Trauer, illustrierte Gedichtauswahl für Bestattungsfeiern, herausgegeben von Christoph Fleischer, Welver 2016

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Angeregt durch einige Erfahrungen und Möglichkeiten der alternativen Bestattungsformen im Friedwald, die einfach z. T. durch die örtlichen Gegebenheiten angeregt sind, möchte ich eine Textsammlung für Trauer und Bestattung vorliegen. Die Texte verstehe ich als Meditationen, die vorranging im Eingangsteil der Trauerfeier Verwendung finden, um die Befindlichkeiten der Trauernden aufzunehmen. In dieser Situation ist m. E. in der heutigen Form von Bestattungen eine größere Differenzierung notwendig, als ich es bislang gesehen und praktiziert habe. Diese Texte sind urheberrechtlich gesichert. Zur publizistischen Weiterverwendung bitte die Rechteinhaberinnen kontaktieren. Die einmalige Verwendung in einer Trauerfeier ist gewünscht und möglich, wenn die jeweilige Autorin bzw. der Autor mitgenannt werden. Wenn einige Texte keine Überschrift haben, dann ist das auch im Original so. Die Texte von Rainer Maria Rilke und Dietrich Bonhoeffer sind gemeinfrei.

Bild: Marlies Blauth

Rainer Maria Rilke, 1924 (in: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag Frankfurt/Main und Leipzig 2006, S. 787)

Wie die Natur die Wesen überläßt
dem Wagnis ihrer dumpfen Lust und keins
besonders schützt in Scholle und Geäst:
so sind auch wir dem Urgrund unseres Seins
nicht weiter lieb; er wagt uns. Nur daß wir,
mehr noch als Pflanze oder Tier,
mit diesem Wagnis gehn; es wollen; manchmal auch
wagender sind (und nicht aus Eigennutz)
als selbst das Leben ist –, um einen Hauch
wagender… Dies schafft uns, außerhalb von Schutz,
ein Sichersein, dort wo die Schwerkraft wirkt
der reinen Kräfte; was uns schließlich birgt
ist unser Schutzlossein und daß wir´s so
in´s Offene wandten, da wir`s drohen sahen,
um es, im weitesten Umkreis, irgendwo,
wo das Gesetz uns anrührt, zu bejahen.

Niklas Sonnenuntergang Hörde
Foto: Niklas Fleischer
Rainer Maria Rilke, aus: Das Stundenbuch, Von der Pilgerschaft (in: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag Frankfurt/Main und Leipzig 2006, S. 253)

Alles wird wieder groß sein und gewaltig.
Die Lande einfach und die Wasser faltig;
die Bäume riesig und sehr klein die Mauern;
und in den Tälern, stark und vielgestaltig,
ein Volk von Hirten und von Ackerbauern.

Und keine Kirchen, welche Gott umklammern
wie einen Flüchtling und ihn dann bejammern
wie ein gefangenes und wundes Tier, –
die Häuser gastlich allen Einlaßklopfern
und ein Gefühl von unbegrenztem Opfern
in allem Handeln und in dir und mir.

Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben,
nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
und dienend sich am Irdischen zu üben,
um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.

 

Foto: Niklas Fleischer

Rainer Maria Rilke, aus: Das Stundenbuch, von der Armut und vom Tode (in: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag Frankfurt/Main und Leipzig 2006, S. 263)

Da leben Menschen, weißerblühte, blasse,
und sterben staunend an der schweren Welt.
Und keiner sieht die klaffende Grimasse,
zu der das Lächeln einer zarten Rasse
in namenlosen Nächsten sich entstellt.

Sie gehn umher, entwürdigt durch die Müh,
sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen,
und ihre Kleider werden welk an ihnen,
und ihre schönen Hände altern früh.

Die Menge drängt und denkt nicht sie zu schonen,
obwohl sie etwas zögernd sind und schwach, –
Nur scheue Hunde, welche nirgends wohnen,
gehen ihnen leise eine Weile nach.

Sie sind gegeben unter hundert Quäler,
und, angeschrien von jeder Stunde Schlag,
kreisen sie einsam um die Hospitäler
und warten angstvoll auf den Einlaßtag.

Dort ist der Tod. Nicht jener, dessen Grüße
Sie in der Kindheit wundersam gestreift, –
Der kleine Tod, wie man ihn dort begreift,
ihr eigener hängt grün und ohne Süße
wie eine Frucht in ihnen, die nicht reift.

