Eine behutsame tiefenpsychologische Sicht, Rezension von Joachim Wehrenbrecht, Herzogenrath 2016

Zu: Charles Marsh, Dietrich Bonhoeffer. Der verklärte Fremde. Eine Biographie, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2015, Seiten 592, ISBN: 978-3-579-07148-0, Erschienen: 23.03.2015, Preis: 29,90 Euro

 

Dietrich Bonhoeffer von Charles Marsh
Dietrich Bonhoeffer von Charles Marsh

Der deutsche Untertitel (‚Der verklärte Fremde‘) der neuen Bonhoefferbiographie des amerikanischen Bonhoefferkenner Charles Marsh hält, was er verspricht. 70 Jahre nach Boenhoeffers Ermordung in Flössenburg durch das Naziregime und einer breiten Rezeption des Theologen in Theologie und Gemeinde ist die Zeit reif für einen neuen Blick auf Bonhoeffers Leben und Wirken. In 14 Kapiteln gelingt es Marsh so in Bonhoeffers Kosmos einzutauchen, dass ich als Leser das Gefühl habe mit Bonhoeffer durch sein Leben zu reisen. Und Bonhoeffer ist viel gereist! Gerade dort, wo ich jemanden nah komme, merke ich, wie fremd mir der andere ist. Fremd ist seine großbürgerliche Herkunft, sein Lebensstil und seine enge Bindung an das Elternhaus (für meine Generation). Seine Eltern unterstützten ihn immer wieder mit Geld und Zuwendungen, damit er sein teures Leben finanzieren kann. Ein Vikarsgehalt reicht ihm beileibe nicht aus. Fremd war mir auch wie unkirchlich Bonhoeffer aufgewachsen ist, letztlich ist ihm das normale kirchliche Leben auch fremd geblieben. Er hat zwar mit seiner Theologie, dass Kirche für andere da sein soll wie kein anderer die Kirchenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geprägt, jedoch hat er nie für längere Zeit in der Gemeinde gewirkt und gelebt. Die Zeit im Londoner Pfarramt ist unterbrochen von Krankheit und Reisen. Das ist vielen seiner Äußerungen anzumerken. Mögen seine Analysen genial sein, oft bleibt er mir in seiner Distanziertheit fremd. Seine Impulse in der Ökumene, was die Friedensfrage angeht, und in der Predigerseminarausbildung in Finkenwalde (Nachfolge) sind geradezu prophetisch zu nennen und sind doch zu seiner Zeit recht bald versickert. Fremd ist mir sein dandyhaftes Auftreten und dass Frauen in seinem Leben (außer seiner Mutter) keine wirklichen Rollen spielen. Die Beziehung zu der viel jüngeren Maria von Wedemeyer in den letzten Monaten seines Lebens bleibt platonisch.

Fremd bleibt er mir in seiner intensiven Freundschaft zu Bethge, sie hat etwas klammerhaftes. Marsh beschreibt sie als eine tiefe, geistige Verbindung, die mich beeindruckt hat. Es tat gut, meine Fremdheit beim Lesen zu spüren. Ich dachte, er wäre mir vertrauter. Viele Bonhoefferzitate dieses evangelischen ‚Heiligen‘ sind bis heute weit verbreitet. Sie bringen immer noch die Kraft und die Schönheit des Glaubens zum Ausdruck. Wer ist dieser Mensch aber, der diese verfasst hat; wer ist dieser meistzitierter Theologe des 20.Jahrhunderts im evangelischen Raum? Es vergeht kaum eine Trauerfeier, wo nicht Worte von ihm zitiert oder gesungen werden. Wer den Menschen Bonhoeffer und die Entwicklung seiner philosophisch-theologischen Gedankenwelt näher kennen lernen will, der greife zur Marsh Biographie. Das neue an Marsh Bonhoefferbiographie sehe ich in der behutsamen tiefenpsychologischen Sicht, die er angefangen von der Kindheit bis zur Verlobung mit Maria von Wedemeyer und seiner Gefängniszeit durchhält. Da sowohl sein berühmter Vater als Berliner Neurologe als auch Bonhoeffer ihr Leben lang der psychoanalytischen Wiener Schule ablehnend gegenüberstanden, erhellt Marsh (unbewusst?) diesen blinden Fleck außergewöhnlich geschickt. Damit wird das Reich der Deutungen betreten. Der Lesende sollte sich nicht in die Irre leiten lassen, Marsh Sichtweise ist eine von vielen, aber er wagt einen neuen Gesamtentwurf und das ist die Leistung dieser Biographie. Nicht zuletzt deshalb liest sich seine Biografie wie ein Entwicklungsroman. Keine Bange, auch Theologen kommen auf ihre Kosten. Eine Biografie, die zum Fremdeln, Schmunzeln und Nachdenken einlädt und das Erbe Bonhoeffers spannend für die Nachwelt lebendig hält.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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