Predigt 2. Korinther 1, 3–7, Christoph Fleischer, Welver 2016

Die Predigt wird gehalten am Sonntag Lätare zur Einführung des neuen Presbyteriums nach der Presbyteriumswahl

3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist ein Vater, dessen Erbarmen unerschöpflich ist, und ein Gott, der uns nie verzweifeln lässt.

4 Auch wenn ich viel durchstehen muss, gibt er mir immer wieder Mut. Darum kann ich auch anderen Mut machen, die Ähnliches durchstehen müssen. Ich kann sie trösten und ermutigen, so wie Gott mich selbst getröstet und ermutigt hat. 5 Ich leide mit Christus und in seinem Dienst in reichem Maß. Aber ebenso reich sind der Trost und die Ermutigung, die mir durch ihn geschenkt werden.

6 Wenn ich leide, so geschieht es, damit ihr Mut bekommt und zur Rettung gelangt. Und wenn ich getröstet werde, so geschieht es, damit ihr den Mut bekommt, die gleichen Leiden wie ich geduldig zu ertragen. 7Ich bin voller Zuversicht, wenn ich an euch denke; denn ich weiß: Wie ihr meine Leiden teilt, so habt ihr auch teil an dem Trost und der Ermutigung, die mir geschenkt werden.

Liebe Gemeinde,

P1010957 Kopieheute beginnt die nächste Wahlperiode des Presbyteriums. Hier in Meiningsen sind es keine neuen Gesichter, sondern einfach diejenigen, die es bis jetzt auch bereits gemacht haben. Aber auch durch das altersbedingte Ausscheiden von N.N. als Kirchmeister, der aber freiwillig weiter mitarbeitet und den langen krankheitsbedingten Ausfall von Pfarrer N.N. ist bewusstgeworden, dass nie nur einzelne den Karren ziehen können, sondern dass die Gemeinde insgesamt dafür verantwortlich ist, dass die Gottesdienste laufen, dass Gemeindeglieder besucht werden und dass die weiteren Aufgaben der Gemeinde erledigt werden. Manchmal macht die Not erfinderisch. So hat sich in Günne zu Heiligabend eine Gruppe ehemaliger Konfirmanden gefunden, um ein Krippenspiel zu übernehmen, das den Mitwirkenden und der Gemeinde viel Spaß gemacht hat. Auch beim Krippenspiel in Meiningsen haben die Katechumenen mit zusätzlicher Unterstützung alles gegeben und es gut gemacht.

Kann man die Frage „Wie funktioniert Gemeinde?“ auf eine kurze Formel bringen? Viele möchten sagen: Nein, das ist zu kompliziert. Aber man kann es auch kompliziert machen. Das hat Paulus mit der Gemeinde in Korinth erlebt. Es gab dort nicht weniger als vier verschiedene Gruppen, die sich an verschiedenen Aposteln oder deren Anhängern orientierten. Das ist natürlich ganz schlecht.

Paulus sagt: Die Gemeinde ist ein Leib, eine Einheit, und zwar lebt sie in und mit Christus. Die Gemeinde ist der eine Leib Christi. Doch das verschiebt die Antwort auf eine theologische Ebene. Gibt es nicht eine einfachere Antwort. Ja, und das hat Paulus in eben dem heutigen Predigttext ausgedrückt: die Antwort steht im ersten Satz in einem Nebensatz und lautet: „… damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“ (V. 3)

Es mag ja durchaus sein, dass sich Paulus mit dem WIR zunächst sogar selbst meint, aber andererseits zeigt er doch so den Korinthern, wie er sich das Verhältnis zwischen Glauben und Gemeinde vorstellt. Das Ganze beginnt mit der Gottesfrage. Wir fragen heute zu oft: Wer ist Gott? Oder gibt es Gott? Paulus macht es anders: Er beantwortet eine andere Frage, die lautet: Wie lebt Gott? Damit ist die Erfahrungsebene beschritten. Wir suchen Gott nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Die Meinung des Paulus ist deutlich: Gott lebt in der Erfahrung des Trostes.

Was damit gemeint ist? Ein Beispiel: Ich erhalte eine Email von einem afrikanischen Studenten, für den ich eine Zuwendung für die Prüfungszeit beantragt habe, damit er in der Prüfungszeit nicht arbeiten muss, sondern sich auf die Vorbereitung konzentrieren kann. „You’re really God-sent and I’m very grateful.“ Das heißt auf Deutsch: „Du bist wirklich von Gott gesandt und ich bin sehr dankbar.“

Damit spricht er mich in meiner Funktion als Vertreter der Kirche an, die für die Vermittlung des Stipendiums zuständig ist. Insofern bin ich, im Auftrag der Kirche, von Gott gesandt. Die Kirche hat diese Möglichkeiten, Kollekten einzusammeln und dann das Geld bedürftigen Menschen zugute kommen zu lassen. Es ist natürlich wunderbar, wenn es darunter auch welche gibt, die darin mehr sehen als eine Finanzspritze, sondern auch das Wirken der Güte Gottes.

