licht die Rede ist. Diese ganze Epiphaniaszeit durchzieht der Gedanke des Lichts. Im Evangelium von der Verklärung wird die ganze Jesusgestalt aus der Sicht der Jünger erleuchtet. Die Bedeutung Jesu ist eine Erleuchtung. Aber der Text aus dem Brief des Paulus setzt diese Erleuchtung hinein in eine konkrete Gemeinde vor Ort, die wir ja auch hier sind oder haben. Manchmal scheint es, dass aus dem großen Licht, dass Jesus bringt, inzwischen in der Gemeinde eine kleine Taschenlampe geworden ist, deren Batterien schwächer werden. Aber so sagt Paulus zu Recht, müssen wir fragen, ob dieses alles wirklich von uns abhängt. Und deswegen finde ich doch gerade den zweiten Teil so wichtig. Der Schatz, gerade noch das Licht genannt, ist bei uns in irdenen Gefäßen. Das ist schon eine erste Form der Überleitung. Wobei diese irdenen Gefäße gar nicht gegen Jesus selbst sprechen.

Erinnern wir uns noch einmal an die Taufe Jesu im Jordan. Ich beschreibe es im Bild: Bei Johannes dem Täufer stehen die Menschen Schlange und wollen ihre persönliche Schuld bekennen, um erneuert aus der Taufe auf das Reich Gottes zuzugehen. Dann steht da auch Jesus und Johannes sagt zu ihm: Du hier? Warum? Du bringst doch das Reich Gottes. Und Jesus antwortet: Es geht mir um die Gerechtigkeit. Und damit meint er, dass er dieser Erneuerung genauso braucht wie alle anderen. Also hat auch er dieses Licht, das er selbst ist, nur in einer zerbrechlichen Schale, der menschlichen Existenz. Spätestens im Garten Gethsemane kommt dann auch für ihn eine solche Situation, wo er selbst fast verzweifelt und nicht weiß, ob er noch versuchen soll, zu fliehen.

Wovor also fliehen? Paulus ist als Apostel hier von den Problemen der frühen Kirche stark betroffen. Und er ist oft unterwegs und immer darauf angewiesen, dass ihn die Menschen aufnehmen. Und nun kommt eine Aufzählung der Verzweiflung, die zwar immer mit einem ABER verbunden wird, aber dennoch erst einmal auch hier ausgesprochen und schriftlich niedergelegt wird. Weil er sich stellvertretend für alle anderen in diese Rolle des Verzweifelten hineinstellt, darf auch jeder, der das liest und jede Gemeinde zu ihrer eigenen Verzweiflung stehen.

Ich zähle noch einmal kurz auf:

„Alle wollen was von uns, überall gibt es Probleme, aber …

Wir wissen oft nicht mehr, wo es längsgeht, aber…

Menschen jagen uns, aber …

Wir werden fertiggemacht, aber …

Weil wir für Jesus alles geben, sind wir auch ständig Todesgefahren ausgesetzt. Aber …

Wir leben also immer im Bewusstsein, jederzeit sterben zu können. Bei euch haben wir aber …“

Einige möchten vielleicht sagen: Das geht euch gar nichts an, denn ihr gehört nicht zu einer verfolgten Kirche wie noch zur Zeit des Paulus.

Aber andererseits fällt doch sicherlich nicht nur mir auf, dass hierbei auch ganz gewöhnliche Lebenssituationen in den Blick kommen.

Ich finde es völlig legitim, die Erfahrung des Paulus in diesem Alltagszusammenhang zu stellen. Dazu zwei Beispiele, einmal Viktor Frankl und zum zweiten ein paar Erfahrungen eines Schülers.

Viktor Frankl war Österreicher und als Nachfolger von Alfred Adler auf den Lehrstuhl für Psychiatrie in Wien berufen worden. Er war ursprünglich ein Anhänger von Sigmund Freud, hat sich aber später in eine etwas andere Richtung weiterentwickelt. Er war dann nämlich der Meinung, dass sich viele psychischen Probleme behandeln und bewältigen lassen, wenn ein einzelner etwas in seinem Leben hat, woraus er den Sinn des Lebens schöpft. Diese Erkenntnis hatte für ihn ganz persönliche Gründe, denn er war als Jude in das KZ Auschwitz gekommen. Er ist nicht emigriert, weil er seine psychiatrische Praxis nicht aufgeben wollte und weil er dort wohl auch ziemlich lange noch gebraucht wurde. Viktor Frankl hat das Konzentrationslager überlebt. Dazu erzählte er einmal in einem Vortrag, was er in Auschwitz gemacht hat, um zu überleben:

„Ich führe Gespräche mit meiner Frau. Ich höre sie antworten, ich sehe sie lächeln, ich sehe ihren fordernden und ermutigenden Blick, und – leibhaftig oder nicht – ihr Blick leuchtet jetzt mehr als die Sonne, die soeben aufgeht. Da durchzuckt mich ein Gedanke. Das erstemal in meinem Leben erfahre ich die Wahrheit dessen, was so viele Denker als der Weisheit letzten Schluß aus ihrem Leben herausgestellt und was so viele Dichter besungen haben; die Wahrheit, daß Liebe irgendwie das Letzte und das Höchste ist, zu dem sich menschliches Dasein aufzuschwingen vermag. Ich erfasse jetzt den Sinn des Letzten und Äußersten was menschliches Dichten und Denken und Glauben auszusagen hat: die Erlösung durch die Liebe und in der Liebe! Ich erfasse, daß der Mensch, wenn ihm nicht mehr bleibt auf dieser Welt, selig werden kann – und sei es auch nur für Augenblicke -, im Innersten hingegeben an das Bild des geliebten Menschen.“ (Clemens Sedmak, Malgorzata Bogacyk-Vormayr (Hg.): Patristik und Resilienz, Akademie Verlag Berlin 2012, zitiert aus: Viktor Frankl: …trotzdem ja zum Leben sagen. München 2003, S. 65f).

