Luther – Bedeutung und Widerspruch, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

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Zu: Hans-Martin Barth: Die Theologie Martin Luthers, Eine kritische Würdigung, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, ISBN 978-3-579-08045-1, gebunden, 586 Seiten, Preis: 29,95 Euro

Die Theologie Martin Luthers von Hans-Martin Barth
Die Theologie Martin Luthers von Hans-Martin Barth

Nicht umsonst nennt Hans-Martin Barth (geboren 1939) seine Homepage „Luthertheologie.de“. Er hat als Professor für systematische Theologie in Marburg immer wieder Vorlesungen zu Martins Luthers Theologie gehalten und diese nun im vorliegenden Buch gebündelt. Die deutsche Ausgabe ist bereits 2009 erschienen. Das Buch ist dann 2013 in den U.S.A bei Fortress Press herausgekommen und wurde im letzten Jahr ins Koreanische übersetzt. Das Buch Barths zur Theologie Martin Luthers ist ein wertvolles Vorbereitungsmaterial zum Reformationsjubiläum 2017, da Barth nicht nur die Theologie Luthers darstellt, sondern auch in den Kontext der Gegenwart zur Sprache bringt, wobei er die Kritik nicht ausspart.

Die Publikationsliste auf der Homepage von Hans-Martin Barth zeigt neben Büchern zu Luther auch mehrere Titel zur Dogmatik und zum interreligiösen Dialog. Diese systematische Ausrichtung bestimmt auch den Aufbau dieses Buches. Das sehr detaillierte Inhaltsverzeichnis lässt sich wie eine Zusammenfassung des Buches lesen (Leseprobe: http://www.randomhouse.de/leseprobe/Die-Theologie-Martin-Luthers-Eine-kritische-Wuerdigung/leseprobe_9783579080451.pdf).

In Teil A finden wir Methodisches, Zugänge und Zugangsschwierigkeiten. Teil B bietet als Hauptteil die eigentliche Entfaltung theologischer Themen in zwölf Kapiteln zu den Stichworten: Konflikt, Rivalität, Alternative, Durchbruch, Spannung, Identität, Dialektik, Komplementarität, Kampf, Arbeitsteilung, christliche Existenz und Verschränkung. Jedes dieser Kapitel endet mit einer kritischen Würdigung. Im Schlussteil C werden diese Ergebnisse aufgegriffen und in das Bleibende, das zu Verabschiedende und das zu Entfaltende differenziert. Der Anhang bietet umfangreiche Verzeichnisse und die Auswahlbibliographie zur Weiterarbeit.

Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass die kritischen Punkte nicht lavierend versteckt oder ignoriert werden, sondern offen und klar besprochen werden. Die Wirkungsgeschichte der Antisemitismustexte Luthers bis hinein in die Gegenwart, Luthers Gewaltaufforderung zugunsten der Fürsten im Bauernkrieg, obwohl sich viele Bauern als Vollstrecker Luthers empfanden und sogar eine Aufforderung zur Hexenverurteilung in Wittenberg sind nicht einfach unter den Tisch zu kehren. Es geht dabei nicht nur einfach um historische Abständigkeit. Hans-Martin Barths Ehrlichkeit ist die Voraussetzung dafür, später auch Luthers Theologie würdigen zu können: „Luther ist kein Heiliger, aber er ist auch kein weitsichtiger Denker, wie Thomas von Aquin oder Descartes, der Modelle der Weltdeutung und der Daseinsbewältigung anzubieten hätte, über die sich diskutieren lässt.“ (S. 25). Auch die hermeneutische Übertragung in die Gegenwart ist trotz aller Bedeutung Luthers für die Kirche nicht einfach, da sich manche Themenstellungen doch stark verschoben haben: „Die starke Fixierung auf Sünde und Vergebung, die radikale Christozentrik, die zu Luthers Zeiten eine legitime und notwendige Funktion hatte, stellt eine Reduktion dar, die heute wieder in das Gesamt des trinitarischen Glaubens integriert werden muss.“ (S. 28).

Das erste Kapitel soll hier exemplarisch gezeigt werden: „Konflikt zwischen Theologie und Philosophie“ (S. 105 – 136).