 

Foto: Christoph Fleischer
Fallen. Giannina Wedde (in: Giannina Wedde: Dorn der Liebe, Gedichte, © Echter Verlag Würzburg 2015, S. 99)

Auf steigt alles, bis es stürzt und fällt.
Vergänglich ist das Leben, ist die Welt.
Am Rande dieser Endlichkeit grüßt Ruh,
denn da ich falle, falle ich Dir zu.

Mein Gott, ich gleiche leisem Regen,
der gar nicht anders als zur Erde fallen kann.
Ich selbst kann ohne deinen Wunsch mich nicht bewegen.
Mich küsst die Zeit. Einst sterbe ich daran.

Ein Lidschlag bin ich nur, und wenn ich ende,
so endet doch nicht, was dein Wesen tut.
Ich falle regengleich in Deine Hände.
Mein Gott, dein Werk ist gut. Dein Werk ist gut.

 

Foto: Niklas Fleischer

Ich musste lassen, was ich liebte. Giannina Wedde (in: Giannina Wedde: Dorn der Liebe. Gedichte © Echter Verlag Würzburg 2015, S. 104)

Ich musste lassen, was ich liebte.
Ich musste lösen dieses Band.
Noch immer liegt in meinen Händen
der kühle Abdruck deiner Hand.

Noch immer liegt in meinen Augen
Dein Blick, den jeder Glanz verließ,
der mich so flehentlich und müde
Dich endlich gehn zu lassen hieß.

Noch immer liegt auf meiner Wange
Dein Hauch wie seidenes Papier.
Ich mag nicht weinen, nicht verlieren
die letzte Kostbarkeit von Dir.

Noch immer liegt in meinem Beten
ein stiller Vorwurf und ein Gift.
ein dunkler Pfeil ist jedes Amen,
der tödlich meine Hoffnung trifft.

Mein Gott, wann darf ich wieder sehen
wie eine, deren Blick Dich ehrt?
Wann zähmst Du diesen wilden Dämon,
der stetig meinen Schrecken mehrt?

Ich musste lassen, was ich liebte.
Für jeden kommt einmal die Zeit.
Gott, lehre mich ein gutes Trauern.
Entzweit bin ich. Ich bin bereit.

 

Bild: Annika Döring
Wo du fehlst. Giannina Wedde (in: Giannina Wedde: Dorn der Liebe. Gedichte © Echter Verlag Würzburg 2015, S. 93)

Wo Du warst, ist eine Leere,
Fragen füllen diesen Raum.
Die Erinn´rung, die ich ehre,
gleichsam wirklich, gleichsam Traum,
ist das Schiff, auf dem ich reise,
selbstvergessen und allein.
Meine Tränen ziehen Kreise.
Nichts wird je wie früher sein.

Wo Du fehlst, ist die Gewissheit,
doch entzogen meinem Blick,
dass dereinst nicht mehr uns trenne,
niemand fordert mehr zurück
unsre Freude, unser Lieben,
keine Schuld zieht uns hinab.
Ach, wärst länger Du geblieben,
denk ich hier an Deinem Grab.

Sie ist Erscheinung, diese Welt,
und dahinter ist es licht,
und wer aus den Formen fällt,
fällt doch aus dem Leben nicht.
Dieser Gang ist nicht vergebens,
uns trennt nichts als ein Moment,
bis die Quelle allen Lebens
einst auch mich beim Namen nennt.

Niklas Granit Bank
Foto: Niklas Fleischer
Giannina Wedde, letztes Geleit, in: Giannina Wedde: Dorn der Liebe, chter Verlag Würzburg, 2015, S. 95

Dass Deine letzte Reise eine leichte sei,
dass Gottes Liebe Deine leeren Hände fülle,
dass Deine letzte Frage aufgehoben sei
in Würde, satt an lichtdurchtränkter Stille,

dass deine letzte Angst so weich wie Erde sei,
in der der Samen endlich wächst zur Blüte,
dass Herzensfrieden Du erlangtest und bewahrtest,
mit Unendlichkeit beschenkt von Gottes Güte,

das ist, von meinem Herzen an das Deine,
und aus der Tiefe, hin zum höchsten Firmament,
was ich erbitte, da ich innig um Dich weine
im Gebet an den, der Dich beim Namen nennt.