Die Güte Gottes geschieht so tatsächlich in unserer Kirche ganz praktisch. Wer das spürt ist natürlich dankbar. Und aus dieser Dankbarkeit wächst neuer Glaube und dann sind Menschen eben auch bereit, ihrerseits auch Boten der Güte Gottes zu werden. Dabei ist die Arbeit der Institution nur die eine Seite. In einer Gemeinde vor Ort, stehen eher die vielen nachbarschaftlichen Formen von gegenseitiger Unterstützung im Vordergrund. Im Presbyterium geht es manchmal ums Geld und manchmal muss die Gemeinde sparen. Aber wir sollten auch herausstellen, dass wir mit dem Geld Gutes tun. Dass es in den Kreislauf der Güte Gottes mündet. Es geht ja im 2. Korintherbrief eigentlich um nichts anderes, nur möchte Paulus am Anfang nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Er hat den Auftrag übernommen, eine Kollekte einzusammeln, die den Armen in Jerusalem zugutekommt. Und diese Kollekte gehörte zu seiner Abmachung mit den Jerusalemer Aposteln. So sind die griechischen Christinnen und Christen von Anfang an eingebunden in einen Kreislauf der Güte Gottes zwischen den unterschiedlichen Gemeinden.

Presbyterinnen und Presbyter stehen genau an dieser Schaltstelle. Sie sind mit den Pfarrerinnen und Pfarrern verantwortlich für die Planung und Verwaltung des Gemeindelebens, vertreten aber zugleich die Gemeinde vor Ort, in den Nachbarschaften und Altersgruppen.

Der zweite Teil des Predigttextes passt genau dazu, denn es gibt Situationen, wo man einfach nichts füreinander tun kann. Auch Pfarrer können krank werden. Auch Presbyter können zurücktreten oder die Altersgrenze erreichen. Manchmal ist die private Belastung so hoch, dass man nicht so viel Zeit in der Gemeinde verbringen kann. So etwas können die Mitarbeiter solidarisch miteinander tragen. Trübsal, Trost und Leiden können so auch wirksam werden, ohne in den Kreislauf der Güte einzutreten. Dann stehen Christinnen und Christen eben gemeinsam am Tisch des Herrn und wissen, dass sie nicht nur die Not zu tragen haben, sondern geduldig Leiden ertragen und sich trösten lassen. Es ist manchmal schwieriger sich trösten zu lassen, als selbst zu trösten. Es ist manchmal schwieriger zu sagen: Ich bin unter Druck oder ich leide, als sich in die Arbeit zu stürzen. Paulus sagt damit klar: „Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“ Das heißt doch klar: Eine Kollekte muss keine Einbahnstraße sein. Es kommt doch meist etwas zurück.

Eine Frage möchte ich zum Schluss doch noch einmal grundsätzlich stellen: Was ist der Trost Gottes für uns alle? Der Trost ist der Trost Gottes, den er uns durch Jesus Christus gibt. Dieser Trost wird uns in der Predigt, aber auch anderen Arten der Verkündigung zugesprochen: Das Leiden Jesu, ja sogar das Sterben am Kreuz ist für uns durch die Auferstehung zum Zeichen der Hoffnung und des Trostes geworden. Es ist zunächst schwierig, sich die Auferstehung nicht als Wunder oder als übernatürliches Ereignis vorzustellen. Doch wenn wir die Bibeltexte dazu einmal genau anschauen, dann ist die lebendige Gegenwart eines Verstorbenen gemeint, wie es ja auch in der Nachberufung des Jüngers Matthias angesprochen wurde. Er hat Jesus zu Lebzeiten gekannt. Er kann seinen Tod bezeugen. Daher ist er nun auch zum Zeugen der Auferstehung berufen.

Das Kreuz ist das Zeichen dieser Verkündigung. Dort, wo für uns menschlich gesehen das Ende ist, gibt es für Gott das neue Leben und einen Weg in die Zukunft. Der heutige Sonntag erinnert uns daran, dass auch wir uns auf Leiden und Trübsal einstellen sollten.

Nicht jedes Leiden lässt sich plausibel erklären. Aber darum muss es ja gar nicht gehen. Ich denke aber, dass jedes Leiden mit der Frage betrachtet werden kann: Was habe ich persönlich daraus gelernt?

Manche Menschen habe gerade in der Not erfahren, dass sie den Auftrag gar nicht allein schultern müssen, sondern dass noch andere da sind, die manchmal sogar bereitstehen, um mithelfen zu können. Und so kommen wir durch den Gedanken an das Leiden wieder zum Kreislauf der Güte. Und damit ist die Frage danach beantwortet wie Gott lebt. Gott lebt durch Christus. Gott gibt Hoffnung und Geduld, schafft uns Hilfe durch die Bereitschaft anderer Menschen, Verantwortung zu übernehmen. Bei der Frage nach Verantwortung geht es als nicht nur um Ämter. Verantwortung heißt mit dem eignen Leben dankbar auf Gottes Güte zu antworten. Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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