Mit einem Streit gegen die Scholastik verbindet der junge Luther die Kritik an der klassischen Philosophie namentlich des Aristoteles. 1517, noch vor den 95 Thesen gegen den Ablass, verdammt Luther Aristoteles´ Streben nach Glück als Egoismus. Nach These 45 der Thesen gegen die scholastische Theologie kann man nur ohne Aristoteles Theologe werden.

Trotzdem darf man auch nicht behaupten, Luther hätte die Vernunft pauschal verworfen. Nur muss sie Christus untergeordnet werden. Hans-Martin Barth schreibt: „ Mit Christus kommt etwas in die Welt, das sich die Vernunft nicht selbst erschließen kann…“ (S. 111). Obwohl die Vernunft den Menschen falsch definiert und so verfehlt, ist sie doch auch Gottes Geschenk, wie es Luther im Kleinen Katechismus ausspricht. Gerade für die Auslegungen des Wortsinns nach Luthers Bibelkritik ist die Vernunft unverzichtbar. Allerdings wird nach Luther die Theologie vom Heiligen Geist regiert und nicht durch die Philosophie: „Der Mensch soll wahrnehmen, wie es vor Gott um ihn steht.“ (S. 118).

Luther erschließt sich die Methodik der Theologie als „Oratio, Meditatio, Tentatio“ (übersetzt: Gebet, Besinnung, Übung, d. Rez., Überschrift, S. 119). Luther greift auf die kreative Gestaltung der Sprache zurück, auf bildhafte, indirekte Rede, auf Metaphern (vgl. S. 123). Theologie soll Verkündigung, Lehre und Bekenntnis unterstützen, so referiert Hans-Martin Barth.

In der kritischen Würdigung wird deutlich, dass Luther selbst keinesfalls auf die Vernunft verzichtet hat, ihr sogar in der Wormser Rede (1521) eine zentrale Stellung einräumt. Nach Barth ist Luthers Kritik an Thomas von Aquin unberechtigt. Auch der Umgang mit der Schrift, so wie sie Luther vornimmt, ist philosophisch reflektiert. Luthers Lehre führt in einen Widerspruch: „Die Vernunft des natürlichen Menschen wird als befangen und irreführend abgewiesen und in den gegebenen Grenzen doch für die Schriftauslegung in Anspruch genommen.“ (S. 129). Der Glaube motiviert die Vernunft zur Schöpfungsverantwortung und dem sozialen Engagement. Der theologische Kern Luthers wirkt hingegen als Individualisierung. In der geforderten Meditation nach Luther ist der Weltbezug enthalten. Hans-Martin Barth geht ins einem Fazit über Luther hinaus, um einen reinen Positivismus zu verhindern: „Die neue, kategorial von der Alltagssprache unterschiedene Sprache des Glaubens muss zu rationaler Argumentation mindestens in Beziehung gesetzt werden.“ (S. 136).

Interessant ist, dass sich im ersten Teil A unter „Zugänge“ noch das Stichwort „Luther als Philosoph“ findet (S. 48), in dem Hans-Martin Barth noch eine andere Fragestellung anspricht. Wenn man mit Luther und in Kritik an Luther über ihn hinaus geht, findet man Parallelen zur Philosophie des 20. Jahrhunderts. Luther könne als „Existenzialist“ gelten. So schreibt Hans-Martin Barth: „Luther nimmt das Todesgeschick des einzelnen Menschen ernst. In seiner ersten Invokavitpredigt spricht er es so aus: ‚Wir sind allesamt zum Tode gefordert und keiner wird für den andern sterben, sondern es wird jeder in eigener Person für sich mit dem Tod kämpfen. …’ Martin Heideggers Wendung vom ‚Sein zum Tode’ ist vermutlich durch diese Passage inspiriert.“ (S. 48). Die Begründung zu dieser Vermutung lässt der Autor allerdings offen. Es geht wohl einfach um die inhaltliche Parallele, wenn er nicht darauf anspielt, dass Heidegger seinerzeit in Marburg theologische Vorlesungen bei Rudolf Bultmann gehört hat.

Hans-Martin Barth findet gerade in seinen kritischen Würdigungen Ansatzpunkte, die Martin Luther heute neu zur Sprache bringen, ohne seine Texte unkritisch und zeitlos zu lesen.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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