Predigt über Apostelgeschichte 1, 15 – 26, Christoph Fleischer, Welver 2016

Die Predigt wird zum Matthiastag am Sonntag Okuli 2016 in Günne und Meiningsen gehalten. Die Gemeinde trifft sich nach dem Gottesdienst traditionell zum Grünkohlessen.

Liebe Gemeinde,

Der Name Matthias stammt aus der Makkabäerzeit etwa im 2. Jahrhundert vor Christi Geburt. Es ist die griechische Form von Mattatias, was bedeutet: „Geschenk Gottes“. (vgl. 1. Makkabäer 2,1)

Die Makkabäer, ein judäisches Priestergeschlecht, bekämpften die neuen hellenistisch, griechischen Einflüsse in der Jerusalemer Religion und waren andererseits zugleich auf Machtübernahme aus, um Israel erneut einen selbständigen Status zu geben. 150 Jahre später lebte als letzter makkabäischer König ebenfalls ein Mattatias, bis unter dem Einfluss der Römer Herodes an die Macht kam, ein idumäischer Jude, der Israel mit der Sicherheit der römischen Herrschaft regierte. Daraus resultierten zu der Zeit Jesu die Diskussionen um die Kopfsteuer, die Steuerlasten und andere Themen.

Der biblische Matthias, von dem heute die Rede ist, galt als Jünger Jesu, gehörte aber noch nicht zu dem Zwölferkreis. Als Geburtsort gilt Bethlehem. Er steht den Schriftgelehrten nahe. In der Apostelgruppe konkurriert er mit Paulus, der erst später als Heidenapostel dazu kam. Zur Zeit um Pfingsten galt Paulus noch als Verfolger der Christengruppe.

Version 3Matthias war im weitesten Sinn Jünger Jesu, Paulus nicht. In der Abbildung der Heiligen, wie auch hier in der St. Matthiaskirche in Soest hält er eine Bibel und ein Richtbeil (siehe Bild). Matthias gilt als Evangelist, aber ein Evangelienbuch von ihm gibt es nicht. Das Evangelium ist die Botschaft von Jesus, dem Christus. Er soll um 63 nach Christus den Märtyrertod gestorben sind, erst gesteinigt, dann mit dem Richtbeil enthauptet.

Es gibt eine Stelle im Neuen Testament, in der Matthias erwähnt wird:

Lesung Apostelgeschichte 1, 15-26:
15
Und in den Tagen trat Petrus auf unter den Brüdern – es war aber eine Menge beisammen von etwa Hundertzwanzig – und sprach:

16Ihr Männer und Brüder, es musste das Wort der Schrift erfüllt werden, das der Heilige Geist durch den Mund Davids vorausgesagt hat über Judas, der denen den Weg zeigte, die Jesus gefangen nahmen; 17denn er gehörte zu uns und hatte dieses Amt mit uns empfangen. 18Der hat einen Acker erworben mit dem Lohn für seine Ungerechtigkeit. Aber er ist vornüber gestürzt und mitten entzweigeborsten, sodass alle seine Eingeweide hervorquollen. 19Und es ist allen bekannt geworden, die in Jerusalem wohnen, sodass dieser Acker in ihrer Sprache genannt wird: Hakeldamach, das heißt Blutacker. 20Denn es steht geschrieben im Psalmbuch (Psalm 69,26; 109,8): »Seine Behausung soll verwüstet werden, und niemand wohne darin«, und: »Sein Amt empfange ein andrer.« 21So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist 22– von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde –, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.

23Und sie stellten zwei auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias, 24und beteten und sprachen: Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden, 25damit er diesen Dienst und das Apostelamt empfange, das Judas verlassen hat, um an den Ort zu gehen, wohin er gehört. 26Und sie warfen das Los über sie und das Los fiel auf Matthias; und er wurde zugeordnet zu den elf Aposteln.

Liebe Gemeinde,

Die Zeitbestimmung scheint klar zu sein: In der Zeit nach der Himmelfahrt Jesu und vor Pfingsten versammelten sich etwa 120 Personen der christlichen Gemeinde in Jerusalem. Wenn man bedenkt, dass bei der Kreuzigung alle Jünger geflohen waren, ist das schon erstaunlich. Der wenig später einsetzende Pfingstbericht ist so plausibel.

