Warum schämen, frei von Schuld? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

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Zu: Ulrike Link-Wieczorek (Hg.): Verstrickt in Schuld, gefangen von Scham? Neue Perspektiven auf Sünde, Erlösung und Versöhnung, Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn 2015, Softcover, 210 Seiten, ISBN: 978-3-7887-2942-4 (Print), Preis: 39,00 Euro

Link-Wieczorek - Verstrickt in Schuld

Die Jahrestagung 2015 der „Gesellschaft für Evangelische Theologie“ wird hier in Gänze dokumentiert, Haupt- und Einleitungsvorträge, Diskussionsbeiträge zur Gruppenarbeit, ein Grußwort und eine Predigt. Ein vorläufiger Eindruck: Das Thema „Scham“ ergänzt die Bearbeitung des Wortpaares „Schuld – Sünde“, verschiebt die anthropologische Perspektive der Theologie, ohne sie davon zu lösen.

Das Wort „Scham“ führt in eine Ambivalenz, die die Begriffe Schuld-Sünde nie hatten. Ulrike Link-Wieczorek beschreibt diese Polarität in der Einleitung, die nicht zu einem Dualismus aus Gegensätzen führt, weil beide Aspekte ihr Recht behalten: „Nicht mehr in Einheit mit Gott zu leben heißt, nicht authentisch, unwahr, in stetiger Verletzbarkeit zu leben. Scham zeigt Verletzbarkeit an und drängt dazu, gerade dies zu verbergen … Aber das Schamgefühl kann … auch gleichzeitig vor Verletzung schützen, indem es an Menschen appelliert, nicht weiterzugehen, Halt zu machen vor dem Bloßstellen.“ (S. 15).

Theo Sundermeier zeigt Aspekte von Schamkultur und Schuldkultur in der weltweiten Christenheit. In diesem Zusammenhang rückt die Schuld fast wieder in den Vordergrund, da Scham mit Ehre verbunden auch zu Gewalt und Aggression führt (z. B. Ehrenmorde aus verletzter Scham).

Die Erinnerung von Stefan Marks an die „schwarze Pädagogik“ ist notwendig (vgl. S. 33), da auch im kirchlichen Kontext die Verletzung von Scham zu Formen von Gewalt und Missbrauch geführt hat. Schamgefühle können auf Verletzungen hinweisen. Sich zu schämen ist ggf. unangenehm. Anders herum gesehen zeigt Scham menschliche Grundbedürfnisse an: Bedürfnisse nach Anerkennung, nach Schutz, nach Zugehörigkeit und nach Integrität (vgl. S. 39/40).

Die Tagung, die in diesem Buch dokumentiert wird, zeigt humanwissenschaftlich beobachtete Kontexte, in die hinein Theologie formuliert und diskutiert wird. Die Verbindung zwischen Theorie und Praxis gehörte von je her zur Gesellschaft für Evangelische Theologie, nur ist der Ausgangspunkt inzwischen die Praxis, nicht die Theorie.

Die Lektüre des Rezensenten bricht hier ab. Ein zugegeben flüchtiger Überblick über die Aufsätze und Referate der Tagung der „Gesellschaft für Evangelische Theologie“ zeigte, dass die Grundsatzbeiträge immer wieder kontrastiert werden von Beiträgen, die situationsbezogen sind, wie exemplarisch das Beispiel von Theo Sundermeier gezeigt hat. Mit zunehmender Lektüre wird mir die Kombination von Schuld und Scham problematisch, die im Titel angesprochen wird. Die Offenheit, die noch in der Einleitung von Ulrike Link-Wieczorek angedeutet wurde, wird in einzelnen Vorträgen doch zu oft durch eine Gleichsetzung von Schuld und Scham ersetzt. Der produktive und zur Entwicklung anregende Aspekt der Scham wird dadurch kaum freigesetzt. Ich habe einmal in einer Tagungsdiskussion vor etlichen Jahren in Erfurt die Bedeutung der negativen Anthropologie im Begriff Erbsünde angefragt. Diese Anfrage ist in den Vorträgen zu Schuld und Scham nicht weiterführend beantwortet.

Allerdings: die Theologie, die in diesem Buch exemplarisch gezeigt wird, ist ohne Praxis nicht denkbar, sie ist inklusiv geworden.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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