Luthers Antisemitismus reichte bis ins 20.Jahrhundert, Pressenotiz

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Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland tagt am kommenden Wochenende. Wie wird das Thema des lutherischen Antisemitismus weitergeführt, das auf der letzten Synode angesprochen wurde?

Die Schrift Luthers mit der stärksten Nachwirkung wurde im Frühjahr erneut in einer kommentierten Fassung herausgegeben:

Martin Luther / Matthias Morgenstern (Hrsg.): Von den Juden und Ihren Lügen, Neu bearbeitet und kommentiert von Matthias Morgenstern
mit einem Geleitwort von Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, Berlin University Press – Aufl. 2016, 328 S., gebunden mit Schutzumschlag, 13,5 x 21,5 cm. 

Erschienen im März 2016, EAN: 978-3-7374-1320-6, Preis:  19,90

Als Auftakt einer ganzen Serie antijudaistischer Schriften, welche auf die Dämonisierung und Vertreibung von Juden aus evangelisch-christlichen Gebieten abzielte, entfaltete Luthers Rhetorik beginnend mit den Erlassen reformatorischer Machthaber des 16. Jahrhunderts (Braunschweig, Meißen, Kursachsen) eine verhängnisvolle Wirkungsgeschichte, die bis zum Nationalsozialismus reicht. Anknüpfungspunkte fanden sich vor allem im umfassenden Maßnahmenkatalog des letzten Teils des Buches »Von den Juden und ihren Lügen«, in dem unter anderem die Verbrennung von Synagogen und Büchern, Lehrverbot und Zwangsarbeit für Juden gefordert werden.
Dieser Text wird hier ungekürzt wiedergegeben.
»Von den Juden und ihren Lügen« will auffordern zu einer Debatte, die im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 zwingend notwendig ist und nicht auf Grundlage ihrer letzten Bearbeitung von 1936 geführt werden darf.

Gestern hat sich die Protestantische Kirche der Niederlanden erstmals von Martin Luthers antisemitische Äußerungen und der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ öffentlich distanziert.

Die Kirche stellte öffentlich klar, dass Sie mit dieser Haltung nicht einverstanden ist. Die Protestantische Kirche wäre ein Teil der lutherischen Geschichte, so weiter, dies bedeutete jedoch auch eine Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten dieser.

http://www.worldjewishcongress.org/en/news/jews-welcome-dutch-church-declaration-calling-martin-luthers-anti-semitism-unacceptable-4-1-2016

In Deutschland gab es diese Erklärung bereits im vergangenen November auf der EKD-Synode in Bremen

http://www.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html

Aus dieser ist ein Arbeitsprozess angestoßen worden, der nun am kommenden Samstag (16.04.2016) auf der EKD-Synode in Hannover intern aufgegriffen werden soll.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

5 Gedanken zu „Luthers Antisemitismus reichte bis ins 20.Jahrhundert, Pressenotiz“

  1. @ Herr Kammermeier: Sie meinten, sie hätten keine Interpretation vorgenommen. Aber mit dem Vorwort und der Anmerkung und nicht zuletzt mit der sprachlichen Übertragung ins Hochdeutsche sind sie doch sehr wohl interpretatorisch tätig geworden? Nicht das ich das schlecht finde, aber warum nicht dazu stehen?

    Zum Reformationsjubiläum: Dass Luther so ungut im Zentrum steht, hat wohl auch etwas mit modernen Vermarktungsmechanismen zu tun, für die die EKD nicht alleine verantwortlich gemacht werden kann. Da hängen die Städte und Gemeinden und lokalen Touristikagenturen genauso drin, wie Produzenten aller möglichen Waren bis hin zur Luthertomate!

    Allerdings darf im Rückblick bezweifelt werden, ob die Reformationsdekade, die ja auch reichlich Gutes bewirket hat z.B. für die Vergabe von Forschungsmitteln und die Sanierung von Lutherstätten, wirklich so eine gute Idee war: Es sind eben auch zehn Jahre unablässiger Lutherei und Lobhudelei.

