Sehnsüchtiges Warten, Rezension von Joachim Wehrenbrecht, Herzogenrath 2016

Zu: Herausgegeben von Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz: Brautbriefe Zelle 92,  Dietrich Bonhoeffer, Maria von Wedemeyer. 1943-1945, Mit einem Nachwort von Eberhard Bethge, Verlag C.H.Beck, München 7. Auflage 2016,  308 Seite mit 30 Abbildungen,  Broschiert, ISBN 978-3-406-68518-7, Preis: 14,95

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Die Brautbriefe sind in einer schönen festen Sonderausgabe bei Beck (2006) erschienen. Sie enthalten neben dem Briefwechsel eine kurze informative Lebensbeschreibung Maria von Wedemeyers nach 1945 bis zu ihrem Tode 1977 und weitere Informationen zu ihrer Herkunftsfamilie. Die Herausgeberin der Brautbriefe, Marias leibliche Schwester, Ruth Alice von Bismarck, wird kurz vor Marias Tod der Briefwechsel anvertraut. Jeder Brief ist mit kurzen Anmerkungen versehen, um ihn zeitgeschichtlich besser einordnen zu können.
Ruth Alice von Bismarck schreibt, dass sie als sie die sterbenskranke Maria in Amerika, wo sie lebte, besuchte, der Briefwechsel, frisch gelesen, offen auf ihrem Nachttisch lag.
Immer noch sind Maria die Worte Bonhoeffers und diese Liebe voller Sehnsucht, die einen Anfang nahm und jäh endete, wichtig: ein großer Schatz ihrer Seele. In den Briefen Marias kommt den Leserinnen und Lesern eine junge liebeshungrige Frau entgegen, die sich so sehr nach ihrem großen „Du“, wie sie Dietrich nennt, sehnt. Nach einer Sprecherlaubnis im Gefängnis, einiger der wenigen Gelegenheiten, wo das Paar für ein paar Minuten real nebeneinander sitzt, sich die Hände hält und manchmal gar nicht weiß, was es sich sagen soll, schreibt sie: „Du sollst daran denken, dass ich ja bei dir bin, dass mein Herz mit dir geht… . Alles andere bleibt wie ein Traum und selbst in diesem Traum gibt es nichts was ich sehen oder hören könnte, ohne an dich zu denken. Du hast mir meine Gedanken genommen und ich mag sie nicht mehr besitzen, sie gehören alle Dir.“(S.94)
Immer wieder variiert Maria ihre Sehnsucht und sie malt sich in farbfrohen Träumen ihre Hochzeit und ihr Leben mit Bonhoeffer aus. In ihren Briefen erzählt sie viel von ihrer Familie. Eine besondere Stellung nimmt der Vater ein, der wie ihr geliebter Bruder Max im Krieg gefallen ist. Marias Briefe empfinde ich als rein und klar, selbst dort, wo sie ihr Gefühlschaos beschreibt.
Bonhoeffer bleibt selbst in seiner Liebe nüchtern und nur selten kommt er aus sich heraus, er weiß und ahnt aber, wie wichtig diese Liebe und die sich damit verbindende Zukunft für ihn ist. Manchmal wirken seine Briefe väterlich und er tut sich schwer, wirklich von sich zu schreiben. Eine Schwierigkeit ist, dass sich das Paar kaum kennt. Nie haben sie allein miteinander Zeit verbracht. Den ersten Kuss geben sie sich vor Roeder, der Bonhoeffer den Prozess macht. Die Briefe sind voller Sehnsucht und manchmal doch eigentümlich leer. Das ändert sich merklich als Maria Dietrich um eine Auszeit bittet, weil sie die große Spannung des Getrenntseins nicht mehr ertragen kann. Wie kann sich eine Beziehung entwickeln, wenn das Paar keine Gelegenheit hat, ihre Liebe zu leben. Jetzt öffnet Bonhoeffer sich und wirbt um Maria: „Sieh mal, nichts von dem, was du schreibst hat mich nicht überrascht oder erschreckt. … Wie sollte ich denn auch meinen, daß Du mich, nachdem wir uns kaum gesehen haben, überhaupt lieben kannst und wie musste ich nicht über den kleinsten Funken glücklich und froh sein?“(S.196)“Also so wie wir sind, so gehören wir doch zusammen und bleiben zusammen und ich lasse dich nicht von mir, ich halte Dich ganz fest, dass du weißt, dass wir doch zusammengehören und bleiben müssen.“(197)
Die Liebessehnsucht ist ein Fixpunkt für beide, die harten Zeiten zu bestehen. Besonders tiefgehend sind Bonhoeffers Briefe und Gedanken zu Weihnachten 1943 und 1944. In seinem letzten Brief an Maria, der auch den Eltern gilt, schickt er ihr das Gedicht: „Von guten Mächten treu und still umgeben“ mit. In der Stille und der Einsamkeit erfährt Bonhoeffer, dass er von der Liebe seiner Lieben und den Engeln umgeben ist: „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen.“(208)

Die Brautbriefe sind sehr empfehlenswert. Wer sie liest, braucht etwas Geduld, aber das Warten wird belohnt.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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