 

Foto: Niklas Fleischer

Psalm 27, Thomas Weiß (in: Thomas Weiß: Ich komme zu dir. Gebete zu den Wochenpsalmen des Kirchenjahres, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2012, S. 60)

Vor wem sollte mir grauen?
Mein Gott, vor wem?
Vor dem Schicksal?
Ich bin doch geborgen bei dir!
Vor Krankheit und Tod?
Du hältst mich doch in der Hand!
Vor den Fragen und dem Zweifel?
Du hörst sie doch und nimmst sie ernst!
Vor der Mutlosigkeit?
Du senkst mir doch Hoffnung ins Herz!
Vor wem sollte mir grauen, mein Gott?
Du liebst mich doch!
Und wenn da doch etwas Grauen ist,
ein leichtes Zittern oder doch eine große Angst,
wenn ich mich doch fürchte, Gott,
dann hilf mir zu spüren, dass du da bist.

 

Niklas Gartenhausruine
Foto: Niklas Fleischer
Psalm 39, Thomas Weiß (in: Thomas Weiß: Ich komme zu dir. Gebete zu den Wochenpsalmen des Kirchenjahres, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2012, S. 100)

Ich habe es versucht, mein Gott,
immer und immer habe ich es versucht,
mich selbst zu trösten:
Du wirst gut gelebt haben,
irgendwann hat alles ein Ende,
das ist der Lauf der Dinge,
sie werden dich im Gedächtnis behalten,
Ich geh im Großen und Ganzen auf!
Aber all diese Antworten
auf die Frage nach meinem Tod
sind schal und leer.
Ich kann mich nicht selber trösten.
Ich brauche deine tragfähige Hand,
dein festes Versprechen,
ich brauche die Gewissheit,
dass du mich begleitest,
jetzt und immer,
im Leben und im Tod.
Ich brauche deinen Trost, mein Gott –
tröste mich!

 

Foto: Niklas Fleischer

An die Freundin, Marlies Blauth (in: http://kunst-marlies-blauth.blogspot.de/p/gedichte.html)

Wenn ich aufräume
in meinem Gedankenhaus
finde ich manchmal noch
eine Postkarte
mit verblühten Worten
von dir

Sie schlängeln sich
über die Kehrseiten azurner Orte
und grüßen bisweilen blass

Weißt du noch
wie wir lange Geschichten schrieben
und die Bleistifte immer spitz waren
wie viele Buchstaben passen
auf eine Karte

Am Ende war deine Hand zu schwach
(selbst für die leichten Tasten)

Dein Buch ist nicht fertig geworden

 

Foto: Niklas Fleischer

am allerseelentag, Marlies Blauth (in: http://kunst-marlies-blauth.blogspot.de/p/gedichte.html)

auch für die lebenden
lichter ins laub stellen
ins gefallene
jetzt
wo die zukunft so dunkel
heraufziehen will
gedenken wir
aller seelen

in die gegenwart
diese winzige spanne
zwischen den zeiten
will leben
leuchten

 

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Marlies Blauth
Aus der Tiefe, Marlies Blauth (in: http://kunst-marlies-blauth.blogspot.de/p/gedichte.html)

Ausgeworfen vom Leben
in eine Wüste aus Fragen gestellt
sind wir nackt
und ruhen auf Betten aus Stein
leere Nächte legen sich
auf unsere Heimstatt

Alles ist weit

Aber wir haben
noch unsere Gedanken:
Die können wir knüpfen und stricken
zu einem Traum
stark genug
Engel zu tragen

Vorsichtig schauen wir
durch die Dunkelzeit
aufwärts

Auf eine andere Seite von uns
die näher ist
als wir denken

(„Aus der Tiefe“ ist im Liederzyklus „Unsere Gedanken“ für Orgel und Bariton von Norbert Laufer (*1960) enthalten, erschienen 2015)

 

Foto: Niklas Fleischer
Dietrich Bonhoeffer, aus: Vergangenheit (in: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, Gütersloher Verlagshaus 2011, S. 469)

 

Leben, was hast du mir angetan?
Warum kamst du? Warum vergingst du?
Vergangenheit, wenn du mich fliehst, –

Bleibst du nicht meine Vergangenheit, meine?
Wie die Sonne über dem Meer immer rascher sich senkt
als zöge es sie in die Finsternis,
so sinkt und sinkt und sinkt
ohne Aufhalten
dein Bild ins Meer der Vergangen,
und ein paar Wellen begraben es.

Wie der Hauch des warmen Atems
sich in kühler Morgenluft auflöst,
so zerrinnt mir dein Bild
daß ich dein Angesicht, deine Hände, deine Gestalt
nicht mehr weiß.

Ein Lächeln, ein Blick, ein Gruß erscheint mir,
doch es zerfällt,
löst sich auf,
ist ohne Trost, ohne Nähe,
ist zerstört,
ist nur noch vergangen.