Petrus ergreift das Wort. Er ist der Initiator. Petrus erzählt vom Todesgeschick des Judas. Judas hatte diejenigen angeführt, die Jesus gefangengenommen hatten, obwohl er wirklich ein Apostel war, wie es heißt. Er kaufte sich ein Landgut und stürzte sich dort vom Dach. Hier wird eine andere Todesart des Judas berichtet als bei Matthäus. Etwas skurril wird von der Verstreuung seiner Eingeweide gesprochen, möglicherweise eine Übertreibung. Das Blut hätte gereicht. Der Acker heißt Blutacker. Dieser Name ist nach Lukas allen Einwohnern Jerusalems bekannt. Einige bezeichneten den Acker auch als Friedhof, da er später als Friedhof der Pilger benutzt wurde.

Wichtig ist nun, dass aus den Psalmen unter anderem das Wort angeführt wird: „Sein Amt soll ein anderer erhalten.“ (Apostelgeschichte 1, 20 nach Psalm 109, Vers 8). Gesucht wurde also nun ein Nachfolger des Judas, der wohl erst durch seinen Tod und nicht durch den Verrat aus der Apostelriege ausscheidet. Dazu spricht Petrus nun eine Bedingung aus: „So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde –, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“ (V. 21/22) Aus diesen Sätzen sind mehrere Schlüsse zu ziehen. Es geht ja nicht nur darum, auf Augenzeugen zurückzugreifen, sondern auch darum, dass nach Tod und Auferstehung Jesu die Jünger nun als Stellvertreter Jesu die Gemeinde vertreten. Sie sind es, die allein und authentisch das Wirken Jesu über seinen Tod hinaus fortsetzen können, worin dann Jesus im Geist gegenwärtig ist.

Die zweite Konsequenz ist die, dass schon vor der eigentlichen Berufung des Zwölferkreises die Jünger bei ihm waren, was sich ja nach den Evangelien etwas anders anhört. Ich persönlich finde diesen Bericht aber plausibler, dass Jesus erst in Galiläa seine Jünger gesammelt hat und dann mit denen, die schon dabei waren, zu Johannes dem Täufer gegangen ist. Er hatte dann, wie auch Johannes selbst schon eine Jüngergruppe vorzuweisen. Kein Wunder, dass Jesus später auch als der Nachfolger des Täufers angesehen wurde. Matthias wie der andere Kandidat waren also schon von Anfang an bei der Jesusgruppe dabei, ohne zum Zwölferkreis zu gehören. Vielleicht waren sie aber ein Teil der siebzig ausgesandten Jünger.

Matthias und Josef Barsabbas, genannt Justus, stehen jetzt zur Wahl. Die Wahl im Sinn einer Auswahl liegt also vor. Ein Problem in meinen Augen ist, dass die Wahl selbst durch das Los erfolgt. Wenn damit das Wirken Gottes gemeint ist, dann wäre Gott auch den reinen Zufall reduziert. Immerhin ist der Apostelkreis nun wieder komplett. Matthias wird wie schon Judas Iskariot einer judenchristlichen Richtung angehört haben. Die Legende besagt, dass er später über Antiochien nach Kappadozien gekommen ist.

Ich muss zugeben, dass mein Bild vom Jüngerkreis und von den Aposteln stark von den Evangelien geprägt ist und dass ich diese Feinheiten in dieser Apostel-Nachberufung kaum zu Kenntnis genommen habe. Aber ich hatte immer schon die Ahnung, dass die Taufe Jesu mehr Sinn macht, wenn sie in der Anwesenheit der Jünger geschieht, um damit auch die Berufung Jesu zu bekräftigen. Wir sollten hierin keinen Widerspruch sehen, bloß, weil die Reihenfolge der Texte voneinander abweicht. Die Evangelien weichen oft genug von einer reinen Erzähllinie ab, so dass ein Weg Jesu kaum nachvollzogen werden kann, vielleicht mit Ausnahme der Passionsgeschichte.

