Predigt über Kolosser 3, 12-17, Christoph Fleischer, Welver 2016

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Die Predigt wird in Günne und Meiningsen gehalten am Sonntag Kantate 2016

Predigt Kol 3,12–17 (Lutherbibel)

12So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; 13und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. 15Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.

16Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. 17Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Kolosser 3,12-17 Tag-Cloud
Tag-Cloud des Textes nach der Gute Nachricht Bibel

 

Liebe Gemeinde,

das hier gezeigte Bild einer Tag-Clou, wörtlich übersetzt „Stichwort-Wolke“ gibt einige Anregungen zu einem Einstieg in das Verständnis des Textes, da die am häufigsten gebrauchten Worte fett gedruckt und zentriert sind. Die Konfirmanden haben mal auf dieser Grundlage einige Sätze formuliert, die insofern im Mittelpunkt stehen:

Gott schenkt euch Frieden.
Liebt und vergebt euch; vergib jedem, der dir Unrecht getan hat und sei nicht nachtragend.

Wir singen Loblieder für Gott.

Gott schenkt euch Friede.

Liebe Gott und Gott liebt euch alle.

Gott vergibt euch.

Christus liebt euch alle.

Gott ist nicht nachtragend.
Gott schenkt euch Loblieder.

Gott ist der einzige.

Gott schenkt euch Liebe und ist euer Vater.

 

Ich lasse diese Sätze so einfach stehen und gehe zuerst auf den Inhalt des Predigttextes aus dem Kolosserbrief ein, in dem es zunächst um die Bekleidung mit dem neuen Menschen geht (vgl. Vers 11). Das Bild der Bekleidung bestimmt schon den Kontext. Erst heißt es, das abzulegen, was nicht gut ist und dann heißt es, etwas Neues anzuziehen: den neuen Menschen, der zugleich die neue Menschheit ist. Was heißt es, den neuen Menschen anzuziehen? Das zeigt nun der Abschnitt, der für uns als Predigttext ausgewählt wurde.

 

Ein Anlass, eine Einladung steht vor der Tür. Ein Blick in den Kleiderschrank sagt uns: Du hast nichts anzuziehen. Das eine ist unpassend, das andere zu klein/groß. Das dritte altmodisch. Das Beispiel der Bekleidung scheint in Kolossä nahezuliegen. Paulus selbst verstand etwas von Stoffen. Wir können auch schon an das Taufkleid denken, das man in der Urkirche zunächst nach der Taufe trug, das weiße Gewand.

 

Wir sind die Auserwählten Gottes. Das soll als Auszeichnung verstanden werden, nicht als Auswahl. Die Eigenschaften des neuen Menschen sind in der Bibel üblicherweise die Eigenschaften Gottes. Das neue Kleid ist tatsächlich göttlich. Wir können uns das zutrauen, Kinder Gottes zu sein: „Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“ (Vers 12).

 

Dass hier auch die Seligpreisungen anklingen, könnte man denken, obwohl Paulus sie noch nicht kannte: Selig sind die Sanftmütigen, die Friedenstifter, die Barmherzigen. Das ist göttlich Praxis, das ist Heiligkeit. Gott wird irdisch erfahrbar, durch uns Menschen. Doch es gibt auch Probleme, es gibt Konkurrenz, so dass es berechtigt ist zu sagen: „Und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern“ (Vers. 13). Dieser Text gehört für mich zu den drei Lesungen der kirchlichen Trauung. Und ich finde diesen Abschnitt so passend, weil er realistisch ist. Zuerst werden wir angesprochen als die Liebenden und Geliebten, und dann aber auch als die, die auch einmal Streit haben. Es ist menschlich, Streit zu haben. Aber es ist göttlich, aus dem Streit herauszufinden.

Und dann wieder die Liebe: sie ist das Band der Vollkommenheit. Die Liebe hält alles zusammen. Hier hören wir 1. Korinther 13 mitklingen: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Die Liebe ist die einzgie Erfahrung der Göttlichkeit, die wir Menschen aus eigener Erfahrung kennen. Aber sie ist mehr Ereignis als eine Fähigkeit. Die Liebe wird uns zumeist geschenkt. Das sollte nicht nur bei Partnern so sein. Hier in der Gemeinde weiter sich die Liebe aus. Sie wird zum Zeichen der Göttlichkeit: „Gott ist die Liebe, wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“ (1. Johannes 4, 16)

Das wirkt sich dann auch auf die Streitigkeiten aus. Hier soll der Friede Christi in den Herzen regieren. Wir sind von Gott ausgewählt, das heißt zum Frieden berufen. Am Tisch des Herrn vereinigt, dass ist Dankbarkeit. Wir nehmen an, was uns geschenkt ist. Die Eucharistie, das Teilen von Brot und Wein ist das greifbare Bild der Dankbarkeit. Hier wächst der Frieden Christi.

Der nächste Vers meint den Gottesdienst. Hier wohnt das Wort Christi in Lesung und predigt, aber auch in der Sprache der Gebete. Hier antwortet die Gemeinde auf das Geschenk der göttlichen Gegenwart in Lobgesängen, Psalmen und hier geschieht Belehrung in Weisheit und Glaube. Das ist die Erfahrung des göttlichen Geistes. Von dieser Erfahrung geht die Vorstellung der Göttlichkeit aus, die wir oben erfahren haben. Gott regiere als Frieden in unseren Herzen.

Der Schlussvers ist daher so etwas wie ein Segenswort, dass aber als Aufforderung geschrieben ist: „Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“ (V. 17) da hier von Taten und Worten die Rede ist, wird doch wohl der Alltag gemeint sein. Gottesdienst ist nichts ohne den Alltag und der Alltag ist nichts ohne den Gottesdienst. Beides gehört umklammert. „Der Gottesdienst setzt sich fort im Alltag, in dem auch den Verstand entsprechendem, jedermann verständlichen Kult.“ (Eduard Schweizer, Der Brief an die Kolosser, Berlin 1979, S. 158)

Kantate, singet, so heißt dieser Sonntag. In diesem Text werden die Loblieder fast beiläufig erwähnt. Aber vielen ergeht es doch aus so, dass sich Klänge und Gesangbuchverse mit hinausnehmen in den Alltag. Dort ruft sich dann manches in Erinnerung und klingt nach. So ist die Musik im Gottesdienst keinesfalls nur Ausschmückung oder Untermalung. Hier ist ein Träger für die Botschaft gefunden. Es geht nicht um das erfahrene Gemeinschaftsgefühl, sondern um die Liebe Gottes selbst. Sie wird in den Lobliedern und Gebete aufgegriffen und bekräftigt, in einer die Generationen übergreifenden Gemeinschaft, nicht nur von Alt und Jung, sondern auch in der Tradition alter Lieder vermittelnden Gemeinschaft von lebenden und Toten. Ich wünsche uns alle diese Erfahrung, dass wir hier aus dem Gottesdienst herausgehen, wie neu bekleidet. Hier ist das Karstadt und das C und A für die Seele.

Zum Schluss ein kleiner Text zum weiterdenken:

R.M. Rilke

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

(gemeinfrei)

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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