Niklas farbig angestrahlte Bäume
Foto: Niklas Fleischer
Dietrich Bonhoeffer, aus: Vergangenheit (in: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, Gütersloher Verlagshaus 2011, S. 470/471)

Ich hasse, was ich sehe,
ich hasse, was mich bewegt,
ich hasse alles Lebendige und Schöne,
was mir Entgelt des Verlorenen sein will.
Mein Leben will ich, mein eigenes Leben fordr´ ich zurück,
meine Vergangenheit,
Dich.

Dich – eine Träne schießt mir ins Auge,
vielleicht, dass ich unter Schleiern der Tränen
dein ganzes Bild
dich ganz
wiedergewinne?
Aber ich will nicht weinen.
Tränen helfen nur Starken,
Schwache machen sie krank.

Müde erreicht mich der Abend,
willkommen ist mir das Lager,
das mir Vergessen verheißt,
wenn mir Besitzen versagt ist.
Nacht, lösche aus, was brennt, schenk mir volles Vergessen,
sei mir wohltätig, Nacht, übe dein mildes Amt,
dir vertrau ich mich an.

Aber die Nacht ist weise und mächtig,
weiser als ich und mächtiger als der Tag.
Was keine irdische Kraft vermag,
woran Gedanken und Sinne, Trotz und Tränen verzagen müssen,
das schüttet die Nacht aus reicher Fülle über mich aus.

Unversehrt von feindseliger Zeit,
rein, frei und ganz,
bringt dich der Traum zu mir,
dich, Vergangenes, dich, mein Leben,
dich, den gestrigen Tag, die gestrige Stunde.

Über deiner Nähe erwache ich mitten in tiefer Nacht
Und erschrecke –
Bist du mir wieder verloren? Such´ ich dich ewig vergeblich,
dich, meine Vergangenheit?

Ich strecke die Hände aus
Und bete – –
Und ich erfahre das Neue:
Vergangenes kehrt dir zurück
als deines Lebens lebendigstes Stück
Durch Dank und durch Reue.
Faß´ im Vergangenen Gottes Vergebung und Güte,
bete, dass Gott dich heut´ und morgen behüte.

Foto: Niklas Fleischer

Dietrich Bonhoeffer, aus: Gedicht „Glück und Unglück“ (in: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, Gütersloher Verlagshaus 2011, S. 493/494)

Groß und erhaben,
zerstörend, bezwingend,
hält Glück und Unglück,
erbeten und unerbeten,
festlichen Einzug
bei den erschütterten Menschen,
schmückt und umkleidet
die Heimgesuchten
mit Ernst und mit Weihe.

Glück ist voll Schauer,
Unglück voll Süße.
Ungeschieden scheint aus dem Ewigen
eins und das andere zu kommen.
Groß und schrecklich ist beides.
Menschen, ferne und nahe,
laufen herbei und schauen
und gaffen
halb neidisch, halb schaudernd,
ins Ungeheure,
wo das Überirdische,
segnend zugleich und vernichtend,
zu verwirrenden, unentwirrbaren,
irdischen Schauspiel sich stellt.
Was ist Glück? Was ist Unglück?

Erst die Zeit teilt beide.
Wenn das unfassbar erregende,
jähe Ereignis
sich zu ermüdend quälender Dauer wandelt,
wenn die langsam schleichende Stunde des Tages
erst des Unglücks wahre Gestalt uns enthüllt,
dann wenden die Meisten,
überdrüssig der Eintönigkeit
des altgewordenen Unglücks,
enttäuscht und gelangweilt sich ab.

Das ist die Stunde der Treue,
die Stunde der Mutter und der Geliebten,
die Stunde des Freundes und Bruders.
Treue verklärt alles Unglück
und hüllt es leise
in milden,
überirdischen Glanz.

 

Tower London
Foto: Christoph Fleischer
Dietrich Bonhoeffer, aus: Gedicht „Wer bin ich“ (in: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, Gütersloher Verlagshaus 2011, S. 514)

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen.

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor dem schon gewonnenen Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

Foto: Niklas Fleischer
Dietrich Bonhoeffer: Gedicht „Christen und Heiden“ (in: Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, Gütersloher Verlagshaus 2011, S. 515/516)

 

  1. Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,

fliehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot

um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.

So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

 

  1. Menschen gehen zu Gott in seiner Not,

finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,

sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.

Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

 

  1. Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,

sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot,

stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,

und vergibt ihnen beiden.

 

Foto: Niklas Fleischer

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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