  2. Lieber Herr Kammermeier, ich würde mich einer Rezension Ihres Buches nicht verweigern und bitte Sie um Zusendung. Mit Ihrem letzten Satz haben Sie in der Tat recht. Das Reformationsjubiläum kann und wird keine Jubelfeier sein, wenn ich die Äußerungen der EKD richtig deute. Ich meine jedoch, dass das Auftreten Martin Luthers auf dem Wormser Reichstag 1521 gerade auch mit seinem Hinweis auf Schrift und Vernunft den Schritt in Richtung auf die Aufklärung eingeleitet hat.

  3. „Ich würde eine kommentierte Ausgabe bevorzugen, da die unkommentierte antisemitisch gelesen werden kann, was ja von Ihnen sicherlich nicht beabsichtigt ist.“

    Wir haben einen Warnhinweis in unser Buch gedruckt (die 2. Auflage ist übrigens diese Woche erschienen), der vor einem antisemitischen Missbrauch des Buches warnt. Außerdem haben wir ein ausführliches Vorwort vorangestellt, in dem die Gefahr, die von dem Buch ausging, dargestellt wird.

    Warum allerdings eine kommentierte Fassung hier „sicherer“ sein sollte, geht mir nicht auf. Kommentare kann man auch überlesen. Auf jeden Fall ist unsere Übersetzung flüssiger zu lesen, als die von Morgenstern, und – wie geschrieben – ist das nebenstehende Original im „echten Luther-Look“ gesetzt.

    Wir werden noch dieses Jahr auch die restlichen judenfeindlichen Schriften Luthers herausgeben, damit der Interessent das gesamte Material in Hochdeutsch vorliegen hat. Ich denke, dass dies für die Diskussionen nächstes Jahr eine gute Grundlage bildet.

    Sicher wird auch die Reformation gefeiert, aber Luther prangt auf jedem Plakat und jeder Sondermarke. Er ist das Gesicht des Reformationsjubiläums. Da sollte sich die EKD was überlegen, denn der Antisemit Luther ist im Land des Holocaust für fröhliche Feiern untragbar. Meine Meinung.

  4. Danke für die Ergänzung. Es wird ja auch nicht Luther gefeiert, sondern die Reformation im Ganzen. Dabei sollen auch die Kritikpunkte genannt werden. Ich würde eine kommentierte Ausgabe bevorzugen, da die unkommentierte antisemitisch gelesen werden kann, was ja von Ihnen sicherlich nicht beabsichtigt ist.

  5. Wenn schon auf die Morgenstern-Ausgabe von Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“ verwiesen wird, dann wäre es hilfreich, wenn der geneigte Leser auch von unserer Neuausgabe des judenfeindlichen Schrift Luthers erführe. Sie ist zeitgleich im Alibri-Verlag erschienen und hat einige entscheidende Unterschiede zur Morgenstern-Ausgabe:

    Wir enthalten uns vollständig jeglichen Kommentars, da dieser immer tendenziös ist.
    Wir bringen den vollständigen Originaltext der Ausgabe von 1543 in wunderschöner Schwabacher Fraktur gesetzt (eine echte Augenweide).
    Dazu synchron auf der jeweils gegenüberliegenden Seite die Übertragung in modernes Deutsch. Dabei haben wir den Text ohne Referenz der bisherigen orthografischen und grammatischen Bearbeitungen (zuletzt 1936) direkt aus Luthers Original übersetzt, damit der Text für heutige Leser flüssig zu lesen ist. So ist einfach zu vergleichen, was Luther schrieb und was er meinte.
    Ansonsten gibt es 200 Begriffserläuterungen, ein Register und Verweise auf weiterführende Literatur.

    Unser Credo war: Luther spricht für sich selbst, wenn er sprachlich verständlich ist. So werden seine grauenhaften Hasstiraden gegen Juden und Muslime deutlicher.

    Mein Fazit: Deswegen sollte Luther 2017 nicht gefeiert werden.

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