Die Erfahrung, die sowohl Paulus als auch Viktor Frankl gemacht haben, nennt man Resilienz, eine Form von Widerstand gegen die Widrigkeiten des Lebens. Ist die Ableitung der Resilienz aus den Gedanken an die geliebte Person wirklich so viel anders, als wenn man wie Paulus die Person Jesu im Glauben vor sich sieht? Ich denke, dass beides auf unterschiedlichen Ebenen dazu gehört. Vielleicht hat die persönliche Beziehung bei manchen das religiöse Denken ersetzt.

Deshalb ergänze ich einmal aus einer anderen Perspektive, die etwas alltäglicher ist, als die Hölle des KZs Auschwitz.

Ich erzähle mal wieder aus meinem eigenen Leben: Nach einer eher mittelmäßigen Grundschulzeit kam ich auf die Realschule in die zwei Kurzschuljahre 66/67. Der Klassenbeste bekam die Möglichkeit, ins Gymnasium zu wechseln, aber er verzichtete. So kam ich an die Reihe. Schon ein Jahr später, diesmal im Sommer, wieder eine neue Schule. Ich war eigentlich froh, da die Realschule auch in neues Gebäude umzog, dass dann aber viel weiter war, als das Gymnasium. Aber in der neuen Klasse kannte ich niemanden. Auch aus unserer engeren Nachbarschaft war da niemand. Mit meiner angeborenen Schwäche im Sportunterricht war ich auch schnell der Loser.

Zum Streber taugte ich auch nicht, da die Klasse in einigen Fächern doch weiter war als die Realschule und ich nicht hinterherkam. Und es ergaben sich zunächst auch keine Freundschaften, erst ein paar Jahre später. Erschwerend kam hinzu, dass ich wegen eines Unfalls im ersten Jahr noch vier Wochen ausfallen bin.

Dazu kamen dann einige Streiche, die man mit dieser Rolle auch nicht gut aushalten kann. Schlicht, die Schulzeit war unangenehm. Ich ging immer zu Fuß in die Schule, dann war ich zu Klingeln pünktlich da und brauchte dann vor der Schule schon nicht mit den Mitschülern zu plaudern. Stattdessen musste ich aber häufiger Latein Vokabeln aufsagen, was auch manchmal zu einigen Lachern sorgte, da ich kurz nach dem Lehrer in die Klasse trat.

Einige Jahre später habe ich auch eine Stunde im Klassenschrank verbracht, weil ich dort nicht nur eingeschlossen war, sondern weil auch die Mitschüler den Schlüssel versteckt hatten. Andererseits war ich lieber Opfer als Täter, denn ich auch nicht mit den Rowdies einverstanden, die immer versuchten, den Lehrern die Schulstunden zur Hölle machen. Ich war damals in der evangelischen Jungschar, genannt CVJM. Die Stimmung war durchaus fromm, aber die Stunden waren immer vorbereitet mit einem Programm, Waldspiel, Quiz oder ähnliches. Die Andacht gehörte immer dazu und später auch eine Gebetsgemeinschaft, zumindest auf den Freizeiten. Ich war nicht gläubig im traditionellen Sinn, aber irgendwie fand ich darin ein Gegengewicht gegen die Schulzeit. Mir fällt immer der Anfang eines Liedes ein, wenn ich an diese Zeit denke: „Welch` ein Freund ist unser Jesus“. In diesem Jesus fand ich also die Freundschaft, die ich sonst eher vermisst habe. Ich stammte zwar aus einer frommen Familie, selbst war ich aber eher nicht so fromm. Die empfohlene regelmäßige Bibel Lektüre oder die tägliche Andacht aus einem kleinen Heftchen habe ich zugegebenermaßen nicht durchgehalten, nur maximal ein bis zwei Wochen. Mir reichte es, zu der Gruppe zu gehören und ich trug mit Stolz die grüne Kluft, eine Art militärisches Hemd mit zwei Brusttaschen.

Ich will mit dieser kleinen Schilderung einfach nur sagen, dass man in einer schwierigen Zeit ein Gegengewicht braucht, ein Licht der Zuversicht und der Hoffnung. Und genau davon ist ja auch bei Paulus die Rede. Hier bei Paulus ist von einem Licht die Rede, dass in der Leideserfahrungen Kraft und Zuversicht gibt, nicht mehr und auch nicht weniger. Interessant ist, dass sich Paulus gar nicht beklagt, sich aber andererseits auch nicht der Leiden rühmt. Er sagt nur eben, dass er sie aushält. Da ist die Gegenwart Gottes, da ist die Erfahrung des Glaubens und, höre und staune auch die eigene Kraft.

Daher möchte ich uns diesen letzten teil des Predigttextes am Schluss noch einmal lesen.

Paulus schreibt:

Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht.

Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.

Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen.

Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.

Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

Amen.

 

 

 

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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