Wir sehen in diesen zwei Versen klar und deutlich, worin die Bedeutung der Jünger Jesu besteht: Sie sind bei der Taufe Jesu dabei, sie sind von Jesus selbst in die Nachfolge berufen, sie sind mit einigen Diensten beauftragt und haben Tod und Auferstehung Jesu miterlebt oder können diese bezeugen. Die Auferstehung verstehe ich dabei als eine Erscheinung des Gekreuzigten im Jüngerkreis. Worin diese Erscheinung genau besteht, bleibt offen.

In der Auslegung der Apostelgeschichte wird betont, dass der Text das Pfingstereignis vorbereitet. Die Apostel, die dort ebenfalls auftreten, sind „die Zeugen des Erdenlebens Jesu, und damit Garanten der evangelischen Tradition.“ (Ernst Haenchen: Die Apostelgeschichte, Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1956, S. 132).

Hier soll nun schon der Weg der Kirche angedeutet sein, die in den Aposteln die Garanten der Verkündigung hat. Das gilt trotz des Losentscheides auch für Matthias: Er steht trotz seiner Nachberufung schon von Anfang an in der Beziehung zu Jesus Christus. Wenn hier Kirche in ihren Anfängen entsteht, dann ist sie eine Fortsetzung der Beziehung zu Jesus, ist Nachfolge und Jüngerschaft, und zwar bis auf den heutigen Tag. Das ist dann quasi auch die Verkündigung der Evangelien. Diese müsste dann auch so auf heute übertragen werden.

Ich sehe hier fünf Punkte:

  1. Die Taufe ist nicht nur eine Segenshandlung, sondern der Ruf in die Nachfolge Jesu. Die Worte Jesu gilt es praktisch zu bewähren, wie z. B. „Ihr seid das Salz der Erde.“ Oder „Liebet eure Feinde.“
  2. Die Aussendung der Jünger durch Jesus wird nach seinem Tod fortgesetzt. Den Armen wird die Botschaft Jesu gepredigt, dass sie zum Gottesreich gehören. Die Kranken werden durch Worte und Zeichen geheilt. Das Wirken Jesu ist ein sich fortsetzendes Heilswirken.
  3. Matthias hat wie die anderen Jünger den Tod und die Auferstehung Jesu erlebt. Christsein heißt also, den Gekreuzigten als den zu bekennen, der lebt und der sein Reich und das Reich Gottes auf der Erde errichtet, so wie es in den Bitten des Vater-Unser-Gebets immer wieder ausgesprochen wird.
  4. Der Stein ist ins Rollen gekommen. Immer werden in der Kirche Menschen in die Leitung nachberufen und gewählt. Matthias ist der erste Nachberufene.
  5. Einigen Aposteln steht wie schon Jesus das Schicksal des Martyriums bevor. Matthias wurde wie andere auch um seines Glaubens willen getötet. Daher wird er bildlich mit dem Richtbeil dargestellt. Das Martyrium zeigt letztlich keine elitäre Leidens- und Opferbereitschaft, sondern es zeigt, dass die Nachfolge in letzter Konsequenz zu geschehen hat, oder dass es dazu kommen kann. Die feste Überzeugung, dass Gott alle Menschen liebt, ohne Unterschied, kann in der Tat auch heute noch angefeindet werden. Da sagen einige Leute „Wir sind das Volk“ – und wollen damit andere aus ihrem Volksbegriff ausschließen. So verstehe ich Jesus nicht. ER hat alle in seine Gemeinschaft eingeladen, ohne Unterschied, aber besonders die, die mühselig und beladen waren.

 

Im evangelischen Sinn geht es nicht um die besondere Heiligkeit eines Kirchenpatrons oder gar um Reliquien, sondern es geht um eine Beispielgestalt, an dessen Leben die Elemente der Glaubenswahrheit praktisch verdeutlicht werden können. Die Namensgebung der Kirche wird am Ort Meiningsen wachgehalten, um so wie auch bei der Auferstehungskapelle Günne ein Beispiel praktischer Verkündigung zu geben.

Amen.

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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